Interview Computertricks verleiten den
Arzt, teure Medikamente zu verschreiben. Pharma- und Software-Firmen
profitieren, der Patient verliert. Ein Gespräch mit Peter
Jungblut-Wischmann Interview: Peter Wolter Peter
Jungblut-Wischmann ist Vorsitzender des Vereins für werbefreie
Praxissoftware e.V.
F: Welche Kritik haben Sie an den Computer-Programmen, die
in Arztpraxen eingesetzt werden?
In viele Programme sind Manipulationen eingebaut, die
es dem Arzt erschweren, die Arznei zu verschreiben, die er dem Patienten
wirklich verordnen wollte. Den Ärzten werden diese Programme preiswerter
überlassen. In der Praxis kann das so aussehen: Der Arzt will am
Bildschirm ein Rezept ausstellen. Es öffnet sich dann ein Fenster mit der
Frage: »Wollen Sie statt des gewählten Produktes nicht lieber die
Alternative X verordnen?« Die Bedienoberfläche des Programms ist
dann oft so ausgelegt, daß Farbführung und Vorbelegung von
Schaltflächen den oft auch noch unter Zeitdruck stehenden Arzt verleiten,
den falschen Knopf zu drücken. Und schon wird das Rezept für ein
Medikament ausgedruckt, das der Arzt gar nicht verschreiben wollte.
F: Was wäre dagegen einzuwenden, wenn es ein
preiswerteres Medikament mit der gleichen Wirkung wäre?
Nichts die Ärzte sollen ja so billig wie
möglich verordnen. Aber die Produkte, die auf diese Weise vorgeschlagen
werden, gehören nicht zu den billigen, sie sind eher im oberen
Preisdrittel der Generika* angesiedelt.
F: Wie kommt diese Manipulations-Software in die
Computerprogramme?
Das machen die Software-Hersteller, für die ist
das lukrativ. Die bekommen von ihren Auftraggebern, großen
Generikaherstellern, eine Art Kopfgeld. Ratiopharm, Stada oder Hexal etwa
zahlen pro Arztpraxis, die Software mit dieser Art Werbung einsetzt, zwischen
100 und 180 Euro pro Quartal. Eine bekannte Software-Firma z.B. hat für
ihre Praxissoftware 33 000 Anwender. Wenn die jeweils 100 Euro Kopfgeld
bekommt, dann sind das über drei Millionen Euro pro Quartal.
Es gibt sogar Software, die so programmiert ist,
daß der Arzt auf dem Bildschirm ein bestimmtes Medikament anklickt
auf dem ausgedruckten Rezept steht aber ein ganz anderes.
F: Wie können Ärzte verhindern, daß sie
so manipuliert werden?
Sie können neutrale Programme kaufen, die nicht
gesponsort werden. Oder sie können diese Funktionen abschalten. Oft sind
diese Funktionen aber so versteckt eingebaut, daß man sie ohne tieferes
Programmwissen gar nicht abschalten kann.
F: Das alles ist ja nicht gerade ein Beitrag zur
Kostendämpfung im Gesundheitswesen ...
Ein Gesundheitsökonom rechnet zur Zeit in unserem
Auftrag aus, wie hoch der Schaden ist, der damit im Gesundheitswesen
angerichtet wird. Der Schaden liegt ja nicht nur in der Differenz zwischen
billigen und teuren Arzneimitteln. Ein anderer Aspekt sind die Nebenwirkungen.
Es ist ja ein Unterschied, ob der Patient eine rote Tablette von dem einen oder
eine blaue von dem anderen Hersteller einnimmt. Die sind ja nicht identisch
die eine hat möglicherweise diese, die andere jene Nebenwirkung.
Denkbar ist auch, daß der Patient allergisch auf bestimmte Stoffe
reagiert.
F: Sie sind Vorsitzender des Vereins für
werbefreie Praxis-Software e.V. Wer bezahlt die Arbeit des Vereins?
Geldgeber sind vorwiegend kleinere Hersteller von
Generika. Diese Firmen stehen mit dem Rücken zur Wand, weil sie bei einer
Software, die dem Arzt z.B. sofort Ratiopharm-Produkte vorschlägt, kaum
zum Zuge kommen. Diese kleinen Firmen sind aber für das Marktgefüge
sehr wichtig, weil sie mit ihren niedrigen Preisen das allgemeine Preisniveau
drücken. Ziel der Großen ist es, die Kleinen vom Markt zu fegen und
dann das Monopol zu haben. Die kleinen Firmen sind daher sehr interessiert,
einen Verein wie den unseren zu unterstützen.
F: Wer sind die Hauptprofiteure dieser Werbemethoden?
Vor allem Ratiopharm, Stada und Hexal. Zum anderen sind
es Software-Hersteller. Und letztlich auch Ärzte, die diese gesponsorte
Software billiger einkaufen. Es kommt auch vor, daß eine Pharma-Firma dem
Arzt, wenn er die entsprechende Software gekauft hat, den Kaufpreis
zurückerstattet. Verlierer dieses Systems sind natürlich die
Patienten.
* Generika sind preiswerte Kopien von Arzneien, deren
Patentschutz abgelaufen ist. |