Es ging um mehr als »Hartz IV«.
Verlaufsformen und Perspektiven der Montagsdemos. Welche
Bewußtseinsprozesse wurden da in Bewegung gesetzt? Obwohl es
für eine umfassende Auswertung und Wirkungsanalyse der Montagsdemos von
2004 sicher noch zu früh ist, läßt sich jetzt bereits vermuten,
daß sie eine historische Markierung hinterlassen werden, weil sie kein
singuläres Ereignis sind und Umbrüche widerspiegeln, die nicht nur
die Sozial- und Beschäftigungspolitik betreffen, sondern sich gleichzeitig
und unabhängig vom konkreten Anlaß im politischen System entfalten.
Es geht um den Legitimationsverlust der herrschenden Eliten, um Umbrüche
in der Parteienlandschaft und die Formierung einer neuen
außerparlamentarischen Opposition. Bei aller Vorsicht läßt
sich feststellen, daß die derzeitige Etappe zunehmender Großdemos
und des Legitimationsverlusts der herrschenden Politik die Dynamik eines
gesellschaftlichen Wandels aufweist, der das Ende einer Entwicklungsetappe
ankündigt, zunehmende Widersprüche zwischen den sozialen Klassen
hervortreibt und letztlich neue politische Kräfte hervorbringen wird. Eine
gesellschaftliche Krise läßt sich das allemal nennen, vor allem
aufgrund der vielfältigen Begleiterscheinungen.
Während alle bisherigen Reformen selektiv wirkten,
indem sie entweder nur bestimmte Leistungsempfänger erfaßten oder
aber, wie bei der Gesundheitsreform, hauptsächlich Gering- und
Durchschnittsverdiener trafen, sahen sich plötzlich alle
Beschäftigten mit hohen Arbeitsmarktrisiken dem Sozialhilfeniveau
näherrücken. Darüber hinaus entfachten die Demonstrationen eine
öffentliche Debatte, in der es letztlich weniger um die Logik der
Beschäftigungspolitik als um die logischen Widersprüche einer Politik
ging, die in atemberaubender Geschwindigkeit den Sozialstaat demontiert, ohne
eine ebenso plausible wie glaubwürdige Zukunftsvision anbieten zu
können. Noch nie war die argumentative Leere der Reformrhetorik so
deutlich geworden wie im kurzen heißen Sommer dieses Jahres.
Qualität eines Lehrstücks
»Hartz IV« brachte alle Qualitäten eines
Lehrstücks mit sich, weil sich in dieser einzelnen Maßnahme die
allgemeine Tendenz der »Agenda 2010« widerspiegelte, weshalb von
den Demonstranten häufig nicht nur die Sozial- und
Beschäftigungspolitik, sondern grundsätzlich die Frage sozialer
Gerechtigkeit thematisiert wurde. Daß »Hartz IV« einen
exemplarischen, völlig neue Bevölkerungsgruppen mobilisierenden
Charakter hatte, zeigte sich auch in der Zusammensetzung der Montagsdemos.
Einen statistisch nicht signifikanten, aber die Tendenz erfassenden Eindruck
davon vermittelt ein Forschungsprojekt des Wissenschaftszentrums Berlin (WZB),
das 1025 Demonstranten unter insgesamt 10740 Teilnehmern in Dortmund,
Magdeburg, Berlin und Leipzig befragte. Auffallend bei der Zusammensetzung der
untersuchten Demonstrationen war zunächst einmal die ermittelte
Altersstruktur, die sich zum Beispiel deutlich von den Friedensdemonstrationen
der letzten Jahre unterschied. Die Altersgruppe der 45- bis 64jährigen war
mit 52 Prozent eindeutig überrepräsentiert, ohne daß von einer
wirklichen Alterslastigkeit gesprochen werden kann, denn die über
65jährigen stellten nur zehn Prozent der Teilnehmer, was etwa der
Repräsentanz bei den Friedensdemos entspricht. »Es protestierte
somit diejenige Altersgruppe, deren Integration in den Arbeitsmarkt am
schwierigsten erscheint«, schreibt das WZB, übersieht aber,
daß nicht die unmittelbar Betroffenen die Mehrheit stellten, sondern
diejenigen, die »noch nicht« betroffen waren. Einerseits waren die
Empfänger von Arbeitslosenhilfe mit 29,3 Prozent deutlich stärker
vertreten als die Arbeitslosengeldempfänger (9,8 Prozent) oder die
Bezieher von Sozialhilfe (2,3 Prozent), aber andererseits waren 58,6 Prozent
von »Hartz IV« persönlich (noch) nicht betroffen. Auffallend
ist auch der überdurchschnittliche Bildungsstand der Teilnehmer und die
Überrepräsentanz der Hochqualifizierten, was für eine Bewegung
der vom Abstieg bedrohten Mittelschichten spricht und nicht für einen
Protest der Marginalisierten.
