Hutton-Untersuchungsausschuss
Von Erklärung der Socialist Equality Party in
Großbritannien aus dem Englischen (3. Februar 2004)
Am 28. Januar legte Lord Hutton seinen
Untersuchungsbericht über den Tod von Dr. David Kelly vor. Kelly, der im
Auftrag der UN an den Waffeninspektionen im Irak beteiligt gewesen war, wurde
Mitte Juli vergangenen Jahres tot aufgefunden. Zuvor war er unter starken
politischen Druck geraten, nachdem er gegenüber einem Reporter der BBC
erklärt hatte, die Regierung Blair habe ein Geheimdienstdossier vom
September 2002 künstlich aufgebauscht - insbesondere durch die Behauptung,
der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen, die innerhalb von 45
Minuten eingesetzt werden könnten. Im August war Lord Hutton, der oberste
Lordrichter des britischen Oberhauses, mit der Untersuchung der Affäre
beauftragt worden.
Lord Huttons Untersuchung zum Tod von Dr. David Kelly steht
symptomatisch für den fortgeschrittenen Niedergang der Demokratie in
Großbritannien. Sie ist ein Meilenstein in der Offensive gegen
demokratische Rechte, die in den letzten zwei Jahrzehnten von verschiedenen
Regierungen geführt wurde und sich unter der Labour-Regierung von
Premierminister Tony Blair dramatisch verschärft hat.
Die Frage, um die es bei der Untersuchung eigentlich ging,
lautete: Hat die britische Bevölkerung das Recht, die Regierung zur
Verantwortung zu ziehen, wenn es um Leben und Tod geht?
Die Antwort, die Hutton mit seinem Bericht darauf gibt, ist
ein deutliches "Nein". Er entschied geradewegs zu Gunsten einer quasi
diktatorischen Form der Herrschaft, in der die Mächtigen ihre Handlungen
nicht vor der Bevölkerung rechtfertigen müssen. Darüber hinaus
hat er eine Hexenjagd gegen alle Medien eröffnet, die sich noch ein wenig
Unabhängigkeit von Staat und Regierung bewahrt haben und die Behauptungen
der Politiker einer kritischen Prüfung unterziehen. Sein
Untersuchungsergebnis macht den Weg frei für einen beispiellosen Angriff
auf die Presse- und Meinungsfreiheit.
Um die Bedeutung des Berichts zu verstehen, muss man die
Umstände betrachten, unter denen Hutton mit der Untersuchung betraut
wurde.
Schon Monate vor dem Angriff auf den Irak beschloss Blair,
dass seine Regierung den Kriegskurs der Bush-Regierung unterstützen
würde. Er startete eine Propagandaoffensive, mit der die Bevölkerung
eingeschüchtert und hinter den Kriegskurs gebracht werden sollte, und
stellte schaurige Behauptungen über irakische Massenvernichtungswaffen und
die unmittelbare Bedrohung für die britische Bevölkerung auf, die
sich seitdem als gänzlich falsch erwiesen haben.
Blair blieb bei seiner Kriegspolitik, obwohl die Mehrheit
der Menschen in Großbritannien unbestreitbar dagegen war und sich
große Massen der Bevölkerung in Europa, den Vereinigten Staaten und
der ganzen Welt deutlich in Opposition zum Krieg befanden. Etwa zwei Millionen
Menschen protestierten am 15. Februar 2003 in London gegen den bevorstehenden
Krieg. Es war die größte Demonstration in der britischen Geschichte.
Diese und andere Äußerungen der Opposition und des Unmuts bewiesen,
dass eine große Mehrheit der Bevölkerung ein eigenes Urteil
über Blairs Behauptungen zu Massenvernichtungswaffen gefällt hatte
und ihnen keinen glauben schenkte.
Blairs Kriegskurs rief erhebliche Differenzen innerhalb des
Staatsapparats hervor. Unter anderem wandten sich Teile des Geheimdienstes
dagegen, ihr Material manipulieren und missbrauchen zu lassen, um eine bereits
beschlossene Politik der Militärintervention zu rechtfertigen. Die
Blair-Regierung versuchte schließlich diese Opposition zum Schweigen zu
bringen, indem sie einen der Hauptkritiker aus dem geheimdienstlichen
Establishment - Dr. Kelly - herauspickte, seine Identität lüftete und
ein Exempel an ihm statuierte.
