Abbild und Symbol
Als
grösstes erhaltenes, aus Holz gearbeitetes Architekturmodell eines
einzelnen Gebäudekomplexes ist das Hamburger Modell des Salomonischen
Tempels heute von einzigartiger Bedeutung für die Kunstgeschichte
einerseits, aber auch für die Erforschung kultur- und
geistesgeschichtlicher, sowie religionsgeschichtlicher Zusammenhänge der
Barockzeit andererseits.
Eine Reise nach Hamburg lohnt sich immer
wieder. Hamburg ist eine kulturell interessante Stadt mit vielen zum Teil
versteckten Sehenswürdigkeiten. Eine davon ist das Modell des
Salomonischen Tempels im Museum für Hamburgische Geschichte. Dieses Modell
aus der Barockzeit, das im Auftrag von Gerhard Schott ausgeführt worden
ist, bildet ein einzigartiges Kunstwerk, das allein eine Reise wert ist.
Die Ausmasse dieses Modells sind
beeindruckend. Die Vierflügelanlage ruht auf einem quadratischen Grundriss
von rund 3,5 x 3,5 m. Jeweils zwei Querflügel unterteilen die Fläche
in neun quadratische Binnenhöfe. Nur zur Rückseite hin, der
biblischen Orientierung gemäss nach Westen zu, sind die beiden Höfe
der Mittelachse zu einer Einheit zusammengefasst, da hier der Quertrakt
unterbrochen ist. In diesem grösseren, längsrechteckigen Hof steht
das eigentliche Tempelgebäude, gestaltet wie eine aufgedoppelte Basilika,
vor der im Osten querrechteckig zum übrigen Gebäudeteil, turmartig
die dreistöckige Ostfassade aufgeführt ist.
Das Innere des Tempelgebäudes ist
entsprechend den biblischen Angaben genau ausgeführt und teilt sich in
«Ulam», den Vorhof im Fassadenturm, «Hekal», den
Hauptraum für den Gottesdienst mit Altar und Leuchter, und
«Debir», das Allerheiligste, in dem die Bundeslade und die Cherubim
aufgestellt sind. Die Portale zum «Hekal» und das Allerheiligste
sind wie die bewegliche Ausstattung vergoldet und teilweise mit farbigen
Edelsteinattrappen besetzt.
Die übrigen Gebäudeteile sind
mit jeweils drei Geschossen aufgeführt, deren Höhe nach oben zu
abnimmt. Wie am eigentlichen Tempel sind auch ihre Fassaden nach der
korinthischen Ordnung gegliedert, am Tempel durch kannelierte Pilaster, sonst
durch Halbsäulen, jeweils mit korinthischen oder kompositen Kapitellen.
Die Untergeschosse sind zu den Höfen hin als Rundbogenarkaden angelegt.
Als Reliefs umrahmen Palmenzweigen, Girlanden und Festons die mit Gittern
besetzten rechteckigen und runden Fenster. An den äusseren Ecken sowie an
den Kreuzungen der Gebäudeflügel werden die italienischen
Satteldächer durch quadratische pavillonartige Aufbauten unterbrochen, die
von kleinen Laternen bekrönt sind. Auch die Mittelteile der Flügel
mit den äusseren und inneren Toren tragen kleine Dachpavillons.
Der Erbauer des Modells ruinierte sich finanziell
Erbaut wurde das einzigartige Modell
zwischen 1680 und 1692 im Auftrag des Hamburger Juristen und späteren
Ratsherrn Gerhard Schott. Als Sohn eines Weinhändlers 1641 in Hamburg
geboren, studierte Schott in Helmstedt, Heidelberg und Basel Jura und liess
sich nach einer ausgedehnten Reise durch Frankreich, Deutschland, Holland und
Schweden als Advokat in seiner Heimatstadt nieder, wo er durch seine Heirat mit
Anna Caecilia von Spreckelsen vielfältige Verbindungen zu den
führenden Schichten knüpfte. 1677 war er der Hauptbegründer der
ersten deutschen Bürgeroper in Hamburg, in deren Räumen seit 1692 das
dann nie vollendete Tempelmodell anlässlich der Aufführung der
Conradischen Oper «Die Zerstörung Jerusalems» gezeigt
wurde, doch war es nicht als Bühnendekoration gedacht. Was Schott, der
1702 starb, wirklich bewogen hat, das aufwendige Modell, das ihn vermutlich
über 16000 Mark damaliger Währung gekostet hat, anfertigen zu
lassen, blieb schon für seine Umgebung kaum verständlich. Am Modell
selbst hatten die besten Handwerker und Künstler der damaligen Zeit
gearbeitet. Schott selbst hat praktisch sein ganzes Vermögen in dieses
Modell gesteckt. Sein Interesse für alle geistigen Strömungen seiner
Epoche ist vielleicht eine Erklärung für seine Motivation. Die
Beschäftigung mit der Rekonstruktion des Salomonischen Tempels war
für die barocke Welt weit mehr als eine geistige Spielerei.
