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Seit vielen Jahren ist allgemein anerkannt,
daß Jugendliche ein besonderes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren,
weshalb sie Zielgruppe von vielfältigen Präventionsbotschaften und
Kampagnen waren und immer noch sind. Versucht man das Risiko für
Jugendliche etwas genauer zu definieren und abzuschätzen, so
stößt man überraschenderweise auf die Schwierigkeit, daß
es keine auch nur annähernd verläßlichen Daten dafür gibt.
Angaben zum Alter bei positiven HIV-Tests sind in keiner Weise
repräsentativ, da sie nur von einem Teil der Tests vorliegen und
außerdem ungeklärt ist, wieviele davon auf Mehrfachtests entfallen.
Außerdem gibt es keine altersspezifische Untersuchung über unerkannt
HIV-positive Menschen. Aus Deutschland ist bekannt, daß das
Durchschnittsalter aller Aids-Kranken zum Zeitpunkt der Diagnose bei 38,9
Jahren lag. Unter den 13-24 Jährigen gab es in den letzten 15 Jahren 506
Aids-Kranke (bei einer Bevölkerung von 81 Millionen). Diese Altersgruppe
stellt damit 3,6 Prozent aller bisher an Aids Erkrankten. Aus diesen Daten
lassen sich allenfalls Vermutungen ableiten. Genaue Aussagen sind jedoch nicht
möglich.
In dieser Situation können wir
glücklicherweise auf die Auswertung von HIV-Tests bei Rekruten in
Österreich zurückgreifen. Der HIV-Test ist in Österreich zwar
nicht Teil der Musterung, allerdings werden trotzdem fast alle der
jährlich etwa 40.000 Rekruten regelmäßig auf HIV untersucht,
und dies seit 1985. Grundlage dafür ist eine Vereinbarung zwischen dem
Bundesheer, das eine kostengünstige Methode zur Blutgruppenbestimmung
seiner Soldaten sucht, und dem Roten Kreuz, das ausnahmsweise auch von
Nichtspendern kostenlos die Blutgruppe bestimmt, wenn gewährleistet ist,
daß die überwiegende Mehrheit der Rekruten an den Blutspendeaktionen
teilnimmt. Um in dieser Konstellation die Motivation der Rekruten
sicherzustellen, dürfen diese nach erfolgter Spende bereits am Freitag in
das Wochenende. Alle Nichtspender, darunter fallen gelegentlich auch solche,
welche aus medizinischen Gründen abgelehnt wurden, bekommen hingegen erst
ab Samstag Abend Ausgang und haben dann meist keine Möglichkeit mehr, mit
öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren. Dieses Vorgehen, das in
Deutschland als mit der Freiwilligkeit unvereinbar abgelehnt wurde, sichert
bisher eine fast vollständige Durchtestung der Österreichischen
Rekruten. Damit stehen heute Daten über die Häufigkeit der
HIV-Infektion von drei Viertel eines jeden männlichen Jahrganges im Alter
zwischen 19 und 21 aus zwölf Jahren zur Verfügung.
Für die Interpretation der Daten
müssen einige Einschränkungen berücksichtigt werden: -
Angehörige der Hauptbetroffenengruppe, Homosexuelle
und Fixer werden im Rahmen der Musterung zum Teil von der Militärpflicht
befreit, gleiches gilt für alle Bluter; - Rekruten, welche wissen,
daß sie HIV-positiv sind, widerstehen möglicherweise dem enormen
Druck und verweigern eine Teilnahme an der Blutspende; - in einem geringen
Ausmaß nehmen auch Berufssoldaten an den Blutspenden teil. Einige der
positiven Tests könnten von ihnen stammen; - Jugendliche, die bereits
einen positiven HIV-Test hatten, könnten versucht sein, dem
Militärdienst zu entgehen und stattdessen Zivildienst beantragen; -
die Ergebnisse aus dem Bundesland Salzburg konnten leider nicht einbezogen
werden. Angesichts der Tatsache, daß die umliegenden Bundesländer
Tirol und Oberösterreich bisher überhaupt noch nie einen einzigen
HIV-positiven Blutspender aus Kasernen hatten, und das Nachbarland Kärnten
deren zwei, ist die Aussagekraft dieser Untersuchung durch das Fehlen der
Zahlen aus Salzburg nur unwesentlich beeinträchtigt.
