In welche Auswüchse uns das bestehende Gesundheits
(Krankheits-) System führt, zeigt der unten stehende erschreckende
Bericht. Der illegale Handel mit Organen floriert. Viele Spender stammen aus
Moldawien, transplantiert wird auch in Deutschland. Lesen Sie dazu auch
den Artikel "Plädoyer gegen eine ungefragte Organentnahme bei Sterbenden
!" auf unserer Homepage.
Operation Niere
Von Martina Keller
Das zweite Leben von David Verlinsky* beginnt im Januar
2002. In einem Krankenhaus in der Türkei erwacht Verlinsky aus der
Narkose, eine Krankenschwester reicht ihm ein Glas Orangensaft und einen Teller
Kartoffeln. Verlinsky lehnt dankend ab, so wie er es immer gemacht hat, ein
Dialysepatient muss strenge Diät halten. Doch die Krankenschwester
ermuntert ihn zuzugreifen. Im Körper des 30-Jährigen arbeitet jetzt
die gesunde Niere eines anderen Menschen die Zeit der Verbote ist
vorbei.
Der Spender, dem der Patient sein neues Leben verdankt,
bleibt ein Fremder. Verlinsky will ihn weder sehen noch sprechen. Er kennt
weder seinen Namen noch sein genaues Alter oder sein Geschlecht, Verlinsky hat
die neue Niere gekauft. 160000 Dollar hat er einem israelischen
Geschäftsmann gezahlt, der das Organgeschäft arrangierte. Er
hätte den Handel auch in Südafrika, den USA oder Deutschland
abwickeln können, sagt Verlinsky. In den USA allerdings hätte er bis
zu 250000 Dollar für eine Niere zahlen müssen. Die Türkei ist
billiger.
Verlinsky ist Röntgentechniker von Beruf, 160000 Dollar
sind ein Vermögen für ihn. Während der vier Jahre, in denen er
auf die künstliche Blutwäsche angewiesen war, hatte er sich den
Gedanken an den Nierenkauf streng verboten. Dann kam bei einem Terroranschlag
die Tochter eines Arbeitskollegen ums Leben, die Eltern der Toten beschlossen,
zum Gedenken an ihre Tochter eine Stiftung zu gründen. Ihr erstes Projekt:
eine neue Niere für David Verlinsky.
Wohlhabende Dialysepatienten reisen um die Welt, um eine
Niere zu kaufen, was ihnen zu Hause bei Strafe verwehrt ist. Engländer und
Deutsche fliegen nach Indien, Japaner in die USA, Nordamerikaner nach Peru oder
Brasilien. Der Handel ist professionell organisiert und wird häufig als
medizinischer Tourismus deklariert. Da bietet etwa eine amerikanische
Beratungsfirma US-Kliniken an, sich für knapp 700 Dollar jährlich bei
dem Arab Kidney Transplant Directory in Listen aufnehmen zu lassen. Diese
Einrichtung vermittelt Nierenpatienten aus Saudi-Arabien, Qatar oder den
Vereinigten Arabischen Emiraten an renommierte Krankenhäuser im Ausland.
Arabische Transplantationspatienten zahlen zwischen 100000 und 500000
Dollar für die Operation, heißt es in einem im Internet
veröffentlichten Werbebrief.
Pro Niere ein Gewinn bis zu 70000 Dollar
In anderen Ländern werden die illegalen Geschäfte
kaum verhüllt praktiziert, zum Beispiel in Israel. Dort ist der Kauf einer
Niere so normal, dass mancher Kranker erst gar nicht die eigene Familie mit der
Bitte um eine Organspende belastet. Der 40-jährige Joshua Rothman* aus
Jerusalem beispielsweise wandte sich gleich an einen Broker, nachdem die
Ärzte ihm die Diagnose Nierenversagen mitteilten. Rothman
zahlte mehr als 100000 Dollar an den Organhändler, der ihm dafür
einen israelischen Spender und eine Transplantation in Südafrika
vermittelte. Bis zu 150 israelische Patienten, so Schätzungen, kaufen sich
jedes Jahr eine Niere. Manche verschulden sich, andere verkaufen Haus und Auto.