Überlieferung und bildliche Darstellung
Im Alten Testament finden sich an drei
Stellen eingehende Beschreibungen des Tempels zu Jerusalem: im 1. Buch der
Könige im 6. und 7. Kapitel, in denen der Bau des Tempels und der
königlichen Paläste durch Salomo geschildert wird und deren Abfassung
vermutlich auf zeitgenössische Berichte zurückgeht, also als
authentisch angesehen werden darf. In der darauf fussenden Darstellung
desselben Geschehens im 2. Buch der Chronik im 2 4. Kapitel, das
wahrscheinlich jedoch erst nach 400 v. Chr. entstanden ist, als der
Salomonische Tempel schon gar nicht mehr existierte, und schliesslich in der
Vision des Propheten Ezechiel im 40. bis 43. Kapitel, die wohl in der Zeit des
Babylonischen Exils niedergeschrieben worden sind, nachdem Nebukadnezar 586 v.
Chr. den Tempel völlig zerstört hatte. Doch dürfte der Verfasser
den Salomonischen Tempel aus den letzten Jahren vor der Vernichtung noch
gekannt haben und ihn seinen Vorstellungen von der künftig wieder
erstehenden Herrlichkeit zugrunde gelegt haben. Auf Ezechiels Beschreibung des
Tempels geht denn auch die Schilderung des Himmlischen Jerusalem durch Johannes
in der Offenbarung, Kapitel 21, im Neuen Testament zurück. Aber dieses
neue Jerusalem braucht kein besonderes Tempelgebäude mehr; es ist selbst
als Ganzes ein Tempel.
Für die Juden, wie auch später
für die Christen, war der Tempel Salomons ein Bau im göttlichen
Auftrag, der genau nach Gottes Anweisungen und Massregeln ausgeführt
wurde, in Grundriss und Portionen also einem Bauplan Gottes folgte, und damit
die höchste irdische Vollendung der Architektur bedeutete.
Die Entwürfe zu dem Bau waren nach
der Überlieferung im 1. Buch der Chronik, Kapitel 28, David von Gott
eingegeben worden, und der König gab sie an seinen Sohn und Nachfolger
Salomo weiter. Diese Sätze stehen allerdings nicht in dem älteren
Buch der Könige, sondern sind vermutlich als Parallele zu der in
Priesterkreisen um 600 v. Chr. niedergeschriebenen Erzählung vom Bau der
Stiftshütte durch Moses (2. Buch Moses, Kapitel 25-27) entstanden, die
ebenfalls nach den Vorschriften Gottes errichtet worden war.
Die Geschichte des Tempelberges
Der von König Salomo 964 v. Chr.
begonnene Tempelbau war mehr als ein Kultzentrum, sondern schon für die
Juden vor dem babylonischen Exil sichtbarer Ausdruck göttlicher Ordnung.
An dieser Stelle sollte Abraham seinen liebsten Sohn Isaak auf einem Altar als
Brandopfer darbringen. Als er sich anschickte, seinen Sohn zu töten,
vernahm er die Stimme des Erzengels Michael, der ihm im Auftrag Gottes
mitteilte, er möge Isaak am Leben lassen. Die Opfertat sei bereits durch
den bekundeten Willen erfüllt. Abraham war erleichtert und fing als Ersatz
einen herumlaufenden Widder ein, den er Gott darbrachte.
Nach der Zerstörung des Tempels im
Jahre 586 v. Chr. erhielt er erst recht geistige Bedeutung. Als der
Perserkönig Kyros dann 538 den Juden die Rückkehr nach Jerusalem
erlaubte, begannen sie unter Serubbabel 520 v. Chr. mit der Wiedererrichtung
des Tempels nach dem Salomonischen Vorbild, jedoch in kleineren Dimensionen.
Erst der Idumäer-König Herodes entschloss sich, zum Teil auch aus
politischen Gründen, um sich als echter Nachfolger der Davidschen Dynastie
zu erweisen, zum Ausbau in grossartigen Dimensionen. Von 20 v. Chr. bis etwa 30
n. Chr. wurde an der Tempelanlage auf dem Berge Moria gebaut. Doch schon
vierzig Jahre später standen hier nach der Zerstörung des Tempels
durch die Römer unter dem späteren Kaiser Titus nur noch Reste der
Umfassungsmauern.
