Nach Hutton-Bericht soll bei britischer BBC verstärkte
Zensur eingeführt werden Nach Veröffentlichung des
Abschlußberichts von Lord Hutton hat beim britischen
öffentlich-rechtlichen Rundfunk BBC die Abrechnung mit den Kritikern der
Kriegspolitik von Premierminister Tony Blair begonnen. Noch am Mittwoch,
unmittelbar nach Vorstellung des Berichts, gab der Vorstandsvorsitzende Gavyn
Davies seinen Rücktritt bekannt, am Donnerstag folgte Intendant Greg Dyke,
der von Blair im Januar 2000 als zuverlässiger Labour-Gefolgsmann auf
diesen Posten gehievt worden war. Ebenfalls gefährdet ist die Position von
Nachrichtenchef Richard Sambrook. Außerdem wird die Entlassung des
Journalisten Andrew Gilligan gefordert, der im Mai vorigen Jahres durch seine
kritische Berichterstattung über die vorgeschobenen Gründe des
Irak-Krieges den Konflikt zwischen Labour-Regierung und BBC ausgelöst
hatte.
Die übergangsweise amtierenden Nachfolger von Davies und
Dyke gelten als Gewährsleute der Regierung für die angestrebten
umfassenden »Reformen«, die auf allen Ebenen von der
Ausbildung neuer Journalisten bis zur schärfer überwachenden und
zensierenden Chefredaktionstätigkeit der Unabhängigkeit der
BBC die Flügel stutzen sollen. Die »Reformen« sollen auch das
im Jahr 2006 zu verabschiedende neue Statut der BBC prägen.
Der
neue amtierende Vorstandsvorsitzende Lord Ryder hat sich mit einer
»vorbehaltlosen Entschuldigung« gegenüber der Regierung
eingeführt, die bei vielen Mitarbeitern und auch bei ehemaligen
Spitzenfunktionären der BBC auf Unverständnis und Kritik
gestoßen ist. Davies und Dyke hingegen haben in ihren
Rücktrittserklärungen zwar zugegeben, daß seitens der BBC
Fehler gemacht wurden, zugleich aber den Hutton-Bericht als
»unausgewogen«, »einseitig« und »unfair«
kritisiert. An BBC und Regierung seien völlig unterschiedliche
Maßstäbe angelegt worden.
Zur Erinnerung: Kern des Streits
ist, daß Andrew Gilligan in einem live gesendeten Morgenkommentar um kurz
nach sechs Uhr der Regierung vorgeworfen hatte, sie habe eine Behauptung
über angebliche irakische Massenvernichtungswaffen wider besseren Wissens
aufgestellt. Diese tatsächlich nicht beweisbare Unterstellung hatte
Gilligan in den folgenden 19 Kommentaren, die er an diesem Tag noch zu sprechen
hatte, nicht mehr wiederholt. Nach Meinung von Lord Hutton wäre es aber
Pflicht der BBC-Spitze gewesen, durch eine perfekte Rund-um-die-Uhr-Zensur
schon den ersten Morgenkommentar zu verhindern. Das hieße: Schluß
mit politischen Live-Beiträgen, Schere im Kopf statt kritischem
Journalismus. Die Journalistengewerkschaft NUJ hat Gilligan inzwischen ihre
volle Unterstützung zugesagt, falls er von BBC gefeuert werden sollte. Die
NUJ warnt vor einer »Bedrohung des unabhängigen
Journalismus«. |