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dargestellt an einer utopischen Geschichte
April 2003
Der Future-Store in Rheinberg bei Duisburg eröffnet.
Marion Z. als Test-Kundin ist beeindruckt: Wenn sie ihre neue Kundenkarte neben
den Einkaufswagen hält, wird sie von einem Display auf dem Griff
persönlich begrüßt und bekommt ihren persönlich
abgespeicherten Standard-Einkaufszettel, den sie vorher angeben mußte,
angezeigt. Bei jedem Einkauf ergänzt der Computer die Liste je nach den
ihren persönlichen Vorlieben. Per "Navigationssystem" auf dem Display wird
sie immer den optimalen Weg zum nächsten Produkt ihrer Einkaufsliste
geführt. Such-Zeiten entfallen. Außerdem: Weil Diebstahl durch die
RFIDs quasi unmöglich wird, sollen die Preise insgesamt sinken,
heißt es. Das Aufs-Band-Laden an der Kasse entfällt, die Zahlung
erfolgt per Karte. "Seeeeeehr praktisch!"
Mai 2003
Die ersten Vertreter des Handels besichtigen den Future
Store und sind begeistert! Nie wieder sind Waren ausverkauft, das
Nachfüllen der Regale kann zentral koordiniert werden. Keine
Preisauszeichnung mehr, weil die Preise direkt vom Zentralrechner auf die
Displays an den Einkaufswagen gegeben werden. Kunden können außerdem
über die Displays individuell mit Werbespots angesprochen und beworben
werden.
Supermarkt-Pächter Dietmar K. jubelt "Eine Revolution
für den Handel, wir gehen in ein goldenes Zeitalter!", in eine
Fernsehkamera.
September 2003
Die Redaktion von Spiegel-Online fällt auf die
Presse-Arbeit der Metro AG herein und lobt in einem redaktionellen Artikel
ausschließlich die Vorteile für die Verbraucher. Zum Beispiel sei es
jetzt möglich, dass Kunden sich über die Displays das genaue
Herkunftsland der Waren anzeigen lassen. Der Einkauf werde viel transparenter.
In der Marketing-Abteilung der Metro Gruppe knallen die Sektkorken. "Glauben
die echt, dass wir so doof sind, und da rein schreiben, dass diese Kaffeebohnen
von 5jährigen Kindern gepflückt worden sind???", wundert sich
Praktikantin Nina S.
Oktober 2003
Marion Z.aus Duisburg liest in der Zeitung einen Artikel zum
Big Brother Award und ist erschrocken über die
Überwachungsmöglichkeiten durch RFIDs. In einem Leserbrief wird
abgewiegelt: RFIDs wäre ja nicht gefährlich, man könne sie ganz
einfach in der Mikrowelle zerstören. Erschrocken wirft sie ihre letzten
FutureStore-Einkäufe in die Mikrowelle. Die Butter schmilzt, der
Reissverschluss an der Jeans sprüht Funken. OTon: "So ein Mist, das mache
ich nicht noch mal!" Ob die Chips dabei kaputt gegangen sind, weiß sie
nicht.
April 2004
Der Informatik-Student Lars H. (zweites Semester) entwickelt
im Auftrag des FoeBuD e.V. in Bielefeld einen kleinen, einfachen
Störsender, mit dem man das Auslesen der Daten durch RFIDs verhindern
kann. Marion Z.kauft sich einen davon. Lars H. bricht sein Studium ab und
gründet ein Start-Up-Unternehmen für diese Störsender. Den
Gewinn spendet er anteilig dem FoeBuD e.V.
Juni 2004
Die Supermarkt-Fachkraft Gerd J. ist begeistert von der
neuen Technik. Das lästige An-der-Kasse-Sitzen fällt weg, die Regale
sind leichter befüllbar, die Lager effektiver genutzt. Als er abends nach
Hause kommt, liegt dort ein Brief seiner Geschäftsleitung mit einer
Abmahnung. Er sei in den vergangenen Wochen durchschnittlich 9 Mal auf der
Toilette gewesen und habe dort pro Tag ca. 72 Minuten zugebracht. Das liege 27
Minuten über dem Soll und diese Zeit werde ihm zukünftig von seinem
Arbeitszeitkonto abgezogen. Entsetzt sucht er seinen Supermarkt-Kittel ab
und findet einen RFID im Kragensaum.
September 2004
Die RFIDs kosten jetzt nur noch 1 Ct. pro Stück und
unterliegen ab sofort einem gemeinsamen technischen Standard. Damit ist eine
flächendeckende Einführung in greifbare Nähe gerückt.
Oktober 2004
Schafskäse-Hersteller Karsten P. hat inzwischen 10 Faxe
der größten Handelsketten bekommen. Wenn er nicht innerhalb von drei
Monaten RFIDs in alle seine Verpackungen integriert, werden die
Lieferverträge mit ihm gekündigt. Karsten P., der sich bisher immer
gegen diese Technik gesträubt hat, gibt auch im Sinne seiner 75
Mitarbeiter nach.
