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09.03.2004 Rainer Balcerowiak Junge Welt
Gesetzlose Pillenlobby
Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie droht mit Abgabenboykott
Obwohl es den Pharmakonzernen gelungen ist, durch massiven Einfluß auf die Verhandlungen zum Gesundheitsmodernisierungsgesetz (GMG) weitgehend ungeschoren zu bleiben, droht der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie (BPI) bereits kurz nach Inkrafttreten der »Gesundheitsreform« mit einem Abgabenboykott. Die Zahlungen der Firmen an die Krankenkassen auf Grundlage der im GMG festgelegten Erhöhung der Rabattierung verschreibungspflichtiger Medikamente von sechs auf 16 Prozent müßten bei Erreichen der in der Gesetzesbegründung genannten Zielgröße von einer Milliarde Euro pro Jahr gekappt werden, forderte der BPI-Vorsitzende Bernd Wegener am Montag in Berlin. Zwar habe man den »unternehmens- und investitionsfeindlichen Zwangsrabatt« zähneknirschend akzeptiert, da er gegenüber der ursprünglich geplanten Positivliste verschreibungsfähiger Medikamente das kleinere Übel sei, eine Kappungsgrenze sei aber notwendig, um »standorttreue Unternehmen« vor dem Ruin zu bewahren, so Wegener.

Da man bereits 2003 die damals angepeilte Zielgröße von 420 Millionen Euro Rabattabgaben um 220 Millionen »übererfüllt« habe, müßte diese »Vorleistung« in vollem Umfang auf das Soll von 2004 angerechnet werden. Der Verband erwäge deshalb die Einstellung der gesetzlich vorgeschriebenen Rabattzahlungen, wenn in diesem Jahr die Marke von 780 Millionen Euro erreicht sei, was laut BPI-Berechnungen vermutlich Anfang August der Fall sein wird. Zu diesem Schritt werde man gezwungen, da entsprechende Vorsprachen bei der Regierung auf »keinerlei Resonanz gestoßen« seien, begründete Wegener die offensichtlich rechtswidrige Drohung des Verbandes. Auch im Falle eines vermutlich langwierigen Rechtsstreits sieht man sich dabei am längeren Hebel. Da die Krankenkassen den Wegfall regelmäßiger Zahlungen in dreistelliger Millionenhöhe »nicht lange durchstehen werden«, würde der Druck auf die Politik wachsen, eine Regelung im Sinne des BPI zu treffen und das Geld für das Gesundheitssystem woanders einzutreiben.

Der Optimismus des Verbandes erscheint nicht unbegründet. So ist es ihm und anderen Lobbygruppen bereits mehrere Male gelungen, die Einführung einer Positivliste verschreibungsfähiger Arzneimittel zu verhindern. Mittels einer solchen Liste wären unter anderem bei therapeutischer Gleichwertigkeit nur noch die preiswerteren Medikamente im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenkassen verblieben. Unabhängige Experten, wie der Gesundheitsökonom Ulrich Schwabe, bezifferten das Einsparvolumen auf mindestens 1,7 Milliarden Euro pro Jahr. Während die Pharmaindustrie der Bundesregierung entsprechende Pläne zur Senkung der Arzneimittelkosten im Jahr 2001 für lächerliche 204 Millionen Euro regelrecht abkaufte, konnte sie bei den »Konsensgesprächen« zur »Gesundheitsreform« Ende 2003 darauf bauen, daß besonders die CDU darauf beharren würde, entsprechende Vorhaben der Bundesregierung nicht zu realisieren.

Natürlich weiß man beim BPI ganz genau, wo das Geld für die eigenen Profite zu holen sei. Neben einer Umstellung der gesetzlichen Krankenversicherung auf eine einkommens- und vermögensunabhängige »Kopfprämie« verlangt die Pharmalobby auch eine umfassende Deregulierung des Gesundheitsmarktes. Letzteres betrifft z. B. den Umgang mit nichtverschreibungspflichtigen Medikamenten, die – von wenigen Ausnahmen wie beispielsweise Johanniskraut gegen leichte Depressionen abgesehen – nicht mehr von den Krankenkassen erstattet werden. Weniger aus Sorge um therapeutisch sinnvolle Behandlungen denn aus Angst vor Profiteinbrüchen fordert der BPI von der Bundesregierung, die geplante »Ausnahmeliste«, die am 1. April verabschiedet werden soll, beträchtlich zu erweitern. Auch Restriktionen bei der freien Vermarktung nun nicht mehr zu Lasten der Kassen verschreibungsfähiger Medikamente will man beseitigt sehen, um die Ausfälle zu kompensieren. Das besondere Augenmerk gilt dabei dem Paragraph zwölf des Heilmittelwerbegesetzes, der werbliche Empfehlungen dieser Mittel in bezug auf bestimmte Krankheiten stark einschränkt. Dieser Paragraph solle »ersatzlos gestrichen« werden, forderte Wegener. Wenn das Realität wird, dürfte so manch Supermarktbesucher bald vor überquellenden Regalen voller Präparate stehen, die Heilung von so ziemlich allen Leiden versprechen. Denn letztendlich kann es den BPI-Mitgliedsfirmen ja egal sein, ob ihre Aktionäre dank überteuerter Kassenmedikamente oder frei verkäuflicher »Wundermittel« jubeln.


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