Die Dossiers vom September 2002 und Februar 2003, mit denen
der Krieg begründet wurde, trafen ab dem Zeitpunkt ihrer
Veröffentlichung auf harsche und ernst zu nehmende Kritik. Das Dossier von
September enthielt die mittlerweile berüchtigte Behauptung, dass der Irak
innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen einsatzbereit machen
könnte, und den Vorwurf, dass der Irak Nuklearmaterial zum Atomwaffenbau
aus Afrika kaufen wollte. Die Behauptung, dass Niger Uran an Saddam Hussein
geliefert hatte, wurde von der Internationalen Atomenergiebehörde bereits
wenige Wochen, nachdem sie ins Zentrum der britischen und amerikanischen
Propaganda gerückt worden war, als Schwindel entlarvt. Innerhalb von nur
wenigen Stunden kam heraus, dass das Dossier vom Februar
größtenteils aus der Semesterarbeit eines amerikanischen Studenten
abgeschrieben worden war, die sich wiederum auf mehr als zehn Jahre altes
Geheimdienstmaterial gestützt hatte.
Blair hoffte, dass ein Sieg im Irak ihm erlauben würde,
diese unbequemen Tatsachen unter den Teppich zu fegen und seine politische
Krise zu überwinden. Statt dessen folgte dem offiziellen Ende der
Kriegshandlungen ein wachsender Widerstand im Irak gegen die
britisch-amerikanischen Besatzungstruppen, der Angst vor einem neuen Vietnam
wachrief.
Unter diesen Umständen versuchten Teile des
Sicherheitsapparats, sich selbst zu entlasten und die Schuld für das
Debakel im Irak unmissverständlich Blair zuzuschieben. Daher entschloss
sich Kelly, ein hochrangiger britischer Waffeninspektor, der an der Erstellung
des Dossiers von September 2002 direkt beteiligt gewesen war, dem BBC-Reporter
Andrew Gilligan ein Exklusivinterview zu geben.
Als Gilligan Ende März 2003 berichtete, dass seine
anonyme Quelle (Kelly) über beachtliche Unzufriedenheit im
Sicherheitsapparat hinsichtlich der Echtheit und Glaubwürdigkeit des
September-Dossiers gesprochen habe und Blairs Kommunikationsdirektor Alastair
Campbell vorwarf, dieser habe das Dossier "aufgepeppt", beschloss die
Regierung, durch eine Kampagne die BBC zum Schweigen und zur Zurücknahme
des Berichts zu bringen.
Die Regierung gab bekannt, dass Kelly die Quelle für
Gilligans Bericht gewesen war, und zwang den Waffenexperten, vor zwei
parlamentarischen Untersuchungsausschüssen auszusagen. Am 18. Juli wurde
Kelly tot in einem Waldstück in der Nähe seines Hauses
aufgefunden.
Dieses Ereignis ließ Forderungen nach einer
Untersuchung laut werden, die sich nicht nur mit den Umständen von Kellys
Tod beschäftigen sollte, sondern auch mit der Art und Weise, wie Krieg
vorbereitet worden war, und mit der Frage, ob die Regierung mit
gefälschten geheimdienstlichen Behauptungen gearbeitet hatte.
Blair konnte sich einer solchen Untersuchung nicht
widersetzen und verfügte, dass sich ein offizieller Ausschuss
ausschließlich auf Kellys Tod und den Streit seiner Regierung mit der BBC
zu konzentrieren habe. Zu diesem Zweck setzte Blair Lord Hutton als leitenden
Vorsitzenden eines Untersuchungsausschusses ein, dessen Ziel eher in der
Vertuschung als in der Aufdeckung der Wahrheit bestand.
Hutton war früher Oberster Lordrichter von Nordirland
und hatte sich bereits einen eindeutigen Ruf erworben: Im Rahmen einer
Untersuchung des Massakers an unbewaffneten Demonstranten, dem so genannten
"Bloody Sunday" in Irland 1972, verteidigte er die daran beteiligten britischen
Soldaten. Außerdem fungierte er als Ankläger in den "Diplock courts"
genannten Gerichtsverfahren gegen angebliche Terroristen, bei denen die
Angeklagten ihre Unschuld beweisen mussten und ohne Geschworene angehört
wurden. Er galt also als verlässlich und erhielt ein eng begrenztes
Untersuchungsfeld zugewiesen, das nur die Aufklärung der unmittelbaren
Umstände erlaubte, die zu Kellys Tod führten. Obwohl er
mündliche und schriftliche Beweise und Zeugenaussagen von führenden
Vertretern des Staats- und Regierungsapparats - bis hin zu Blair selbst -
aufnahm, die in bedeutendem Ausmaß an der Vorbereitung des
Geheimdienstdossiers vom September 2002 beteiligt gewesen waren, hielt sich
Huttons abschließender Urteilsspruch streng an die zu Beginn festgelegten
Vorschriften.
