Warum Professor Ward Churchill nicht mehr lehren
darf: Vom Wahnsinn der Politik des Imperiums in aller Welt und dessen
Verbindung zum 11. September 2001 Ward Churchill, Professor für
Geschichte an der University of Colorado, ist nach einer von
rechtskonservativen Kräften geschürten Medienkampagne von der
Universitätsleitung gekündigt worden. Die inhaltliche Kontroverse ist
der Widerhall einer früheren, eher tragischen Ära: der des Kalten
Krieges der 1950er Jahre. Damals gehörte es zur USA-Innenpolitik, mittels
Bundespolizei FBI und verschiedener anderer Staatsschutzbehörden die
Rechte von Zehntausenden von Menschen mit Füßen zu treten, sie und
ihre Familien einer Repressionswelle zu unterziehen, weil sie abweichende
politische Überzeugungen vertraten oder einfach dem Verdacht ausgesetzt
wurden, »Kommunisten« zu sein.
Churchill hat sich als Professor für Ethnische Studien
der University of Colorado seit Jahrzehnten mit diesem Thema befaßt. Er
hat zusammen mit Jim Vander Wall die klassische Studie über das
berüchtigte COINTELPRO geschrieben, das COunterINTELigence PROgram, mit
dem das FBI radikale Basisbewegungen und Organisationen infiltrieren und
zerstören sollte. Ergebnis dieser Studie sind zwei Bände, die heute
als Standardwerke gelten. Sie bieten einen erschreckenden Einblick in
staatliche Politik, die illegale Maßnahmen, Verfassungsbruch und offen
kriminelle Handlungen umfaßte, mit denen jahrzehntelang gegen soziale und
politische Bewegungen vorgegangen wurde, um sie »neutralisieren,
zerstören« zu können.
Churchill, als Angehöriger der
Creek/Cherokee-Métis-Nation seit den 1960er Jahren auch exponiertes
Mitglied des American Indian Movement (AIM), geriet nun wegen eines Essays
unter das Sperrfeuer seiner politischen Gegner, den er kurz nach dem 11.
September 2001 geschrieben hatte. Darin erörtert er die Tatsache,
daß es bei einigermaßen genauer Kenntnis der US-Außenpolitik
eigentlich nicht verwundern dürfte, daß es zu diesen Anschlägen
kam. In seinem erst 2002 veröffentlichten Essay »Some People Push
Back: On the Justice of Roosting Chickens» bezieht er sich auf den
berühmten Ausspruch von Malcolm X, der 1963 angesichts der Ermordung von
Präsident John F. Kennedy in einem Interview gesagt hatte, daß dies
nichts anderes war als ein Fall von »chickens coming home to
roost«, was als Idiom nichts weiter ausdrückt, als daß die
Gewalt auf ihre Urheber zurückfällt.
Sowohl Malcolm X als auch Ward Churchill stellten diesen
Bezug in Kenntnis der weltweiten Operationen der USA her, ihres Exports von
Gewalt und ihres offensichtlich dünkelhaften Hasses gegenüber
nichtweißen Völkern in aller Welt. Churchill erinnert in seinem
Essay daran, wie US-Militär und Geheimdienste brutal den ganzen Planeten
mit Verwüstung überzogen haben und dabei nicht mehr bezifferbare
»unschuldige Zivilpersonen« töteten, um die imperiale
Herrschaft der USA aufrechtzuerhalten.
Churchill ist kein »wertneutraler« Historiker.
Er spricht weder unredlich vom »Untergang der Indianer«, noch
glorifiziert er das Sendungsbewußtsein der Vereinigten Staaten als
führende Nation der Welt. In seiner Lehre geht es um den Wahnsinn der
Politik des Imperiums, und zwar aus der Sicht der Völker der Peripherie,
die von den USA an den Rand der Weltgeschichte gedrängt werden. Es kann
angesichts der Angriffe gegen Churchill nicht nur darum gehen, sein Recht zu
verteidigen, zu schreiben was er will. Es geht um mehr. Wir müssen
deutlich machen, daß Ward Churchill recht hat und daß
neokonservative Fernsehkommentatoren und Politiker kein Recht hatten, seine
Kündigung durchzusetzen. Der Kalte Krieg ist zu Ende sogar in
Colorado. Oder?
(Übersetzung: Jürgen Heiser) |