Musterfall Berlin: Zehntausende Stellen von Arbeitern im
öffentlichen Dienst werden systematisch mit Ein-Euro-Jobbern besetzt.
Ver.di schließt Klagen nicht aus Rumort es im öffentlichen
Dienst wegen Unterbezahlung und Stellenabbau, wird von regierungsnahen Medien
die Legende von »sicheren Arbeitsplätzen« und der
»Ineffizienz« staatlicher Verwaltungen bemüht. Das erstere
fiel für Ostdeutsche beim DDR-Anschluß vor 15 Jahren bereits weg,
für Bedienstete einer Pleite-Metropole wie Berlin wurde
Arbeitsplatzverlust danach allgemeine Perspektive. Die Blödelei, daß
allgemeine öffentliche Aufgaben sich »nicht rechnen«,
gehört zum in den letzten zwanzig Jahren populär gewordenen
neoliberalen Aberglauben.
»Spar«erfolge
Der grassiert in Berlin auch auf Provinzebene als
Kopfkrankheit. Ökonomische Esoterik ist in der Hauptstadt der
Filzwirtschaftler und der SPD/PDS-Spekulantenretter so etwas wie Staatsdoktrin.
Ein schönes Beispiel für die großartigen Erfolge, die sich beim
»Sparen, bis es quietscht« (Klaus Wowereit) einstellen, legten am
Dienstag der ver.di-Landesbezirk und der Hauptpersonalrat für die
Behörden des Landes Berlin auf einer Pressekonferenz vor: »In den
Berliner Grünflächenämtern waren im Jahr 2003 noch 3070
Beschäftigte, davon ca. 2500 Arbeiter tätig. Während die Zahl
der Festangestellten ständig sinkt, werden seit Jahresbeginn immer mehr
sogenannte Ein-Euro-Jobber beantragt und in diesem Bereich eingesetzt. Die
Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft schätzt die Zahl auf über 5000
(Stand Mai 2005).« Das ist, wie ver.di-Landesbezirksleiterin Susanne
Stumpenhusen erläuterte, nur ein Resultat der vom Senat ausgegebenen
Strategie, den öffentlichen Dienst auf »seine Kernaufgaben« zu
reduzieren.
Der Ersatz existenzsichernder und
sozialversicherungspflichtiger Arbeitsplätze durch leicht kaschierte
Zwangsarbeit gilt wie anderswo auch in der politischen und
höheren Beamtenriege der Hauptstadt als Ei des Kolumbus. Der Abbau
regulärer Arbeitsplätze geht damit ungebremst weiter. In Berlin sind
seit 1992 über 60000 Stellen von Arbeitern im öffentlichen Dienst
verschwunden. Mit »Hartz IV« wollen die Arbeitsplatzvernichter in
der Regierungsspitze 43000 Stellen auf Ein-Euro-Basis neu einrichten.
Effizienzvernichter
Vom 10. Mai datiert jedenfalls ein Beschluß eines
Staatssekretärsausschusses zur Steuerung der Verwaltungsmodernisierung in
Berlin. Der Hauptpersonalrat des Landes Berlin kritisierte auf seiner gestrigen
Sitzung, daß die Szenarien, von denen der Beschluß ausging,
»mit enormen Kostensteigerungen im Sachmittelbereich« verbunden
wären. Effizienz ist bei Neoliberalen, wenn der Staat soviel in private
Taschen schaufelt, daß von ihm nicht viel übrigbleibt.
Personalratsmitglied Uwe Januszewski machte das auf der Pressekonferenz
konkret: Im Berliner Stadtbezirk Friedrichshain-Kreuzberg gibt es bereits eine
Totallösung, hier werden alle 62 Stellen der untersten Lohngruppe
(Jahreseinkommen 27000 Euro brutto) im Grünflächenamt gestrichen.
