Ein großer Mensch ist gestorben. Er
war die Symbolfigur des palästinensischen Volkes, weil er in der Lage war,
selbst unter größter Gefahr für das eigene Leben (Beirut 1982
etc.) seinem Volk die Treue zu halten. Er ist nicht in jene Fallstricke
getreten, mit denen heute die kleinen Völker der Erde angekettet werden an
den weltweiten Machtapparat der Globalisierung.
Trotzdem mußte er sich einlassen auf diplomatische
Manöver, die oft im Gegensatz standen zu den Interessen seines eigenen
Volkes. Auf diese Weise geriet er zwischen alle Fronten.
Arafat war ein Revolutionär, aber kein Terrorist. Als
Revolutionsführer der ehemaligen FATAH und späteren PLO war er
fähig, alten Feinden die Hand zur Versöhnung zu reichen (Rabin etc.).
Er kannte einen Weg der Freiheit und der Humanität, und er war bereit, von
seinem eigenen Volk einen großen Verzicht für diese Ideale
abzuverlangen (Anerkennung des israelischen Staates, Verzicht auf Rückkehr
in die verlorenen Gebiete etc.). Er kannte aber auch die Verzweiflung seines
Volkes gegenüber der imperialen Machtpolitik des Militärstaates
Israel. Er kannte die Not derer, denen man die Olivenhaine abgehackt, das
Wasser abgedreht und die Häuser niedergewalzt hatte. In dieser schwierigen
Lage hat er sicher nicht immer die richtigen Entscheidungen getroffen. Wenn
Sie, verehrte Leser, mitansehen müßten, wie Ihre Freunde erniedrigt
und getötet werden, wären Sie dann in der Lage, die Wut in Ihren
eigenen Reihen zu besänftigen und mit den Tätern friedlich zu
verhandeln?
Natürlich haben auch viele Israelis dieselbe Not
mitansehen müssen. Trotzdem muß man sehen: Israel hätte die
Macht und die Gelder für eine andere Lösung des Konflikts. Mit
internationaler Unterstützung könnten sie dafür sorgen, dass die
Palästinenser, die dasselbe Land mit ihnen teilen, eine lebenswerte
Zukunft hätten. Aber der israelische Staat ist Teil eines internationalen
Machtkartells, er wird unterstützt von ausländischen, vor allem
amerikanischen Geldern und Waffen. Das führt unzählige Menschen aus
dem eigenen Volk, die diese Lage gar nicht überblicken können, und
unzählige Palästinenser in maßloses menschliches Elend.
Arafat stand in einem Konflikt, der menschlich nicht mehr
zu lösen war. Kaum ein politischer Führer unserer Zeit hatte es mit
einer so unslösbaren, grausamen Situation zu tun wie Jassir Arafat. Dazu
kam die zunehmende Einengung und Zerstörung seines eigenen Lebensraumes,
den er in den letzten Jahren kaum noch verlassen durfte. Hier sind mit
Sicherheit die Gründe seiner Krankheit zu suchen.
Es geht nicht um eine Verherrlichung von Arafat,
große Menschen machen manchmal große Fehler. Es steht uns nicht zu,
seinen Charakter zu beurteilen. Es geht nur darum, der allgemeinen
Nachrichtenfälschung entgegenzuwirken und mitzuhelfen, die Wahrheit ans
Licht zu bringen.
Man wird vielleicht sagen, wir seien zu einseitig. Wir
achten und ehren die jüdische Kultur, und wir wissen, welchen Verfolgungen
das jüdische Volk zu fast allen Zeiten seiner Geschichte ausgesetzt war.
Wir standen immer mit echtem Respekt vor dem Wunsch der Juden nach einer
Wiedervereinigung im Heiligen Land. Aber gerade deshalb müssen wir unsere
Stimme erheben, denn was heute in Nahost geschieht, hat weniger mit dem
Heiligen Land zu tun als mit der Geld- und Militärpolitik eines
internationalen Machtkartells.
Bitte glauben Sie nicht den Informationen, die Ihnen durch
die öffentlichen Medien serviert werden, erkundigen Sie sich bei
authentischen Quellen, lesen Sie zum Beispiel die Bücher von intimsten
Israel-Kennern wie Felicia Langer, Uri Avnery oder Ernest Goldberger. Vor den
Augen der Weltöffentlichkeit wird hier ein Volk zugrunde gerichtet, ohne
daß jemand ernsthaft einschreitet. Ist es wirklich falsch, hier
Vergleiche zu ziehen mit dem, was in Deutschland und in der damaligen
Weltöffentlichkeit unter Hitler geschah? Auch hier hat die Welt viel zu
lange die Augen geschlossen. Sollen wir heute wieder einmal schweigen?
Schweigen zu den Massakern, welche die USA in Lateinamerika, Afghanistan, Irak
etc. anrichten? Schweigen zu den Massakern, die Putin in Tschetschenien,
Ossetien etc. anrichtet? Schweigen zu den ungeheuren Verbrechen, die China
tagtäglich in Tibet begeht? Schweigen zu den Verwüstungen, die Israel
in Palästina anrichtet ...? Es ist eine Verdrehung der Wahrheit, wenn man
behauptet, die israelischen Gewaltaktionen seien die Antwort auf
palästinensischen Terror. Es war eher umgekehrt: Der palästinensische
Terror war die Antwort auf die (von den USA unterstützte)
Eroberungspolitik Israels. Man muß wissen, in welchem Ausmaß Israel
spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 gegen das geltende Menschenrecht
und Völkerrecht verstoßen hat, dann versteht man die Situation der
Palästinenser.