Wer Glück hat, wird von einer karitativen Einrichtung unterstützt.
Auch die israelischen Krankenkassen sponsern
Auslandstransplantationen mit Billigung des Gesundheitsministeriums. Auf
Dauer ist die Dialyse teurer als eine Organverpflanzung mit ihren Folgekosten.
So erstatten die Kassen den Patienten den in Israel üblichen Kostensatz
einer Transplantation, rund 32000 Dollar. Das ganze Verfahren ist
unkompliziert, denn die Krankenkassen betreiben keine Recherche, ob die
Transplantation im Ausland womöglich illegal war. Die Patienten
müssen lediglich vor einem Notar erklären, wie viel sie an den Broker
gezahlt haben. Denn Quittungen sind unüblich.
Wir wollen keinen Gewinn auf Kosten der Kranken
machen, begründet Alfred Rosenfeld die Kulanz der Kassen. Der
57-Jährige ist stellvertretender Leiter bei Dikla, einem
Tochterunternehmen der größten israelischen Krankenversicherung.
Rosenfeld verfolgt die Entwicklungen im internationalen Organhandel seit
Jahren. Er sagt: Das ist Big Business. Er schätzt den Gewinn
aus dem Handel mit einer Niere auf 50000 bis 70000 Dollar.
Dabei ist dieses Geschäft in Israel wie in allen
Ländern der westlichen Welt verboten. Nach einer Anweisung aus dem
israelischen Gesundheitsministerium dürfen Organe an einheimischen
Kliniken nur transplantiert werden, wenn sie aus selbstlosen Motiven gespendet
werden. Deshalb haben Patienten und Chirurgen nach anderen Wegen gesucht. Der
Nephrologe Michael Friedländer betreut am
Hadassah-Universitätskrankenhaus in Jerusalem Patienten, die mit einer
gekauften Niere aus dem Ausland zurückkommen. Mehr als 400 dürften es
bislang gewesen sein. Die medizinischen Ergebnisse der Transplantationen haben
den 60-Jährigen überzeugt: Gute Resultate liegen im Interesse
der Broker. Sonst kriegen sie keine Patienten mehr. Aus ärztlicher
Sicht sieht Friedländer keinen Grund, seinen Patienten vom Organkauf
abzuraten. Unmoralisch findet er lediglich die hohen Summen, die Kranke
bezahlen müssen. Um dem Schwarzmarkt bei Nieren ein Ende zu bereiten,
plädierte er in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet dafür,
die Bezahlung für Organe zu legalisieren: Der Staat könnte nach
Friedländers Plänen künftig als Organvermittler auftreten. Er
würde den Nierenspendern eine festgelegte Summe zahlen und die gekauften
Organe nach medizinischen Kriterien an die Patienten verteilen lassen.
Das lange Zeit Undenkbare ist kein Tabu mehr: So forderte
kürzlich Sir Peter Bell, Vizepräsident der britischen
Chirurgenvereinigung, Honorar für spendende britische Angehörige.
Kommende Woche werden Mediziner während eines großen Kongresses
über Transplantation und Ethik in München öffentlich
diskutieren.
Dialysepatienten kennen die Namen der Organhändler
Die Auslandsreisen israelischer Nierenpatienten sind eng mit
dem Namen Zaki Shapira verknüpft. Der Chirurg gilt als Pionier der
Transplantationschirurgie, bis vor einem Jahr war er Chefchirurg am Rabin
Medical Center in Tel Aviv. Nebenbei begleitete er jahrelang Nierenkranke zu
Transplantationen ins Ausland, insbesondere in die Türkei und nach
Osteuropa. Wie man sich diese Reisen vorzustellen hat, ist in einem Bericht der
Fachzeitschrift Nephrology, Dialysis, Transplantation nachzulesen. Demnach
wurden am 16. und 17. Januar 1998 in Estland sechs israelische Patienten
transplantiert. Das Medizinerteam bestand aus Zaki Shapira sowie Spezialisten
aus verschiedenen Ländern Transplantationschirurgen, einem
Anästhesisten, einem Nephrologen, einem Immunologen und einem Kardiologen.
