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04.2005 von Sylvia Lavi Info von:  fam-lavy@zahav.net.il
VOM STOLPERSTEIN ZUM MEILENSTEIN

Meine Familie entschloß sich einen Ausflug zu machen und diesmal, obwohl es sonst eher meinem Wesen entspricht Ausflüge nach Innen zu machen oder die Natur in meinem Garten zu genießen, entschloß ich mich mitzukommen.

 

Der Ausflug ging in ein Naturschutzgebiet namens „Jehudija“ in den Golanhöhen von dessen abenteuerlichen Charakter keiner so recht Bescheid wußte. Schon bei den ersten Schritten des steilen Abstiegs hinab in die felszerklüftete Schlucht, begann sich in mir ein altbekanntes mulmiges Gefühl der Beklemmung und Höhenangst auszubreiten, bzw. einer unbestimmten Angst vor dem Fall in die Tiefe (wurzelt in einem physischen Absturz aus großer Höhe mit Todesfolge in einem früheren Leben, sowie unerträglichen Abstürzen meines Bewußtseins im Laufe vieler Inkarnationen). Mein gesamter Körper begann auf diesen Abstieg in den Canyon zu reagieren und ich überlegte schon ob ich nicht besser umkehren sollte, habe mich aber dann doch intuitiv entschlossen das Abenteuer zu wagen. Immer schwieriger und steiler wurde die Tour und als wir letztendlich beim großen Wasserfall angelangt waren, wo man entweder die Wahl hat hinunterzuspringen oder auf einer Leiter hinunterzuklettern gings mir immer schlechter und meine Beine waren nur noch Puddingmasse. Ich spürte weder die starke Hitze der Mittagszeit (über 35 Grad) noch Hunger oder Durst, sondern war nur noch beherrscht von der Angst zu stolpern oder gar zu fallen. Die erste Leiter schaffte ich mit Bravour und war sehr stolz auf mich als ich mich endlich ins kalte Wasser fallen lassen konnte, mutig und entschlossen durchschwamm ich den kleinen See – dann gings quer durch die Schlucht weiter – bis zur nächsten Leiter. Dieses Mal waren nur zwei Stahlgriffe der Leiter sichtbar, die anderen waren unter dem Felsvorsprung angebracht und für mich nicht sichtbar. Ich beugte mich vor um danach zu suchen und sah nichts als den leeren Abgrund und tief unter mir das Wasser – was bliebt mir übrig als den Abstieg trotzdem zu wagen – hängend zwischen Himmel und Erde fand ich die unteren Steigeisen nicht, weil ich völlig verkrampft und zittrig war – irgendwie führt meine Haltung zu einem Riesenspagat und meine Hose riß von einem Ende zum anderen auf und nach längerer Anstrengung plumpste ich halbnackt ins Wasser, so mußte ich den gesamten Weg weiterwandern, was mir zu Anfang sehr peinlich, aber irgendwann komplett egal war.

 

