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01.03.2004 Harald Neuber Junge Welt
Venezuelas Rechte geht über Leichen
Tote und Verletzte in Caracas: Opposition gegen Präsident Chávez setzt auf Gewalt und Chaos
In der politischen Auseinandersetzung mit der venezolanischen Regierung von Präsident Hugo Chávez setzt sich die rechte Opposition inzwischen offen über rechtsstaatliche Normen und Gesetze hinweg. Parallel zu dem XII. regulären Treffen der G-15 im Zentrum von Caracas mobilisierte das Oppositionsbündnis »Demokratische Koordination« (CD) von Freitag bis Sonntag zu Demonstrationen gegen die Regierung. Erklärtes Ziel der Demonstranten aus den Reichenvierteln der Hauptstadt war es, zum Tagungsort der G-15 vorzudringen, um die dort versammelten ausländischen Politiker zur Unterstützung für ein Abberufungsreferendum gegen den venezolanischen Präsidenten aufzufordern. Innen- und Justizminister Lucas Rincón hatte diesem Ansinnen von vornherein eine Absage erteilt: In keinem Fall könne es erlaubt werden, daß eine offensichtlich gewaltbereite Opposition zum Tagungsort von mehreren Staats- und Regierungschefs marschiert.

Die Opposition interessierte die Mahnung des Ministers aber kaum. Als ein Demonstrationszug am Freitag mittag (Ortszeit) vor dem Theater »Teresa Carreño« ankam, hatte die Nationalgarde einen Kordon um den Tagungsort gezogen. Nach Angaben von Vizepräsident José Vicente Rangel begannen »kleine Kommandos« von Anhängern der Gruppen »Primero Justicia« (Zuerst Gerechtigkeit, PJ) und »Bandera Roja« (Rote Fahne, BR), die Sicherheitskräfte mit Steinen und Flaschen zu attackieren. Als die Demonstranten zurückgedrängt wurden, rief eine PJ-Abgeordnete sie auf, über einen anderen Zugang auf den G-15-Tagungsort zuzumarschieren. Bei den folgenden Auseinandersetzungen wurde ein Mitglied der Nationalgarde durch einen Kopfschuß verletzt. Von einem öffentlichen Gebäude seien schon zuvor Schüsse auf Angehörige der Nationalgarde abgegeben worden, berichtete Rangel, der weitere Ermittlungen ankündigte. Als die Nationalgarde das Feuer erwiderte, wurden zwei Demonstranten im Alter von 25 und 65 Jahren getötet. 16 Menschen wurden verletzt. Die Regierung kündigte Konsequenzen an. »In jedem Rechtsstaat hätte die Regierung in Anbetracht der Bedrohung der inneren Sicherheit ähnlich reagiert«, bekräftigte der Vizepräsident.

Ungeachtet der angespannten Lage gingen die Demonstrationen rechter Gruppen bis zum gestrigen Sonntag weiter. Für den Abend (Ortszeit) wurde die Entscheidung des »Nationalen Wahlrates« (CNE) über die Gültigkeit von fast einem Drittel der Unterschriften erwartet, die von der Opposition für ein Abberufungsreferendum gegen Chávez eingereicht wurden. Die Demonstrationen in Caracas richteten sich gegen die angekündigte Überprüfung, obgleich zahlreiche Unregelmäßigkeiten festgestellt worden waren. Protest erhoben die Organisatoren auch gegen das Kompromißangebot, die Listen öffentlich zugänglich zu machen. Den Menschen sollte so die Möglichkeit gegeben werden, ihre Unterschrift zu bestätigen. Dieses Vorgehen drängt sich auf, denn zahlreiche »Unterzeichner« hatten nach der Sammlung im vergangenen Dezember Widerspruch erhoben, als die Listen in Zeitungen veröffentlicht wurden. Ihre Namen waren offenbar aus Telefonbüchern abgeschrieben worden. Daß die demokratische Überprüfung der Unterschriften von der Opposition abgelehnt wird, hat einen einfachen Grund: Wenn das Referendum nicht vor dem 19. August stattfindet, rückt im Falle einer Niederlage von Chávez automatisch dessen Vertreter Rangel nach. Vor diesem Stichtag jedoch würden Neuwahlen anberaumt.

Auf dem G-15-Treffen rief Hugo Chávez die anwesenden Staats- und Regierungschefs von Brasilien, Argentinien, Kolumbien, Iran, Simbabwe und Jamaika indes zum einheitlichen Handeln auf. Die großen Möglichkeiten der Globalisierung lägen in der solidarischen Zusammenarbeit der Staaten. Darin bestünde den Gegenentwurf zum aufgezwungenen neoliberalen Modell, »das nur Ausbeutung und soziale Ungleichheit gebracht hat«.


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