Viele Kommentatoren, die die Untersuchung verfolgt hatten,
brachten angesichts von Huttons Urteil Erstaunen und Fassungslosigkeit zum
Ausdruck. Im Hinblick auf die Tatsachen - der Masse an Beweisen dafür,
dass die Regierung das Geheimdienstmaterial bestenfalls für zweifelhaft
halten musste und dass sie in der Tat versucht hatte, das Dossier
"aufzupeppen", genau wie Kelly behauptet hatte - ergeben Huttons Ergebnisse
keinen Sinn. Aber in politischer Hinsicht hat Hutton die Arbeit erledigt, die
ihm aufgetragen worden war.
Um zu diesem absurden Schluss zu kommen - Blair und sein
Kabinett von allem Fehlverhalten freizusprechen und statt dessen die BBC und
Kelly anzugreifen - erklärte Hutton, die objektive Tatsache, dass keine
Massenvernichtungswaffen im Irak gefunden wurden und sich die Behauptungen der
Regierung als falsch herausgestellt haben, sei nicht relevant! Es gehe
lediglich um die Frage, ob Blair wissentlich falsche geheimdienstliche
Behauptungen benutzt habe, und da die Gedankengänge des Premierminister zu
jener Zeit nicht nachprüfbar seien, müsse ihm im Zweifel Glauben
geschenkt und sein politischer Ruf gerettet werden.
Huttons agnostische Haltung gegenüber Blairs
geheimdienstlichen Behauptungen hielt ihn nicht davon ab, ohne jede
nachvollziehbare Grundlage zu erklären, die Regierung und der
Sicherheitsapparat hätten im guten Glauben gehandelt, als sie den Irak als
wirkliche und unmittelbare Gefahr darstellten. Sie hielt ihn auch nicht davon
ab, jedes Infragestellen der "Integrität" der Regierung für
unzulässig zu erklären.
Der Regierung ist nach Huttons Urteil selbst in Bezug auf
Kellys Tod kein Vorwurf zu machen, und ihre Vertreter haben sich tadellos
verhalten. Hutton ignorierte alle Beweise, nach denen die Regierung den
Wissenschaftler im Zuge ihrer Kampagne gegen Kritiker bloßstellte, selbst
den Tagebucheintrag Campbells, in dem es heißt, dass die Nennung von
Kellys Namen "Gilligan in die Scheiße reiten" würde.
Die ganze Schuld wurde Gilligan und der BBC angelastet.
Gilligan wurde für schuldig befunden, eine
Kardinalsünde begangen zu haben, als er die Integrität der Regierung
und der Sicherheitskreise anzweifelte und anmerkte, dass die Regierung
"wahrscheinlich" wusste, dass ihre Behauptung falsch war, der Irak könne
innerhalb von 45 Minuten Massenvernichtungswaffen zum Einsatz bringen. Dem
BBC-Vorstand wurde angelastet, "mangelhafte" redaktionelle Strukturen zu haben,
weil Gilligans Beitrag in dieser Form gesendet wurde. Außerdem wurde die
BBC dafür gescholten, ihren Reporter gegen Campbells Hexenjagd in Schutz
genommen zu haben.
Hutton kam außerdem zu dem Schluss, dass Kelly
für sein Schicksal "teilweise selbst verantwortlich" sei, und unterstrich
damit die Rücksichtslosigkeit des britischen Staates sogar gegenüber
seinem eigenen Personal.
Die Wirklichkeit wurde somit auf den Kopf gestellt.
Gilligan und die BBC werden streng gerüffelt für
eine Äußerung, die in einem einminütigen Beitrag in einer
Radiosendung am frühen Morgen fiel und nie wiederholt wurde. Dagegen
müssen sich die Regierung und ihre Geheimdienstchefs nicht für ihre
unwahren Behauptungen verantworten, die das Land in einen Krieg geführt
haben, in dem Tausende Unschuldiger wie auch fast 60 britische Soldaten starben
und ein Land in Trümmer gelegt wurde.
Der Urteilsspruch gegen die BBC hat weit gehende
Konsequenzen für die Zukunft des Unternehmens und die Pressefreiheit in
Großbritannien allgemein. Die gesamte Zukunft der BBC als
öffentliche Sendeanstalt könnte in Frage gestellt werden, wenn im
Jahre 2006 ihre Konzession erneuert werden muss. Den kommerziellen Sendern
könnte ein größerer Marktanteil gegeben werden. Einer
derjenigen, die am meisten von einer solchen Entwicklung profitieren
würde, wäre Medienmogul Rupert Murdoch, der zu den eifrigsten
Unterstützern der Blair-Regierung gehört.
