Uns erreicht ein Leserbrief mit dem Hinweis auf eine
eindeutige Irreführung. Interessant daran ist auch, wie sich eine solche
Falschmeldung in unserer un-kritischen Medienwelt fortsetzt.
Liebe Nachdenkseiten,
ich habe heute an Focus einen Leserbrief zu einem Artikel in
der neuesten Ausgabe geschrieben. Die Überschrift des Artikels war
"Vermögen Rekordflucht ins Ausland. In der Online-Ausgabe des Focus
gibt es diesen Artikel - sprachlich abgewandelt -inhaltlich identisch hier.
Zur "Quelle"
Hier mein Leserbrief:
Sehr geehrte Damen und Herren,
in ihrem Artikel behaupten Sie, dass die Kapitalflucht ins
Ausland im ersten Quartal 2005 den Rekordwert von 150 Milliarden Euro erreicht
hat. Der jüngste Monatsbericht der Deutschen Bundesbank weist für
diesen Zeitraum einen Saldo aller statistisch erfassten Kapitalbewegungen von
19,3 Milliarden Euro aus. Für das Gesamtjahr 2004 lag dieser Saldo bei 100
Mrd. Euro. Ein Anstieg ist also nicht erkennbar. Die Kapitalbilanz ist der
Gegenposten zur Leistungsbilanz. Somit folgt aus den hohen
Exportüberschüssen Deutschlands im Warenverkehr zwingend ein
negativer Saldo der Kapitalbilanz. Kapitalexport generell als "Flucht ins
Ausland" zu bezeichnen zeugt von einem geringen Verständnis
internationaler Wirtschaftsbeziehungen.
Mit freundlichen Grüßen Ulrich Sedlaczek
Nachbemerkung:
Ich lese Focus normalerweise nicht. Aber die Bayrische
Rundfunk hat am 21.5. in seinen laufenden Nachrichten ständig von dieser
angeblich rasch ansteigenden Kapitalflucht unter Berufung auf Focus berichtet.
Ich habe dann am gleichen Tag nach der Quelle für die Zahlen gegoogelt.
Ohne Ergebnis. Der Monatsbericht der deutschen Bundesbank brachte die oben
zitierten Zahlen. Zwei Tage später liefert Google eine Menge
einschlägiger Treffer. ARD-Text, Berliner Morgenpost und Tagesanzeiger
usw. haben die Focus-Meldung unbesehen übernommen. Niemand macht sich
offensichtlich die Mühe diese Zeitungsente irgendwie zu
überprüfen. Es paßt in die Ideologie, also wird es
verbreitet. Ich habe auch die Deutsche Bundesbank darauf hingewiesen,
welchen Unsinn Focus unter Berufung aus sie verbreitet. Ob es was
nützt? Viele Grüße Ulrich Sedlaczek
Nachtrag Redaktion NachDenkSeiten: Die Fortsetzung der
Falschmeldungen Belege für eine selbst gewählte
Gleichschaltung:
Zur "TAZ"
Kapitalflucht nimmt zu
MÜNCHEN ap Die Kapitalflucht aus Deutschland nimmt
offenbar dramatisch zu. Im ersten Quartal dieses Jahres sind Mittel im
Rekordwert von 150,4 Milliarden Euro ins Ausland geflossen, wie das Magazin
Focus unter Berufung auf die Deutsche Bundesbank berichtet. Damit haben sich
die Netto-Kapitalexporte im Vergleich zum ersten Vierteljahr 2004 fast
verdoppelt. Ähnlich hohe Abflüsse habe die Bundesbank zuletzt
während der kurzen Amtszeit von Oskar Lafontaine (SPD) als
Bundesfinanzminister registriert. Das Großherzogtum Luxemburg in
unmittelbarer Nachbarschaft von Saarland und Rheinland-Pfalz will laut Focus
mit großzügigen Rabatten reiche Privatpersonen zum Umzug bewegen.
2006 tritt eine Steuerreform in Kraft, die Gebietsansässigen massive
Vorteile bringt: Die Vermögensteuer auf Erträge aus Immobilien oder
Wertpapieren von derzeit bis zu 38 Prozent entfällt. Zudem verzichtet
Luxemburg bei Erben in direkter Linie auf Erbschaftsteuer. Kursgewinne bei
Wertpapieren bleiben nach sechs Monaten und einem Tag steuerfrei. Als Ausgleich
müssen im Land Ansässige eine Quellensteuer auf Kapitalerträge
von lediglich 10 Prozent zahlen.
taz Nr. 7670 vom 23.5.2005, Seite 8, 40 Zeilen (Agentur)
Zum "STERN"
Immer mehr Kapital wandert aus Deutschland ab
Aus Deutschland wird immer mehr Kapital abgezogen. Die
Deutsche Bundesbank veröffentlichte, dass insgesamt Gelder in Höhe
von 150,4 Milliarden Euro allein im ersten Quartal 2005 ins Ausland geschafft
worden seien.
Die Kapitalflucht hat damit einen neuen Rekordstand
erreicht. Im Vergleich zum ersten Quartal 2004 hat sich der Kapitalexport
innerhalb eines Jahres praktisch verdoppelt.
FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke äußerte
diesbezüglich, es sei ein Anzeichen dafür, dass das Vertrauen in den
Standort Deutschland gesunken sei. Luxemburg will bis 2006 anscheinend noch
mehr reiche Privatleute ansiedeln und großzügige Steuervorteile
gewähren. Quelle: morgenpost.berlin1.de
Zu "B5aktuell"
TOP-THEMEN DER NÄCHSTEN STUNDE Inland Vor der
Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen führt die CDU in letzten Umfragen mit
43 Prozent vor der SPD mit 37 Prozent
Inland Die Bundesregierung bezeichnet einen
Zeitungsbericht über ein 15-Milliarden-Euro-Haushaltsloch als reine
Spekulation
Wirtschaft Die Kapitalflucht aus Deutschland hat laut
Focus mit 150 Milliarden Euro im ersten Quartal einen Rekordwert erreicht
Nachtrag vom 2.6.: ... obwohl Focus nun selbst einen
richtigstellenden Leserbrief der Bundesbank zur angeblichen Kapitalflucht von
150 Mrd. Euro veröffentlicht hat, wird die Legende im Hause Burda weiter
verbreitet.
Focus-Ableger "Focus-Money" nutzt die falsche Behauptung
erneut, um in seine aktuelle Titelgeschichte "Null Steuern" (Heft 23, S. 29ff)
einzusteigen. So fängt sie an: "Rund 150 Milliarden Euro, so
ermittelte die Deutsche Bundesbank, flossen im ersten Quartal 2005 ins Ausland.
Unermüdlich suchen selbst heimatverbundenen Anleger nach Wegen,
Dividenden- und Zinszahlungen an der Steuer vorbeizuschleusen....."
http://www.nachdenkseiten.de/cms/front_content.php?client=1)=1&idcat=9&idart=649
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