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04.03.2004 Andreas Behn Junge Welt
»Fragwürdige Figuren«
Haiti: Paramilitärs, Diktaturschergen und Zivilopposition arbeiteten bei Sturz Aristides Hand in Hand
Angesichts der verworrenen Lage während der letzten Februartage in Haiti wird es kaum mehr möglich sein, den wirklichen Verlauf der Entmachtung des Präsidenten Jean Bertrand Aristide nachzuvollziehen. Sicher ist nur, daß viele Parteien mit nicht immer ganz durchsichtigen Interessen und Allianzen an dem irregulären Machtwechsel beteiligt waren. Auf der einen Seite stand der einstige Hoffnungsträger Aristide, der die dramatische wirtschaftliche und soziale Lage in Haiti nicht verbessern konnte. Auf der anderen Seite steht zum einen die zivile Opposition, die jedoch auch keine tragfähigen Konzepte zur Verbesserung der Situation vorlegen kann. Diese Gruppierung reicht von früheren Aristide-Anhängern über gemäßigt linke Kräfte bis hin zu rechten Parteien und Unternehmern, wobei letztere über den größten Einfluß verfügen. Mangels populärer Führungspersönlichkeiten und wegen fehlender Nähe zur Bevölkerung können diese Kräfte, die eher der Mittelschicht angehören, kaum auf breite Unterstützung zählen. Genauso wenig beliebt sind die sogenannten Rebellen. Teils sind sie selbst ehemalige Anhänger Aristides, teils Mitglieder von Banden, die plündern, morden und alte Rechnungen mit Gewalt begleichen. Mitte Februar wurde deutlich, daß der Siegeszug dieser brutalen Cliquen bestens in den Plan anderer Akteure paßte: Aus ihrem Exil in der Dominikanischen Republik und aus anderen Ländern kehrten ehemalige Militärs, Polizisten und Anhänger der Militärregierung ins politische Leben Haitis zurück, setzten sich wie selbstverständlich an die Spitze der »Rebellenbewegung« und koordinierten den Feldzug gegen Aristide.

Gleichzeitig nahm der internationale Druck auf Aristide zu: Seitens der OAS (Organisation Amerikanischer Staaten) und der USA wurden Hilfsgelder und Kredite gesperrt; oft wurde der Präsident als alleiniger Verantwortlicher für die katastrophale Lage im Land präsentiert. Allen voran die USA machten aus ihrem Wunsch, Aristide loszuwerden, keinen Hehl.

Die Rolle der US-Regierung bei der Absetzung Aristides führte bereits am 1. März zu Kontroversen in den USA. Der demokratische Senator Christopher Dodd erklärte, daß es sich nicht um einen freiwilligen Rücktritt gehandelt habe. »Tatsache ist, daß wir Aristide gesagt haben: Du kannst bleiben und wirst ermordet, oder du kannst gehen«, so Dodd. Ähnlich meldete sich Robert White, ehemaliger US-Botschafter in Haiti, zu Wort: Die Vorgänge vom Wochenende erschienen ihm »höchst verdächtig«. »Wir haben einen gewählten Präsidenten zum Rücktritt und zum Verlassen des Landes gezwungen. Und dies angesichts des Vormarsches von fragwürdigen und unangenehmen Figuren«, so White, in einem Interview mit der mexikanischen Tageszeitung La Jornada.

1990 hatte der Befreiungstheologe Aristide mit überwältigender Mehrheit die Wahlen in Haiti gewonnen. Ein soziales Experiment begann, dem Militärputschisten mit US-Rückendeckung bereits 1991 ein Ende bereiteten. Absurderweise waren es ebenfalls die USA, die Aristide 1994 per Militärintervention in sein Amt zurückbrachten. Allerdings gab ihm Washington die Verpflichtung zu zukünftigem Wohlverhalten mit auf den Weg. 1995 zog Aristides Vertrauter René Preval mit Zweidrittel-Mehrheit in den Präsidentenpalast ein; bei den Wahlen 2000 konnte Aristide wieder kandidieren und gewann mit 91 Prozent der Stimmen.

Über die politische Ausrichtung der Opposition gibt es derweil wenig konkrete Anhaltspunkte. Einer Analyse der US-Stiftung »Council on Hemispheric Affairs« (COHA) zufolge »scheint ihr einziges politisches Ziel zu sein, die Armee wiederherzustellen und rigorose Strukturanpassungsprogramme durchzusetzen«, so eine Studie von 15. Januar dieses Jahres. Michel Chossudovsky, Vorsitzender des unabhängigen Forschungszentrums »Centre for Research on Globalisation« in Montreal, weist darüber hinaus nach, daß zwischen den Paramilitärs und ehemaligen Diktaturschergen, die inzwischen die »Rebellen« anführen, und wichtigen Repräsentanten der zivilen Opposition enge Verbindungen bestehen. In einer Ende Februar veröffentlichten Analyse kommt Chossudovsky zu dem Schluß, daß »zwischen der zivilen Opposition, die sich als gewaltfrei bezeichnet, und der paramilitärischen FLRN keine klare Trennungslinie möglich ist«. Vielmehr arbeite die sogenannte »Demokratische Konvergenz« mit der FLRN, so bezeichnen sich inzwischen die »Rebellen«, zusammen.


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