Mindestens 192 Tote durch Terroranschläge in Madrid
Erklärung der Redaktion 12. März 2004
Die Bombenanschläge, denen am Donnerstag in Madrid
mindestens 192 Menschen zum Opfer fielen, sind ein Verbrechen, das durch nichts
zu rechtfertigen ist.
Die nahezu zeitgleich erfolgenden Explosionen im Bahnhof
Antocha und zwei kleineren Bahnstationen der spanischen Hauptstadt
hinterließen neben den Toten mindestens 1400 Verletzte. Die
Krankenhäuser konnten die Opfer kaum aufnehmen. Viele wurden
behelfsmäßig in Bussen versorgt. Hunderte Menschen spendeten
freiwillig Blut.
Nach Angaben der spanischen Behörden handelte es sich
insgesamt um zehn Sprengsätze, die etwa um 7 Uhr 30 Ortszeit mitten im
Berufsverkehr explodierten.
Antocha ist ein riesiger Bahnhof, in dem sich
Regionalzüge, Intercity-Verkehr und U-Bahn-Linien kreuzen. Zur
Spitzenverkehrszeit am frühen Morgen gingen dort drei Bomben gleichzeitig
hoch. sie zerstörten einen einfahrenden Zug, in dem sich viele Studenten
und Pendler auf dem Weg zur Arbeit befanden. Außerhalb des Bahnhofs gab
es vier weitere Explosionen. Die beiden kleineren betroffenen Bahnhöfe
waren El Pozo und Santa Eugenia.
Beinahe wären der Verlust an Menschenleben und die
Verwüstungen noch schlimmer ausgefallen. Spezialeinheiten der Polizei
brachten eine Reihe weiterer Sprengsätze, die in Rucksäcken versteckt
waren, kontrolliert zur Explosion.
Die Anschläge erfolgten ohne Vorwarnung.
Sie waren zeitlich auf die Parlamentswahlen am Sonntag
abgestimmt. Es ist abzusehen, dass die Empörung der Bevölkerung die
rechts stehende Regierung unter Premierminister José María Aznar
und die Kandidaten seiner regierenden Volkspartei (PP) stärken werden.
Die politischen Parteien Spaniens setzten den Wahlkampf
sofort aus. Die Regierung ordnete eine dreitägige Staatstrauer für
die Opfer an und rief zu Kundgebungen auf, um die Anschläge zu
verurteilen.
Aznar hatte den Einmarsch der USA im Irak mit großem
Nachdruck unterstützt, obwohl die spanische Bevölkerung den Krieg
mehrheitlich ablehnte. Der brutale Mord an unschuldigen spanischen Bürgern
wird vor diesem Hintergrund heillose Verwirrung stiften und dem so genannten
"Krieg gegen den Terror", den Aznar im Bündnis mit den USA und
Großbritannien zu führen behauptet, größere
Glaubwürdigkeit verschaffen. Die Anschläge werden ausgenutzt werden,
um die demokratischen Rechte in Spanien weiter zu unterhöhlen.
Kaum hatte Aznar von den Explosionen erfahren, da
verkündete er, dass Spanien dem Terrorismus nicht nachgeben werde. Er
versicherte, dass die "Massenmörder" besiegt würden.
Obwohl sich keine Gruppe zu den Anschlägen bekannte,
machte die Regierung sofort die baskischen Separatisten der ETA dafür
verantwortlich. Innenminister Angel Acebes betonte, die Täterschaft der
baskischen Nationalisten stehe außer Zweifel. "Die ETA wollte ein
Massaker in Spanien", erklärte er. "Leider hat sie heute ihr Ziel
erreicht."
Der Spitzenkandidat der Volkspartei, Mariano Rajoy, der den
Umfragewerten zufolge wahrscheinlich Aznars Nachfolge antreten wird,
erklärte ebenfalls die ETA zum Täter. Unterstützung erhielt er
dabei von José Luis Rodríguez Zapatero von der oppositionellen
Spanischen Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE), der die ETA als "kriminelle
Organisation" bezeichnete.
Die Regierung erinnerte daran, dass im vergangenen Monat
zwei mutmaßliche ETA-Mitglieder verhaftet wurden, die sich in einem mit
Sprengstoff beladenen Lastwagen auf dem Weg nach Madrid befanden. Im letzten
Dezember, so die spanischen Behörden, hätten sie einen Anschlag der
ETA vereitelt. Schon damals hätte sie ein Sprengstoffattentat in einem
Bahnhof von Madrid geplant. Zwei Männer seien verhaftet und zwei Bomben
abgefangen worden.
