Die Morde an Alfred Herrhausen und Detlef Rohwedder
aus neuer Sicht .
Der Dollar fällt und fällt, die
Kapitalströme, die nötig wären, um den Kollaps angesichts der
US-Defizite aufzuhalten, sind einfach nicht mehr da; der Ölpreis liegt mit
rund 50 Dollar wieder doppelt so hoch, als für die Wirtschaft preisneutral
wäre, was weltweite Inflation zur Folge hat. Der Goldpreis hat die
450-Dollar-Marke durchbrochen, Rohstoffe sind Lieblingsgegenstand der
Megaspekulanten; Rußland hat schon damit angefangen, sein Portfolio
umzurüsten und seine erheblichen Dollarreserven zu liquidieren, andere
asiatische Länder werden folgen. - Man muß sich nur die
Gleichzeitigkeit all dieser Entwicklungen vergegenwärtigen, um zu
verstehen: Alles ist ausgereizt. Und alle, die es wissen müssen, sind von
der Angst getrieben: Es braucht nur noch eine Kleinigkeit dazuzukommen, und das
ganze System wird detonieren. John Perkins unterstreicht in seinem neuen Buch
Confessions of an Economic Hitman, diese Politik der EHM habe letztlich
zu den Anschlägen des 11. September geführt (Anm.PHI: Den Text eines
Interviews mit John Perkin bringen wir in den nächsten PHI). Er sagt,
daß diese Anschläge nur mit aktiver Mitarbeit von Teilen des
amerikanischen Sicherheitsapparats möglich gewesen sein könnten. Die
derzeitige Systemkrise ist ebenso das Resultat der Politik, ein Land der
"Dritten Welt" nach dem anderen durch die EHM zum Ausbeutungsobjekt zu machen
und die Regierungen zu zwingen, sich zugunsten des Aufbaus eines
angloamerikanischen Empires in der Tradition Venedigs und des
anglo-holländischen Systems und der Finanzinteressen von Firmen wie
Bechtel und Halliburton zu überschulden und damit dem Diktat
der IWF-Auflagen zu unterwerfen. Perkins' Buch ist deshalb so brisant, weil es
von einem hochrangigen Insider geschrieben ist, der sich durch seine
Enthüllungen letztlich selbst belastet. (...) Perkins führt als
Beispiel an: Indira Gandhi wurde einmal von einem amerikanischen
Repräsentanten besucht, der ihr mitteilte, es seien gerade 70 (!)
amerikanische Geschäftsleute in Neu-Delhi angekommen, die Aufträge
für 30 Mrd. Dollar zu vergeben hätten, falls sie sich innerhalb
weniger Stunden bereit erklärte, einen IWF-Kredit von 30 Mrd. Dollar
anzunehmen. Indira Gandhi empfing den Vertreter am nächsten Morgen in
ihrem Büro im Parlament und lehnte das Angebot mit dem Argument ab, sie
habe gerade mit Mühe einen Kredit von 2 Mrd. zurückgezahlt und sehe
keine Möglichkeit, sich auf dieses "Geschäft" einzulassen. Ein
indischer Zeitzeuge kommentierte: "Sie hat diese Haltung mit dem Leben
bezahlt." Aber wer meint, Coups und Morde an Führern der sog. Dritten Welt
seien "nichts besonderes", der sollte schleunigst aufwachen. Denn dieselbe
Politik, die Perkins zufolge für die Überschuldung des
Entwicklungssektors und die Morde an Omar Torrijos in Panama und Jaime Roldos
in Ekuador verantwortlich ist auch Schuld an der wirtschaftlichen Katastrophe
in Deutschland und Europa, und an dem Umstand, daß unsere Jugend ebenso
wie die amerikanische eine "No-future-Generation" ist, wenn die
Finanzoligarchie nicht besiegt wird. Mit anderen Worten, die Politik der
"Wirtschaftsattentäter" betrifft uns genauso. Die beiden
wirtschaftspolitisch motivierten Morde, die mehr als alles andere die Weichen
für die Katastrophe stellten, in welche die deutsche Wirtschaft in Ost und
West seit 15 Jahren gestürzt ist, waren die an Alfred Herrhausen am 30.
