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Übersetzung Ellen Rohlfs
Als Ariel Sharon seinen Plan für einen
"einseitigen Abzug" aus dem Gazastreifen verkündete, berichteten die
Medien, die Peace Now-Bewegung bereite sich auf eine große
öffentliche Kampagne vor, die den Plan unterstütze. Das Büro
des Ministerpräsidenten bat sie darum, davon Abstand zu nehmen, da es
fürchtete, solch eine Kampagne würde bei der extremen Rechten
Widerstand hervorrufen.
Peace Now war nicht die einzige "linke" Gruppe, die von dem
Plan eingenommen war.
Die Führer der Arbeiterpartei erklärten, dies sei
tatsächlich ihr eigener Plan und daß es deshalb ihre Pflicht
sei, sich der Regierung anzuschließen und Sharon zu helfen, diesen
Plan zu erfüllen.
Ich war einer der wenigen, die sofort ihre Stimme gegen den
Plan erhoben. Ich argumentierte, dies sei in Wirklichkeit ein Plan des
rechten Flügels, um den größten Teil der West Bank zu
annektieren, um den Friedensprozeß zu begraben und die
Öffentlichkeit in Israel und im Ausland zu täuschen.
Ich war mir sicher, weil ich Sharon kenne. Ich beobachtete
den Mann seit 50 Jahren und habe drei biographische Aufsätze über
ihn geschrieben. Ich weiß, was er denkt, und ich weiß, wie er
handelt.
Nun hat Dov Weisglass alles von mir gesagte und noch mehr
bestätigt. In einem Interview mit Haaretz erklärte er, das
einzige Ziel des Planes sei, den Friedensprozeß "einzufrieren". Der
wirkliche Zweck des "Abzugs" sei, die Verhandlungen mit den
Palästinensern für viele Jahre zu blockieren und jede Diskussion
über die West Bank zu verhindern - und gleichzeitig die israelischen
Siedlungen in einer Weise auszudehnen, daß es für einen
zukünftigen palästinensischen Staat keine Möglichkeit mehr
gäbe.
Dov Weisglass ist nicht nur irgendwer. Er erinnert mich an
die "graue Eminenz" (den "grauen Kardinal"), an den Minister des Kardinals
Richelieu, den Premierminister Frankreichs vor 400 Jahren. Es wurde damals
gemunkelt, eigentlich wäre er es, der die Fäden hinter der
politischen Bühne zöge.
Weisglass ist seit Jahrzehnten der juristische Berater und
nahe persönliche Freund Sharons. Er ist Sharons Sonderbotschafter
für heikle Missionen, der Mann, der Condoleezza Rice um den kleinen
Finger wickeln kann. In Sharons Menagerie ist er der Fuchs.
Seine offene Erklärung ist das letzte Wort. Es
beschämt nicht nur die einfältigen Seelen von Peace Now und die
weniger einfältigen Seelen von Shimon Peres & Co der
Arbeiterpartei, sondern auch George W. Bush und die anderen Politiker
weltweit, die monatelang dieses Täuschungsmanöver für einen
ernsthaften Friedensplan gehalten haben. (Der arme Colin Powell nannte ihn
"historisch".)
X X X
Weisglass' Enthüllung wetteiferte in den Medien
mit dem "Tragbahren-Fall" - eine Geschichte, die auch Sharons Methoden
aufdeckt. Sie hätte lustig sein können, hätte sie nicht
gedroht, derart tragische Folgen zu haben.
Sharon möchte die UNWRA zerstören, die
Hilfsorganisation der Vereinten Nationen für palästinensischen
Flüchtlinge, die das Elend von 4 Millionen Menschen mildert. Es ist
eine große Organisation mit etwa 25.000 Angestellten,
einschließlich Lehrern, Sozialarbeitern und Ärzten, fast alle
von ihnen natürlich Palästinenser. Sie versorgt die Flüchtlinge
mit Lebensmitteln, Bildung, Gesundheitsdiensten und in Notlagen einem Dach
über dem Kopf. Ohne sie wären die Flüchtlinge längst in
einen Abgrund von Hunger und Verzweiflung geraten. Im Augenblick,
während unsere Armee ganze Stadtteile im Gazastreifen samt ihrer
Infrastruktur zerstört, versorgt die UNWRA auch die notleidenden
Palästinenser, die keine Flüchtlinge sind, mit Lebensmitteln,
Zelten und Medikamenten.