Zweifellos spielten die Medien in den ersten Wochen der
Montagsdemonstrationen eine wichtige Rolle bei der Verbreiterung der Bewegung,
indem sie konkrete Beispiele über die Auswirkungen von »Hartz
IV« veröffentlichen oder einzelne Aspekte, wie etwa die Anrechnung
von Kindersparbüchern, skandalisierten. In der Folge stürzten die
Wahlumfragen für die SPD zwar ins Allzeittief. Lange dauerte diese Phase
jedoch nicht. Mitte August reagierte die Bundesregierung mit einer
Öffentlichkeitskampagne, bei der sie die Flucht ins Konkrete antrat, um
mit Rechenkünsten die Segnungen des Arbeitslosengeldes II hoch- und die
Ängste kleinzurechnen. Am Ende konnte sogar der Eindruck entstehen,
daß die Kombination von ALG II, Wohnzuschüssen und Ein-Euro-Jobs das
Entgelt eines Normalarbeitsverhältnisses erreicht. Der Erfolg dieser
massiven Kampagne blieb nicht aus. Hatten noch im Februar nur 35 Prozent der
Befragten die »Reformen« bejaht, aber 55 Prozent abgelehnt, so
kehrte sich das Verhältnis plötzlich um, und 48 Prozent fanden die
Maßnahmen richtig, während sie nur noch 45 Prozent falsch fanden. Zu
diesem Umschwung hatte mit Sicherheit die Desinformationsstrategie der
Bundesregierung ebenso beigetragen wie die wachsende Denunziation der
Demonstranten als »Opfer einer Angstkampagne« oder das Kleinrechnen
der Teilnehmerzahlen.
Und hier offenbaren sich die Grenzen exemplarischer
Lernprozesse. Sie müssen immer dann scheitern, wenn sie auf der Ebene der
konkreten Beispiele bleiben und mit ebenso konkreten Gegenbeispielen zu
entkräften sind. Die Zeit und die Möglichkeiten der Bewegungen waren
viel zu begrenzt, um vom exemplarischen Fall »Hartz IV« zum
gedanklichen Begreifen der allgemeinen Tendenz überzugehen. So lange der
öffentliche Diskurs von den Massenmedien beherrscht wird und die
Bewegungen keine autonome Gegenöffentlichkeit entfalten, sind kollektive
Lernprozesse äußerst störanfällig. Denn die
Medienkommunikation dominiert nicht nur die Interpretation der Tatsachen, sie
produziert sie auch, weil die Bilderflut der Mediengesellschaft längst
schon zur Wirklichkeit wurde und die Politik offenbar um so erfolgreicher ist,
je mehr sie die bildhafte Selbstinszenierung beherrscht. Deshalb stieß
die Bewegung nicht zuletzt gerade dann an ihre vorläufige Grenze, als die
Regierungsparteien ihre Definitionsmacht zurückgewannen und einen
Durchbruch in der »Reformpolitik« inszenieren konnten, der den
Montagsdemos sowohl den Massenzulauf als auch die mediale Aufmerksamkeit
abschnitt.
