Als einer aus einer kleinen, aber wachsenden Gruppe von
AIDS- Heretikern war ich sehr erfreut zu sehen, daß der jüngste
Bericht des nationalen Forschungsrates der USA über AIDS (US-National
Research Council Report) die Orthodoxie herausfordert. Es heißt,
daß die HIV-Infektion und AIDS begrenzt bleiben werden auf spezifische
geographische Regionen und Risikogruppen, die bereits bei Beginn der Epidemie
identifiziert wurden: schwule Männer und noch mehr besonders eine
wachsende Populationsgruppe von städtischen Drogenabhängigen,
unterhalb der Armutsgrenze lebenden, unterernährten, hoffnungslosen und
medizinisch unterversorgten Leuten.
Die politischen und sozialen Implikationen des National
Research Council-Reports haben in den letzten Wochen in Amerika eine massive
Presseaufmerksamkeit gefunden. Aber es sind die wissenschaftlichen und
medizinischen Implikationen, die in dem Report nicht angesprochen sind, die
wahrlich revolutionär sind. Wie bereits die Arbeitsgruppe AIDS der
Weltgesundheitsorganisation (WHO) 1984 ausführte, müssen andere
Faktoren als HIV allein dafür verantwortlich sein, wenn irgend jemand
nicht gleichermaßen empfänglich für AIDS wäre, ob jemand
Infiziert wird und ob die Infektion zum Krankheitsausbruch führt. Dieses
grundlegende medizinische Prinzip ist so alt wie die Erregertheode für
Krankheiten überhaupt.
Es gibt absolut keinen Zweifel, daß einige Leute viel
mehr empfänglich sind für HIV und AIDS als andere. Vielleicht die am
meisten auffallenden Daten betreffen weibliche Prostituierte in den westlichen
Ländern. Schon sehr früh, bei Beginn der Epidemie, hatte man
angenommen, daß weibliche Prostituierte die Überträger werden
würden, durch die HIV und AIDS in die heterosexuelle Bevölkerung
verbreitet würde. Eine einzige HIV-Infizierte weibliche Prostituierte
könnte - so dachte man - Dutzende von heterosexuellen Männern
infizieren und eine gleiche Zahl von Frauen könnte wiederum durch
diese Männer die Infektion bekommen.
Prostituierte und ihre Kunden In
der Tat: zwischen 5 und 10 % der weiblichen Prostituierten in den großen
Städten der USA wie Los Angeles und New York sind HIV-infiziert. Aber es
gibt zwei auffallende Fakten bei diesen Prostituierten: erstens HIV-infizierte
Prostituierte sind mit nur wenigen Ausnahmen intravenöse Drogengebraucher.
Fälle von sexuell übertragenen HIV-Infektionen bei drogenfreien
Prostituierten sind fast unbekannt. Zweitens: buchstäblich nur eine
Handvoll von Fällen sind weibliche Prostituierte, bei denen man gedacht
hat, daß HIV auf einen Kunden übertragen wurde, aber in fast allen
diesen Fällen wurde dokumentiert, daß sowohl bei den Prostituierten
als auch ihren Kunden Drogenabhängigkeit bestand. In Konsequenz dieser
Befunde ist jede große Übersichtsstudie über die weibliche
Prostitution durch medizinische Autoritäten in den westlichen Ländern
zum Schluß gekommen, daß drogenfreie weibliche Prostituerte nicht
empfänglich sind für HIV und auch nicht das Werkzeug für die
Übertragung der Infektion in die allgemeine Bevölkerung sind und
dieses auch nicht sein werden. Immunologisch gesunde Personen scheinen immun zu
sein gegen die Infektion. Dies ist kaum das Verhalten, das bei einer typisch
sexuell übertragbaren Krankheit erwartet wird.
Ein weiterer Beweis, daß AIDS durch mehr als nur mal
gerade HIV kontrolliert wird, kommt von Studien über die Entwicklung
der Krankheit in der Folgezeit nach aktiver HIV-Infektion. Die
Durchschnittszeit von der Infektion bis zum Ausbruch von AIDS (basierend auf
Studien bei schwulen Männern und intravenösen Drogengebrauchern)
beträgt 10 Jahre. Wenn HIV allein AIDS kontrollieren würde, dann
müßte ungefähr die Hälfte der Leute, die mit HIV seit 1983
infiziert wurden, bis heute AIDS entwickelt haben - ohne Rücksicht auf die
Art des Infektionskontaktes. Aber das hat sich bei den Bluterkranken
(Hämophille-Patienten) bis heute noch nicht bewahrheitet.