Allein die Existenz dieser Organisation stört Sharon
und seine Generäle, die den Widerstand der Palästinenser zu
brechen wünschen, indem sie ihnen das Leben zur Hölle machen.
Nachdem sie systematisch versuchten, die palästinensische
Nationalbehörde zu zerschlagen, versuchen sie nun die UNWRA zu
vernichten. Wie in den Medien berichtet wurde, befahl Sharon seinen
Generälen, der Propaganda-Abteilung des Außenministeriums
geheime Armeephotos zukommen zu lassen, um damit zu beweisen, das die UNWRA
mit den "Terrororganisationen" zusammenarbeite.
Am nächsten Tag zeigten alle Fernsehkanäle
Luftaufnahmen, die zeigten, wie eine Qassam-Rakete in einen
UNRWA-Krankenwagen geladen wird. Das war der Anfang einer wilden Kampagne
gegen die Organisation. Israelische Diplomaten in New York verlangten,
daß der dänische UNRWA-Direktor Peter Hansen gefeuert werde.
Zwei Tage später platzte die ganze Sache. Die UNRWA
behauptete, der Mann auf dem Photo trage keine Rakete, sondern eine
Tragbahre. Zunächst leugneten die Generäle dies, dann stotterten
sie, schließlich gaben sie halbherzig zu, vielleicht sei ein
bedauerlicher Fehler unterlaufen: die professionellen Analysten des
Nachrichtendienstes der Armee, rangniedrige Feldwebel und Leutnants,
könnten die Bilder falsch interpretiert haben.
Diese Antwort muß untersucht werden: haben die
Analysten gelogen, oder haben sie geglaubt, was sie sagten? Jede
Möglichkeit ist schlimmer als die andere.
Wenn die Experten logen, dann taten sie nichts
Ungewöhnliches. Man kann sagen, sie taten das, was
Geheimdienstmitarbeiter weltweit tun: sie versorgten ihre Vorgesetzten mit
den Informationen, die sie hören wollten. Bush will den Irak
angreifen? Die CIA liefert Informationen über Saddams
Massenvernichtungswaffen. Sharon will die UNRWA zerstören? Der
Nachrichtendienst liefert Photos von Peter Hansens Raketenwerfern.
Als mich vor 50 Jahren ausländische Korrespondenten
über die Glaubwürdigkeit der offiziellen Erklärungen der
israelischen Armee befragten, pflegte ich zu sagen, unsere Armee lüge
nicht. Man sollte ihren Verlautbarungen glauben, wenn nicht gute
Gründe für das Gegenteil vorlagen. Diese Zeiten sind längst
vorbei. Wenn mir heutzutage dieselbe Frage gestellt wird, rate ich, nicht
ein einziges Wort von Armeemeldungen zu glauben, wenn nicht gute
Gründe für das Gegenteil vorliegen.
Deshalb ist es keine Überraschung, daß der
militärische Geheimdienst lügt. In zahllosen Auftritten vor dem
Kabinett und dem Außen- und Sicherheitskomittee der Knesset haben die
Chefs des Nachrichtendienstes Lügen und falsche Einschätzungen
verbreitet. Das ist nichts Neues.
Es gibt allerdings auch die Möglichkeit, daß die
Analysten davon überzeugt waren, sie würden zutreffende
Informationen liefern. Und das wäre sogar noch erschreckender.
Man muß kein Experte sein, um festzustellen,
daß der Mann auf dem besagten Photo keinen Raketenwerfer trägt.
Keiner trägt einen schweren Gegenstand mit einer Hand wie die Person
auf dem Photo. Offensichtlich trägt er einen leichten Gegenstand. Ein
zweiter Blick zeigt, daß es zweifellos tatsächlich eine
Tragbahre ist. Es sieht wie eine Tragbahre aus, und der Mann trägt es
wie eine Tragbahre. ("Wenn es läuft wie eine Ente und quakt wie eine
Ente...")
Wenn die Experten einen Fehler machten, warum ist das so
schrecklich? Es ist deshalb schrecklich, weil die Luftwaffe oft von den
selben Photo-Analysten identifizierte "Raketenwerfereinheiten", bombardiert
hat; denn innerhalb von Sekunden werden solche Erkenntnisse weitergeleitet
und innerhalb von Sekunden führt dies zum Tod. Danach verkündet
der Armeesprecher mit großer Befriedigung, daß wieder eine
todbringende Einheit "vernichtet" worden sei. Wie viele Menschen,
einschließlich Kindern, sind auf Grund dieser "sicheren
Identifizierungen" getötet worden?