Ungewohnte Spontaneität
Die Montagsdemonstrationen zeichneten sich vor allem in
Ostdeutschland durch eine ungewohnte Spontaneität aus. Häufig waren
es einzelne, die mit selbst kopierten, unprofessionellen Flugblättern den
Anstoß für die erste Demo gaben und der unerwartet hohen Resonanz
reichlich unbeholfen gegenüberstanden. Ihre eingefangenen O-Töne
waren ebenso individuell gefärbt wie die selbst gemalten Plakate, sie
zeugten von Alltagsnähe und persönlicher Betroffenheit, während
sich die westdeutschen Protestbewegungen seit Jahrzehnten durch die
Mobilisierung eines längst schon vorhandenen Potentials auszeichnen, das
sich zu jeweils unterschiedlichen Anlässen neu formiert. Zwar liegt die
Vermutung nahe, daß es sich bei den ostdeutschen Montagsdemos zum Teil um
ein PDS-Milieu handelt, doch auch dieses Milieu ist wesentlich unstrukturierter
als linke Milieus im Westen und weit weniger durch politische Aktivitäten
als durch Werthaltungen und Wahlverhalten geprägt.
Allerdings sind diese Werthaltungen eindeutig links, wie die
WZB-Studie ergab. »Sich ganz rechts verortende Demonstranten fallen
lediglich in Leipzig mit 3,3 Prozent ins Gewicht und fehlen in Berlin fast
völlig (...) Entgegen der öffentlichen Wahrnehmung gibt es unter den
Demonstrierenden gegen Hartz IV keine markante Hinwendung zu
rechtsradikalen Parteien.« Statt dessen gibt es eine überraschend
hohe Zustimmung zu der Aussage »Sozialismus ist eine gute Idee, die
schlecht ausgeführt wurde«. Im Osten bejahten das 75 und im Westen
59 Prozent (ausschließlich Dortmund) der befragten Demonstranten.
Ähnlich eindeutig fiel in der WZB-Studie die Beurteilung der Parteien in
bezug auf die »Hartz-Gesetze« aus, wo die Befragten Noten zwischen
eins und sechs verteilen konnten. Dabei kam nur die PDS auf einen Mittelwert
von 3,3, während die SPD 5,5, CDU/CSU 5,6, Grüne 5,2, FDP 5,4, NPD
5,5 und DVU 5,5 erzielten.
Nun sind Werthaltungen oder Parteibeurteilungen
selbstverständlich Bewußtseinsinhalte, aber sie sagen wenig
über die Bewußtheit aus, mit der gesellschaftliche Prozesse
interpretiert und verstanden werden. Viele der vom WZB erhobenen Daten lassen
vermuten, daß die Selbstverortung der Befragten auf der
Rechts-Links-Skala wie die Parteienbeurteilung vom Demonstrationsklima
geprägt und überwiegend spontan waren. Die entscheidende und weder
von der Studie noch aus unmittelbarer Erfahrung zu beantwortende Frage lautet
aber, welche Bewußtseinsprozesse durch die Bewegung angestoßen
wurden.
Zunächst ist festzustellen, daß der
mehrwöchige Demonstrationszyklus niemals ohne regelmäßige
Arbeitszusammenhänge zustande gekommen wäre. Und selbst wenn sie sich
beim Abflauen der Bewegung Anfang Oktober gelockert oder auch aufgelöst
haben sollten, ist in Ostdeutschland damit eine Voraussetzung geschaffen
worden, die auch im Westen erst ab den 60er Jahren entstanden ist. Es gibt
freilich erhebliche Unterschiede.
