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Robert Root-Bernstein Michael Leitner
Die Ursachen von AIDS müssen neu bewertet werden

Als einer aus einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von AIDS- Heretikern war ich sehr erfreut zu sehen, daß der jüngste Bericht des nationalen Forschungsrates der USA über AIDS (US-National Research Council Report) die Orthodoxie herausfordert. Es heißt, daß die HIV-Infektion und AIDS begrenzt bleiben werden auf spezifische geographische Regionen und Risikogruppen, die bereits bei Beginn der Epidemie identifiziert wurden: schwule Männer und noch mehr besonders eine wachsende Populationsgruppe von städtischen  Drogenabhängigen, unterhalb der Armutsgrenze lebenden, unterernährten, hoffnungslosen und medizinisch unterversorgten Leuten.

Die politischen und sozialen Implikationen des National Research Council-Reports haben in den letzten Wochen in Amerika eine massive Presseaufmerksamkeit gefunden. Aber es sind die wissenschaftlichen und medizinischen Implikationen, die in dem Report nicht angesprochen sind, die wahrlich revolutionär sind. Wie bereits die Arbeitsgruppe AIDS der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1984 ausführte, müssen andere Faktoren als HIV allein dafür verantwortlich sein, wenn irgend jemand nicht gleichermaßen empfänglich für AIDS wäre, ob jemand Infiziert wird und ob die Infektion zum Krankheitsausbruch führt. Dieses grundlegende medizinische Prinzip ist so alt wie die Erregertheode für Krankheiten überhaupt.

Es gibt absolut keinen Zweifel, daß einige Leute viel mehr empfänglich sind für HIV und AIDS als andere. Vielleicht die am meisten auffallenden Daten betreffen weibliche Prostituierte in den westlichen Ländern. Schon sehr früh, bei Beginn der Epidemie, hatte man angenommen, daß weibliche Prostituierte die Überträger werden würden, durch die HIV und AIDS in die heterosexuelle Bevölkerung verbreitet würde. Eine einzige HIV-Infizierte weibliche Prostituierte könnte - so dachte man - Dutzende von heterosexuellen Männern infizieren und eine gleiche Zahl von Frauen könnte wiederum durch  diese Männer die Infektion bekommen.

Prostituierte und ihre Kunden
In der Tat: zwischen 5 und 10 % der weiblichen Prostituierten in den großen Städten der USA wie Los Angeles und New York sind HIV-infiziert. Aber es gibt zwei auffallende Fakten bei diesen Prostituierten: erstens HIV-infizierte Prostituierte sind mit nur wenigen Ausnahmen intravenöse Drogengebraucher. Fälle von sexuell übertragenen HIV-Infektionen bei drogenfreien Prostituierten sind fast unbekannt. Zweitens: buchstäblich nur eine Handvoll von Fällen sind weibliche Prostituierte, bei denen man gedacht hat, daß HIV auf einen Kunden übertragen wurde, aber in fast allen diesen Fällen wurde dokumentiert, daß sowohl bei den Prostituierten als auch ihren Kunden Drogenabhängigkeit bestand.
In Konsequenz dieser Befunde ist jede große Übersichtsstudie über die weibliche Prostitution durch medizinische Autoritäten in den westlichen Ländern zum Schluß gekommen, daß drogenfreie weibliche Prostituerte nicht empfänglich sind für HIV und auch nicht das Werkzeug für die Übertragung der Infektion in die allgemeine Bevölkerung sind und dieses auch nicht sein werden. Immunologisch gesunde Personen scheinen immun zu sein gegen die Infektion. Dies ist kaum das Verhalten, das bei einer typisch sexuell übertragbaren Krankheit erwartet wird.

Ein weiterer Beweis, daß AIDS durch mehr als nur mal gerade  HIV kontrolliert wird, kommt von Studien über die Entwicklung der Krankheit in der Folgezeit nach aktiver HIV-Infektion. Die Durchschnittszeit von der Infektion bis zum Ausbruch von AIDS (basierend auf Studien bei schwulen Männern und intravenösen Drogengebrauchern) beträgt 10 Jahre. Wenn HIV allein AIDS kontrollieren würde, dann müßte ungefähr die Hälfte der Leute, die mit HIV seit 1983 infiziert wurden, bis heute AIDS entwickelt haben - ohne Rücksicht auf die Art des Infektionskontaktes. Aber das hat sich bei den Bluterkranken (Hämophille-Patienten) bis heute noch nicht bewahrheitet.

