»Wenn sich Hartz IV nicht
verhindern läßt, müssen wir nach vorne schauen«, hatte
ver.di-Chef Frank Bsirske gesagt. Antje Schamann weiß nicht, wie sie das
machen soll. 331 Euro plus Kindergeld wird die 34jährige ab Januar im
Monat zur Verfügung haben. »Was soll ich meinen beiden Kindern
sagen, wie es da weitergeht?« fragt die alleinerziehende Mutter, die seit
fünf Jahren arbeitslos ist. Während Spitzengewerkschafter Bsirske
seinen Urlaub in südlichen Gefilden genießt, reiht sich Schamann am
Montag abend in der Magdeburger Innenstadt in die Demonstration gegen die
Sozialkürzungen ein. »Nieder mit Hartz IV« seht auf ihrem
selbstgemalten Schild. Um die Frau herum marschieren Menschen mit
braungebrannten und wütenden Gesichtern. »Arbeit für alle,
sonst gibts Krawalle«, wird gerufen. Rund 15 000 Magdeburger sind
auf der Straße. Vor einer Woche waren es noch weniger als die
Hälfte. Nicht nur in der Hauptstadt von Sachsen-Anhalt wachsen die
regelmäßigen Proteste gut 40 000 Menschen demonstrierten am
Montag bundesweit. In ostdeutschen Städten wie Leipzig, Halle, Dessau und
Rostock sowie in zahlreichen Thüringer Kommunen (siehe Seite 5) und in
Senftenberg waren jeweils Tausende auf den Beinen. Erstmals kam es auch in
Köln und Hamburg zu Protestmärschen.
Als der Magdeburger
Demonstrationszug von einer Seitenstraße in die sechsspurige
Hauptstraße einbiegt, werden die Menschen über Lautsprecher
aufgefordert, die Hälfte der Fahrbahn freizulassen vergeblich.
»Nichts zu machen, das sind zu viele«, sagt ein Junge mit
grünem Hemd und weißer Armbinde. Man sieht, daß Tobias Dybiona
zum ersten Mal Ordner ist. »Ich helfe bei der Organisation, weil
Hartz IV der letzte Scheißdreck ist«, sagt der
17jährige. Während er spricht, werden Pappschilder vorbeigetragen.
»Hartz IV = Not + Armut« und »Eichel lacht, Kinder
weinen« ist zu lesen. Fahnen von linken Parteien und Organisationen
tauchen kaum auf.
Zwischen den Demonstranten läuft Werner
Krüger. Auch der 49jährige Bauarbeiter fährt dieses Jahr nicht
in den Urlaub. Er ist seit zweieinhalb Jahren arbeitslos. Trotzdem hat er sich
vor der Demo mit alten Kollegen getroffen. Auf dem Schild, das er trägt,
prangt das Logo der IG BAU, darunter: »Ihr da oben kürzt, wir werden
gekürzt.« Noch bekommt Krüger rund 700 Euro Arbeitslosenhilfe
im Monat. Ab Januar soll es weniger als die Hälfte sein. Die Sorge von
Wirtschaftsminister Wolfgang Clement um das Erbe der historischen
Montagsdemonstrationen bedrückt ihn nicht besonders. »Ich war 89
sowieso nicht dabei, ich hatte da eine andere Meinung.«
Außer den Schildern und Transparenten der Baugewerkschaft ist in
Magdeburg von den Arbeiterorganisationen nicht viel zu sehen. Zwar fährt
an der Spitze ein blauer Lautsprecherwagen der IG Metall. Doch selbst Bernd
Sickel, 55, der über die Verstärkeranlage den Demonstranten die
Losungen zuruft, hat das Vertrauen verloren. »Ich bin in keiner Partei
und keiner Gewerkschaft«, sagt er, »das bringt nichts.« Dann
nimmt sich Sickel wieder das Mikrofon und brüllt: »Hartz muß
weg, Arbeit muß her!« »Wir halten uns zurück, weil die
Organisatoren das so gewollt haben«, erklärt Fritz Blumberg, der
zweite Bevollmächtigte der Magdeburger IG Metall. »Außerdem
sind wir noch nicht richtig koordiniert, weil das alles so schnell ging.«
Nicht nur die Metaller sind überrascht vom raschen Anschwellen der
Montagsdemonstrationen. Auch die PDS, im Magdeburger Stadtrat immerhin mit 32
Prozent vertreten, zeigt nur wenig Präsenz. »Wir organisieren
intensiv mit, aber wir stellen uns nicht in die erste Reihe, denn es soll ein
Bürgerprotest bleiben«, erklärt Eva von Angern, Vorsitzende der
Magdeburger PDS. Doch man merkt, daß ihre Partei den Massenprotesten
gerade mühsam hinterherläuft.