Die Täterschaft der ETA steht allerdings keineswegs
fest. Sie hat bisher keine Bombenanschläge von solchen Ausmaßen
durchgeführt. Letztes Jahr beispielsweise starben durch ETA-Anschläge
drei Menschen - die niedrigste Zahl seit 30 Jahren.
In manchen Kommentaren wurde die Vermutung
geäußert, dass Spanien aufgrund von Aznars Unterstützung
für den Irakkrieg in das Visier von Gruppen geraten sei, die mit al-Qaida
zusammenhängen.
Diesen Standpunkt vertrat Arnald Otegi, der Vorsitzende der
verbotenen baskischen Separatistenpartei Batasuna, des politischen Flügels
der ETA. Er bestritt jede Verantwortung der ETA und äußerte die
Vermutung, die Anschläge gingen auf das Konto des "arabischen
Widerstands".
Gestern Abend rückten die Vertreter der spanischen
Regierung etwas von ihrem ursprünglichen Standpunkt ab, dass die ETA als
Urheber der Gräueltat feststehe. Der spanische Innenminister berichtete,
dass in der Nähe des einen Tatorts in einem Kleinbus Sprengmaterialien und
Aufnahmen von Koranversen gefunden worden seien.
Die in London erscheinende arabischsprachige Zeitung
al-Quds-al-Arabi gab bekannt, dass sie ein Bekennerschreiben der
"Abu-Hafs-al-Masri-Brigaden" erhalten habe, die dem al-Qaida-Netzwerk
angehören.
Ein Vertreter der US-Regierung warnte, es sei "noch zu
früh", um zu beurteilen, ob die Anschläge von der ETA oder einer
anderen Terrororganisation wie etwa der al-Qaida begangen worden seien.
Es kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass Kräfte
aus dem spanischen Staatsapparat oder aus der politischen Rechten, die mit der
Regierung in Verbindung stehen, in die Terrorakte verwickelt sind. Es wäre
nicht das erste Mal, dass solche Provokationen dazu dienten, eine
unpopuläre Regierung zu festigen.
Ein Beispiel dafür ist die von der CIA autorisierte
Operation "Gladio", in deren Rahmen in Italien in den 1970er Jahren eine Reihe
schrecklicher Bombenanschläge verübt wurden. Mit Hilfe dieser
terroristischen Verbrechen sollte der wachsende Einfluss der Kommunistischen
Partei Italiens bekämpft und das gesamte politische Spektrum mittels einer
"Spannungsstrategie" nach rechts verschoben werden. Im Jahr 1974 explodierte
auf der Strecke Florenz-Bologna eine Bombe im Schnellzug "Italicus", und 1980
tötete eine Bombe im Wartesaal des Bahnhofs von Bologna 85 Menschen.
Das Ergebnis dieser Anschläge ist unabhängig von
den Tätern immer dasselbe. Die reaktionäre Rolle des Terrorismus
bringt es mit sich, dass man oftmals nur schwer beurteilen kann, wo der
politische Bankrott aufhört und die staatliche Provokation
anfängt.
Willkürliche Terrorangriffe, die so viele Menschenleben
wie möglich zerstören sollen, sind typisch für Gruppierungen,
die den Interessen der Arbeiterklasse mit absoluter Feindschaft begegnen. Es
besteht ein direkter innerer Zusammenhang zwischen den Methoden der
terroristischen Organisationen und der nationalistischen oder
religiös-chauvinistischen Politik, die sie vertreten.
Die Konflikte solcher Organisationen mit imperialistischen
Regierungen - seien sie nun säkular, wie ETA, oder islamistisch, wie
al-Qaida - sind nicht durch den progressiven Kampf für die politische,
soziale und ökonomische Vereinigung und Emanzipation der Völker der
Welt motiviert. Sowohl die ETA als auch al-Qaida vertreten bürgerliche und
kleinbürgerliche Kräfte, denen es ausschließlich um eine
für sie möglichst vorteilhafte Einigung mit den imperialistischen
Mächten geht - eine Einigung, die sie in die Lage versetzt, an den
Früchten der Ausbeutung teilzuhaben.
Diese reaktionäre Orientierung steht hinter ihrer
anmaßenden Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal der
einfachen Menschen, die ihren Gräueltaten zum Opfer fallen, sei es in
Spanien, den USA oder anderswo.
