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So wird manipuliert, um die Zahlen zu
verschönern...
Aus der Süddeutschen
Zeitung
*Um ihre Zahlen zu verschönern, scheuen die
Agenturen keine Schikane und treiben Arbeitslose systematisch aus der
offiziellen Statistik.
Von Rolf Winkel
München Der
Vermittler sitzt hinter einem grauen Schreibtisch. Auf der Tischplatte steht
ein großer Monitor, daneben liegen viele Akten in rosafarbenen
Deckeln.
Weit über 700 Arbeitsuchende hat der Mann von der
Arbeitsagentur in einer deutschen Großstadt zu betreuen. Wenn er
über den Alltag in der Behörde spricht, klingt Verbitterung durch:
Wie soll man denn da nicht zynisch werden?, fragt er und weist auf
eine Dienstanweisung hin.
Sie trägt die Überschrift
Geschäftspolitik, Ziel: Bestand Arbeitslose senken.
Um
den Bestand an Arbeitslosen zu senken, gebe es zwei Wege, meint der
Mann vom Amt: Arbeitslose zu vermitteln oder
sie zu vergraulen. Das Papier beschäftige sich mit Letzterem.
In der
Dienstanweisung sind so genannte
Ergebnisziele festgelegt.
Diese sind für
Teams definiert, zu denen jeweils vier bis fünf Vermittler
gehören. Jedes Team soll danach pro Monat 60 Fälle 1. MV
und 7 Fälle 2. MV produzieren.
MV steht
für Meldeversäumnis. Das heißt: Arbeitslose, die
auf eine Vorladung vom Amt nicht reagieren, werden mit einer
Säumnisstrafe belegt: Leistungsbezieher erhalten dann eine
Zeit lang kein Geld. Wer ein zweites Mal nicht zum Meldetermin kommt, fliegt
auch aus der Arbeitslosenstatistik.
Anders erfasst:
4,6 Millionen
Menschen sind derzeit in Deutschland offiziell als arbeitslos registriert.
Keiner liest diese Zahl gerne und alle finden sie zu hoch: Der
Aufschwung lässt auf sich warten. Doch selbst wenn die Konjunktur
anspringt, wird es nach Auffassung von Experten kurzfristig keine wesentliche
Besserung am Arbeitsmarkt geben.
Da soll wenigstens die Statistik besser
aussehen. So werden seit Jahresbeginn die Arbeitslosen anders erfasst: Wer von
der Arbeitsagentur trainiert wird in neuen Fertigkeiten oder
schlicht für die nächste Bewerbung zählt
jetzt offiziell nicht mehr als arbeitslos.
Im
Januar verschwanden so 81.100 Arbeitsuchende aus der Statistik. Schon lange
zählen auch die von den Ämtern geförderten Teilnehmer an
Weiterbildungskursen, Arbeitsbeschaffungs- und
Strukturanpassungs-Maßnahmen nicht als erwerbslos.
Würden sie
mitgezählt, hätte es im letzten Monat noch 331.000 registrierte
Arbeitslose mehr gegeben.
Keiner der Zahlentricks ist so raffiniert wie
der mit dem Meldeversäumnis.
Eigentlich sollten
das nur Sanktionen im Einzelfall sein, sagt der Vermittler von der
Arbeitsagentur, der nicht namentlich genannt werden möchte. Jetzt müssen wir aber
die Strafen planmäßig und massenhaft
produzieren.
Insgesamt
soll nach der Dienstanweisung allein in seinem Amt jedes Team 1200 so genannte
Säumnistage pro Monat erzielen. Entsprechend lang würden dann bei
Leistungsbeziehern auch fällige Zahlungen von der Arbeitsagentur
eingespart.
Taktung und Häufigkeit der Einladungsaktionen pro
Tag/Woche sind so zu planen, dass o. a. Ergebnisziele erreicht werden,
heißt es in dem amtlichen Papier.
Und das bedeutet: Wenn die
Zahl der angestrebten Meldeversäumnisse nicht erreicht ist, müssen
die Arbeitslosen eben nochmal eingeladen werden, sagt der Mann vom
Amt.
In Massen
vorgeladen:
Der
Phantasie der Vermittler sind offenbar keine Grenzen gesetzt. Je mehr
Arbeitslose nicht kommen, desto besser stehen die Teams da statistisch
gesehen.
Die Vorladungstermine kann
man auch auf den Nachmittag oder zwischen Feiertag und Wochenende
auf Brückentage verlegen, weiß der Vermittler. Da ist
die Wahrscheinlichkeit größer, dass Arbeitslose die Meldung
versäumen.
Damit die
Produktion von Meldeversäumnissen planmäßig vonstatten geht,
können so empfiehlt es die Leitung der örtlichen
Arbeitsagentur möglichst große Gruppen mit bis zu 200
Personen zusammengestellt werden. Für solche Massenvorladungen steht
der Hörsaal des benachbarten Berufsinformationszentrums zur
Verfügung. Diese Großgruppen-Veranstaltungen liefen
unterschiedlich ab, erzählt der Vermittler.
Zum Teil würde den
Eingeladenen im Hörsaal noch etwas über ihre Rechte und Pflichten
erzählt. Zum Teil gehen die Leute aber auch auf der einen Seite in
den Saal rein, auf der anderen Seite wieder raus dort ist die
Anwesenheitskontrolle. Das nütze zwar keinem Arbeitslosen und sei wegen
der vielen Einladungen auch ziemlich aufwändig. Aber so würden durch
Säumniszeiten einige tausend Euro gespart und zugleich werde die
Statistik
verschönert. Und darum geht es ja, sagt
er.
