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Berlin - Werden all unsere Telefonate, SMS-Kurzmitteilungen,
E-Mails und Surf-Spaziergänge im Internet schon bald 12 Monate lang in
riesigen Zentralrechnern gespeichert? Darüber verhandeln
Bundesinnenminister Otto Schily und Bundesjustizministerin Brigitte Zypries
(beide SPD) derzeit in Geheimgesprächen mit den deutschen
Telefonkonzernen. Schon im Lauf dieses Jahres soll auf EU-Ebene die
Entscheidung dafür fallen - betroffen wären alle 400 Millionen
Menschen in der Europäischen Union. Begründung: Auf diese Weise
könnten die Sicherheitsbehörden leichter Terroristen verfolgen oder
Kinderschänder jagen. Gespeichert werden sollen aber nur die Nummern und
Adressen, nicht die Inhalte von Gesprächen oder E-Mails.
Ausdrückliche Unterstützung für diese Initiative, die auf eine
Verabredung der EU-Regierungschefs zurückgeht, findet die Bundesregierung
bei den meisten Landesinnenministern. Bayerns Ressortchef Günther
Beckstein (CSU) zu BamS: Der Zugriff auf diese Daten ist ein besonders
wichtiges Instrument zur Bekämpfung von Straftaten, insbesondere von
organisierter Kriminalität und Terrorismus. Es ist gut, daß auf
EU-Ebene eine Mindestspeicherfrist von 12 Monaten in Angriff genommen wird."
Vergangenes Jahr hatte der Bundestag die Pläne der deutschen Innenminister
im neuen Telekommunikationsgesetz bereits abgeschmettert. Jetzt nehmen Schily
und Zypries über den Umweg Brüssel einen zweiten Anlauf für die
sogenannte Vorratsdatenspeicherung". Im Februar trafen sich beide
Politiker mit führenden Konzernbossen der deutschen Industrie, unter ihnen
Telekom-Chef Kai-Uwe Ricke. Am Tisch saßen auch führende Vertreter
der Geheimdienste und des Buneskriminalamts. Schily und Zypries wollten
ausloten, wie weit besonders die Telekom bereit ist, im Zeichen der
Terrorbekämpfung bei der Datenspeicherung mitzumachen. Die Telekom zeigte
sich nach BamS-Informationen einverstanden, unter bestimmten Bedingungen die
Telefondaten bis zu 6 Monate lang zu speichern. Bislang sind höchstens 90
Tage üblich, um Beschwerden über falsche Telefonrechmmgen zu
prüfen. Für die zusätzlichen Datenspeicher bei einer 12monatigen
Speicherung veranschlagt der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI)
mindestens 150 Millionen Euro. Dazu kommen jährliche Betriebskosten von 50
Millionen Euro. Datenschützer und Wirtschaftspolitiker blasen zum Protest
gegen das Ansinnen. SPD-Telekommunikations-Experte Hubertus Heil zu BamS:
Die Innenminister wollen ein teures Spielzeug, das die Unternehmen
belastet und den gläsernen Menschen schafft." Der rechtspolitische
Sprecher der Grünen im Bundestag, Jerzy Montag: Die Datenspeicherung
ist technisch unausgegoren, unvorstellbar teuer und völlig ungeeignet zur
Terrorbekämp-fung. Wir würden in einem Datenmeer ersaufen, weil kein
Computer solche Mengen verarbeiten kann." Im Wirtschaftsausschuß des
Bundestags stimmten Politiker aller Parteien einstimmig gegen die
Massenspeicherung aller Daten. Auch der Datenschutzbeauftragte der
Bundesregierung, Peter Schaar, lehnt die Pläne ab. Es ist
erforderlich, über Alternativen nachzudenken, die weniger schwer in
Grundrechtspositionen der Bürger eingreifen", sagt Schaar. Er schlägt
ein Verfahren vor, mit dem die USA gute Erfahrungen gemacht hätten. Dort
müssen die Telefonkonzerne bei konkretem Verdacht einer Straftat sofort
Daten speichern. Dann entscheidet ein Richter, ob die Polizei die Informationen
nutzen darf. Schaar: Damit wird vermieden, daß Millionen von Daten
über Jahre hinweg gespeichert und die Betroffenen unter Generalverdacht
gestellt werden." [Quelle: PRESSESPIEGEL, Erscheinungsort Starnberg, Nr.
4-2005, Seite 2] |