November 2004
Marion Z. bekommt einen Bußgeldbescheid der Stadt
Duisburg. Das Papier eines von ihr gekauften Mars-Riegels wurde im Ententeich
des Stadtparks gefunden. Marion Z. grübelt und kommt darauf, dass sie den
Riegel einem Kind beim Martins-Singen geschenkt hat. Zähneknirschend zahlt
sie 10 Euro Bußgeld.
Januar 2005
Startup-Unternehmer Lars H. ist krank. Er bittet seine
Nachbarin Nina S., für ihn einkaufen zu gehen. Als sie ihm den Kassenbon
präsentiert, ist er verwundert, dass Nina S. für viele Produkte das
doppelte bezahlt hat. Sie stellen fest, dass zum Beispiel Toilettenartikel
für sie teurer sind als für ihn. Beim Vergleich mit Freunden stellen
sie fest, dass alle Frauen mehr für Toilettenartikel bezahlen als
Männer, dass Familien mehr für Videos bezahlen als Singles usw. Ein
Anruf bei der Verbraucherzentrale ergibt, dass das Wettbewerbsgesetz schon vor
Monaten in irgendeiner Ladenschlußzeit-Novelle mit geändert worden
ist. Gegen diese "PreisDiskriminierung", wie der Fachbegriff lautet, könne
man jetzt nichts mehr unternehmen.
April 2005
Supermarkt-Fachkraft Gerd J., inzwischen arbeitslos, weil er
seine Toiletten-Zeiten nicht in den Griff bekommen hat, geht tanken. Da der
RFIDs an der Kaugummi-Packung in seiner Jackentasche nicht im Supermarkt
zerstört wurde, wird er als Kaugummi-Kauer identifiziert und die
Tanksäule spielt ihm währenddes Wartens Werbespots für
Konkurrenz-Kaugummis vor.
Juli 2005
Start-up Unternehmer Lars H. kauft sich einen neuen
intelligenten Kühlschrank. Dieser Kühlschrank weiß aufgrund der
RFIDs, was er geladen hat, welcher Joghurt am Verfallsdatum ist und was als
nächstes eingekauft werden muss. Über das Internet kann der
Kühlschrank selbständig nachbestellen oder den Display-Einkaufszettel
im Supermarkt ergänzen. Außerdem macht er über ein Display in
der Tür Rezeptvorschläge. Nachts träumt Lars H. davon, dass sein
Kühlschrank für sich eigenmächtig jeden Abend eine Pizza Tonno
bestellt und mit dem Toaster zusammen aufisst. Er wird schweißgebadet
wach. Verkatert findet er morgens im Briefkasten eine Ermahnung seiner
Krankenkasse. Sein Speiseplan weise zu viel Far bund Konservierungsstoffe auf,
steht da. Wenn er seine Ernährung nicht umstelle, werde ab Anfang
kommenden Jahres sein Versicherungsbeitrag erhöht.
August 2005
Marion Z.steht vor ihrem Supermarkt und die Tür
öffnet sich nicht. Die erste Frage des Marktleiters: "Haben Sie vielleicht
einen Störsender in der Tasche , der die Registrierung Ihrer Daten
verhindert? Dann kommen sie hier nicht mehr rein." Das gleiche erleent sie
bei fast allen Supermärkten in ihrer Umgebung. Ab sofort lässt sie
den Stör-Sender zu Hause. Abends findet sie im Altpapier einen
Zeitungsartikel aus dem November 2003: "Datenschützer sehen Gespenster -
Metro-Gruppe sagt, Schwarzmalerei völlig unrealistisch"
Wir wiederholen noch einmal: Die obigen Szenarien sind sehr
eng an die konkreten Planungen der RFID-Lobbyisten angelehnt und werden zum
Teil schon in Pilot-Projekten getestet. Es gibt vertrauliche
Marketing-Strategie-Papiere, die von CASPIAN, einer amerikanischen
Verbraucherschutzorganisation, gefunden und im Internet öffentlich
zugänglich gemacht worden sind. Darin steht ausdrücklich, dass es
eine der wichtigsten Aufgaben ist, die Sorge der Verbraucher um den Schutz
ihrer Privatsphäre durch MarketingMaßnahmen zu zerstreuen. Eine
solche Zielvorgabe sollte besonders mißtrauisch machen.
Die vorstehende utopische Geschichte ist durchaus
wirklichkeitsnah und droht uns schon in allernächster Zeit. . Um eine
solche Entwicklung zu verhindern müßte, notfalls gesetzlich,
durchgesetzt werden, daß die Selbstbedienungsläden auch neutrale
Kundenkarten ohne Adressenangabe am Eingang verteilen. |