Zusammengenommen ergibt sich, daß die
Blutspender aus Kasernen weitgehend repräsentativ für die
heterosexuell aktiven, nicht i.v. drogenabhängigen männlichen
Jugendlichen nach Abschluß ihrer Schulzeit oder Lehre sind. Der Anteil an
Homosexuellen und i.v. Drogenabhängigen dürfte eher gering sei.
Würde man von einer Ausbreitung des HIV unter heterosexuellen Jugendlichen
ausgehen, so müßte sich in der untersuchten Gruppe eine bedeutende
und in den letzten Jahren zunehmende Zahl von positiven HIV-Tests
manifestieren.
HIV-positive Blutspenden aus Kasernen in
Österreich Jahr positive Blutspenden Rekruten*
| Jahr |
positive Blutspenden |
Rekruten insgesamt* |
| 85 |
3 |
49.000 |
| 86 |
1 |
47.000 |
| 87 |
1 |
45.000 |
| 88 |
4 |
44.500 |
| 89 |
3 |
43.000 |
| 90 |
3 |
40.800 |
| 91 |
4 |
39.400 |
| 92 |
1 |
40.300 |
| 93 |
2 |
41.500 |
| 94 |
2 |
38.000 |
| 95 |
1 |
32.300 |
| 96 |
2 |
33.700 |
| Summe |
27 |
494.500 |
* nach Angaben des Verteidigungsministeriums.
Aus der Blutbank Salzburg liegen keine Angaben vor.
Bekanntermaßen birgt der
ungeschützte passive/rezeptive Analverkehr und das gemeinsame
Benützen von Spritzen und Nadeln die größten Risiken einer
Übertragung des HIV. Es ist davon auszugehen, daß ein kleiner Teil
der Rekruten diesen Risikosituationen ausgesetzt war. Somit war zu erwarten,
daß eine geringe Zahl von positiven HIV-Tests, vor allem im
Großstadtbereich auch in dieser Gruppe auftreten würde.
Tatsächlich kam es zu durchschnittlich 2,3 positiven Ergebnissen pro Jahr.
Fast alle Meldungen, nämlich 25 von insgesamt 27, kamen von der Blutbank
Wien, welche auch das Burgenland und Niederösterreich betreut. (Wien ist
die einzige Großstadt in Österreich.) In Kärnten gab es seit
1985 insgesamt 2 positive Blutspender aus Kasernen. Die anderen
Bundesländer, Oberösterreich, Steiermark, Tirol und Vorarlberg,
hatten seit 1985 bis heute noch keinen einzigen HIV-positiven Blutspender aus
Kasernen.
Eine Veränderung im Zeitverlauf ist
nicht zu beobachten. Ausgehend von einer Beteiligung an den Blutspenden von
ungefähr 95% der Rekruten, ergibt das in etwa eine Rate von 6 positiven
HIV-Tests auf 100.000 Blutspender. (Unter allen männlichen Erstspendern in
Deutschland lag diese Rate im Jahr 1993 bei 11,6.) Auch die Untersuchungen aus
Deutschland, welche vom Verteidigungsministerium veröffentlicht werden,
haben ein ähnliches Resultat ergeben. Allerdings sind die Daten dort nicht
so aussagekräftig, weil die Beteiligung der Rekruten an den
Blutspendeaktionen, wegen der tatsächlich gegebenen Freiwilligkeit,
wesentlich geringer ist. Eine Ausbreitung des HIV unter männlichen
Jugendlichen, außerhalb derjenigen, die eines der bekannten klassischen
Risikoverhalten haben, ist aufgrund der vorliegenden Daten nicht zu beobachten.
Um das Risiko für den weiblichen Teil
der Jugendlichen abzuschätzen, ist es sinnvoll, auf die Ergebnisse der
anonymen, unverknüpften Testung bei Neugeborenen zurückzugreifen.