Huttons Abschlussbericht bedeutet einen schwarzen Tag
für die Demokratie in Großbritannien. Indem er das Recht außer
Kraft setzt, eine Meldung von allgemeinem Interesse zu veröffentlichen,
zeigt Hutton die gleiche Verachtung gegenüber dem Willen der
Bevölkerung, die die gesamte politische Elite kennzeichnet. Seine
Untersuchungsergebnisse zeigen, dass die Wege, auf denen die arbeitende
Bevölkerung früher einmal zumindest eine begrenzte Form der Kontrolle
über die Regierung und den Staat ausüben konnten, heute versperrt
sind.
Huttons Schlussfolgerungen müssen im Zusammenhang mit
der Offensive gegen bürgerliche Freiheitsrechte verstanden werden, die mit
dem sogenannten "Krieg gegen den Terrorismus" der Regierung einher ging - von
der unbegrenzten Inhaftnahme von Menschen, ohne dass Anklage erhoben wird, bis
zu Gesetzesplänen, nach denen die Regierung im Falle der Ausrufung eines
Notstandes die parlamentarische Kontrolle außer Kraft setzen kann.
Nicht einmal während des Zweiten Weltkriegs, als
Großbritannien tatsächlich mit der Gefahr einer Invasion
konfrontiert war, wurden so viele grundlegende demokratische Rechte über
Bord geworfen.
Diese Entwicklung kann nicht allein dem persönlichen
Versagen Blairs oder seines Kabinetts zugeschrieben werden. Die Regierung ist
von Seiten der Justiz, der Oppositionsparteien, der Medien und anderen Teilen
des Establishment auf praktisch keine Opposition gestoßen, als sie zum
Krieg trieb und demokratische Rechte einschränkte. Und sie konnte auf
einem Erbe aufbauen, das ihr die konservativen Vorgängerregierungen
hinterlassen hatte.
Die Errichtung eines rechtlichen Rahmens für eine de
facto Diktatur muss Ausdruck tiefer liegender gesellschaftlicher und
wirtschaftliche Prozesse sein. Es handelt sich dabei um ein internationales
Phänomen, das seinen höchsten Ausdruck in den Vereinigten Staaten
findet.
Die politische und wirtschaftliche Macht hat sich in den
Händen einer superreichen Finanzoligarchie konzentriert. Diese herrscht
über eine Gesellschaft, die gespalten ist durch ein historisch einmaliges
Ausmaß an sozialer Ungleichheit. In Großbritannien verfügen
die reichsten 1.000 Einzelpersonen über einen persönlichen Reichtum
von insgesamt 155 Milliarden Pfund, der größtenteils durch die
Regierungspolitik der Steuersenkungen und der Kürzungen bei
öffentlichen Ausgaben angehäuft wurde. Das Ziel dieser Politik
besteht darin, das Land in einen Billiglohnstandort für globale Investoren
zu verwandeln.
Die Klassengegensätze sind so scharf und der
Widerspruch zwischen den Interessen der Herrschenden und der Beherrschten so
groß, dass der demokratische Prozess verkümmert und erstarrt. Die
große Masse der Bevölkerung muss vom politischen Prozess
ausgeschlossen werden, damit niemand die Aktivitäten der Elite
kontrollieren kann, deren Interessen in direktem Gegensatz zu denen der
Arbeiterklasse stehen.
Diese gemeinsame konzernfreundliche Politik sorgt
dafür, dass keine der alten Parteien mehr Massenunterstützung
genießt. Dies gilt besonders für die Labour Party, deren
traditionelle Wählerschaft aus der Arbeiterklasse die Zielscheibe der
rechten Politik ist. Ungeachtet taktischer Differenzen herrscht unter allen
Fraktionen der herrschenden Klasse vollkommene Übereinstimmung über
das von Blair vertretene Programm, das aus imperialistischer Aggression und der
Zerstörung des Lebensstandards der Arbeitern besteht.
Nur so kann man sich erklären, warum Hutton und Blair
glauben, die Regierungshandlungen auf derart plumpe Weise reinwaschen zu
können.
Es gilt die notwendigen Schlüsse zu ziehen. Die
Bevölkerung kann sich auf keine Fraktion des Establishments oder
protestierender Vertreter des Staatsapparats verlassen, wenn es um den Kampf
gegen Krieg oder um die Verteidigung grundlegender sozialer Interessen und
demokratischer Rechte geht. Durch den Aufbau einer neuen Arbeiterpartei, die
sich auf ein sozialistisches Programm gründet, muss die Feindseligkeit
gegenüber der Regierung einen unabhängigen politischen Ausdruck
finden. In diesem Rahmen muss die Forderung nach einem sofortigen Abzug aller
Besatzungstruppen aus dem Irak erhoben und ein Prozess verlangt werden, der
Blair und Bush wegen Kriegsverbrechen zur Verantwortung zieht.
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