Der Fernsehjournalist Dr. Franz Alt hat sich in den
letzten Jahrzehnten vor allem durch sein engagiertes Eintreten für
Umweltschutz und eine neue, solar orientierte Energiepolitik einen Namen
gemacht. Auf dem zweiten Weltforum für Erneuerbare Energien vom 28.-31. 5.
2004 in Bonn stellte er ein Konzept für einen globalen Marshall-Plan vor,
der nicht nur die vielfältigen Probleme durch Verbrennung fossiler
Energieträger lösen, sondern auch Arbeitslosigkeit und Hunger auf der
Welt reduzieren soll. In diesem Artikel können Sie den vollen Wortlaut des
Vortrages von Franz Alt in deutscher Sprache lesen.
Die vier reichsten Amerikaner besitzen derzeit mehr
Geld als eine Milliarde der ärmsten Menschen in dieser Welt. Ist das ein
Rezept für eine bessere Welt? Die USA geben momentan innerhalb von 32
Stunden mehr Geld für das Militär aus als die Vereinten Nationen
für ein ganzes Jahr zur Verfügung haben. Ist das ein Rezept für
eine bessere Welt? Die Industrienationen verbrauchen an einem Tag eine Menge an
Kohle, Gas und Öl, für die Mutter Natur 500.000 Tage benötigte,
um sie zu erschaffen. Ist das ein Rezept für eine bessere Welt in der
Zukunft? Mit diesem Szenario ist es für jeden Menschen offensichtlich,
dass die heutige globalisierte Welt auf dem falschen Weg ist.
Selbst die Millennium Development Goals
(Entwicklungsziele für das neue Jahrtausend, Anm. d. Red.), auf die sich
die Weltgemeinschaft der Vereinten Nationen zu Beginn des neuen Jahrtausends
fest verpflichtet hat, konnten noch keinen nennenswerten Wandel einleiten. Zum
Beispiel erkennen wir jetzt, dass das Ziel, die Anzahl der Hungernden auf der
Welt zu halbieren, nicht erreicht werden kann.
Das Geld ist da, der politische Wille ist es nicht. In
keinem Jahrhundert hat die Menschheit so viele materielle Werte angehäuft
wie in den letzten hundert Jahren doch Hunger plagt die Welt bis heute.
Es gibt immer noch zwei Milliarden Menschen, die versuchen müssen, mit
weniger als zwei Dollars pro Tag zu existieren. Und 26.000 Menschen müssen
jeden Tag an Hunger sterben.
In dieser Situation haben die Initiatoren des globalen
Marshall-Plans ein realistisches Konzept für eine bessere Welt
ausgearbeitet basierend auf einer weltweiten ökosozialen
Marktwirtschaft und gegründet auf hundertprozentig erneuerbare
Energien. Konkret bedeutet dies
- Ökologische Standards für eine tragfähige
Wirtschaft
- Die Wurzeln des Terrorismus ohne Krieg zu beseitigen
- Ein neues Weltwirtschaftswunder zu erreichen, basierend
auf einer solaren Weltwirtschaft
- Überwindung des Hungers in der Welt
Eine solare Weltwirtschaft bedeutet Millionen neuer
Arbeitsplätze, so wie es auf diesem zweiten Weltforum für Erneuerbare
Energien nachgewiesen wurde, mehr Umweltschutz, mehr Sicherheit. Die wichtigste
politische Frage des 21. Jahrhunderts wird sein: Krieg für Öl oder
Frieden durch die Sonne? Nur eine hundertprozentige Kehrtwendung zu
erneuerbaren Energien kann Konflikte um die verbliebenen Ressourcen der Welt
verhindern. Unser Konzept ist es, Europa an die Spitze einer weltweiten
Bewegung zur Realisierung dieses ökosozialen globalen Marshall-Plans zu
setzen. Die USA selbst haben nach dem zweiten Weltkrieg gezeigt, dass solch ein
Marshall-Plan erfolgreich implementiert werden kann. Mit weniger als zwei
Prozent ihres eigenen Bruttosozialprodukts haben die USA klar demonstriert,
dass Europa, das total zerstört war, wieder aufgebaut werden konnte.