Die Vorstellung, dass solche brutalen Gewaltakte die
herrschende Klasse zu einer Einigung zwingen würden, steht hinter
sämtlichen Terrorkampagnen der vergangenen Jahrzehnte. Diese kriminelle
Politik kann keine fortschrittlichen Ergebnisse zeitigen. Der Terrorismus
spielt direkt den Kriegstreibern in die Hände, die den
äußersten rechten Flügel der herrschenden Elite bilden.
Die Bombenanschläge in Madrid werden nicht nur Aznar,
sondern auch den Regierungen Bush und Blair Auftrieb geben. Wir verurteilen sie
uneingeschränkt.
2. Bericht
Heilungsbiotop I TAMERA Monte do Cerro
P - 7630 Colos Portugal Tel.: +351 - 283 635 306
Fax: - 283 635 374 email: igf@tamera.org http// www.tamera.org
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Nach
New York, Bagdad, Istanbul, Madrid: Aus dem System der Gewalt aussteigen,
Modellplätze für eine Friedenskultur aufbauen.
Eine Stellungnahme des Instituts für Globale
Friedensarbeit (IGF) zu den Anschlägen von Madrid.
Wir sind entsetzt über die Anschläge von Madrid.
Wieder waren es unbeteiligte Menschen, die grausam und sinnlos sterben mussten,
die völlig unvorbereitet aus dem Alltag in ein Inferno gerissen wurden.
Wir möchten den Opfern und den Angehörigen die Kraft und das Licht
schicken, die sie in dieser dunklen Zeit brauchen.
Sicherheitsmaßnahmen reichen nicht mehr aus, um die Menschen vor Anschlägen dieser Art zu
schützen. Damit der Terror dauerhaft ein Ende haben kann, müssen
seine wirklichen Ursachen beseitigt werden. Dazu einige Anmerkungen.
-
Mit Madrid hat der globale Krieg die
letzte Schwelle nach Europa überschritten, wie nach den
Anschlägen von Istanbul angekündigt. Die nächsten
Schauplätze können schon Frankfurt oder Berlin sein, die
nächsten Opfer unsere Freunde, unsere Kinder, wir selbst.
- Die spanischen Mütter, die jetzt Kinder verloren
haben, weinen dieselben Tränen wie die Tschetschenen, deren Kinder in
den Trümmern von Grosny starben, erbarmungslos zerstört von einer
hoch überlegenen Armee, während unsere Regierungen wegschauten und
mit den Verantwortlichen beste Beziehungen pflegten; dieselben Tränen wie
die Mütter in Kolumbien, Indonesien, Palästina und Israel, Sierra
Leone, Sudan und unzähligen anderen Plätzen der Erde. In diesem Krieg
gibt es keine Sieger mehr, nur Opfer, verbrannte Städte, verbrannte
Menschen.
- Die wirtschaftliche Globalisierung ist eine
Globalisierung der Gewalt.
Ganz gleich, ob die Eta, Al-Qaida oder ganz
andere Gruppen die Anschläge von Madrid organisiert haben: Sie tragen
dieselbe Handschrift, spiegeln dieselbe Verzweiflung, dieselbe Wut. Wie
können Menschen anderen Menschen so etwas antun? Die Verzweiflung, aus der
solche Terrorakte begangen werden, ist die logische Folge dessen, was die
westliche kapitalistische Welt dem Rest der Welt angetan hat. Es ist ein
globales Verbrechen, an dem mittlerweile alle Regierungen der westlichen Welt
beteiligt sind. Konzerne, Regierungen und Geheimdienste, Armeen und
Söldnerheere bilden eine unselige Allianz, betreiben eine erbarmungslose
Ausbeutung und Vernichtung von Natur und wehrlosen Völkern, zerstören
Städte und Dörfer, vertreiben, foltern, vernichten Lebensgrundlagen
wie Wasser, Saatgut und Boden.
- Was heute Terror genannt wird, ist eine neue Kooperation
westlicher Geheimdienste mit der berechtigten Wut der unterdrückten und
ausgebeuteten Völker. Strategen heutiger Machtzentren bildeten junge,
verzweifelte Menschen zum Foltern und Kämpfen aus und bauten gezielt
Terrornetze auf, um sie für ihre Zwecke zu instrumentalisieren oder ihnen
selbst inszenierte Anschläge in die Schuhe zu schieben. Dass Bin Laden und
Saddam Hussein Produkte der CIA waren, steht heute auch in jeder
bürgerlichen Zeitung; das gleiche galt schon für die Contras in
Nicaragua, Pinochet in Chile, die Taliban in Afghanistan und viele andere
spätere Staatsfeinde.