Die Nierenspender stammten aus Moldawien und Rumänien.
Transplantiert wurde am Tallinn-Zentral-Krankenhaus, einer
der führenden Kliniken des Landes. Dass die Ärzte dort noch keinerlei
Erfahrungen mit Organverpflanzungen hatten, spielte keine Rolle. Transplanteure
waren ja mit den Patienten eingeflogen. Keiner der Nierenspender war verwandt
oder befreundet mit den israelischen Patienten. Jeder hatte eine Erklärung
unterzeichnet, wonach er seine Niere unentgeltlich gespendet habe. Ein
israelisches Unternehmen namens Pariasu hatte die gesamte Reise samt Unterkunft
und Visa-Beschaffung organisiert. Die estländische Regierung und Experten
der estländischen Gesellschaft für Nephrologie bezeichneten die
Operationen als unethisch. Ungesetzlich waren sie nicht, weil es in Estland
noch kein Transplantationsgesetz gab. Pariasu verteidigte die Transplantationen
als legal. Aufgrund von bürokratischen Verzögerungen in Israel habe
man in Estland transplantieren müssen. Man beabsichtige, diese Praxis auf
Länder wie die Türkei auszudehnen.
Tatsächlich hat sich die Türkei zwischenzeitlich
zu einem zentralen Umschlagplatz für Geschäfte mit Nieren entwickelt.
Bei David Verlinsky dauerte es nur zwei Monate vom ersten Kontakt mit seinem
Mittelsmann bis zum Abflug. Wie wohl jeder israelische Dialysepatient kannte
Verlinsky die Namen und Telefonnummern der drei bis vier Broker, die
Organgeschäfte von Israel aus organisieren. Solche Informationen sprechen
sich schnell herum. In einer israelischen Tageszeitung bietet zum Beispiel die
New Life Company in einer Anzeige medizinischen Tourismus von Israel
aus an: Transplantation von Nieren, vermittelt in Russland
Wir verhelfen Dialysepatienten zu einer legalen Nierenverpflanzung in den
besten Krankenhäusern. Finanzielle Beratung, Begleitung durch Dolmetscher,
voller Rechtsbeistand. Hilfe bei der Erstattung durch die Krankenkasse.
Verlinsky flog gemeinsam mit einem Freund in die
Türkei, nur seine Mutter und seinen Bruder weihte er ein. Die meisten
Patienten sprechen nur ungern über die Transplantation oder gar
nicht. Viele haben Geheimhaltungserklärungen unterschrieben. Andere wollen
es sich nicht mit ihrem Broker verderben. Schließlich weiß niemand,
ob der Körper das Organ nach einigen Jahren abstößt. Dann muss
eine weitere Niere beschafft werden.
Nikolae Birdan erinnert sich ungern an seine Tage in einem
Istanbuler Krankenhaus. Birdan lebt im Westen Moldawiens. Sein Heimatdorf
Mingir, wo noch Pferdefuhrwerke durch die Gassen rollen, liegt nicht weit von
der rumänischen Grenze entfernt. Im Herbst sitzen Frauen und Kinder vor
Bergen von Maisstauden und brechen die Kolben heraus. Wenige der 5300 Bewohner
haben ein geregeltes Einkommen. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man
sich, dass junge Leute aus Mingir ihre Nieren verkaufen. Der
Gemeindesekretär weiß von 14 Fällen. Nikolae Birdan ist einer
von ihnen, 28 Jahre alt, ein kleiner, schlanker Mann mit schüchternem
Blick und kräftigen Händen. Vor drei Jahren hatte Nikolae Birdan
weder ein Haus noch einen Garten, noch ein Einkommen. Aber er hatte eine Frau
und ein kleines Kind und einen kranken Vater zu versorgen.
