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29.07.2004 Jürgen Elsässer Info von:   junge Welt
Zu zweit gegen die WAZ?
Einer der mächtigsten deutschen Medienkonzerne führt einen existenzbedrohenden Prozeß gegen die junge Welt. Doch die hat einen starken Verbündeten
»Allein gegen WAZ und Mafia?« – Unter dieser Überschrift erschien in der Wochenendausgabe der jungen Welt vom 27./28. September 2003 ein Interview, das mittlerweile zum Spielstein im europäischen Medienkrieg geworden ist (siehe PDF-Dateien; für die geschwärzten Passagen war im nachhinein ein vorläufiges Veröffentlichungsverbot erwirkt worden). In der Unterzeile hatte es damals geheißen: »Über das Presseimperium um die Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ), das sich nach Südosteuropa ausgedehnt hat und zielstrebig an der Kontrolle der Medien auf dem Balkan arbeitet. Ein prominenter Österreicher hat nun den Kampf gegen den Großkonzern aufgenommen.« Der besagte Österreicher ist Michael Dichand, der älteste Sohn von Hans Dichand und damit Erbe der österreichischen Kronen-Zeitung. Das Boulevardblatt verkauft täglich knapp 850000 Exemplare und wird von 43 Prozent der Österreicher gelesen – ein Reichweiten-Weltrekord.

Was Dichand mir im Interview sagte, war eine Premiere – die junge Welt war die erste deutsche Zeitung, der er Rede und Antwort stand. Die Reaktion der Kritisierten fiel harsch aus: Sowohl die WAZ wie auch ihr Geschäftsführer Bodo Hombach strengten anschließend Prozesse zum einen gegen Dichand, zum zweiten gegen die junge Welt an. In den Hauptsacheverfahren, die am morgigen Freitag vor dem Hamburger Landgericht mit einer mündlichen Verhandlung fortgesetzt werden, geht es alleine in dem Verfahren WAZ gegen junge Welt um einen Streitwert von 150000 Euro. Im Falle einer juristischen Niederlage würde das für die junge Welt Folgekosten verursachen, die die Zeitung gefährden könnten.


»Unter Lebensgefahr«

Streitgegenstand sind Behauptungen in dem abgedruckten Gespräch, die sich auf die Geschäftspraktiken der WAZ bei Zeitungskäufen in Südosteuropa beziehen – vom befragten Dichand wurden in diesem Zusammenhang Kontakte des Hombach-Konzerns zum später ermordeten serbischen Premier Zoran Djindjic und zu noch weit umstritteneren Personen vor allem in Kroatien problematisiert. Obwohl sich die junge Welt Dichands Ansichten nicht zu eigen gemacht hat, sondern ich als Interviewer die journalistisch gebotene Distanz durch kritische Zwischenfragen gewahrt habe, wird nun auch die junge Welt belangt – wegen der »Verbreitung« der inkriminierten Aussagen Dichands. Sollte sich diese Rechtsauffassung durchsetzen, wäre die Pressefreiheit massiv eingeschränkt. Jedes Medium würde künftig davor zurückschrecken, Kritiker eines Großkonzerns um ein Interview zu bitten. Auch wenn man dessen Positionen nicht teilte, müßte man, wie in unserem Fall, mit Klagen in sechsstelliger Höhe und darüber hinaus rechnen. Übrig bliebe harmloses Geplauder à la Sabine Christiansen – die Simulation von Kontroverse und Pluralismus in einer formierten Gesellschaft.

Doch es geht nicht nur um die berufliche, sondern auch um die physische Existenz der Menschen, die sich gegen Mafiapraktiken zur Wehr setzen. Aktuelle Ereignisse auf dem Balkan werfen »ein Schlaglicht darauf, in welcher Weise die Meinungs- und Redefreiheit, der unabhängige Journalismus und die Demokratie auf dem Balkan in Gefahr sind«, schreibt unser Anwalt Alexander Graf von Kalckreuth in einem Schriftsatz an das Landgericht Hamburg von Anfang Juni. »In einem Maße, wie man es sich in der funktionierenden Demokratie und dem stabilen Rechtsstaat der Bundesrepublik Deutschland nicht vorstellen kann, sieht sich der unabhängige und machtkritische Journalismus auf dem Balkan Repressalien ausgesetzt. Mutigen Journalisten und Informanten droht dauerhaft und konkret Lebensgefahr. In der letzten Woche, am Freitag, dem 28. Mai 2004, wurde in Montenegro der Chefredakteur der konservativen Tageszeitung Dan ermordet. Wie der als Anlage ... beigefügte Pressebericht dazu informiert, ist Dusko Jovanovic vor dem Redaktionsgebäude in Podgorica von Tätern mit Maschinenpistolen geradezu hingerichtet worden. Der Chefredakteur hatte wiederholt die Regierungskoalition von Ministerpräsident Milo Djukanovic kritisiert und galt als Nahestehender der Opposition. Dieser erschütternde und aufsehenerregende Mord ist nur die Spitze des Eisberges von unzähligen ›kleinen‹ Morden, Überfällen von Schlägertrupps und anderen Maßnahmen auf dem Balkan gegen diejenigen, die die Demokratie und die pluralistische Meinungsbildung gefährdende Strukturen öffentlich publizistisch aufdecken. Dementsprechend ist es für die Beklagte (die Tageszeitung junge Welt, Anm. J. E.) besonders schwer, umfassende und detaillierte Tatsachen vorzutragen. Es ist vor dem Hintergrund des aktuellen Mordes sicherlich keine Übertreibung, wenn man feststellt, daß sämtliche, bereits vorgetragene, Fakten und Informationen zu den streitgegenständlichen Punkten aufgrund ihrer hohen Brisanz von den Informanten und auch von Herrn Michael Dichand selbst unter Lebensgefahr eingeholt wurden.«