Man sagt, das sei Antisemitismus?
Hat man vergessen, daß Israelis und Palästinenser
gleichermaßen Semiten sind? Antisemitismus war unter Hitler das, was den
Juden angetan wurde. Antisemitismus ist heute das, was von israelischer Politik
und israelischem Militär mit internationaler Unterstützung den
Palästinensern angetan wird. Der Holocaust im Faschismus darf nicht eine
ewige Entschuldigung bleiben für die heutigen Taten Israels und für
das Schweigen der Medien und Politiker. Hören wir auf, mit Vokabeln zu
operieren, mit denen sich schon immer das Unrecht getarnt hat. Wer damals Opfer
war, hat deshalb noch kein Recht, heute Täter zu sein.
Das Leiden des palästinensischen Volkes ist
längst unerträglich geworden. Glauben Sie im Ernst, es sei pure
Bosheit oder terroristische Gesinnung, wenn sich eine zwanzigjährige Frau
mit einer Sprengladung um den Bauch in eine Menschenmenge begibt und sich dann
selbst in die Luft sprengt? Hätte sie nicht lieber ein anderes Leben
gewählt? Wie tief müssen Verletzung, Verzweiflung und
ohnmächtige Wut gegangen sein, um so etwas zu tun? Das ist kein Mord im
üblichen Sinn. Das ist Ohnmacht und allerletztes Aufbäumen gegen eine
Gewalt, die mit Steinwürfen nicht mehr zu bekämpfen war.
Ich weiß, daß mit dieser Feststellung den
Opfern auf israelischer Seite nicht geholfen ist, hier wie dort fließen
dieselben Tränen. Aber vielleicht können wir, indem wir
wahrheitsgemäß berichten, dazu beitragen, daß das Töten
auf beiden Seiten doch noch beendet wird. Seien wir vorsichtig, wenn von
Terrorismus die Rede ist. Wir leben tatsächlich in einer Zeit
des Terrors, aber der wird nicht nur von den Opfern verursacht. Als Terror
werden in der öffentlichen Nomenklatur nur diejenigen Gewalttaten
bezeichnet, die den bestehenden Machtsystemen schaden. Die aber sind selbst
durch Terror errichtet worden und werden es täglich aufs Neue. Hat man
einmal darüber nachgedacht, wieviel Lebensvernichtung und Gewalt
(gegenüber Natur, Tieren, Kindern und Völkern der Dritten Welt etc.)
hinter den Aktienkursen der großen Konzerne steckt?
Die Antifa-Bewegung, wenn es sie wirklich gäbe,
würde sich heute gegen die israelische Politik richten und ein
öffentliches Forum schaffen, welches die Wahrheit in alle
Himmelsrichtungen hinausruft. Hilfe für Palästina!
Aber auch Hilfe und Solidarität für alle
Israelis, die sich dem Unrecht ihres Staates widersetzen und an der
öffentlichen Aufklärung teilnehmen. In der Nahost-Initiative, die
Tamera seit einigen Jahren aufbaut, treffen sich junge Menschen aus Israel und
Palästina, um gemeinsam ein Friedenskonzept zu entwickeln. Beim jetzigen
Stand der Dinge geht es um die Planung und Vorbereitung eines Friedensdorfes,
für dessen soziale und technische Gestaltung relativ ausgereifte
Pläne vorliegen. (Für Menschen, die mit unserem Projekt schon
vertrauter sind: Es geht um die Verbindung der sozialen Gestalt eines
Heilungsbiotops, wie sie in Tamera/Portugal seit Jahren entwickelt wird, mit
der technologischen Gestalt des SolarPowerVillage, welches vor
allem für Trockengebiete und Armutsregionen der Erde neue
Möglichkeiten für Energieversorgung und Ernährung schafft.)
Wie überall auf der Erde kann auch im Nahen Osten der
Krieg nicht mehr mit herkömmlichen Mitteln beendet werden. Wir brauchen
eine positive Vision für eine neue Welt des Friedens, eine Vision, die
jenseits der gegenwärtigen Positionen beider Seiten steht. Eine solche
Vision wird sich als feldbildende Kraft verbreiten können, wenn sie
irgendwo als konkretes Modell steht und funktioniert. In diesem Sinne arbeiten
wir am konkreten Aufbau eines globalen Friedensdorfes. Wir besinnen
uns dabei auf die Wurzelbedeutung des Heiligen Landes in unserer
Zeit. Möge die heilige Quelle, aus der beide Völker kamen, sie wieder
zusammenführen. Seit drei Jahren ertönt jeden Freitag in Tamera um 10
Uhr der große Gong, um für eine kurze Zeit die Arbeit anzuhalten und
ein Friedensgebet nach Israel und Palästina zu senden.
Shalom und salaam
Dieter Duhm, Sabine Lichtenfels, Benjamin von
Mendelssohn,
Institut für globale Friedensarbeit (IGF) in
Tamera/Portugal
Tamera, 12.11.2004 |