Die westdeutsche Protestbewegung der 60er und 70er Jahre
stützte sich auf eine Generation, deren politische Aktivität in einen
parallel verlaufenden Modernisierungsprozeß eingebunden war, welcher sich
nicht gegen die Bewegung, sondern gegen die herrschenden Kräfte und ihre
Reformunwilligkeit richtete. In den Bewegungen konnten sich persönliche
Emanzipation, kultureller Wandel und vorwärtstreibender Protest
unlösbar miteinander verbinden, weil sich die gesamte Gesellschaft in
einem Aufbruchprozeß befand, der diese Verbindung zugleich möglich
und notwendig machte. Und während sich die damalige Protestbewegung im
Einklang mit einem weltweiten Kampf um Demokratie, nationale
Unabhängigkeit, Selbstverwirklichung und soziale Emanzipation fühlen
konnte, handelt es sich heute um Widerstand gegen eine ungewollte
Modernisierung, die auf den Trümmern gescheiterter Emanzipationsbewegungen
wuchert. Der gegenwärtigen Linken mangelt es nicht an konkreten
Alternativen, soweit es um greifbare Gegenkonzepte zu »Hartz IV«
oder auch zur Gesamtanlage der »Agenda 2010« geht, aber es mangelt
der gesamten Gesellschaft an jenem überschüssigen Bewußtsein,
aus dem sowohl radikale Bedürfnisse als auch konkrete Utopien geboren
werden. Die Ursachen dafür sind vielfältig und begründen sich
nicht nur mit dem Scheitern des Sozialismus was immer noch jüngere
Vergangenheit ist sie wurzeln auch in einem sozialen und kulturellen
Umbruch, der vollständig von der neoliberalen Modernisierungsideologie und
ihren Verblendungszusammenhängen geprägt ist.
Ostdeutsche Mentalitäten
Mit den Montagsdemonstrationen kam das erste Mal nach der
Wende eine politische Initiative nicht aus der alten Bundesrepublik, sondern
aus dem Osten. Auch wer Parallelen zwischen den damaligen und den heutigen
Montagsdemonstrationen leugnet, wird das zur Kenntnis nehmen müssen, weil
diese Parallelität auf ein wichtiges Element im subjektiven Faktor der
neuen Bundesländer verweist. Überhaupt ist dieser subjektive Faktor
völlig anders strukturiert, als man es im Westen wahrhaben möchte,
weil man sich ein Ostbild zurechtgezimmert hat, das zwangsläufig auf
Widerspruch stößt und, wie zu sehen war, auch zu unerwartetem
Widerstand führen muß. Was zum Beispiel aus westdeutscher Sicht als
Staatsbezug denunziert wird, hat in erster Linie nichts mit der
Wertschätzung des Staates zu tun, sondern wurzelt im tradierten Anspruch
auf gesamtgesellschaftliche Vernunft und in einem anderen Leistungsbegriff.
Denn paradoxerweise sind die Ostdeutschen der
Leistungsgesellschaft sehr viel näher als deren westdeutsche Ideologen,
weil sie Leistung mehr an der Anstrengung als am scheinbar alles
rechtfertigenden Erfolg messen. Überhaupt ist die Mentalität nach wie
vor von Moralvorstellungen geprägt, die von der Arbeitsideologie des
realen Sozialismus bis zur protestantischen Ethik zurückreichen und sich
grundlegend vom neoliberalen Erfolgsethos abheben, das kein anderes
Leistungsverständnis als die Fähigkeit zur Bereicherung
zuläßt.
Doch es ist nicht allein die erwähnte Tradition, die
der ostdeutschen Mentalität andere Dimensionen hinzufügt, sondern
auch die objektive Realität. Die neuen Länder registrieren zwar die
höchsten Arbeitslosenzahlen, aber weitaus geringere soziale Unterschiede,
und ihre Statistik zählt nicht nur deutlich weniger Millionäre,
sondern auch weniger absolut Arme. Auch der ostdeutsche Selbständige ist
anders als sein Pendant im Westen, weil sein unternehmerisches Denken im
negativen wie im positiven Sinne noch sehr viel stärker als im Westen von
Eigenarbeit und Korporatismus geprägt ist und deutlich weniger von
Konkurrenz und betriebswirtschaftlicher Logik. Die zwar realitätsferne,
aber wertebildende DDR-Ideologie von einer klassenlosen Gesellschaft wirkt
nicht nur im Alltagsdenken von abhängig Beschäftigten wie
Selbständigen fort, sie wird auch durch die objektive Sozialstruktur
perpetuiert und schafft eine soziale Sensibilität, die mehr zur
Sozialpartnerschaft der frühen Bundesrepublik als zur
Modernisierungsideologie der gegenwärtigen paßt.
