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01.09.2004 Arnold Schölzel Info von:   junge Welt
Herrschaftspresse
Montagsdemonstrationen und Medien
Da scheint in Leipzig am Montag mehr passiert zu sein als der Auftritt eines »Populisten« (Die Welt), »Übung in Demagogie« (SPD-Fraktionsvize Ludwig Stiegler) oder das Verteilen von »alten Hüten« (Leipziger Volkszeitung). Der Chefredakteur des letztgenannten Springer-Blattes trug schon vor der Rede Lafontaines im Sender »Phoenix« den Kommentar vor, der nach der Rede in seinem Blatt zu lesen war. Der frühere SPD-Chef sprach in den Programmgrenzen seiner Partei vor 1998. Das bedeutet heute: Den neoliberalen Wahn rupfen, einige besonders dreiste Lügen um »Hartz IV« herum zerpflücken und ein Konjunkturprogramm vorschlagen, das kaum das Prädikat »links« verdient. Lafontaine appellierte, zu einer gemäßigt vernünftigen Verwaltung gesellschaftlicher Angelegenheiten zurückzukehren, und machte nicht zu einem Sturm auf Berlin mobil.

Als zielten die fliegenden Eier von Wittenberge, Senftenberg, Finsterwalde oder Leipzig auf die Redaktionen der Bürgerzeitungen, so reagierten die Vertreter der »Qualitätspresse« am Dienstag: Ignorieren wurde zur hohen Kunst des Redaktionsmanagements (Süddeutsche Zeitung und taz), die Gebetsmühle vom Ost-West-Konflikt mußte mühsam gedreht werden (Franfurter Rundschau), oder man zog des Kanzlers Trumpfkarte: Nazis und PDS jubeln gemeinsam bei Lafontaine. Die Düsseldorfer Westdeutsche Zeitung leistete ein Meisterstück faktengestützter Kommentierung: »...wenn es ihm gelingt, Haß auf ›die da oben‹ zu säen, nutzt das allein denjenigen, die bei den Montagsdemonstrationen am lautesten schreien – sie haben Glatzen und Springerstiefel«.

Die Abschottung des bundesdeutschen Lesers von der wirtschaftlichen und sozialen Realität in Ostdeutschland funktioniert seit 15 Jahren nach wenigen Mustern: Aus dem Osten kommt Gefahr, Rot ist dort besonders gleich Braun, und heimlich sind beide für Sozialismus. Am Dienstag lieferte die publizistische Zunft allerdings ein Meisterstück in Gleichförmigkeit: Verschweigen durch Verstummen oder durch aufgeblähte Berichte, die viel über Lafontaine enthielten, aber kaum einen Satz von ihm (Berliner Zeitung, FAZ). Von den übrigen Rednern in Leipzig oder anderswo ganz zu schweigen. Daß die Zahl der Demonstranten minimalisiert wird, ist Staatsauftrag.

Wenn die Bevölkerung etwas sagt, muß ihr bedeutet werden, daß sie nichts zu sagen hat. Wenn sozialem Protest Prominenz verliehen wird, darf nicht sein, was nicht sein kann. Dieser Dienstag spiegelte die Situation des publizistischen Gewerbes in der Bundesrepublik komplett wider.


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