Januszewski: »Hier hat ein grüner Stadtrat mutwillig alle Stellen
beseitigt, um Ein-Euro-Jobber dafür einzustellen.« In
Tempelhof-Schöneberg sind von 230 Stellen nur noch 160 besetzt, in
Hellersdorf-Marzahn wurden bei noch 178 existierenden Stellen 525
Maßnahmen bei der Arbeitsagentur beantragt. Die Konsequenzen sind etwa,
so Kathrin Benke vom Personalrat Marzahn-Hellersdorf, daß die
Überprüfung von Spielplätzen auf Sicherheit nicht mehr von
dafür Qualifizierten vorgenommen wird, daß Maschinen, die von
Fachkräften bedient werden müssen, stilliegen und
unsachgemäße Pflege von Anlagen und Parks in kommenden Jahren Kosten
nach sich ziehen wird. Der Unterschied zwischen regulärer und
zusätzlicher Tätigkeit werde, so das Resümee der Gewerkschafter
und Personalräte, in Berlin faktisch beseitigt: Alles, was nicht mehr
bezahlt werden soll, gilt nicht mehr als Regelarbeit. Susanne Stumpenhusen
schloß nicht aus, daß ver.di arbeitsrechtlich gegen den Kahlschlag
vorgeht.
Die Verschwendung öffentlichen Eigentums verbindet sich
mit der Zerstörung von Zukunft: Noch gibt es im Berliner
Grünflächenbereich 150 Auszubildende. Bei der vorgesehenen Reduktion
der Ämter auf »minimal ausgestattete Regiebetriebe« wird es
auch diese Lehrplätze nicht mehr geben. Die staatlichen
»Kernaufgaben« sind dann vermutlich gelöst.
Dokumentiert: Presseerklärung von ver.di
Berlin-Brandenburg vom 31. Mai (Auszug)
Die Erwerbslosigkeit hat sich in der Region
Berlin-Brandenburg zu einem sehr ernsten Problem entwickelt. (...) Die
Bundesregierung, die arbeitsmarktpolitisch unter großem Druck steht, will
durch ihre Reformprojekte die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Die Vereinte
Dienstleistungsgewerkschaft bestreitet allerdings, daß mit sogenannten
»Ein-Euro-Jobs« die Probleme in der Region Berlin-Brandenburg
tiefgreifend und nachhaltig beseitigt werden können. (...) Nach den
wenigen Monaten seit Anlaufen der Reform ist bereits erkennbar, daß genau
die Probleme eintreten, auf die die Gewerkschaft im Vorfeld hingewiesen hat. An
vielen Stellen des öffentlichen Dienstes werden Ein-Euro-Jobber genau
für diejenigen Aufgaben eingesetzt, die vor kurzem noch von
festangestellten Arbeitskräften erledigt worden sind. Besonders
prekär ist die Lage in der Grünflächenpflege oder im
Servicebereich der Verwaltungen (Hausmeistereien, Botendienste, Poststellen).
(...) Diese Form von Lohn- und Sozialdumping kann von der Vereinten
Dienstleistungsgewerkschaft nicht mitgetragen werden.
Die Gewerkschaft fordert, statt der massenhaften
Beschäftigung von Ein-Euro-Jobbern feste Stellen im öffentlichen
Dienst einzurichten. Seit 1991 sind allein im öffentlichen Dienst Berlins
62000 Stellen im Arbeiterbereich abgebaut worden. Jetzt sollen 43000 Stellen
auf Ein-Euro-Basis neu eingerichtet werden. Allein diese Betrachtung zeigt,
welche Folgen diese Reformpolitik haben kann. Dazu kommt, daß die
Ein-Euro-Jobber durch ihre Tätigkeit in Berlin und Brandenburg nur sehr
geringe Chancen haben, eine feste Stelle im öffentlichen Dienst oder in
der Privatwirtschaft zu bekommen. Sie bleiben ohne feste Perspektive. Sie
leisten keine Beiträge für die Sozialkassen. Dies muß nicht so
sein! Nach Berechnungen und Analysen der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft
ist eine andere Politik machbar und finanzierbar. (...) Chancengleichheit und
Fairneß sind wichtige Aspekte eines überfälligen Politikwandels
in Berlin und Brandenburg.
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