Es ist geschätzt worden, daß 90 % oder ungefähr 15.000 der Bluterkranken in den USA zwischen 1981 und 1984 mit HIV infiziert wurden. Man würde nun erwarten, daß mindestens die Hälfte dieser Bluterkranken bis jetzt AIDS entwickelt haben sollten. Aber nur 1.500 AIDS-Fälle sind bei den Bluterkranken während der gesamten Epidemie-Zeit registriert worden. Darüber hinaus: Bluterkranke im Alter unter 20 Jahren und solche mit weniger schweren Symptomen der Bluterkrankheit zeigen einen Verlauf zu AIDS nur zu einem der Erkrankungsrate im Vergleich zu älteren oder schwerer belasteten Bluterkranken. Wenn irgend etwas beweist, daß HIV allein nicht die Entwicklung zu AIDS kontrolliert, dann ist es diese Tatsache.

Eine noch auffallendere Tatsache ist die, ähnlich wie bei weiblichen Prostituierten, daß die Bluterkranken nicht zu Überträgern geworden sind, für die Verbreitung von AIDS in die heterosexuelle Bevölkerung. Sogenannte sekundäre AIDS-Fälle, bei welcher ein Patient nicht zu einer primären Risikogruppe gehört und AIDS erwirbt von einer Person in einer solchen Risikogruppe, begründet nur 3 % aller AIDS-Fälle, die jemals in den USA berichtet wurden.
AIDS-Fälle, die übertragen wurden durch Bluterkranke, belaufen sich insgesamt auf nur 104 Fälle (bis Jan. 1992) und die meisten dieser betroffenen Personen haben dokumentierte Beschädigungen ihres lmmunsystems unabhängig vom HIV-Kontakt.

Tertiäre Aids-Fälle sind völlig unbekannt. Es existieren keinerlei dokumentierte AIDS-Fälle irgendwo in der westlichen Welt von drogenfreien Heterosexuellen, die AIDS von einem primären Träger (z.B. einem hämophilen Bluterkranken) sich zugezogen hätten und dann diese Krankheit auf einen gesunden drogenfreien Dritten übertragen hätten. Dieses Phänomen ist wiederum ohne Parallele in allen früheren Epidemien.

Die Daten der Prostituierten und Bluterkranken sprechen strikt für die Schlußfolgerung, daß gesunde drogenfreie Menschen kein AIDS bekommen. Die Mitmenschen, die sowohl HIV als auch AIDS bekommen, haben viele sich summierende immunminderne Faktoren, die auf sie eingewirkt haben und sie für diese Krankheit prädisponieren. Diese Faktoren umfassen:
-  Sameninduzierte Autoimmunität infolge ungeschützten analen Geschlechtsverkehrs
-  Bluttransfusionen oder Infusionen von Gerinnungseiweißfaktoren.
-  Mehrfache, wiederholte Infektionen.
-  Chronischer Gebrauch von stimulierenden und abhängig machenden psychotropen Drogen.
-  Langzeiteinnahme oder höchste Dosierungen von vielen Antibiotika, Virustatika und Substanzen gegen Parasiten, Anästhesiemittel, opiathaltige Schmerzmittel oder steroidhaltige Medikamente.
-  Unterernährung und Blutarmut.
-  Ein besonderer Typ von Autoimmunität, in welchem ein Teil des lmmunsystems angeregt wird, dieselben T-Zellen zu attackieren, die das Ziel von HIV bei AIDS sind.

Jeder Patient mit AIDS, für den es eine ausreichende klinische Dokumentation gibt, hat einige Untergruppen dieser Risikofaktoren aufzuweisen. Bedenkt man z.B. die immunologischen Risiken der  Bluttransfusionspatien. Es ist oft gesagt worden, daß ihr einziges Risiko für AIDS die Infektion mit HIV sei. Aber diese Patienten würden keine Bluttransfusionen benötigen, ohne daß sie sich bereits an der Schwelle des Todes befinden. Das Blut das sie empfangen,  unterdrückt für sich allein schon ihr Immunsystem. Je größer die  Menge an transfundiertem Blut, umso größer die Immun-Unterdrückung. Wenn das Blut HIV oder andere Viren, wie z.B. Cytomegallin-Viren, Epstein-Barr-Viren oder eines der Hepatitis-Viren enthält, dann bedeutet das eine zusätzliche Unterdrückung des Immunsystems.