Geld verdienten er und seine Frau Vera als Erntehelfer. Wie
sollte er es zu etwas bringen? Birdan traf einen Nachbarn, der sich gerade ein
Auto zugelegt hatte. Der Mann erzählte, dass er eine seiner Nieren
verkauft und mit diesem Geld den Wagen bezahlt habe. Er nannte Nikolae auch den
Namen der Frau, die ihm das Geschäft vermittelt hatte: Nina U., eine
Hausfrau aus Mingir, die selbst eine Niere verkauft hatte und nun als
Vermittlerin tätig war.
Nikolae überlegte zwei Monate lang. Dann ging er zu
Nina U., die am anderen Ende des Dorfs wohnt. Sie besorgte ihm einen Pass und
sagte ihm, er solle sich bereithalten. Eines Nachts kam sie zu seinem Haus:
Es geht jetzt los, pack ein paar Sachen, aber nicht zu viel! Ein
Auto mit drei anderen Männern aus dem Dorf und einem Fahrer wartete vor
der Tür. Der Fahrer des Wagens chauffierte die Männer in die Ukraine.
Von dort ging es im Flugzeug weiter nach Istanbul. Mit an Bord war Nina S.,
Mitte 30, die als Organvermittlerin international gesucht wird. In Istanbul
wurden Nikolae und die anderen Männer aus Mingir in einem Appartement
untergebracht, in dem schon zwei andere Moldawier wohnten.
Die Spender sollen gut essen, Alkohol ist verboten
Ein Mann, der sich Jakob nennen ließ, versorgte die
Moldawier mit gutem Essen. Rauchen und Alkohol waren verboten. Mehrmals wurden
die Moldawier in ein Krankenhaus gefahren, wo man sie untersuchte und ihnen
Blut abnahm. Später organisierte Jakob eine Busfahrt ans Meer, um die
Männer bei Laune zu halten. Schließlich der Anruf: Nikolae solle
nach Istanbul zurückkommen. Man hatte einen passenden Patienten gefunden.
An einem Sonntag im Juli 1999 wurde er operiert.
Für Vera Birdan folgten nach Nikolaes nächtlichem
Aufbruch Wochen der Angst. Nachts schloss sie sich mit ihrem dreijährigen
Sohn Viorel ein. Jeden Abend betete sie, dass Gott helfen möge, Nikolae am
Leben zu halten. Dann stand er eines Abends vor ihrer Tür.
Nikolae Birdan war nach der Operation fünf Tage im
Krankenhaus. Nur im OP sah er kurz jenen Israeli, der nun mit seiner Niere
lebt. Am Ende gab ihm Jakob das Geld, 2800 Dollar. Versprochen hatte man ihm
3000 Dollar, aber 200 Dollar wurden davon für das Flugticket abgezogen.
Zu Hause kaufte er sich ein Häuschen: drei kleine
Zimmer plus Garten, ein Fahrrad für den sechsjährigen Sohn, ein
bisschen Essen und Kleidung dies alles für eine Niere. Nikolae und
seine Familie leben jetzt so wie die anderen Menschen in Mingir: Sie bauen
Gemüse und Wein an und verdienen ein bisschen Geld nebenbei. Gelegentlich
hat Nikolae Schmerzen an der Operationsnarbe. Doch für einen Arztbesuch
fehlt das Geld.