Erfahrungsgemäß fallen durch solche Schikanen
(Amtsjargon: Konsequente Einforderung der Meldepflichten) vor allem
diejenigen aus der Statistik, die ohnehin kaum (noch) etwas von der
Arbeitsagentur erwarten können. Die Zahl der in Nürnberg
registrierten Nichtleistungsempfänger hat sich so stark
verringert.
Bezogen früher rund 30 Prozent der registrierten
Arbeitslosen keine Leistungen, sind es nun nur noch 18
Prozent.
Besondere Angebote
Doch es gibt auch eine große
Gruppe von Arbeitslosengeld- und Arbeitslosenhilfe- Beziehern, die von den
Arbeitsagenturen
systematisch aus der Statistik
und vom Arbeitsmarkt gedrängt werden: Die Älteren ab
58.
» Die Jüngeren bekommen immer den Vorzug.
«
Menschen wie Karin Lis aus dem niederrheinischen Städtchen
Viersen. Ich gehöre noch zu denen, die lange ganz auf das Konzept
Ehe gesetzt haben, sagt die 59-Jährige. Meine zwei
Mädchen und die Familie waren mir das Wichtigste. Erst als ihre Ehe
zerbrach, kümmerte sie sich um eine Berufsausbildung. Mit 46 Jahren begann
sie eine Lehre zur Groß- und Außenhandelskauffrau. Danach fand sie
eine Stelle bei einem kleinen Importeur für Designerleuchten. Aber
als es in der Firma nicht mehr so richtig lief, musste ich als erste
gehen, sagt sie. Seit 1997 ist sie nun ohne Job. Zunächst bezog sie
Arbeitslosengeld, danach Arbeitslosenhilfe. Auch rund 100 Bewerbungen
änderten nichts an ihrer Langzeitarbeitslosigkeit. Ihre bittere Erfahrung:
Die Jüngeren bekommen immer den Vorzug.
Ein
einziges Stellenangebot vom Arbeitsamt habe ich bekommen, stellt Lis
fest. Ansonsten hat die Kauffrau nicht viel vom Arbeitsamt
gehört.
Das änderte sich allerdings vor Ihrem 58. Geburtstag:
Die Behörde fragte zunächst ganz freundlich an, ob sie das ihr
zustehende Geld künftig unter den erleichterten Voraussetzungen des
§ 428 Sozialgesetzbuch III beziehen möchte oder nicht. Im
Begleitschreiben erfuhr Karin Lis dann, dass dieser erleichterte
Bezug ein besonderes Angebot für Arbeitslose ab 58 Jahren sei. Sie
könne erklären, dass sie nicht mehr arbeiten wolle und dennoch
weiter Geld vom Amt erhalten. Wenn sie sich mit ihrer Unterschrift dazu
entscheide, brauche sie für die Jobvermittlung nicht mehr zur
Verfügung stehen und könne sogar bis zu vier Monate am Stück in
Urlaub fahren. Im Gegenzug müsse sie sich allerdings verpflichten,
Altersrente zu beantragen, sobald sie diese abschlagsfrei
beanspruchen könne.
Über die Vorteile für die
Arbeitsverwaltung informierte das Schreiben nicht: Mit einem Ja zu dieser
Erklärung würde Karin Lis offiziell nicht mehr als Arbeitslose
zählen. Frau Lis reagierte auf die amtliche Nachfrage erst einmal gar
nicht. Schließlich will ich ja arbeiten, warum soll ich das dann
unterschreiben?
Doch inzwischen wird bei den Ämtern
nachgehakt, damit möglichst viele Ältere den Vorruhestands-Paragrafen
unterzeichnen.
In einem Handlungsleitfaden des Arbeitsamts
in Solingen zur Beratung von 58-Jährigen und Älteren über
§ 428 SGB III vom 21. Mai 2003 gibt es sogar einen Stufenplan zum
Umgang mit Unterschriftsverweigerern.
Stufe 1: Unterschreibt
der Arbeitslose die Erklärung zu § 428 SGB III nicht, wird er darauf
hingewiesen, dass er demnächst zu einer Gruppeninformations- veranstaltung
eingeladen wird, an der er teilnehmen muss, weil sonst leistungsrechtliche
Konsequenzen eintreten.
Stufe 2: Auf der Gruppenveranstaltung
wird der Erklärungsvordruck zu § 428 erneut ausgehändigt.
Teilnehmer, die immer noch nicht bereit sind, den Vordruck zu unterschreiben,
werden unter Terminsetzung (10 Wochen) aufgefordert, die Erklärung
unterschrieben zurückzugeben.
Unterschreib und
geh. Nach einem ähnlichen Plan verfuhr auch das Arbeitsamt
Viersen mit Lis. Als sie auf zwei Mahnschreiben, sie möge doch endlich die
Vorruhestandserklärung unterschreiben, nicht reagierte, wurde sie zur
Gruppeninformations- Veranstaltung geladen. 25 Leute haben teilgenommen,
der Raum war voll, erinnert sie sich an den Termin im letzten
November.
Zwei junge Damen vom Arbeitsamt redeten nur über
Erleichterungen und den längeren Urlaub, den wir nach der Unterschrift
hätten. Wir hätten in unserem Alter sowieso keine Chance mehr auf
einen Arbeitsplatz. Nach einer Viertelstunde bat man zur
Unterschrift.
Karin Lis unterschrieb nicht. Sie gehört inzwischen
zu einer Minderheit unter den älteren Arbeitslosen. Im Juli 2003 hatten
74,4 Prozent aller Arbeitslosen ab 58 die Erklärung zu § 428
unterzeichnet.
Ich würde doch Stellenangebote annehmen, warum soll
ich das Gegenteil unterschreiben?
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