Nun dachte ich das Schlimmste hinter mir zu haben, denkste! Jetzt fing es erst richtig an, auf glitschigen Steinen die im Fluß hervorragten mußten wir aufs andere Ufer hüpfen, alles eine Frage der Balance. Das erste Mal ging ganz gut, aber beim zweiten Mal führte nur ein kurzes zögerliches Zweifeln, wie es wäre wenn ich auf so einem Stein ausgleiten würde zu genau dem befürchteten Moment – plumps - ich schon lag ich im Wasser und prallte mit dem Knie genau auf einen Felsenbrocken. Ich verlor fast die Besinnung vor Schmerz, trotzdem mußten wir weiter und ich hatte nicht einmal etwas um das Knie zu verbinden, daß mittlerweile schon höllisch weh tat und mich bei jeder Bewegung aufschreien ließ. Warum passiert mir das alles, was ist nur los mit mir? Der weitere Weg führte entlang des Flüßchens durchs tiefe Gehölz, aber leider immer von einer Seite auf die andere was nur über-die-Steine-hüpfen möglich war. Intuitiv wurde mir immer klarer was ich hier zu lernen ausgewählt hatte – VERTRAUEN IN MICH SELBST – wenn ich nochmals mit der Angst auszurutschen über die Steine stolpere, dann falle ich garantiert ein weiteres mal hin, also entschloß ich mich einfach darüber hinwegzulaufen – so schnell wie möglich, ohne zu zögern, zu zagen oder gar zu denken und es klappte hervorragend, wenn nur der furchtbare Schmerz im Knie nicht gewesen wäre. Nach einigen Stunden gings an den Aufstieg und das war dann wirklich die Hölle, denn ich konnte das Knie ja nicht mehr abbiegen. Schritt für Schritt mußte ich mich durch die Felsen den steilen Abhang hinaufquälen, ich weiß nicht mehr wie ich das geschafft habe, ich weiß nur noch das ich die Zähne zusammengebissen habe und mir die Tränen die Wangen hinunterliefen und ich hatte schreckliche Angst, doch noch zu fallen. Der Aufstieg war extrem schmal und jeder Fehlschritt ein Fall in die Tiefe. Trotz unzähliger Pausen konnte ich irgendwann einfach nicht mehr weiter und legte mich auf einen breiten einladenden wie einen Stuhl geformten Felsblock und ließ mich darauf nieder – oh welch himmlische Wohltat. Ich saß auf dem Felsblock und spürte wie alles Schmerzhafte und Schwere hinein in den Stein strömte – er nahm alles auf und irgendwann begann ich tief in mir alle meine Zellen zu spüren, sie begannen zu erwachen und zu vibrieren, alle gemeinsam ließen sie los was sich seit langer Zeit darin gespeichert hatte – ich lag nur still da und lauschte in mich hinein, es war so wunderbar, ich wollte nur noch hier liegendbleiben bis ans Ende der Tage. Als ich die Augen wieder öffnete, sah ich über meinem Kopf einen Adler kreisen, er war so wunderschön und sehr groß, er spannte seine Flügel aus und kreiste über meinem Kopf und ich dachte, ach wenn ich doch nur auch so fliegen könnte wie er, wie viel leichter wäre mir dann. Irgendwie spürte ich, daß er eine Botschaft für mich hatte und fühlte sie bald in meinem Kopf: „Du kannst fliegen, sobald Du glaubst es zu können, immer wenn Du daran zweifelst, scheiterst Du, weil Du glaubst ein kleines, schwaches Menschenwesen zu sein. Doch wenn Du Dich erinnerst, daß Du ein Engel bist und Flügel hast, kannst auch Du Dich in den Himmel erheben und brauchst keine Angst mehr vor dem Fallen zu haben“. Ich konnte wieder aufstehen und weitergehen, ich spürte Kraft und neue Energie - Sicherheit und Vertrauen in diese Kraft in mir. Ich blickte hinunter in den Abgrund und verspürte keine Angst mehr – ich wußte jetzt, daß ich einfach nur Vertrauen in meine Fähigkeiten haben muß um sicher und heil oben anzukommen und selbst wenn ich fallen sollte, wäre es auch nicht das Ende. Als ich endlich oben ankam, zitterte mein ganzer Körper von der übermenschlichen Anstrengung und ich mußte mich langsam bis zu unserem Auto schleppen (tagelang konnte ich mich kaum bewegung durch die Verkrampfung meiner Muskeln).

 

Wir fuhren dann zum See Genezareth um unser Picknick zu essen und auszuruhen. Trotz unzähliger Touristen und Urlauber fanden wir einen ruhigen Platz direkt beim See und ich setzte mich auf einen Steinwall am Strand. Mein Körper begann sich langsam zu beruhigen und als ich auf den grauen vom Wind aufgewühlten See hinausblickte fühlte ich tief in mir göttlichen Frieden und die Erkenntnis, daß ein glitschiger Stolperstein im Fluß für mich zu einem weiteren Meilenstein meiner spirituellen Entwicklung geworden war und daß ich dankbar bin für diesen schwierigen Tag in meinem Leben.



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