Das Notfallkrankenhaus in Moldawiens Hauptstadt Chisinau ist
die wohl modernste Klinik im Land. Dumitru Mastak ist Leiter der
Dialyseabteilung, ein freundlicher Mann, der einen Nierenverkäufer auch
schon mal unentgeltlich behandelt. Zwei Patienten hat er bislang untersucht,
für einen der beiden sieht es nicht gut aus. Der Mann wird über
kurz oder lang die künstliche Blutwäsche benötigen, sagt
Mastak. Zwar leben Menschen, die eine Niere gespendet haben, laut einer
skandinavischen Studie sogar länger als Durchschnittsbürger. Doch das
dürfte daran liegen, dass in westlichen Ländern nur vollkommen
gesunde Menschen Organe spenden dürfen, sodass unvorhergesehene
Komplikationen sehr selten bleiben. Anders die Situation bei illegalen
Transplantationen wie gründlich moldawische Nierenverkäufer in
der Türkei auf Erkrankungen gecheckt werden, weiß niemand genau zu
sagen. Nach der Operation sieht kaum ein moldawischer Nierenspender noch einmal
einen Arzt, während in Deutschland lebenslange Kontrollen gesetzlich
vorgeschrieben sind.
Ein Fernseher und eine lange Narbe als Erinnerung
Die moldawische Journalistin Alina Radu hat 31 Fälle
von Organhandel in Mingir, Susleny und der Hauptstadt Chisinau aufgedeckt. Die
meisten Männer haben ihr Geld nicht so umsichtig angelegt haben wie
Nikolae Birdan. Mihail Istrati aus einem Dorf nördlich der Hauptstadt
wurde von Verwandten um viel Geld gebracht. 400 Dollar nahm ihm allein der
Organ-Broker im Dorf ab. Als Istrati sein Geld zurückforderte, drohte ihm
der Mann: Frag nie nach Geld, oder ich bring dich um. Dem
28-Jährigen blieben nur ein neuer Fernseher und die 25 Zentimeter lange
Narbe als Erinnerung an die Operation. Auch Birdan, inzwischen Hausbesitzer,
bereut seinen Schritt. Als ihn vor einiger Zeit junge Männer aus dem Dorf
besuchten, weil sie von ihm Tipps für den Nierenverkauf wollten,
antwortete er: Macht es nicht. Es schadet dem Körper.
Die Akademiker unter den Befürwortern des Organhandels
sehen das anders. Je ärmer ein potenzieller Verkäufer, umso
wahrscheinlicher ist es, dass der Verkauf seiner Niere jedes Risiko
lohnt, schrieb etwa die britische Philosophin Janet Radcliffe-Richards
mit anderen Autoren im Fachblatt The Lancet. Auch den Reichen verbiete ja
niemand einen gefährlichen Freizeitsport oder einen hoch dotierten,
riskanten Job. Da sei es schwer einzusehen, warum man nun gerade die Armen vor
sich selbst schützen müsse.
Diese Einschätzung hat allerdings nur wenig mit der
Realität zu tun, wie eine kürzlich in der medizinischen
Fachzeitschrift JAMA publizierte Studie nachwies. Die Autoren untersuchten die
ökonomischen und gesundheitlichen Folgen des Organhandels in Indien: 305
Nierenverkäufer waren sechs Jahre nach der Operation über ihre
soziale Lage befragt worden. Fast alle hatten ihre Niere verkauft, um Schulden
zu bezahlen. Im Durchschnitt waren ihnen 1410 Dollar für ihr Organ
versprochen worden, aber sie bekamen nur 1070. Die meisten gaben das Geld zwar
aus, um Schulden zu bezahlen. Drei Viertel der Spender waren zur Zeit der
Befragung jedoch noch immer verschuldet. 86 Prozent der Befragten berichteten,
ihr Gesundheitszustand habe sich nach der Nierenentnahme verschlechtert. Die
allermeisten raten jetzt vom Verkauf einer Niere ab.
Der 56-jährige Mordechai aus Jerusalem, der seinen
Nachnamen nicht in der Zeitung lesen will, wäre bereit gewesen, fast jeden
Preis für eine Niere zu zahlen. Mehrere Kopfoperationen hat der ehemalige
Angestellte der israelischen Telefongesellschaft schon überstanden, ein
Tumor an der rechten Schläfe wuchs immer wieder nach. Während der
dritten Operation führten seine langjährigen Nierenprobleme zu einem
vorübergehenden Herzstillstand. Mordechai war klinisch tot. Als er ins
Leben zurückkehrte, schlossen ihn die Ärzte an die Dialysemaschine
an. Mordechai sagte zu seiner Frau Sarah: Lieber will ich sterben, als so
weiterzuleben.