Die meisten Patienten empfangen Bluttransfusionen wegen eines notwendigen chirurgischen Eingriffes. Operationen und die damit verbundenen Anästhesien, die eine Operation begleiten, unterdrücken das Immunsystem. So ist das der Fall bei opiathaltigen Schmerzmitteln (z.B. Morphin) und die hohen Dosen von Antibiotika, die sehr oft in der Nachbehandlung verschrieben werden. In manchen Fällen provoziert die Transfusion einen immunologischen Bürgerkrieg, bei dem Antikörper, die weißen Blutzellen attackieren. Individuell würde keiner dieser Faktoren AIDS verursachen, aber zusammen können sie sich als tödlich erweisen.

Ähnlich haben Drogenabhängige vielmehr immunologische Risiken als einfach HIV erworben durch Nadeltausch. Die Drogen, die sie gebrauchen, unterdrücken oft das Immunsystem. Die meisten Abhängigen sind wiederholt infiziert mit einer Vielzahl von Viren, einschließlich Hepatitis-Viren, Bakterien und wiederholten sexuell übertragbaren Krankheiten. Die Mehrzahl mißbraucht chronisch Antibiotika, die sie durch Ihre Drogendealer erhält und zieht sich deshalb mit viel größerer Wahrscheinlichkeit als Durchschnittsmenschen Therapie-resistente Infektionserreger zu, wie z.B. Tuberkulose. Die meisten haben Autoimmunkrankheiten, bei welchen ihre Antikörper auf ihre weißen Blutzellen abzielen. Die meisten sind unterernährt, manche schwerwiegend, und nehmen nicht die notwendigen Nährstoffe auf, um ein effektives Immunsystem aufzubauen.

Schlimmer noch ist es, wenn die Empfängerin von Bluttransfusionen oder die Drogenabhängige schwanger ist, dann kann sie nicht nur HIV, sondern auch alle ihre anderen immunsuppressiven Risiken an ihr Kind weitergeben. Ihr Fötus ist so ungeschützt der Bluttransfusionen, den Anästhesiemitteln, den psychotropen Drogen, der Mangelernährung, den Viren und den sexuell übertragenen Krankheiten sowie den Antibiotika ausgesetzt. Das Kind erbt auch die Immunität für die ersten paar Monate seines Lebens von der Mutter und deshalb erbt es auch die beschädigte Immunität, weil das alles ist, was die Mutter ihm anzubieten hat.

AIDS, kurz gesagt, ist mehr als eben mal HIV. Diese Schlußfolgerung ist sowohl Angst einflößend, insofern als wir erkennen müssen, daß wir nur einen Teil der Ursachen der Epidemie bisher angesprochen haben, und es ist gleichzeitig auch stimulierend, da es  uns neue Ziele gibt, uni AIDS kontrollieren zu Können.

Die Vermeidung von Risikofaktoren
Jüngste Berichte zeigen, daß die Ausschaltung von Risikofaktoren bei HIV-infizierten Patienten effektiver sein kann, als die Verhütung der Entwicklung von AIDS durch Behandlung gegen die HIV-Viren.
Schweizerische und Italienische Studien z.B. zeigen, daß die Ausschaltung des Drogenkonsums und der Mangelernährung bei HIV- Infizierten Drogenabhängigen ihre Rate des Fortschreitens zum Ausbruch von AIDS bei einem Durchschnittsfaktor von 3 bis 10 verlangsamt, im Vergleich mit Drogenabhängigen, die Ihren Drogen-
mißbrauch fortgesetzt haben. Viele dieser drogenfreien früheren Abhängigen sind gesund geblieben.

Ähnlich haben sich die hoch gereinigten Blutgerinnungsfaktoren für Bluterkranke als außerordentlich positiv erwiesen. Blutgerinnungsfaktoren sind normalerweise hergestellt aus dem Blut von Hunderten oder Tausenden von Spendern und enthalten unvermeidlich große Mengen von zellulären viralen oder anderen Beimengungen. Diese neuen ultra- gereinigten oder gentechnisch hergestellten Faktoren haben die immunologischen Funktionen bei all diesen so behandelten Bluterkranken völlig stabilisiert. Viele dieser HIV-Infizierten Bluterkranken haben völlig normale immunologische Funktionen zurückgewonnen.

Die Kontrolle der Faktoren, die jemand empfänglich machen für HIV und AIDS, können deshalb leichter und effektiver eine Wende herbeiführen, als der Zielangriff auf die HIV-Viren selbst. Dies ist die medizinische Schlußfolgerung der unterschiedlichen Empfänglichkeit für AIDS. Es ist Zeit, daß wir die Bedeutung dieser Erkenntnisse wahrnehmen.
(aus: The Wallstreet Journal, March 17, 1993)

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