Als einen weiteren objektiven Faktor muß man die
ostdeutsche Struktur der Arbeitslosigkeit, die Qualifikation und jüngere
Arbeitsbiographie der Erwerbslosen betrachten. Nicht nur, daß der Anteil
der höher Qualifizierten unter den Arbeitslosen deutlich höher als im
Westen ist, sie sind allen gegenteiligen Behauptungen zum Trotz im Schnitt auch
flexibler. Die meisten von ihnen blicken auf zahllose Umschulungen, wechselnde
Berufe und vor allem auf Phasen der Selbständigkeit zurück, die
allesamt mit erheblichen Anpassungs- und Lernprozessen verbunden waren. Nur,
und das ist das Entscheidende, für die Masse der Betroffenen brachten sie
nicht nur unbefriedigende, sondern auch demütigende Ergebnisse. Der
berühmte Fahrstuhleffekt des westdeutschen Wirtschaftswunders, der eine
ganze Generation von Nachkriegsverlierern zu Modernisierungsgewinnern machte,
ist an Ostdeutschland nicht nur vorbeigegangen, sondern die Masse der
Ostdeutschen hat auch die Erfahrung gemacht, daß ihre Anstrengungen
niemals ausreichen werden, um den historischen Standortvorteil der
westdeutschen Mitkonkurrenten zu überwinden.
Auf den Montagsdemonstrationen in Magdeburg oder Leipzig
versammelten sich dementsprechend überwiegend Menschen mit sozialen
Erfahrungen und gesellschaftlichen Deutungsmustern, die sich in vieler Hinsicht
vom Sozialcharakter des typischen westdeutschen Langzeitarbeitslosen
unterscheiden. Menschen, die seit der Wende von der einen in die andere
Maßnahme geschubst wurden und sich mit ständig wechselnden,
prekären Beschäftigungen abgefunden hatten, standen plötzlich
vor der Aussicht, vom nächsten Kurzzeitjob direkt in die Armut zu
stürzen. Hier stand ein allgemeines Unrecht gegenüber dem Osten in
der Kritik: Die Ausweglosigkeit der bisherigen Anstrengungen, die
ungezählten Enttäuschungen und immer wieder jene Demütigungen
des eigenen Selbstwertgefühls, die eine Politik auferlegt, welche nicht
von den wahren Realitäten des Arbeitsmarktes, sondern von ihren abstrakten
Marktillusionen ausgeht.
Die Montagsdemonstrationen haben wenig bewirkt, wenn man
ausschließlich von den realen Ergebnissen ausgeht, aber in Ostdeutschland
scheint zumindest in Ansätzen ein Bewußtsein im Entstehen zu sein,
das sich eindeutiger als je zuvor vom Stereotyp des Jammer-Ossis entfernt und
das sowohl von einem anderen Selbstbewußtsein als auch von einer anderen
Westsicht geprägt ist. Nicht als Massenerscheinung, aber als ein
subjektives Moment, das den Ost-West-Konflikt zu einer Auseinandersetzung um
unterschiedliche Gesellschaftsentwürfe macht. In diesem Sinne darf der
gerade im Osten besonders dramatisch ausfallende Legitimationsverlust der
westdeutschen Altparteien auch nicht nur als Rückzug aus der Politik
gewertet werden. Er hat gleichzeitig die Züge einer Umorientierung, die
sich freilich nicht spontan vollziehen wird und unterschiedliche Richtungen
einschlagen kann.
Erosion und Umbruch
Nicht von ungefähr fallen die Montagsdemonstrationen
mit einem Wahljahr zusammen, das als eine Zäsur betrachtet werden
muß, weil es nicht nur einen bisher einmaligen Absturz der SPD
verursachte oder sich Millionen in die Gruppe der Nichtwähler
verabschiedeten, sondern weil am Ende sogar die CDU/CSU in einen
Abwärtsstrudel geriet. Dagegen konnte die PDS nicht nur ihren
Bedeutungsverlust wettmachen, sie erzielte auch die besten Wahlergebnisse ihrer
Geschichte, sowohl bei den Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und
Brandenburg als auch bei den Europawahlen und überraschenderweise bei den
Kommunalwahlen in NRW. Auch die Gründung einer neuen Linkspartei, die
maßgeblich von sozialdemokratischen Gewerkschaftern initiiert wurde,
spricht weniger für Erosion als für einen möglichen Umbruch des
Parteiensystems.
