| jW sprach mit Bärbel
Schönafinger, Mitarbeiterin von kanalB, einem linken Videomagazin und
Internetsender, der »herkömmliches Fernsehen« durch direkte
Berichterstattung aus der Perspektive der Protestierenden
»ersetzen« will |
| |
F: Sie werden demnächst mit kanalB
exklusiv aus Argentinien berichten. Warum?
Am 19. bis20. Dezember waren
zeitweise bis zu 90 Prozent der Bewohner von Buenos Aires auf den
Straßen. Das war ein riesiger Aufstand. Der wurde in den hiesigen Medien
heruntergespielt. Auch seine Ursachen: Wo stand denn, daß der IWF die
ersten Kredite an die Militärdiktatur von 1976 vergeben hat? Wie lange
mußt du recherchieren, um herauszufinden, daß Argentinien im
Schnitt 13 Prozent Zinsen auf seine Schulden zahlt? Inzwischen ist alles wieder
in Ordnung, heißt es. Man redet noch ein wenig über
Armutsbekämpfung und damit hat sich das. Niemand erzählt die ganze
Geschichte. Daß die Leute seit Monaten ihre Löhne nicht ausbezahlt
bekommen, daß alles, was dem Land gehörte, im Zuge der vom IWF
geforderten Privatisierung billig verschleudert wurde, daß jahrelang
alles nur exportiert wurde, um die Schulden bedienen zu können, zum
Vergnügen der Gläubiger, daß den Leuten jetzt auch noch ihre
Ersparnisse abgenommen werden, und daß Argentinien letzlich ein
Musterbeispiel für das tragische Scheitern der neoliberalen
ökonomischen Strategien ist, die der IWF und die Weltbank vertreten und in
Zusammenarbeit mit fragwürdigen Regierungen durchsetzen. Dieses Scheitern
ist aber natürlich nicht für die Eliten tragisch, die es zu
verantworten haben, sondern für die Armen und die Mittelschicht. Und zwar
so tragisch, daß sie auf die Straße gehen und sich durch die
Polizei nicht einschüchtern lassen, obwohl es bereits 30 Tote gegeben hat.
Und genau dieses Scheitern ist es, das in den Medien nicht eingestanden werden
kann. Argentinien ist so ein spannendes Thema. Weil die herrschende Ideologie
und die Wirklichkeit auf der Straße so weit auseinanderklaffen.
F: Bedienen Sie sich der Techniken des Boulevardjournalismus?
Würden Sie zum Beispiel ein kleines Mädchen filmen, das auf dem Bett
liegt und stirbt, weil es keine Medikamente bekommt? Das könnte auch bei
Explosiv laufen.
Könnte es nicht. Da geht es im großen und
ganzen um die Vergrößerung von Brüsten. Und Arme kommen im
Boulevard nur vor, wenn es ins ideologische Konzept paßt. Mir ist das zu
ästhetisch gedacht. Uns geht es einfach um die Vermittlung von Fakten, die
nicht im Fokus sind.
F: Trotzdem kann eine Vor-Ort-Recherche nicht die
Suche nach verläßlichen Textquellen ersetzen.
Soll sie auch
nicht. Man kann vor Ort aber schon besser verstehen, welche Erklärungen
Sinn machen und welche nicht die richtige Perspektive zu finden ist
einfacher. Zum anderen werden wir Menschen treffen, die dort leben und sich
seit Jahrzehnten mit diesen Problemen befassen.
F: Welche Kontakte
haben Sie?
Wir werden politische Aktivisten aus unserem Bekanntenkreis
treffen und eng mit diversen Videogruppen und indymedia Argentinien
zusammenarbeiten.
F: Sprechen Sie Spanisch?
Ich mache seit
einer Woche einen Intensivkurs, aber eine andere Frau aus unserer Gruppe
spricht fließend Spanisch.
F: Wie soll die Aktion finanziert
werden?
Über ein Abo-System. Jeder kann Abonnent unserer
speziellen Internetseite werden. AbonnentInnen können sich auf dieser
Seite vier Wochen lang jeden Tag zwei neue Videobeiträge aus Argentinien
anschauen, auf spanisch und mit deutscher Übersetzung. Außerdem
schreiben wir einen Newsletter für die AbonnentInnen mit den wichtigsten
Neuigkeiten, und es gibt auf der Spezialseite auch ein Messageboard, über
das sich die AbonnentInnen in die Recherchen einklinken können. Jeder
Abonnent sagt, wieviel er maximal für das Abo zu zahlen bereit ist. Sobald
sich genügend Interessenten gefunden haben, legen wir den endgültigen
Preis fest. Zur Zeit liegt er bei fünf Euro monatlich.
*
http://kanalB.de |
|