Sarah und Mordechais Sohn Tamir begannen nach einem
Nierenspender zu suchen. In der engeren Familie sei niemand infrage gekommen,
sagt Tamir. Sarah sei bereit gewesen zu spenden, aber bei ihr und den drei
Kindern hätten die Blutgruppen nicht gepasst. Die Familie beauftragte
einen Broker, nach einem Nierenspender zu suchen. Zugleich forschten Sarah und
Tamir in der weiteren Verwandtschaft. Schließlich fanden sie den Sohn
eines Cousins von Sarah. Der war bereit zu spenden, allerdings nur gegen
Bares.
Mordechais Familie zahlte ihm knapp 7000 Dollar, als
Entschädigung für seine Kosten, wie Tamir sagt. Das ist mehr als das
Doppelte von dem, was ein Moldawier für sein Organ bekommt. Aber es ist
deutlich weniger, als israelische Spender erhalten, die mit einem Patienten zur
Transplantation ins Ausland reisen rund 20000 Dollar. Mordechai kann
also zufrieden sein, während der 28-jährige Spender heute nach
Aussage von Vater und Sohn unter Depressionen leidet. Vielleicht findet
er, dass er einen schlechten Handel gemacht hat. Vielleicht ist es, weil er
einen Teil seines Körpers verkauft hat, sagt Tamir. Was der Spender
selbst meint, bleibt ein Geheimnis, denn Vater und Sohn lehnen es ab, ein
Gespräch mit ihm zu vermitteln. Der wolle alles vergessen und nicht mehr
über die Sache reden, sagt Tamir.
Transplantation in Deutschland
Mordechai konnte wählen, in welchem Land er
transplantiert werden wollte. Sein Mittelsmann schlug ihm Russland vor und die
Türkei. Wegen seiner angeschlagenen Gesundheit entschied er sich aber
schließlich für eine Klinik, die den Ruf genießt, selbst bei
komplizierten Fällen helfen zu können: das Universitätsklinikum
Essen. Im April 2001 wurde Mordechai transplantiert. Der Vermittler hatte ihn
und seinen Nierenverkäufer auf die Gespräche mit den Psychosomatikern
in Essen vorbereitet. Um den Verdacht des Organhandels auszuschließen,
versuchen diese Experten herauszufinden, wie es um die Beziehung zwischen
Spender und Empfänger steht. Sie fragen zum Beispiel, wie oft die beiden
sich sehen, was sie gemeinsam unternehmen. Bei Mordechai und seinem Spender
hatten die Prüfer offenbar keine Bedenken. Dabei ist der Kontakt der
beiden mehr als locker. Seit der Operation haben sie nur telefoniert. Von den
7000 Dollar erzählten sie den Psychologen selbstverständlich nichts.
Mordechai blieb nach der Transplantation noch in
Deutschland, um seine Kopfgeschwulst bestrahlen zu lassen. Für beides
zusammen zahlte die Familie dem Vermittler rund 100000 Dollar. Ein guter
Kompromiss, meint Tamir. Hätten sie den Organspender nicht selbst
gefunden, wäre das Ganze teurer geworden. Die Familie legte zusammen,
Arbeitskollegen spendeten für Mordechai, und auch die Krankenkasse gab
etwas dazu.