Ein expansiver Medienriese

Auf Empfehlung unseres Anwaltes können wir an dieser Stelle jene Behauptungen einstweilen nicht wiederholen, die Gegenstand der Klage der WAZ sind. Dazu gehört allerdings nicht die folgende Aussage von Dichand, die man zum Verständnis der Vorgänge unbedingt im Hinterkopf haben sollte: »Hinter der WAZ stehen die deutsche Politik und die deutsche Industrie, stehen ihre Interessen auf dem Balkan. Dort unten gibt es sehr interessante Rohstofflager ...«

Um die Bedeutung der WAZ insbesondere in der Ost- und Südosteuropastrategie des deutschen Kapitals zu veranschaulichen, seien an dieser Stelle einige Passagen aus einem Aufsatz des Medienwissenschaftlers Horst Röper (Formatt-Institut) zitiert, die auf einer Website der ARD wiedergegeben sind (http://www.ard-werbung.de/)

»Der WAZ-Konzern in Essen ... hat zumindest die ersten beiden Jahre der Werbekrise bei praktisch gleichbleibendem Umsatz gegenüber dem letzten Boomjahr 2000 überstanden (Umsätze in 2000: 1 923 Millionen Euro; 2001: 1 992; 2002: 1 983). Dies dürfte auch für 2003 gelten, für das noch kein Gesamtumsatz genannt worden ist. Den nachlassenden Umsatz im Inland scheint der Konzern durch erhöhte Umsätze im Ausland auszugleichen. Nach Angaben von Geschäftsführer Erich Schumann lag der Auslandsumsatz im Jahr 2002 bei 43 Prozent des Gesamtumsatzes. Da im Inland zuletzt größere Akquisitionen ausgeblieben sind, dürfte sich der Auslandsanteil noch weiter erhöht haben, denn insbesondere in den Balkanländern hat der Konzern weitere Zukäufe getätigt und dürfte dort inzwischen das führende Medienunternehmen sein.

Neben den Zeitungen, Zeitschriften und Druckereien in Bulgarien, Kroatien, Serbien und Rumänien hat der Konzern im letzten Jahr Beteiligungen an drei Tageszeitungen in Mazedonien übernommen, mit denen er den kleinen Markt des Landes deutlich beherrscht. Auch in der serbischen Vojvodina wurde die führende Zeitung übernommen und damit die Position in Serbien weiter ausgebaut. Zudem hat sich der Konzern auch erstmals in Griechenland engagiert. An der Lambrakis Press wurde ein Minderheitsanteil übernommen. Der angekündigte Schritt in den türkischen Markt blieb bislang aus ... In Ungarn, wo insbesondere Regionalzeitungen verlegt werden, hat der Konzern ein Magazin mehrheitlich übernommen. Die Zeitschrift HVG berichtet insbesondere über Politik und Wirtschaft und ist damit in einem Marktsegment angesiedelt, das der Konzern im Inland nicht bearbeitet.«


Kartellbehörde contra WAZ

Weiter schreibt Röper: »Der WAZ-Konzern gehört zu jenen Großverlagen, die sich intensiv für eine Novellierung des Kartellrechts einsetzen und sich davon eine deutliche Deregulierung erhoffen. Vermutlich hat kein anderer Verlag so häufig Probleme mit dem Bundeskartellamt gehabt und seine Interessen durch die gerichtlichen Instanzen verfochten wie der WAZ-Konzern. In den meisten Fällen behielt allerdings das Kartellamt das letzte Wort, so auch in bezug auf eine Anteilsreduzierung bei der Ostthüringer Zeitung in Gera. Derzeit gehört die Zeitung aber immer noch vollständig zum Konzern. Das Bundeskartellamt hat den Teilverkauf angemahnt und ein Zwangsgeld, ein selten genutztes Instrument, angedroht. (...)