Was noch schlimmer ist, genau dieser "Fehler" fordert
Soldaten praktisch dazu auf, auf Krankenwagen zu schießen, die
Verwundete transportieren.
Peter Hansen traf ich nur einmal bei einer UN-Konferenz
über die Flüchtlinge. Er beeindruckte mich als eine bescheidene
und prinzipientreue Person. Ich hoffe, er bleibt auf seinem Posten.
X X X
Ein Todesfall durch "sichere Identifizierung" in dieser
Woche hätte die Welt aufschrecken sollen.
Iman Alhamas, ein 13-jähriges Mädchen aus Rafah,
war wie jeden Tag auf ihrem üblichen Schulweg. Plötzlich wurde
sie von tödlichen Schüssen eingehüllt. Die Ärzte holten
20 Kugeln aus ihrem Körper. Da nicht jede Kugel ihr Ziel trifft und
einige einfach durchgehen, kann angenommen werden, daß wenigstens 100
Kugeln von verschiedenen Armeestellungen auf sie abgefeuert worden waren -
einhundert Kugeln für ein kleines Mädchen. In ihrer Schultasche
wurden nur Schulbücher gefunden.
Der Armeesprecher veröffentlichte das verlogene
Routinestatement: das Mädchen hätte eine "verbotene Zone"
betreten, die Soldaten hielten sie für eine "Terroristin", die Tasche
hätte ausgesehen, als enthalte sie Sprengstoff und so weiter und so
weiter.
Und was war in Wirklichkeit geschehen?
Die einfachste Erklärung ist, daß die Soldaten
schossen, als wären sie wie auf einem Schießstand aus Rache
für die beiden Kinder, die in der israelischen Stadt Sderot durch eine
Qassam-Rakete getötet worden waren. Aber das ist nicht sonderlich
glaubwürdig.
Eine andere, nicht weniger alarmierende Erklärung ist,
daß die Soldaten sich in einem ständigen Zustand von Panik
befinden. Ich habe in meinem Leben selbst Soldaten in Panik gesehen, die
auf alles schossen, was sich bewegte. Vielleicht war es dies, was hier
passierte: das Mädchen warf seine Schultasche weg und begann
wegzurennen, als ein Warnschuß abgefeuert wurde und die Soldaten,
statt auf die Schultasche zu schießen, schossen auf sie.
X X X
Die skeptische Haltung der israelischen
Öffentlichkeit gegenüber Ankündigungen des
Sicherheitsapparates verursachte in dieser Woche eine andere
Tragödie.
Am Vorabend zum jüdischen Neujahrsfest riet der
Sicherheitsdienst der Öffentlichkeit wegen ernster
Sicherheitswarnungen, nicht in den Sinai zu fahren. Die Menschen stimmten
mit den Füßen ab - sie glaubten den Warnungen nicht. Trotz
wiederholter Warnungen verbrachten Zehntausende die jüdischen
Feiertage im Sinai. Sie waren davon überzeugt, die Warnung habe
politische Gründe, und daß, sollte die Drohung ernst gewesen
sein, die Behörden die Grenze geschlossen hätten.
Dieses Mal jedoch waren die Warnungen gerechtfertigt. Viele
Dutzende wurden bei Massenattentaten getötet und verwundet.
Keine palästinensische Organisation hätte daran
gedacht, die ägyptische Regierung zu provozieren. Deshalb sieht es so
aus, daß etwas neues passiert ist.
Wir haben viele Male davor gewarnt, die junge arabische
und muslimische Generation der Welt werde nicht auf immer zusehen,
während jeden Tag das Fernsehen zeigt, wie das arabische Volk
gedemütigt wird. Die Apathie der arabischen und muslimischen
Regierungen gegenüber dem Geschehen in den besetzten
palästinensischen Gebieten sieht in ihren Augen wie erniedrigende
Feigheit oder wie Hochverrat aus.
Die Mißhandlung des palästinensischen Volkes
durch Sharon und seine Vorgänger hat eine explosive Situation
geschaffen. Die Invasion des Irak durch Bush hat den Funken geliefert. Eine
arabisch-muslimische Widerstandsbewegung entwickelt sich, ein Widerstand,
der keinen Unterschied zwischen dem Irak und Palästina, zwischen
Israel, den USA und den arabischen Regierungen sieht.
Das ist anscheinend die Botschaft von Taba.
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