November 1989 und an Detlef Rohwedder am 21. April 1991. In ähnlicher
Weise wie es jetzt John Perkins sagt, sagte in den 90er Jahren der ehemalige
Pentagon-Mitarbeiter Oberst Fletcher Prouty in einem Interview mit der
italienischen Zeitung Unita, die Morde an Herrhausen, John F. Kennedy,
Aldo Moro, Enrico Mattei und Olof Palme seien alle die Folge davon gewesen,
daß sie sich nicht der bestehenden Weltordnung einer von einer kleinen
Machtelite beherrschten pax universalis unterwerfen wollten. In einer
anderen Erklärung verglich Prouty die Bedeutung der Ermordung Herrhausens
mit der J.F. Kennedys: "Sein Tod zu diesem Zeitpunkt ..., die erstaunlichen
Umstände seines Todes ... gleichen der Ermordung Präsident Kennedys
1963 ... Wenn man die große Bedeutung der Ereignisse in der Sowjetunion,
in Osteuropa und vor allem in Deutschland bedenkt, dann ist die Ermordung von
Herrhausen von ungeheurer Bedeutung. Wir dürfen nicht zulassen, daß
dies unter den Teppich gekehrt wird ... Wirkliche Terroristen ermorden den
Präsidenten einer Bank nicht ohne einen besonderen Grund. Die meisten
Terroristen sind bezahlte Agenten und Instrumente großer Machtzentren.
Ein solches Machtzentrum wollte aus einem bestimmten Grund den
Vorstandssprecher der Deutschen Bank an diesem Tag und auf diese Weise
loswerden, um anderen eine Lektion zu erteilen. Also, es gibt eine Botschaft in
der Art und Weise, wie er umgebracht wurde." Prouty sagte, der
Schlüssel zur Erklärung liege in elf Seiten einer Rede, die
Herrhausen eine Woche später am 4. Dezember 1989 in New York vor dem
American Council on Germany hätte halten sollen und die nun
ungehalten blieb. In dieser Rede wollte Herrhausen seine Vision der
Neugestaltung des Ost-West-Verhältnisses darlegen, die den Lauf der
Geschichte nach 1989 dramatisch in eine andere Richtung gelenkt hätte.
Erinnern wir uns an die dramatischen Ereignisse vom Herbst 1989: Am 9. November
fiel die Mauer in Berlin; in einer später veröffentlichten
Dokumentation gab die Bundesregierung zu, sie habe nicht die geringsten
Pläne für die unvorhergesehene Eventualität der deutschen
Wiedervereinigung gehabt. Am 28. November machte Helmut Kohl den einzigen
souveränen Schritt seiner gesamten Amtszeit. Er legte das
Zehn-Punkte-Programm für die Bildung einer Konföderation der
beiden deutschen Staaten vor, und zwar ohne Absprache mit den Alliierten
oder dem Koalitionspartner FDP. Zwei Tage später, am 30. November, wurde
Alfred Herrhausen von der sog. Dritten Generation der RAF ermordet,
deren Existenz in einer ARD-Sendung als "Phantom" bezeichnet wurde.
Dieses "Phantom" trat dann noch einmal bei der Ermordung Rohwedders in
Erscheinung und hat sich seitdem in Luft aufgelöst. Der Mord an Alfred
Herrhausen als dem einzigen Vertreter des Establishments, der eine Vision
für die historische Situation zu äußern wagte, war in der Tat
die Botschaft an Regierung und Industrie, von der Oberst Prouty sprach. Keiner
wagte mehr, den Kopf vorzustrecken. Nach den Mördern traten jetzt wieder
die Wirtschaftsattentäter auf den Plan, z.B. in der Person von Jeffrey
Sachs und anderen "Reformern", die den wirtschaftlichen Kahlschlag des Ostens
zugunsten der Spekulanten der Finanzoligarchie propagierten. Noch im Dezember
1989 erlebte Helmut Kohl die "schwärzesten Stunden seines Lebens" beim
EU-Gipfel in Straßburg, wo er meinte, sich dem Diktat der
Finanzoligarchie in der Form der vorgezogenen europäischen
Währungsunion unterwerfen zu müssen. Maastrichter Vertrag,
Stabilitätspakt, Euro statt D-Mark und wirtschaftlicher Kahlschlag
für die neuen Bundesländer waren die Folge.