Der Mann, der Mordechai nach Essen vermittelte, heißt
Shmuel Friedland. Eigentlich ist Friedland Augenarzt in Tel Aviv. Seit einigen
Jahren engagiert er sich aber auch auf anderem Gebiet. Zum Beispiel versuchte
er mit Unterstützung des Jerusalemer Gesundheitsministeriums, israelische
Nierenpatienten nach Jekaterinburg in Russland zu bringen, wo israelische
Chirurgen ihnen die Organe von verstorbenen Russen transplantieren sollten. Das
Projekt scheiterte, der russische Schnee ließ zuverlässigen
Krankentransport nicht zu. Erfolgreicher ist Friedland in seiner Arbeit
für israelische Versicherungen. Er verschafft Patienten Kontakte nach
Deutschland oder in andere Länder, wo sie die Behandlung bekommen, die sie
benötigen. Zu Friedlands Klienten zählen nicht nur
Transplantationskandidaten, sondern auch Krebskranke, Herzpatienten oder
Menschen mit orthopädischen Problemen. In Deutschland schickt er seine
Patienten zum Beispiel nach Bochum, Krefeld, Düsseldorf, München oder
Bad Oeynhausen.
Doch es gibt Hinweise, dass Friedland nicht nur legale
Operationen koordiniert. Nach Aussage von Amos Canaf, Vorsitzender der
Vereinigung der Nierenpatienten in Israel, vermittelt er auch Patienten nach
Deutschland, die sich ihr neues Organ gekauft haben. Es handele sich dabei
vornehmlich um Nierenkranke, bei denen die Begleitumstände schwierig
und die Aussichten auf Komplikationen besonders hoch sind, sagt Canaf. So
wie bei Mordechai. Sehr viele Nierenkäufe würden allerdings nicht in
Deutschland abgewickelt. Deshalb sei es schwierig, unter den Klienten von
Friedland einen auskunftsfreudigen Gesprächspartner zu finden, sagt Canaf:
Die Patienten haben Sorge, dass er herausfindet, wer ihn
angeschwärzt hat. Shmuel Friedland, mit diesen Vorwürfen
konfrontiert, versichert, er bekomme lediglich von Versicherungen Geld, nicht
aber von Patienten. Er helfe seinen Kunden auch nicht, einen Spender zu finden.
Das Essener Ethikkomitee habe er dazu aufgefordert, seine Patienten
sorgfältig zu prüfen und in zweifelhaften Fällen abzulehnen. Im
Übrigen sei es für Nierenkranke sinnlos, sich für ein
Organgeschäft ausgerechnet den Hochlohnstaat Deutschland auszusuchen:
Sie würden nach Südafrika gehen und es dort zum halben Preis
bekommen.
Der Essener Cheftransplanteur Christoph Broelsch kennt
Shmuel Friedland persönlich und bezeichnet die Vorwürfe gegen ihn als
eine sehr gefährliche und böswillige Unterstellung.
Allerdings geriet der Chirurg, bekannt geworden als Operateur von
Bundespräsident Johannes Rau, im Zusammenhang mit einer umstrittenen
Transplantation in die Schlagzeilen. Vor gut einem Jahr stellte sich ein
israelischer Patient in Essen zur Transplantation vor. Er kam mit einem
moldawischen Spender, angeblich einem Vetter. Die Essener Psychosomatiker
zweifelten sehr an den Gefühlsbanden zwischen den Antragstellern.
Diese und auch andere Bedingungen waren nicht erfüllt, sagte
seinerzeit Wolfgang Senf, ärztlicher Direktor der Klinik für
Psychotherapie und Psychosomatik. Zum Beispiel machten Spender und
Empfänger unterschiedliche Angaben über ihre verwandtschaftlichen
Beziehungen.
Die Lebendspende-Kommission der Ärztekammer Nordrhein
prüfte aufgrund des Gutachtens der Psychosomatiker den Fall nicht mehr
selbst und lehnte die Transplantation ab. Der prominente Transplanteur Broelsch
allerdings gab sich damit nicht zufrieden. Am 26. November telefonierte er mit
einem alten Freund in Jena, dem Chirurgen Johannes Scheele. Wenige Tage
später, am 3. Dezember, stellte sich der israelische Patient mit seinem
moldawischen Spender in Jena vor. Noch am selben Tag stimmten die dortigen
Psychologen der Operation zu, auch die rasch zusammengetrommelte
Lebendspende-Kommission der Uni hatte keine Einwände. Eine
unabhängige Kommission, wie sie das Gesetz vorschreibt, existierte damals
in Thüringen noch nicht. Nur drei Tage später lagen Patient und
Nierenspender auf Operationstischen. Einer der beiden Operateure: Christoph
Broelsch. Er habe sich seinen Patienten verpflichtet gefühlt,
begründete er sein ungewöhnliches Engagement.
