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November 2004   Info von:  junge Welt
Arztprogramme werden oft von Konzernen manipuliert
Interview

Computertricks verleiten den Arzt, teure Medikamente zu verschreiben. Pharma- und Software-Firmen profitieren, der Patient verliert. Ein Gespräch mit Peter Jungblut-Wischmann
Interview: Peter Wolter

Peter Jungblut-Wischmann ist Vorsitzender des Vereins für werbefreie Praxissoftware e.V.

F: Welche Kritik haben Sie an den Computer-Programmen, die in Arztpraxen eingesetzt werden?


In viele Programme sind Manipulationen eingebaut, die es dem Arzt erschweren, die Arznei zu verschreiben, die er dem Patienten wirklich verordnen wollte. Den Ärzten werden diese Programme preiswerter überlassen. In der Praxis kann das so aussehen: Der Arzt will am Bildschirm ein Rezept ausstellen. Es öffnet sich dann ein Fenster mit der Frage: »Wollen Sie statt des gewählten Produktes nicht lieber die Alternative X verordnen?« Die Bedienoberfläche des Programms ist dann oft so ausgelegt, daß Farbführung und Vorbelegung von Schaltflächen den oft auch noch unter Zeitdruck stehenden Arzt verleiten, den falschen Knopf zu drücken. Und schon wird das Rezept für ein Medikament ausgedruckt, das der Arzt gar nicht verschreiben wollte.


F: Was wäre dagegen einzuwenden, wenn es ein preiswerteres Medikament mit der gleichen Wirkung wäre?


Nichts – die Ärzte sollen ja so billig wie möglich verordnen. Aber die Produkte, die auf diese Weise vorgeschlagen werden, gehören nicht zu den billigen, sie sind eher im oberen Preisdrittel der Generika* angesiedelt.


F: Wie kommt diese Manipulations-Software in die Computerprogramme?


Das machen die Software-Hersteller, für die ist das lukrativ. Die bekommen von ihren Auftraggebern, großen Generikaherstellern, eine Art Kopfgeld. Ratiopharm, Stada oder Hexal etwa zahlen pro Arztpraxis, die Software mit dieser Art Werbung einsetzt, zwischen 100 und 180 Euro pro Quartal. Eine bekannte Software-Firma z.B. hat für ihre Praxissoftware 33 000 Anwender. Wenn die jeweils 100 Euro Kopfgeld bekommt, dann sind das über drei Millionen Euro pro Quartal.


Es gibt sogar Software, die so programmiert ist, daß der Arzt auf dem Bildschirm ein bestimmtes Medikament anklickt – auf dem ausgedruckten Rezept steht aber ein ganz anderes.


F: Wie können Ärzte verhindern, daß sie so manipuliert werden?


Sie können neutrale Programme kaufen, die nicht gesponsort werden. Oder sie können diese Funktionen abschalten. Oft sind diese Funktionen aber so versteckt eingebaut, daß man sie ohne tieferes Programmwissen gar nicht abschalten kann.


F: Das alles ist ja nicht gerade ein Beitrag zur Kostendämpfung im Gesundheitswesen ...


Ein Gesundheitsökonom rechnet zur Zeit in unserem Auftrag aus, wie hoch der Schaden ist, der damit im Gesundheitswesen angerichtet wird. Der Schaden liegt ja nicht nur in der Differenz zwischen billigen und teuren Arzneimitteln. Ein anderer Aspekt sind die Nebenwirkungen. Es ist ja ein Unterschied, ob der Patient eine rote Tablette von dem einen oder eine blaue von dem anderen Hersteller einnimmt. Die sind ja nicht identisch – die eine hat möglicherweise diese, die andere jene Nebenwirkung. Denkbar ist auch, daß der Patient allergisch auf bestimmte Stoffe reagiert.


F: Sie sind Vorsitzender des Vereins für werbefreie Praxis-Software e.V. Wer bezahlt die Arbeit des Vereins?


Geldgeber sind vorwiegend kleinere Hersteller von Generika. Diese Firmen stehen mit dem Rücken zur Wand, weil sie bei einer Software, die dem Arzt z.B. sofort Ratiopharm-Produkte vorschlägt, kaum zum Zuge kommen. Diese kleinen Firmen sind aber für das Marktgefüge sehr wichtig, weil sie mit ihren niedrigen Preisen das allgemeine Preisniveau drücken. Ziel der Großen ist es, die Kleinen vom Markt zu fegen und dann das Monopol zu haben. Die kleinen Firmen sind daher sehr interessiert, einen Verein wie den unseren zu unterstützen.


F: Wer sind die Hauptprofiteure dieser Werbemethoden?


Vor allem Ratiopharm, Stada und Hexal. Zum anderen sind es Software-Hersteller. Und letztlich auch Ärzte, die diese gesponsorte Software billiger einkaufen. Es kommt auch vor, daß eine Pharma-Firma dem Arzt, wenn er die entsprechende Software gekauft hat, den Kaufpreis zurückerstattet. Verlierer dieses Systems sind natürlich die Patienten.


* Generika sind preiswerte Kopien von Arzneien, deren Patentschutz abgelaufen ist.



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