Da scheint in Leipzig am Montag mehr passiert zu sein als
der Auftritt eines »Populisten« (Die Welt), »Übung in
Demagogie« (SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler) oder das Verteilen von
»alten Hüten« (Leipziger Volkszeitung). Der Chefredakteur des
letztgenannten Springer-Blattes trug schon vor der Rede Lafontaines im Sender
»Phoenix« den Kommentar vor, der nach der Rede in seinem Blatt zu
lesen war. Der frühere SPD-Chef sprach in den Programmgrenzen seiner
Partei vor 1998. Das bedeutet heute: Den neoliberalen Wahn rupfen, einige
besonders dreiste Lügen um »Hartz IV« herum zerpflücken
und ein Konjunkturprogramm vorschlagen, das kaum das Prädikat
»links« verdient. Lafontaine appellierte, zu einer
gemäßigt vernünftigen Verwaltung gesellschaftlicher
Angelegenheiten zurückzukehren, und machte nicht zu einem Sturm auf Berlin
mobil.
Als zielten die fliegenden Eier von Wittenberge, Senftenberg,
Finsterwalde oder Leipzig auf die Redaktionen der Bürgerzeitungen, so
reagierten die Vertreter der »Qualitätspresse« am Dienstag:
Ignorieren wurde zur hohen Kunst des Redaktionsmanagements (Süddeutsche
Zeitung und taz), die Gebetsmühle vom Ost-West-Konflikt mußte
mühsam gedreht werden (Franfurter Rundschau), oder man zog des Kanzlers
Trumpfkarte: Nazis und PDS jubeln gemeinsam bei Lafontaine. Die
Düsseldorfer Westdeutsche Zeitung leistete ein Meisterstück
faktengestützter Kommentierung: »...wenn es ihm gelingt, Haß
auf die da oben zu säen, nutzt das allein denjenigen, die bei
den Montagsdemonstrationen am lautesten schreien sie haben Glatzen und
Springerstiefel«.
Die Abschottung des bundesdeutschen Lesers von
der wirtschaftlichen und sozialen Realität in Ostdeutschland funktioniert
seit 15 Jahren nach wenigen Mustern: Aus dem Osten kommt Gefahr, Rot ist dort
besonders gleich Braun, und heimlich sind beide für Sozialismus. Am
Dienstag lieferte die publizistische Zunft allerdings ein Meisterstück in
Gleichförmigkeit: Verschweigen durch Verstummen oder durch
aufgeblähte Berichte, die viel über Lafontaine enthielten, aber kaum
einen Satz von ihm (Berliner Zeitung, FAZ). Von den übrigen Rednern in
Leipzig oder anderswo ganz zu schweigen. Daß die Zahl der Demonstranten
minimalisiert wird, ist Staatsauftrag.
Wenn die Bevölkerung etwas
sagt, muß ihr bedeutet werden, daß sie nichts zu sagen hat. Wenn
sozialem Protest Prominenz verliehen wird, darf nicht sein, was nicht sein
kann. Dieser Dienstag spiegelte die Situation des publizistischen Gewerbes in
der Bundesrepublik komplett wider. |