- Terror und Destabilisierung liefern die Begründung
für den starken Staat, für die Überwachungsgesellschaft,
letztlich für die neue Weltordnung, die schon von George Bush sen.
formuliert wurde. Die technischen und juristischen Möglichkeiten sind
längst vorbereitet und erprobt. Keine Mauer aber wird je hoch genug sein,
um die Angst auszusperren. Kein Überwachungssystem wird je sicher genug
sein, um uns vor den Folgen eines Systems zu schützen, von dem wir ein
Teil sind. Wir können nicht weiterhin Erde und Völker ausbeuten und
glauben, selbst in "Frieden" leben zu können.
- Wir sind Mittäter in einem globalen Krieg.
Auf der Suche nach den Urhebern von Krieg und Terror werden wir letztlich
auch bei den Antworten "Bush", "die Amerikaner", "die Politiker" oder "die
Banken", "die Konzerne" nicht stehen bleiben können. Sie sind
tatsächlich schuld. Aber sie selbst sind Kinder eines Systems, in dem
feindliches Denken, Ausbeutung, Kolonisation und Gewalt zur
selbstverständlichen Tradition gehören. Außerdem könnten
sie nichts tun ohne uns, ohne unsere Ängste, die sie sich zu nutze machen,
ohne unser Schweigen und unsere Gleichgültigkeit, ohne unsere
Konsumgewohnheiten, die die Ausplünderung des Planeten notwendig
erscheinen lassen. Wir sind unfreiwillige Mittäter in einem globalen Krieg
geworden.
- Gewalt ist die Eruption unterdrückter
Lebensenergien. Dieser Krieg ist älter als die Globalisierung der
kapitalistischen Gewalt. Er ist die systemimmanente, zwangsläufige Folge
einer tiefen menschlichen Entfremdung, einer Zivilisation, die seit
Jahrtausenden elementare Lebenskräfte und Liebeskräfte
unterdrückt und dadurch Gewalteruptionen verursacht. Dieser globale Krieg
ist überall, nicht nur in der Dritten Welt, nicht nur in Madrid, sondern
hier in Form von Gleichgültigkeit, Schuldverschiebung, Konkurrenz,
Liebeskonflikten, Positionskämpfen im Geschlechterkampf oder der Art, wie
wir mit Tieren umgehen. Wir werden die äußere Gewalt nicht dauerhaft
beenden können, ohne unser eigenes Leben und Denken radikal zu
verändern und uns auf eine Spur zu begeben, wo Vertrauen, Solidarität
und Wahrheit untereinander wieder frei werden. Wir werden nicht darum
herumkommen, die Korrekturen, die in der Welt nötig sind, auch an uns
selbst vorzunehmen.
- Kein Teil des Problems, sondern Teil der Lösung
werden!
Was ist zu tun? Demonstrationen von Millionen von Menschen sind ein
Anfang. Aber jetzt muss der nächste Schritt folgen: millionenfach aus dem
System der Mittäterschaft auszusteigen. Wir können das System nur
überwinden, indem wir ein anderes schaffen. Jetzt ist die Zeit, wo alle
Friedenskräfte wirksam zusammenarbeiten müssen. Fügen wir unser
Wissen zusammen; bauen wir Orte auf, an denen der innere und äußere
Friede exemplarisch erforscht und gelebt werden kann! Wenn es gelingt, an
einigen Orten der Erde das Netz der globalen Gewalt aufzulösen und im
Einklang mit einer anderen, friedlicheren Schöpfungslogik zu leben, dann
ist es prinzipiell überall möglich. So können
Kristallisationspunkte für eine weltweite Friedenskultur gelegt werden.
In der Zukunftswerkstatt Tamera in Portugal wird der
Versuch gemacht, einen solchen Kristallisationspunkt aufzubauen. Die geistige
Grundlage dafür ist
"Der Plan
der Heilungsbiotope und Friedensdörfer" von Dieter Duhm. Wir bitten
alle, die an diesen Gedanken Interesse haben, die mitwirken und sich beteiligen
möchten, diese Gedanken zur Kenntnis zu nehmen und sie weiterzuleiten. Sie
finden sich auf der Homepage http://www.tamera.org/ und in dem Buch Dieter
Duhm: Die heilige Matrix von der Matrix der Gewalt zur Matrix des
Lebens.
Alle Informationen auf diesen Seiten sind belegbar.
Weitere Informationen bei:
Institut für Globale
Friedensarbeit, Monte Cerro, P-7630 Colos, Portugal, +351-283-635306,
fax: -374 email: igf@tamera.org,
http://www.tamera.org/ |