USA: Brisante Enthüllungen von Bushs ehemaligem
Antiterrorkoordinator Die schweren Vorwürfe, die der ehemalige
Antiterrorberater im Weißen Haus, Richard Clarke, in seinem am Montag
erschienenen Buch »Against all Enemies« gegen Präsident George
W. Bush erhebt, haben inzwischen in Washington für hohe Wellen gesorgt.
Denn der anerkannte Experte Clarke wirft Bush vor, im Kampf gegen Al Qaida und
den Terrorismus versagt zu habe, weil dieser nämlich vom Tage seines
Amtsantritts an ausschließlich auf den Krieg gegen Irak fixiert gewesen
sei, statt adäquate Maßnahmen gegen Al Qaida zu treffen. Vor dem 11.
September 2001 habe Bush trotz dringendster Warnungen »so gut wie nichts
gegen Al Qaida unternommen«.
Die Vorwürfe kommen für
Bush zu einer denkbar schlechten Zeit, zumal Anfang der Woche die
öffentlichen Anhörungen im US-Kongreß darüber begonnen
haben, wieviel die Bush-Regierung im Voraus über die Ereignisse vom 11.
September gewußt und dagegen unternommen hat. Bei ähnlichen
Untersuchungen des US-Senats vor einem Jahr hatte sich herausgestellt,
daß die im Vorfeld gewonnenen Ermittlungsergebnisse ausgereicht hatten,
um »eine Blaupause der Angriffe vom 11. September« zu liefern, und
daß »Gegenmaßnahmen möglich gewesen wären«,
so die Senatorin Arlen Specter. Die kritischen Fragen an die Bush-Regierung
blieben damals jedoch aus. Das hat sich inzwischen geändert. So bringen
Clarkes Vorwürfe, die Bush-Regierung sei nur an Vorwänden zur
Rechtfertigung eines Angriffs auf Irak interessiert gewesen, die Bush-Regierung
ausgerechnet im Wahljahr in arge Erklärungsnot.
Die in seinem Buch
enthaltenen Kernpunkte hat Richard Clarke inzwischen in zahlreichen Interviews
wiederholt. »Bei der Antwort auf den 11. September hat er vollkommen
versagt«, sagte Clarke z. B. am Dienstag im Fernsehsender ABC über
Bush. Statt weiter hinter bin Laden her zu sein, sei er in Irak eingefallen und
habe damit »den ganzen Krieg gegen den Terrorismus versaut«. Statt
den Terrorismus auszuschalten, so Clarke weiter, habe Bush »die gesamte
arabische Welt in Brand gesetzt und eine neue Generation von
Al-Qaida-Terroristen geschaffen«. In seinem Buch erinnert sich Clarke,
wie der Präsident einen Tag nach den Anschlägen, am Abend des 12.
September 2001, allein im Lageraum des Weißen Hauses umherging. Als Bush
seinen Antiterrorkoordinator Clarke sah, rief er ihn und eine kleine Gruppe
anderer Mitarbeiter zu sich und sagte: »Alle Geheimdiensterkenntnisse
müssen nochmals durchgesehen werden, alle«. Und dann kam Bushs
Empfehlung: »Schauen Sie nach, ob Saddam Hussein das getan hat.«
» Al Qaida hat es getan«, antwortete Clarke. »Ich weiß,
ich weiß, aber ... schauen Sie nach, ob Saddam damit zu tun hat«,
so der eindeutige Befehl des Präsidenten. »Ich möchte über
jeden Schnipsel informiert werden.« Erneut erinnerte Clarke den
Präsidenten daran, daß weder die CIA noch das FBI etwas über
eine Verbindung zwischen Al Qaida und Saddam Hussein gefunden hätten. Aber
Bush ließ sich nicht beirren und wiederholte seine Forderung ein drittes
Mal. Als er den Raum verließ, sagte der Präsident nochmals gereizt:
»Suchen Sie im Irak!« Das sei für Clarke, der vor 13 Monaten
seinen Dienst quittierte, der Beginn des Wahnsinns gewesen, der »in den
unnötigen und teuren Krieg im Irak geführt und nur die
fundamentalistische, radikalislamistische weltweite Terrorbewegung
gestärkt hat«.
Bislang hat die Bush-Regierung erfolglos
versucht, die Glaubwürdigkeit Clarkes in Zweifel zu ziehen (er hat bereits
unter Bush-Senior und später acht Jahre unter Präsident Clinton als
Antiterrorberater im Weißen Haus und als Mitarbeiter des Nationalen
Sicherheitsrates gearbeitet). Inzwischen spekulieren Beobachter in Washington,
ob durch die Enthüllungen, die sich mit jenen des ehemaligen
Finanzministers Paul ONeill decken, die für einen radikalen
Stimmungsumschwung in der Öffentlichkeit notwendige »kritische
Masse« erreicht worden ist. |