Die indische Schriftstellerin
Arundhati Roy über ihren umstrittenen Aufruf zum Widerstand
gegen die US-Besatzer im Irak.
Arundhati Roy, 42 Geboren in der
indischen Provinz Kerala, wurde die Schriftstellerin durch ihren Roman
Der Gott der kleinen Dinge weltweit bekannt. Seit Ende der
neunziger Jahre engagiert sie sich in der Antiglobalisierungsbewegung. In ihrer
Rede vor dem diesjährigen Weltsozialforum in Bombay überraschte sie
vergangene Woche durch ihre martialische Rhetorik und Sätze wie Wir
befinden uns im Krieg.
profil:
Ihre Rede beim Weltsozialforum in Bombay hat für Verwirrung gesorgt.
Bereuen Sie heute, den Satz Wir müssen Teil des irakischen
Widerstands werden gesagt zu haben? Roy: Was soll an dem Satz
verwirrend sein? profil: Er wurde als Aufforderung zur Gewalt
interpretiert. Roy: Ich habe zum globalen Widerstand gegen die
amerikanische Okkupation aufgerufen. Ich sagte, dass die Menschen ihre
Regierungen davon abhalten sollen, Soldaten in den Irak zu schicken, und dass
sie US-Unternehmen boykottieren sollen, die vom Krieg profitieren.
profil: Der Widerstand im Irak wird von fundamentalistischen Gruppen
getragen, die US-Soldaten ebenso töten wie irakische Zivilisten. Die
wollen Sie unterstützen? Roy: Die meisten Morde wurden von der
amerikanischen und der britischen Armee begangen. Wir können die Formen
des irakischen Widerstands nicht kontrollieren. Aber wir müssen auf den
Wirtschaftskrieg reagieren, der gegen den Irak geführt wird. Weil dieser
Krieg auch gegen uns geführt wird. profil: Wie wollen Sie
Widerstand im Irak leisten? Roy: Der Krieg wird nicht beendet, wenn
wir Sonntagnachmittag durch Delhi marschieren. Es geht um ein weltweit
agierendes System. Unternehmen, die vom Irak-Krieg profitieren, sind auch in
anderen Ländern aktiv. Sie vernichten Arbeitsplätze, sie vergiften
Trinkwasser, sie privatisieren die Macht. In der Provinz Kerala gibt es heute
ein US-Unternehmen mit 3000 Arbeitern. Die Fabrik zerstört Wälder und
Flüsse den Lebensraum für 300.000 Menschen. profil:
Sie rufen dazu auf, zwei US-Unternehmen zugrunde zu richten. Mit dieser Methode
vernichten Sie doch auch Arbeitsplätze? Roy: Als Indiens
Unabhängigkeitsbewegung den Import von britischen Textilien blockierte,
traf das tausende Arbeiter der Fabriken in Manchester. Mahatma Gandhi besuchte
diese Arbeiter sogar. Aber es ging um den Kampf für die Freiheit von
Millionen. profil: In Europa schicken italienische Anarchisten
Briefbomben an Politiker. Beim Sozialforum in Bombay war die Rhetorik im
Vergleich zu früheren Foren deutlich radikaler. Wird die
Antiglobalisierungsbewegung gewalttätig? Roy: Man darf die
Wörter radikal und Gewalt nicht gleichsetzen. Als
Frau weiß ich, dass Frauen schnell Opfer von Gewalt durch ihre eigenen
Kampfgefährten werden. Deshalb bin ich gegen Gewalt: weil sie die Welt
zerstört, für die wir kämpfen. Allerdings nehmen die Regierungen
dieser Welt den gewaltlosen Protest nicht ernst. Damit fördern sie die
Gewalt. profil: Es ist schwer herauszufinden, wofür die
Antiglobalisierungsbewegung steht. Es gibt keine gewählte Führung,
kein Programm, nicht einmal gemeinsame Forderungen. Warum nicht? Roy:
Das Forum ist nur ein Platz für den Meinungsaustausch. Wir können
keine gemeinsame Antwort auf die Probleme unserer Zeit bieten. Wir wollen, dass
die Vielfalt unsere Welt prägt. Nicht Neid und Profit. profil:
Mit welcher Legitimität aber macht sich das Sozialforum zum Sprecher der
Unterdrückten? Roy: Wer hat denn die Weltbank, den
Internationalen Währungsfonds oder die Welthandelsorganisation
gewählt, die das Leben von Millionen kontrollieren und
zerstören? profil: Sie selbst gelten als Sprachrohr der
Antiglobalisierungsbewegung. Wer hat Sie dazu gemacht? Roy: Jeder,
der so denkt, begeht einen schweren Fehler. Ich spreche für niemanden,
außer für mich. Ich bin nicht die Führerin einer
Massenbewegung. Ich bin Schriftstellerin. Nicht mehr und nicht
weniger. profil: Gerade die lose Struktur der Bewegung profitiert
sehr von der Globalisierung. Wie könnten, zum Beispiel, die Mitglieder
ohne Internet kommunizieren? Roy: Globalisierung ist heute ein so
ungenau verwendetes Wort. Ich bin für die Globalisierung des Rechts,
für die Globalisierung des Atomwaffen-Sperrvertrages, für die
Globalisierung der Kultur. Es ist völliger Unsinn zu verlangen, wir sollen
auf das Internet verzichten. Natürlich benutzen wir das Internet. Wir
werden jede Waffe benutzen, die wir bekommen. Aber interpretieren Sie das jetzt
bloß nicht als Aufruf zur Gewalt.
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