Es ist geschätzt worden, daß 90 % oder
ungefähr 15.000 der Bluterkranken in den USA zwischen 1981 und 1984 mit
HIV infiziert wurden. Man würde nun erwarten, daß mindestens die
Hälfte dieser Bluterkranken bis jetzt AIDS entwickelt haben sollten. Aber
nur 1.500 AIDS-Fälle sind bei den Bluterkranken während der gesamten
Epidemie-Zeit registriert worden. Darüber hinaus: Bluterkranke im Alter
unter 20 Jahren und solche mit weniger schweren Symptomen der Bluterkrankheit
zeigen einen Verlauf zu AIDS nur zu einem der Erkrankungsrate im Vergleich zu
älteren oder schwerer belasteten Bluterkranken. Wenn irgend etwas beweist,
daß HIV allein nicht die Entwicklung zu AIDS kontrolliert, dann ist es
diese Tatsache.
Eine noch auffallendere Tatsache ist die, ähnlich wie
bei weiblichen Prostituierten, daß die Bluterkranken nicht zu
Überträgern geworden sind, für die Verbreitung von AIDS in die
heterosexuelle Bevölkerung. Sogenannte sekundäre AIDS-Fälle, bei
welcher ein Patient nicht zu einer primären Risikogruppe gehört und
AIDS erwirbt von einer Person in einer solchen Risikogruppe, begründet nur
3 % aller AIDS-Fälle, die jemals in den USA berichtet wurden.
AIDS-Fälle, die übertragen wurden durch Bluterkranke, belaufen
sich insgesamt auf nur 104 Fälle (bis Jan. 1992) und die meisten dieser
betroffenen Personen haben dokumentierte Beschädigungen ihres lmmunsystems
unabhängig vom HIV-Kontakt.
Tertiäre Aids-Fälle sind völlig unbekannt. Es
existieren keinerlei dokumentierte AIDS-Fälle irgendwo in der westlichen
Welt von drogenfreien Heterosexuellen, die AIDS von einem primären
Träger (z.B. einem hämophilen Bluterkranken) sich zugezogen
hätten und dann diese Krankheit auf einen gesunden drogenfreien Dritten
übertragen hätten. Dieses Phänomen ist wiederum ohne Parallele
in allen früheren Epidemien.
Die Daten der Prostituierten und Bluterkranken sprechen
strikt für die Schlußfolgerung, daß gesunde drogenfreie
Menschen kein AIDS bekommen. Die Mitmenschen, die sowohl HIV als auch AIDS
bekommen, haben viele sich summierende immunminderne Faktoren, die auf sie
eingewirkt haben und sie für diese Krankheit prädisponieren. Diese
Faktoren umfassen: - Sameninduzierte Autoimmunität infolge
ungeschützten analen Geschlechtsverkehrs - Bluttransfusionen
oder Infusionen von Gerinnungseiweißfaktoren. - Mehrfache,
wiederholte Infektionen. - Chronischer Gebrauch von stimulierenden
und abhängig machenden psychotropen Drogen. - Langzeiteinnahme
oder höchste Dosierungen von vielen Antibiotika, Virustatika und
Substanzen gegen Parasiten, Anästhesiemittel, opiathaltige Schmerzmittel
oder steroidhaltige Medikamente. - Unterernährung und Blutarmut.
- Ein besonderer Typ von Autoimmunität, in welchem ein Teil des
lmmunsystems angeregt wird, dieselben T-Zellen zu attackieren, die das Ziel von
HIV bei AIDS sind.
Jeder Patient mit AIDS, für den es eine ausreichende
klinische Dokumentation gibt, hat einige Untergruppen dieser Risikofaktoren
aufzuweisen. Bedenkt man z.B. die immunologischen Risiken der
Bluttransfusionspatien. Es ist oft gesagt worden, daß ihr einziges Risiko
für AIDS die Infektion mit HIV sei. Aber diese Patienten würden keine
Bluttransfusionen benötigen, ohne daß sie sich bereits an der
Schwelle des Todes befinden. Das Blut das sie empfangen, unterdrückt
für sich allein schon ihr Immunsystem. Je größer die
Menge an transfundiertem Blut, umso größer die
Immun-Unterdrückung. Wenn das Blut HIV oder andere Viren, wie z.B.
Cytomegallin-Viren, Epstein-Barr-Viren oder eines der Hepatitis-Viren
enthält, dann bedeutet das eine zusätzliche Unterdrückung des
Immunsystems.
Die meisten Patienten empfangen Bluttransfusionen wegen
eines notwendigen chirurgischen Eingriffes. Operationen und die damit
verbundenen Anästhesien, die eine Operation begleiten, unterdrücken
das Immunsystem. So ist das der Fall bei opiathaltigen Schmerzmitteln (z.B.