Es gab noch einen anderen führenden Industrievertreter,
der weitreichende Visionen für die Entwicklung Deutschlands hatte; Detlef
Rohwedder. Als Chef der Treuhand war er mit der Transformation der Volkseigenen
Betriebe betraut. 1990/91 gelangte er zu der Erkenntnis, daß eine
rücksichtslose Privatisierung der realwirtschaftlich durchaus noch
nützlichen Industriebetriebe unannehmbare soziale Folgen hätte. Also
beschloß er in den ersten Monaten des Jahres 1991, das Konzept der
Treuhand in "Erst Sanierung, dann Privatisierung" zu ändern - immer
unter Hinblick auf die sozialen Auswirkungen. Dies war der Moment, als die
Phantom-RAF wieder zuschlug. Seine Nachfolgerin bei der Treuhand, Birgit
Breuel, Bankierstochter aus Hamburg, hatte keine solche Skrupel wie er: Unter
ihrer Leitung nahm die rigorose Privatisierung ihren freien Lauf. Warum
mußten diese beiden Männer sterben? Waren sie die Symbolfiguren der
"faschistischen Kapitalstruktur", von der die "RAF" in ihrem Bekennerschreiben
zur Herrhausen-Ermordung spricht? Im Gegenteil: Beide begingen gegenüber
dem System der Finanzoligarchie die Todsünde, moralische Bedenken wegen
der Folgen dieser Politik zu äußern. So beschreibt Dieter Balkhausen
in seinem Buch Alfred Herrhausen, Macht, Politik und Moral, wie
Herrhausen bereits 1987 bei der Trauerfeier für seinen Vorstandskollegen
Werner Blessing zum Ausdruck brachte, die Schuldenkrise der Dritten Welt
vertrage kein Schweigen mehr. Ein Gespräch mit Präsident Miguel de la
Madrid in Mexiko über die Schuldenkrise der Entwicklungsländer hatte
ihn zutiefst betroffen gemacht, und er begann über einen teilweisen
Schuldenerlaß nachzudenken. Balkhausen berichtet weiter, auf den
evangelischen Kirchentagen habe man damals darüber diskutiert, warum die
internationalen Banken bis 1987 den halb- oder unterentwickelten Staaten die
gigantische Summe von 1200 Mrd. Dollar an Krediten zur Verfügung gestellt
hatten, während sie sonst "knallhart" Kreditlinien sperrten und die
Häuser kleiner Leute versteigern ließen. Perkins' Enthüllung,
daß die EHMs die Aufgabe hatten, die Entwicklungsländer in die
Schuldenfalle zu locken, um sie dann um so gnadenloser ausbeuten zu
können, gibt die Antwort auf diesen scheinbaren Widerspruch. In einer
Fernsehsendung in Arte am 18. November 2002 kam ein mit Herrhausen
befreundeter katholischer Priester zu Wort, der berichtet, Herrhausen sei zu
dem Schluß gekommen, daß ein System, bei dem einige wenige einen
sehr hohen Profit aus der Wirtschaft ziehen, während viele andere unter
die Räder kommen, keinen Bestand haben könne. Herrhausen habe sich
mit der Frage herumgeschlagen, daß er vielleicht etwas decke, was er
nicht decken könne, nicht decken wolle und nicht decken dürfe. Damit
beging Herrhausen in den Augen der Finanzoligarchie den Fehler, der ihn das
Leben kosten sollte: Er kam auf die Idee, daß Wirtschaft etwas mit Moral
und dem Menschenbild zu tun hat. Als Herrhausen am 28. November 1989 dem
Vorstand seiner Bank einen tiefgehenden Strukturwandel vorschlug, der seine
Bedenken zur Schuldenkrise der Entwicklungsländer reflektierte,
stieß er auf heftigen Widerstand, wie der damalige Chef der Deutschen
Bank, Rolf Breuer, berichtete. Frau Herrhausen erklärte, ihr Mann sei "arg
niedergeschlagen" aus der Sitzung der Bank zurückgekommen, die sich dann
als seine letzte erweisen sollte. Und am Morgen vor dem Attentat sagte
Herrhausen zu seiner Frau: "Ich weiß nicht, ob ich das
überlebe." Es gibt neben dem Buch von John Perkins noch einen sehr
triftigen Grund, die Umstände um den Mord an Alfred Herrhausen neu
aufzurollen. Wir sind heute mit dem rapide zusammenbrechenden Weltfinanzsystem
konfrontiert. Und Herrhausen hätte in dieser Lage sicher Maßnahmen
vorgeschlagen und ergriffen, um Schaden von der Bevölkerung abzuwenden und
das Gemeinwohl zu verteidigen. Seit seinem Tod und dem Rohwedders gibt es in
Deutschland sehr wenige oder gar keine Bankiers mehr, die bereit wären, so
zu handeln - und das war ja wohl auch die beabsichtigte Botschaft der
Auftraggeber der Mörder. Aber was ist die Folge? Unser Land droht zugrunde
zu gehen. Und nicht nur unser Land. Die sich schnell verschärfende
strategische Krise (die, wie Perkins richtig erkennt, mit dem 11. September zu
tun hat) und der Einsturz des Finanzsystems, zu dem die Globalisierung und der
Versuch, eine pax universalis nach venezianischem Modell aufzubauen,
führen, erfordert eine dramatische Kursänderung. Eine neue
Untersuchung der Morde an Herrhausen und Rohwedder wird erweisen, wie die
Weichen falsch gestellt wurden und in welche Richtung sie neu gestellt werden
müssen. [Quelle: Internetseite der Partei „BUESO“]
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