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26.03.2005 Mumia Abu-Jamal Info von:  junge Welt
Gewalt und ihr Urheber
Warum Professor Ward Churchill nicht mehr lehren darf: Vom Wahnsinn der Politik des Imperiums in aller Welt und dessen Verbindung zum 11. September 2001

Ward Churchill, Professor für Geschichte an der University of Colorado, ist nach einer von rechtskonservativen Kräften geschürten Medienkampagne von der Universitätsleitung gekündigt worden. Die inhaltliche Kontroverse ist der Widerhall einer früheren, eher tragischen Ära: der des Kalten Krieges der 1950er Jahre. Damals gehörte es zur USA-Innenpolitik, mittels Bundespolizei FBI und verschiedener anderer Staatsschutzbehörden die Rechte von Zehntausenden von Menschen mit Füßen zu treten, sie und ihre Familien einer Repressionswelle zu unterziehen, weil sie abweichende politische Überzeugungen vertraten oder einfach dem Verdacht ausgesetzt wurden, »Kommunisten« zu sein.

Churchill hat sich als Professor für Ethnische Studien der University of Colorado seit Jahrzehnten mit diesem Thema befaßt. Er hat zusammen mit Jim Vander Wall die klassische Studie über das berüchtigte COINTELPRO geschrieben, das COunterINTELigence PROgram, mit dem das FBI radikale Basisbewegungen und Organisationen infiltrieren und zerstören sollte. Ergebnis dieser Studie sind zwei Bände, die heute als Standardwerke gelten. Sie bieten einen erschreckenden Einblick in staatliche Politik, die illegale Maßnahmen, Verfassungsbruch und offen kriminelle Handlungen umfaßte, mit denen jahrzehntelang gegen soziale und politische Bewegungen vorgegangen wurde, um sie »neutralisieren, zerstören« zu können.

Churchill, als Angehöriger der Creek/Cherokee-Métis-Nation seit den 1960er Jahren auch exponiertes Mitglied des American Indian Movement (AIM), geriet nun wegen eines Essays unter das Sperrfeuer seiner politischen Gegner, den er kurz nach dem 11. September 2001 geschrieben hatte. Darin erörtert er die Tatsache, daß es bei einigermaßen genauer Kenntnis der US-Außenpolitik eigentlich nicht verwundern dürfte, daß es zu diesen Anschlägen kam. In seinem erst 2002 veröffentlichten Essay »Some People Push Back: On the Justice of Roosting Chickens» bezieht er sich auf den berühmten Ausspruch von Malcolm X, der 1963 angesichts der Ermordung von Präsident John F. Kennedy in einem Interview gesagt hatte, daß dies nichts anderes war als ein Fall von »chickens coming home to roost«, was als Idiom nichts weiter ausdrückt, als daß die Gewalt auf ihre Urheber zurückfällt.

Sowohl Malcolm X als auch Ward Churchill stellten diesen Bezug in Kenntnis der weltweiten Operationen der USA her, ihres Exports von Gewalt und ihres offensichtlich dünkelhaften Hasses gegenüber nichtweißen Völkern in aller Welt. Churchill erinnert in seinem Essay daran, wie US-Militär und Geheimdienste brutal den ganzen Planeten mit Verwüstung überzogen haben und dabei nicht mehr bezifferbare »unschuldige Zivilpersonen« töteten, um die imperiale Herrschaft der USA aufrechtzuerhalten.

Churchill ist kein »wertneutraler« Historiker. Er spricht weder unredlich vom »Untergang der Indianer«, noch glorifiziert er das Sendungsbewußtsein der Vereinigten Staaten als führende Nation der Welt. In seiner Lehre geht es um den Wahnsinn der Politik des Imperiums, und zwar aus der Sicht der Völker der Peripherie, die von den USA an den Rand der Weltgeschichte gedrängt werden. Es kann angesichts der Angriffe gegen Churchill nicht nur darum gehen, sein Recht zu verteidigen, zu schreiben was er will. Es geht um mehr.
Wir müssen deutlich machen, daß Ward Churchill recht hat und daß neokonservative Fernsehkommentatoren und Politiker kein Recht hatten, seine Kündigung durchzusetzen. Der Kalte Krieg ist zu Ende – sogar in Colorado. Oder?

(Übersetzung: Jürgen Heiser)



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