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24.12.2004 Arnold Schölzel Info von:  junge Welt
Offene Rechnung

Arm und Reich in der Bundesrepublik

Ein Jahr nach den Beschlüssen zu Gesundheitsreform, »Hartz IV« und massiver Steuersenkung für Spitzenverdiener liegen die ersten Resultate vor: Die Armen sind wieder ärmer geworden, die Reichen erheblich reicher. Der 2. Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung (www.sozialpolitik-aktuell.de) belegt es jetzt auch amtlich: SPD und Bündnis90/Die Grünen stellen eine der erfolgreichsten Bundesregierungen bei der Umverteilung von unten nach oben. Es hat sich also gelohnt, daß Gerhard Schröder bei der Durchsetzung der »Agenda 2010« nicht gewackelt hat, daß Jens Bisky in der Süddeutschen Zeitung vor allem den ostdeutschen Montagsdemonstranten im zynischsten Kommentar des Jahres offenbarte: »Für die Erhaltung des gewohnten Lebensstandards ist der Staat nicht zuständig.« Ein Lohndumpingschreiber findet sich immer. Der Staat ist nämlich für die Veränderung des Lebensstandards zuständig, wie das Jahr 2004 lehrte: Höhere Lebensqualität für die »Neue Mitte«, schnellerer Absturz in die Sozialhilfe für das untere Drittel der Einkommensbezieher.

Die Krankenkassenbeiträge sinken nicht. Die Ministerin, die das in jede Fernsehkamera hineinversprach, bleibt im Amt. »Hartz IV« wird nicht nur Hunderttausende jeden Einkommens berauben, es wird auch die Zahl der offiziell registrierten Arbeitslosen beträchtlich steigern. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze erwartet niemand mehr. Daß die Senkung des Spitzensteuersatzes eine einzige Investition mehr bringt, erzählen nicht einmal mehr Hardcore-Apologeten. Solche Einzelheiten sind ohnehin eher Beiwerk zum langfristigen Trend: Der Netto-Anteil aller Lohn- und Gehaltsempfänger am jährlichen Volkseinkommen der Bundesrepublik ist von 1980 bis 2003 um etwa zehn Prozent gesunken, von 52,7 Prozent auf 42,5 Prozent. Die Netto-Gewinn- und Vermögenseinkünfte stiegen entsprechend im gleichen Zeitraum von 24,3 Prozent auf 30,1 Prozent. In solchen Zahlen kommt zum Ausdruck: Die Bundesrepublik ist eine Klassengesellschaft, und die Verteilung des gesellschaftlichen Produkts folgt den Gesetzen, die in einer solchen Gesellschaft herrschen, nämlich denen des Klassenkampfes.

Der wird fast ausschließlich von oben geführt. Konzertierte Aktionen für Durchbrüche bei der Senkung aller Sozialstandards meistern Politik, Medien und Verbände fast problemlos. Kommt es zu Protest, steht der Medienmob bereit, ihn klein- und wegzuschreiben. Das gelingt nicht vollständig, zumal Gegenwehr mal hier, mal dort aufflackert. Die genannten Zahlen besagen aber auch, daß die Spannungen im sozialen Gefüge größer werden. Das bedeutet, je mehr Schübe à la »Hartz IV« nötig werden, desto mehr solcher Protestfeuer werden auszutreten sein. Die Sieger sollten nicht zu früh feiern.



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