Im Zentrum des Konzerns stehen die Printmedien – nach konzerneigener Zählung rund 30 Zeitungen und über 500 Zeitschriften und Anzeigenblätter. Insbesondere mit diesen Printmedien wird der Umsatz und eine nach wie vor deutlich überdurchschnittliche Rendite erzielt, die selbst in den jüngsten Krisenjahren noch bei über zehn Prozent vom Umsatz gelegen haben soll. Dazu beigetragen hat auch, daß der von jeher für seine Sparsamkeit bekannte Konzern zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen erneut Stellen abgebaut hat. Wegen der wachsenden Aktivitäten in Osteuropa ist die Gesamtzahl der Mitarbeiter aber auch in den letzten Jahren gestiegen und liegt aktuell bei 14 500 Beschäftigten. Da der Konzern nach wie vor die Bilanz nicht veröffentlicht, bleibt allerdings offen, welche Unternehmen bei diesen summarischen Angaben berücksichtigt werden.«


Der Kampf um die Krone

Vermutlich geht man nicht ganz fehl in der Annahme, daß es der WAZ bei diesem Prozeß nicht in erster Linie um die junge Welt, sondern um Dichand und die Kronen-Zeitung geht. Als die einstweilige Verfügung mit dem Veröffentlichungsverbot des Interviews im Oktober letzten Jahres bei uns eintraf, hätten wir normalerweise kapitulieren müssen – ein Prozeß von diesem Ausmaß wäre für die junge Welt aufgrund unserer angespannten Finanzlage gar nicht zu führen gewesen. Mit unserer Kapitulation aber hätte die WAZ einen Musterentscheid in der Tasche gehabt, der das weitere Verfahren gegen Dichand präjudiziert hätte.

Branchenkenner meinen, daß sich mit einer Niederlage von Dichand junior wiederum die Chancen des SPD-nahen Medienriesen beträchtlich erhöht hätten, Dichand senior die Kronen-Zeitung zu entreißen. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen, obwohl Michael Dichand zu Recht darauf verweist, daß er selbst weder de jure noch de facto irgend etwas mit der Krone zu tun hat. Seit 1987 besitzt die WAZ die Hälfte der Anteile des Boulevardblattes, die zweite Hälfte blieb im Besitz von Dichand senior.

Vor diesem Hintergrund kam es zu einer Rochade, die Bodo Hombach und seine Manager wohl nicht erwartet haben: Michael Dichand versprach, die Prozeßführung der jungen Welt zu unterstützen – und nur vor diesem Hintergrund konnten wir den riskanten Kampf wagen. Falls es bei der WAZ den Plan gegeben haben sollte, die kleine linke Zeitung im Vorbeigehen abzuwatschen und dann mit dem Bonus dieses Urteils auf das profitable Boulevardblatt loszugehen, so ist dieses Kalkül nicht aufgegangen.

Den Stellenwert des deutsch-österreichischen Zeitungskrieges machte im Gespräch mit mir der alte Marxist und ständige Krone-Kolumnist Günther Nenning deutlich: »Der Hitler war ja ein Dilettant. Der Anschluß von 1938 durch die Nazis wird durch den demokratischen Anschluß, den Österreich jetzt erleidet, übertroffen. Es gibt den immer kompletteren Ausverkauf der Unternehmen an die Deutschen, der Streit um die Krone ist nur ein winziger Ausschnitt dieser Entwicklung. Kooperation ist gut, aber wir erleben einen neuen Anschluß.« (jW, 26. Januar 2004)

In seinem Buch »Der zweite Anschluß« (Molden Verlag, Wien 2000) zählt Klaus Grubelnik, Redakteur des Nachrichtenmagazins Format, auf, »in welchen Branchen die Deutschen das Sagen haben«. Übernahmen österreichischer Firmen betreffen: Chemie, Gummi, Mineralöl, Elektrotechnik, Optik, Fahrzeugbau, Automobilzulieferer, Maschinenbau. Mit dem Aufkauf der größten Bank des Alpenlandes, der Bank Austria, durch die bayrische Hypovereinsbank im Jahr 2000 bekam der große Bruder im Norden auch noch die Kontrolle über den österreichischen Finanzsektor. Einige Schlaglichter auf die Germanisierung der Medien: »Privatfernsehen in Österreich heißt Anschluß an Deutschland« (S. 121). Es erscheinen »gemessen an der im Jahr verkauften Auflage, mehr als 60 Prozent der österreichischen Tageszeitungen unter wesentlichem deutschen Einfluß« (S. 127). »Bei Magazinen und Zeitschriften erscheinen praktisch alle wesentlichen Titel unter deutscher Kontrolle.« (S. 127) Format-Chefredakteur Joachim Riedl konstatierte fassungslos, daß der WAZ-Verantwortliche »über hiesige Medienangelegenheiten in einer Tonlage spricht, als ginge es um eine zu befriedende Baumwollplantage in Deutsch-Südost.« (S. 124)

Vor diesem Hintergrund ist die für viele überraschende Liaison zwischen der jungen Welt und Michael Dichand nicht mehr, aber auch nicht weniger als ein Schutzbündnis gegen die Verursacher und Profiteure der globalistischen Cholera. Die profiliert linke Tageszeitung aus Berlin und das ausgesprochen konservative Boulevardblatt aus Wien sind in vielen politischen Fragen uneins, ja kontrovers. Aber in zwei Schlüsselfragen besteht Konsens: Gegen den Zugriff der Monopole muß die Pressefreiheit im allgemeinen und die Selbständigkeit der Presse der kleineren Länder im besonderen verteidigt werden.


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