Morphin) und die hohen Dosen von Antibiotika, die sehr oft in der
Nachbehandlung verschrieben werden. In manchen Fällen provoziert die
Transfusion einen immunologischen Bürgerkrieg, bei dem Antikörper,
die weißen Blutzellen attackieren. Individuell würde keiner dieser
Faktoren AIDS verursachen, aber zusammen können sie sich als tödlich
erweisen.
Ähnlich haben Drogenabhängige vielmehr
immunologische Risiken als einfach HIV erworben durch Nadeltausch. Die Drogen,
die sie gebrauchen, unterdrücken oft das Immunsystem. Die meisten
Abhängigen sind wiederholt infiziert mit einer Vielzahl von Viren,
einschließlich Hepatitis-Viren, Bakterien und wiederholten sexuell
übertragbaren Krankheiten. Die Mehrzahl mißbraucht chronisch
Antibiotika, die sie durch Ihre Drogendealer erhält und zieht sich deshalb
mit viel größerer Wahrscheinlichkeit als Durchschnittsmenschen
Therapie-resistente Infektionserreger zu, wie z.B. Tuberkulose. Die meisten
haben Autoimmunkrankheiten, bei welchen ihre Antikörper auf ihre
weißen Blutzellen abzielen. Die meisten sind unterernährt, manche
schwerwiegend, und nehmen nicht die notwendigen Nährstoffe auf, um ein
effektives Immunsystem aufzubauen.
Schlimmer noch ist es, wenn die Empfängerin von
Bluttransfusionen oder die Drogenabhängige schwanger ist, dann kann sie
nicht nur HIV, sondern auch alle ihre anderen immunsuppressiven Risiken an ihr
Kind weitergeben. Ihr Fötus ist so ungeschützt der Bluttransfusionen,
den Anästhesiemitteln, den psychotropen Drogen, der Mangelernährung,
den Viren und den sexuell übertragenen Krankheiten sowie den Antibiotika
ausgesetzt. Das Kind erbt auch die Immunität für die ersten paar
Monate seines Lebens von der Mutter und deshalb erbt es auch die
beschädigte Immunität, weil das alles ist, was die Mutter ihm
anzubieten hat.
AIDS, kurz gesagt, ist mehr als eben mal HIV. Diese
Schlußfolgerung ist sowohl Angst einflößend, insofern als wir
erkennen müssen, daß wir nur einen Teil der Ursachen der Epidemie
bisher angesprochen haben, und es ist gleichzeitig auch stimulierend, da
es uns neue Ziele gibt, uni AIDS kontrollieren zu Können.
Die Vermeidung von Risikofaktoren
Jüngste Berichte zeigen, daß die Ausschaltung von Risikofaktoren
bei HIV-infizierten Patienten effektiver sein kann, als die Verhütung der
Entwicklung von AIDS durch Behandlung gegen die HIV-Viren. Schweizerische
und Italienische Studien z.B. zeigen, daß die Ausschaltung des
Drogenkonsums und der Mangelernährung bei HIV- Infizierten
Drogenabhängigen ihre Rate des Fortschreitens zum Ausbruch von AIDS bei
einem Durchschnittsfaktor von 3 bis 10 verlangsamt, im Vergleich mit
Drogenabhängigen, die Ihren Drogen- mißbrauch fortgesetzt haben.
Viele dieser drogenfreien früheren Abhängigen sind gesund geblieben.
Ähnlich haben sich die hoch gereinigten
Blutgerinnungsfaktoren für Bluterkranke als außerordentlich positiv
erwiesen. Blutgerinnungsfaktoren sind normalerweise hergestellt aus dem Blut
von Hunderten oder Tausenden von Spendern und enthalten unvermeidlich
große Mengen von zellulären viralen oder anderen Beimengungen. Diese
neuen ultra- gereinigten oder gentechnisch hergestellten Faktoren haben die
immunologischen Funktionen bei all diesen so behandelten Bluterkranken
völlig stabilisiert. Viele dieser HIV-Infizierten Bluterkranken haben
völlig normale immunologische Funktionen zurückgewonnen.
Die Kontrolle der Faktoren, die jemand empfänglich
machen für HIV und AIDS, können deshalb leichter und effektiver eine
Wende herbeiführen, als der Zielangriff auf die HIV-Viren selbst. Dies ist
die medizinische Schlußfolgerung der unterschiedlichen
Empfänglichkeit für AIDS. Es ist Zeit, daß wir die Bedeutung
dieser Erkenntnisse wahrnehmen. (aus: The Wallstreet Journal, March 17,
1993) |