Nur die Betroffenen auf der
Straße sind nicht überrascht. Es ist, als hätten die Menschen
nur darauf gewartet, ihrem Ärger Luft zu machen. Noch vor zwei Wochen
saßen unzählige Magdeburger zu Hause, vor sich den 16seitigen
Fragebogen für den Erhalt von Arbeitslosengeld II. Langsam wurde ihnen
klar, wie wenig ihnen in Zukunft zum Leben bleiben wird. Und dann kam Andreas
Ehrholdt. Der arbeitslose Bahnarbeiter meldete vor zwei Wochen die erste
Montagsdemonstration an. Auf Anhieb kamen 600 Menschen, um gegen »Hartz
IV« zu demonstrieren. Seitdem ist Ehrholdt der Star der Proteste in
Magdeburg. Nach dem Marsch kommen die Menschen zu ihm und fragen, wie sie bei
der Organisation mithelfen können. »Wir treffen uns Mittwoch abend
im McDonalds am Bahnhof«, antwortet Ehrholdt einem Mann mit
Halbglatze und Rentnercordhose. Die Magdeburger Proteste sind wahrscheinlich
die ersten Massendemonstrationen, die in einem Fast-Food-Laden geplant werden.
Oberorganisator Ehrholdt trumpft nicht mit großen Forderungen
auf. »Wir wollen nicht die Regierung stürzen, sondern Hartz
IV«, sagt er. Ehrholdt war bis vor zwei Jahren CDU-Mitglied, danach
hat er in der »Deutschen Mittelstandspartei« mitgearbeitet, die
sich inzwischen dem Rechtspopulisten Ronald Schill angeschlossen hat. Den
Journalisten tischt Andreas Ehrholdt unzusammenhängende Brocken auf, die
er selbst in der Zeitung gelesen hat. Von Überregulierung in Deutschland
erzählt er und nennt sich einen Liberalen. Immerhin: »Es geht nicht,
daß die Reichen immer reicher werden.«
So wie Ehrholdt
denken viele der Menschen, die in Magdeburg auf der Straße sind. Es geht
ihnen nicht um große politische Ziele. Sie wollen einfach einen Job und
genug Geld zum Leben. Eine Frau die »Schröder muß weg«
ruft, wird gefragt, wen sie statt dessen als Kanzler will. »Ich will nur
Arbeit«, antwortet sie.
Auf der Abschlußkundgebung vor dem
Magdeburger Dom herrscht eine erstaunliche Zuversicht, »Hartz IV«
noch stoppen zu können. »Wenn wir mit ein oder zwei Millionen in
Berlin demonstrieren, wird die Regierung schon nachgeben«, sagt Andreas
Ehrholdt. Für den 3. Oktober will er in die Bundeshauptstadt mobilisieren.
»Wenn Schröder die Einheit feiert, lassen wir uns gerne auf ein
Gläschen Sekt einladen«, sagt der korpulente Mittvierziger mit
zurückgekämmten Haaren, der seit 1990 fast ununterbrochen arbeitslos
ist. Noch reagieren die Montagsdemonstranten in den anderen Städten
zurückhaltend auf den Magdeburger Vorschlag. Eine Vernetzung zwischen den
lokalen Organisationsbündnissen entsteht gerade erst. Aber Ehrholdt ist
sich sicher: »Der Herbst wird heißer als der Sommer«. |