Dabei wird nach der Geburt Restblut aus der Nabelschnur anonym auf
HIV-Antikörper getestet. Das Ergebnis gibt dabei Auskunft über eine
allfällige HIV-Infektion der Mutter. Seit 1993 wird diese Untersuchung bei
fast allen Geburten in Berlin, der deutschen Stadt mit den meisten
Aids-Fällen pro Einwohner gemacht. Inzwischen laufen derartige
Untersuchungen auch in Niedersachsen und Bayern. Das Robert Koch Institut in
Berlin, das für die Auswertung der deutschen Zahlen verantwortlich ist,
kommt dabei zu folgendem Schluß: "Die bisherigen Ergebnisse -
HIV-Prävalenzen bei gebärenden Frauen von deutlich unter 1 pro
Tausend - bestätigen die Annahme einer bisher geringen Ausbreitung von HIV
in der allgemeinen, heterosexuellen Bevölkerung." Eine ähnliche
Untersuchung wird seit 1991 auch in Paris gemacht. Allerdings wurde den Frauen
dort Blut abgenommen und anonym auf HIV untersucht, als sie eine
Schwangerschaft beendeten, unabhängig davon, ob sich um eine Geburt, einen
Schwangerschaftsabbruch oder eine Fehlgeburt handelte. Mehr als die Hälfte
aller HIV-positiven Frauen waren nach Frankreich eingewandert,
hauptsächlich aus Afrika. Und unter den in Frankreich geborenen Frauen kam
es zu einem leichten Rückgang an positiven HIV-Tests. Zusammenfassend
muß man sagen: Das HIV breitet sich in Europa seit mehr als 18 Jahren
aus. Trotzdem kommen alle großangelegten Untersuchungen zu dem
Schluß, daß es in der allgemeinen heterosexuellen Bevölkerung
keine nennenswerte Ausbreitung des HIV gibt.
Vor diesem Hintergrund scheint es notwendig
die Sexualaufklärung und Aids-Prävention neu zu überdenken.
Heterosexuelle, nicht i.v.-drogenabhängige Jugendliche mittels
undifferenzierter und angstmachender Präventionsbotschaften vor einer
Gefahr zu warnen, die weder subjektiv, noch objektiv in einem nachweisbaren
Ausmaß besteht, kann nicht zielführend sein. Vielmehr wird dadurch
die, für jede Aufklärung unabdingbare Glaubwürdigkeit
gefährdet. Andererseits fehlt den meisten Präventionsbotschaften der
explizite Hinweis auf die Gefährlichkeit des ungeschützten,
passiven/rezeptiven Analverkehrs, für Frauen ebenso wie für
homosexuelle Männer. Für sexuell aktive Menschen war Schutz in der
Sexualität schon in der Zeit vor Aids immer ein wichtiges Thema. Es
scheint notwendig zu sein an diese Tradition anzuknüpfen und in den
Aufklärungsbotschaften den Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft
und den klassischen sexuell übertragbaren Krankheiten wieder in den
Vordergrund zu stellen. Sinnvollerweise sollte dies in einer Art und Weise
geschehen, die den subjektiven Erfahrungen Jugendlicher entspricht. Femer
sollte auf jede Angstmache verzichtet werden, da sich gezeigt hat, daß
damit keine anhaltende Veränderung des Sexualverhaltens erreicht werden
kann. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß auch die Kirche
versucht hat mittels Angstbotschaften eine restriktive Sexualmoral unter die
Menschen zu bringen. Die letzte große Kampagne dieser Art, fand vor 35
Jahren statt und sollte die Einführung der Pille verhindern. Das
verwendete Bedrohungszenario der Kirche, Fegefeuer, Rückenmarksschwund
oder Verfall von Moral und Sitten, entsprach damals ebensowenig der Erfahrung
der Menschen, wie die angebliche Epidemie von Aids unter der heterosexuellen
Bevölkerung heute. Das Beharren der Kirche auf diesen falschen Bedrohungen
hat, wie wir nach nunmehr 2.000 Jahren wissen, weder unser Sexualverhalten
verändert, noch uns nach Sodom und Gomorrha geführt. Dafür ist
die Glaubwürdigkeit der Kirche, und in der Folge auch ihr Einfluß,
in einem damals nicht vorstellbaren Ausmaß geschrumpft.
Diese Untersuchung wäre nicht
möglich gewesen, ohne die Unterstützung der Österreichischen
Gesellschaft für Familienplanung und der Blutbanken des
Österreichischen Roten Kreuzes. Ich danke ihnen für ihre Mitarbeit.
Literatur: Robert Koch Institut. Berlin,
Bericht zur epidemiologischen Situation in der Bundesrepublik Deutschfand, zum
31.12.1996 Walther M. et al, Aids in der Bundeswehr - epidemiologische Daten,
Prävention und Therapie, Wehrmedizinische Monatsschrift; 1997,
Februar-März: 38-41 Couturier E. et al, Prevalence de l'infection VIH chez
les femmes enceintes de la region parisienne. une enquete anonyme non correlee:
Prevagest 1991-1993-1995-1997; Bulletin Epidemiologique Hebdomadaire, 1998,
18:73-5 |