Sicher gibt es einen Zusammenhang zwischen den
Montagsdemonstrationen und dem Wahlverhalten, aber es ist kein
eindimensionaler. Vermutlich speisen sich beide Erscheinungen aus der gleichen
Quelle, nämlich dem Legitimationsverlust der herrschenden Politik. Auch
die PDS verdankt ihre Wahlsiege in Brandenburg und Sachsen weniger den
Bewegungen gegen »Hartz IV«, sondern im wesentlichen diesem
Legitimationsverlust. Daß dies kein Automatismus ist und auch in
gegensätzliche Richtungen wirken kann, zeigt ein Vergleich der
Wahlergebnisse von Brandenburg und Sachsen. Obwohl die PDS in beiden
Ländern mit gleicher Öffentlichkeitsarbeit Wahlkampf machte und mit
vergleichbarem Engagement die Montagsdemos gegen »Hartz IV«
unterstützte, konnte sie ihr Ergebnis in Sachsen gegenüber 1999 nur
um 1,4 Prozente verbessern, während sie in Brandenburg um 4,7 Prozent
zulegte und bei den Erststimmen sogar stärkste der Parteien werden konnte.
Auch der Stimmenzuwachs der extremen Rechten verlief
deutlich unterschiedlich. Während die NPD in Sachen von 1,4 auf 9,2
Prozent kletterte und nur noch knapp hinter der SPD liegt, kletterte die DVU in
Brandenburg nur um 0,8 Prozentpunkte, was freilich einem realen Stimmenverlust
der Neonazis entspricht, weil die gemeinsamen Stimmergebnisse von DVU und NPD
1999 deutlich höher ausfielen. CDU und SPD verloren in beiden Ländern
annähernd gleich dramatisch, unabhängig davon, wer an der Regierung
beteiligt war oder den Ministerpräsidenten stellte. Daß deren
relativ ähnliche Verluste gegensätzlichen Lagern zugute kamen
in Brandenburg mehr der PDS und in Sachsen den Neonazis ändert
nichts am allgemeinen Trend, die etablierten Westparteien insgesamt
abzustrafen.
Wenn aber die extreme Rechte in Brandenburg stagnierte oder
sogar Einbußen hinnehmen mußte, während die sächsischen
NPD-Stimmen sprunghaft anstiegen, dann hat das leicht erkennbare Gründe.
Die Brandenburger DVU existiert fast nur auf dem Papier und stützt ihre
Erfolge auf ferngesteuerte Plakataktionen, während die NPD in Sachsen nach
Meinung des Politologen Patrick Moreau bereits »an der Grenze ... einer
Massenbewegung« agiert. Man kann das Urteil des selbsternannten
»Extremismusforschers« Moreau überzogen finden,
realitätsfern ist es nicht. In einigen sächsischen Hochburgen ist die
NPD in Kommunalparlamente eingezogen, im Städtchen Königstein in der
Sächsischen Schweiz sogar mit mehr als 20 Prozent und sie verfügt in
ihren ostdeutschen Hochburgen inzwischen nicht nur über stabile
Parteistrukturen, sondern auch über eine Stammwählerschaft. Ihre
Konzentration auf soziale Fragen reicht weit hinter die
»Hartz«-Proteste zurück und hat ihr inzwischen völlig
neue Anhängergruppen erschlossen. Wobei ihr wachsender
Arbeitereinfluß sowohl auf den Mangel eines klassischen
sozialdemokratischen Milieus als auch auf die Schwäche der Gewerkschaften
zurückzuführen ist. Die NPD füllt in Ostdeutschland das Vakuum
rechts neben der PDS und dies ist mit »Hartz IV«
größer geworden.
* Gekürzter Vorabdruck aus Z. Zeitschrift Marxistische
Erneuerung, Heft 60, Dezember 2004 |