Wie die historischen Tempelbauten auf dem
Berg inmitten des heutigen Jerusalem tatsächlich ausgesehen haben, ist
trotz aller archäologischen Bemühungen bis heute nicht in allen
Einzelheiten geklärt. Erschwert wird die Grabungsforschung auf dem
Tempelberg ausser durch religiöse Tabus der Juden dadurch, dass die
Plattform des Berges nach der Einnahme Jerusalems durch die Araber 638 nach
Chr. auch muslimisches Heiligtum wurde, entsprechend der im 1. Vers der 17.
Sure des Korans geschilderten visionären Reise Mohammeds, der von diesem
Platz aus über eine magische Leiter zu den sieben Himmeln aufstieg. Die
Abdrücke der Hufe des weissen Pferdes von Mohammed sind heute noch im
Felsen eingeprägt. 691 nach Chr. wurde der Felsendom vollendet, dessen
Mittelpunkt das Felsenfundament, mit höchster Wahrscheinlichkeit als die
Stelle des Allerheiligsten der jüdischen Tempelbauten identifiziert werden
konnte.
Vorbild: das Modell des Jesuitenpaters Villalpando
Von 1596 1605 erschien in Rom das
zweibändige, reich illustrierte Werk «In Ezechielem Explanationes et
Apparatus Vrbis ac Templi Hierosolymitani Commentariis et Imaginibus
Illustratus», verfasst von den beiden spanischen Jesuiten Hieronymo Prado
und Juan Bautista Villalpando. Der zweite Band war allein Villalpandos Werk und
er enthielt einen Rekonstruktionsversuch des Tempels und der Tempelgeräte.
Die Vision des Ezechiel wurde von Villalpando ohne Einschränkung als
Beschreibung des alten Salomonischen Tempels angesehen und die dortigen
Massangaben zur Grundlage der Rekonstruktion genommen.
Villalpando hatte mit seiner Darstellung
wie kein anderer vor und neben ihm für die christliche Welt des Barocks
alles symbolische, theologische und kunsttheoretische Gedankengut um den Tempel
zusammengefasst. Der Wiener Architekt Johann Bernhard Fischer von Erlach, der
den Salomonischen Tempel an den Anfang seines 1721 erschienenen «Entwurfs
einer historischen Architektur» gestellt hatte, verliess sich ganz auf
die Angaben von Villalpando. Das Architekturmodell von Hamburg stützt sich
voll auf die Massangaben von Villalpando. Das Modell ist im Massstab 1:500
ausgeführt.
Die Ordnung Gottes im Chaos der Welt
Zwei Gedanken aus Villalpandos
Rekonstruktionsversuch, die auch im Hamburger Modell Eingang gefunden haben,
haben die Architektur des Barocks beeinflusst. Der quadratische Grundriss und
seine Überlegungen zum Säulenschmuck. Der quadratische Grundriss
übertrug sich auch auf verschiedene Klosterbauten aus dieser Zeit. Der
Tempel in Jerusalem war der Sitz der Weisheit und der Lehre, der Ort für
Rechtsprechung und Verwaltung; Funktionen, die im Idealfall das Rathaus
für die Bürger einer städtischen Republik verkörpern.
Dieser Gedanke dürfte bei Schotts Tempelidee auch eine Rolle gespielt
haben.
Zu der göttlichen Ordnung des
Quadrates gesellte sich die, ebenfalls nach Gottes Anweisung errichtete
«salomonische Säule», die in Wirklichkeit eine abgewandelte
korinthische war.
Seit Plato hatte das Abendland eine von
Gott gefügte mathematisch-harmonische Ordnung, die Himmel und Erde
verband, seinem Denken zugrunde gelegt. Schotts Modell, in einem Hamburg voll
umstürzlerischer politischer Ereignisse entstanden, bildete gleichsam
einen Höhe-, aber auch den Endpunkt des Glaubens an die Harmonie aller
Dinge. Kommende Generationen würden sich auf andere Ordnungsprinzipien
berufen. Die Idee einer göttlichen Ordnung, die sich in der irdischen Welt
verwirklichen liesse, wie sie das Hamburger Tempelmodell symbolhaft vorstellt,
blieb die unerfüllbare Sehnsucht einer wirren, freudlosen Zeit. Zionismus Moderne Interpretation eines alten
Motivs |