Nach der Transplantation tauchte ein anonymer Brief auf, in
dem Vorwürfe gegen Broelsch erhoben wurden. Es bestehe der
hochgradige Verdacht, dass er sich am Organhandel beteiligt hat,
heißt es darin. Broelsch wies schon damals jede Verwicklung in
Organgeschäfte entschieden zurück. Von der ZEIT nochmals auf den
Jena-Fall angesprochen, sagte er: Sie wollen auf etwas hinaus, was mir
zutiefst zuwider ist.
Bislang gibt es keine Beweise, dass der israelische Patient
seinen Organspender bezahlt hat. Doch weitere Merkwürdigkeiten geben zu
denken. Der israelische Patient und Shmuel Friedland logierten im Essener
Sheraton, der mittellose Vetter aus Moldawien nicht. Dieser Mann hatte
gegenüber der Universitätsklinik Essen eine falsche Adresse in
Moldawien angegeben. Im Visumsantrag verschwieg er außerdem den wahren
Zweck seiner Reise nach Deutschland. Vielmehr reiste er als Lkw-Fahrer ein und
gab als Kontaktadresse eine Firma in Bebertal an, die Import- und
Exportgeschäfte mit Moldawien abwickelt. Der ermittelnde Staatsanwalt
beabsichtigt vor dem Hintergrund der neuen Erkenntnisse, gegen den Moldawier
und den Israeli ein Ermittlungsverfahren einzuleiten. Insgesamt haben sich mehr
als 20 israelische Patienten zur Transplantation in Essen vorgestellt. Mehrere
brachten moldawische Organspender mit, einige davon wurden auch
transplantiert.
Shmuel Friedland hat nach eigener Aussage sieben bis acht
Patienten zur Lebendspende nach Essen vermittelt. Waren illegale
Organgeschäfte darunter? Er selbst bezeichnet das als ausgeschlossen. Nach
der Statistik des israelischen Krankenkassen-Managers Rosenfeld wurden in den
vergangenen zwei Jahren sieben gekaufte Nieren in Deutschland transplantiert,
alle in Essen. Die Patienten hätten gegenüber einem Notar oder Anwalt
erklärt, dass sie an die 145000 Dollar an ihren Vermittler gezahlt
hätten, so Rosenfeld. Außerdem seien sie mit nichtverwandten
Spendern nach Deutschland gereist. Solche Transplantationen, sagt Rosenfeld,
seien in Deutschland vermutlich nicht erlaubt. Tatsache ist aber, dass
die Leute gehen. Die Kommissionen vor Ort seien wohl nicht allzu streng.
Ich könnte Ihnen eine Niere spenden und Sie mir, das wäre nicht
schwierig.
Nach Auskunft des Essener Professors Christoph Broelsch
zahlen die israelischen Patienten seiner Universitätsklinik lediglich eine
Pauschale von 57000 Euro für die Lebendspende-Transplantation. Nimmt man
die Kosten für den Nierenspender hinzu, kommt man auf rund 70 000 Euro
insgesamt. Broelsch versichert auf Nachfrage, dass kein Geld an ihn
persönlich gezahlt wird. Nun muss der Staatsanwalt ermitteln: Wer bekommt
die Differenz zu den 145000 Dollar, die Patienten nach Angaben von Rosenfeld
gegenüber einem Notar deklariert haben?
*Name von der Redaktion geändert
Quelle : Die Zeit 50/2002
Lesen Sie dazu auch den Artikel "Plädoyer gegen eine
ungefragte Organentnahme bei Sterbenden !" auf unserer Homepage.
INITIATIVE Information - Natur - Gesellschaft , A-4882
Oberwang
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