Warum sollte ein solcher Erfolg heute nicht auch
möglich sein? Warum können alle Industrienationen zusammen nicht in
der Lage sein, eine ähnliche Erfolgsstory zu erreichen und den
ärmeren Ländern der Erde eine neue Lebensperspektive zu geben? Die
ökonomischen und globalen Finanzexperten, die diesen globalen
Marshall-Plan unterstützen, haben geschätzt, dass 120 Milliarden
Dollar pro Jahr benötigt werden, um diesen Plan zu realisieren. Setzen wir
dies in die richtige Perspektive: Allein für das Militär geben die
USA mehr als 400 Milliarden Dollar pro Jahr aus.
Oder ein anderer Vergleich: Heute tragen die
Industrienationen 0,2 Prozent ihres Bruttosozialprodukts zur Entwicklungshilfe
bei. Wir brauchen diese Mittel nur zu verdoppeln, um die Ziele des globalen
Marshall-Plans zu finanzieren. Mit Sicherheit sind 0,4 Prozent unseres
Bruttosozialprodukts ein kleiner Preis, den wir für eine
überlebensfähigere und sicherere Welt bezahlen würden? 0,4
Prozent, die nur ein Drittel jener 1,3 Prozent wären, die die USA nach dem
zweiten Weltkrieg investierten. Diese Beispiele zeigen, dass ein solcher
globaler Marshall-Plan realistisch finanzierbar ist.
Daher hat dieser Plan die Unterstützung solcher
Leitfiguren wie Kofi Annan, Michail Gorbatschow, Hans Küng, Klaus
Töpfer, Al Gore, George Soros, Hermann Scheer, Lutz Wicke, Ernst Ulrich
von Weizsäcker und Franz Josef Rademacher sowie der Mitglieder des Club of
Rome und des Club of Budapest.
Alle diese Unterstützer haben sich selbst
verpflichtet, die Anstrengungen zu fördern, um den globalen Marshall-Plan
durchzusetzen. Wenn wir wirklich den Willen haben, es zu tun, können wir
Hunger und Mangelernährung innerhalb der nächsten Jahrzehnte ins
Museum der Geschichte verbannen. Wir können sicherstellen, dass kein Kind
in dieser Welt mehr hungrig in die Zukunft gehen wird. Die Vorbedingung
dafür ist eine dauerhafte Unterstützung tragfähiger Energien.
Keine Energie keine Entwicklung.
Aber die heutige Mischung fossiler und nuklearer
Energien hat keine Zukunft mehr. Das Öl wird vielleicht noch vierzig Jahre
reichen. Aber unsere Sonne wird noch etwa 4,5 Milliarden Jahre strahlen. Und
der größte ökonomische Vorteil dieser ökologischen Energie
ist: Sonne, Wind und Wasser senden uns keine Rechnung. Im letzten Jahrzehnt hat
sich der Preis fossiler Energieträger verdoppelt, währen der Preis
erneuerbarer Energien sich halbierte. In nur wenigen Jahren werden erneuerbare
Energien sogar billiger sein als die derzeitigen fossilen Energien.
Speziell im Interesse der ärmeren Gesellschaften
der Welt müssen wir die Vor- und Nachteile der unterschiedlichen
Energieformen abwägen, die uns in der Zukunft zur Verfügung stehen
werden. Die alten Energien sind Auslaufmodelle. Sie werden immer teurer, und
die ärmsten Länder können sie sich heute schon nicht mehr
leisten. Die alten Energien zerstören die Umwelt und sorgen für einen
kontinuierlichen Flüchtlingsstrom von Süd nach Nord.
Heute gibt es, so Klaus Töpfer, bereits 18
Millionen Flüchtlinge in Afrika, die nur auf der Suche nach neuen
Wasserquellen unterwegs sind. Und George W. Bush gibt uns einen Vorgeschmack
darauf, wie zukünftige Kriege im globalen Kampf um Energie aussehen
werden. Krieg führt immer ins Chaos. Erneuerbare Energien führen zum
Frieden. Es gab niemals Kriege um die Sonne und wird sie niemals geben, oder um
den Wind oder Energien aus Biomasse. Jede Solarzelle, jeder Sonnenkollektor und
jede Windmühle ist ein Zeichen des Friedens. Aber jedes Atomkraftwerk ist
eine Einladung für Terroristen. Die Sonne ist die einzige Einnahmequelle,
die die Welt hat. Alles andere ist nur eine Umwandlung von Sonnenenergie oder
in der Tat Ausbeutung. Ohne Sonne kein Leben, keine Arbeit, keine Jobs.
Aber: Es gibt keine Bush-Sonne, keine
Saddam-Hussein-Sonne oder Bin-Laden-Sonne. Die Sonne scheint für uns alle.
Es gibt auch keine Aral-Sonne, keine Esso-Sonne und keine BP-Sonne. Vor 2000
Jahren sagte Jesus in seiner Bergpredigt: Unser himmlischer Vater
lässt die Sonne auf die Gerechten und Ungerechten gleichermaßen
scheinen. Das heißt, auf Bush, auf Bin Laden und auf uns alle hier
in diesem Raum. Unsere nächsten Schritte zur Realisierung des globalen
Marshall-Plans:
- Im Herbst und Winter 2004 werden die Unterstützer
des Plans die Europäische Union und die nationalen Parlamente sowie die
Europäische Kommission kontaktieren. Wir werden der Europäischen
Union vorschlagen, eine Initiative für einen globalen Marshall-Plan zu
starten. Die Europäische Union sollte ein entsprechendes Konzept in der
Zukunft als eine gemeinsame europäische Position auf allen
zukünftigen Weltgipfelkonferenzen einbringen.
- Im Winter und Frühling 2005: Die Version der
Kommission wird offengelegt, und ein Report wird erstellt.
- 2006: Ein weltweiter Konsens über den globalen
Marshall-Plan wird erreicht.
- Vorbereitung für die Implementierung bei den
beteiligten Organisationen im Jahr 2007.
- Auf der Rio plus 15 Weltgipfelkonferenz im Jahre 2007
wird die Implementierung des globalen Marshall-Plans beschlossen.
- In den Jahren 2008-2015 wäre die Periode der realen
Implementierung. Nach 2015 hoffen wir, eine weltweite ökosoziale
Marktwirtschaft zu haben. Um diese Ziele zu erreichen, benötigen wir die
Unterstützung der internationalen Wirtschaft.
- Hier noch einmal unsere wichtigsten zwei Ziele:
- Halbierung der Anzahl an Menschen mit einem Einkommen von
weniger als einem Dollar pro Tag und
- Die Möglichkeit einer Grundschulausbildung für
alle Kinder.
- Schulbildung und erneuerbare Energien sind die
wichtigsten Bedingungen für eine bessere Welt und das bedeutet eine
friedliche Welt.
Derzeit wird die Initiative für einen globalen
Marshall-Plan unterstützt von einer Gruppe von NGOs (Non-governmental
organizations, regierungsunabhängige Organisationen, Anm. d. Red.) und
Vereinigungen sowie durch prominente Persönlichkeiten. In den
nächsten Monaten soll die Basis signifikant erweitert und
internationalisiert werden, sowohl in Europa als auch später weltweit. Wir
bitten Sie alle, uns zu unterstützen. Weitere Informationen über die
globale Marshall-Plan- Initiative, vor allem unsere Ideen zur Finanzierung des
Plans, finden Sie unter
Global
Marschallplan Initiative |