Leider trifft das nachfolgend beschriebene Phänomen
nicht nur auf das Thema 'Irak' zu, vielmehr haben die meisten Menschen
erhebliche Schwierigkeiten, von festgezurrten, bisweilen gar regelrecht
zementierten Überzeugungen loszulassen. Bei Berufsideologen
- Politikern, Gewerkschaftern, Religions-und Sektenanhängern -
entspricht dieses Verhalten beinahe einer Überlebensstrategie. Aber
auch im 'Eltern-Kind'-Konflikt, bei unerwarteten Wechseln im Leben -
Arbeitslosigkeit, politischer Systemwechsel (Wiedervereinigung), Trennung
von lieben Menschen, Scheidung u.ä, - zeigt sich diese
Phänomenologie in vielerlei Varianten, aber stets im gleichen
Grundmuster. Von einer einmal gewonnenen Überzeugung Abstand
nehmen zu sollen, käme einer (Art von) Niederlage, einem Verrat
gleich - umso mehr, je tiefer das zuvor wirkende Vertrauen in
den-/diejenigen war, der/die diese Überzeugung originär verankert
hat(ten). Und je älter diese - nun als falsch entlarvte, aber ehedem
verfochtene - 'Wahrheit' ist, desto schmerzlicher wird der nun drohende oder
geforderte "Abschied" empfunden. Also verteidigt man frühere
'Überzeugungen' - mitunter gegen jede Vernunft und jedem Argument
unzugänglich. Deshalb halten sich selbst unsinnigste Ideologien
und unmenschliche Regime - also besonders brutal verbackene Systeme - so
unverständlich lange. Man will die Wahrheit einfach nicht zur Kenntnis
nehmen und blendet sie aus. Basta! So existiert in vieler Menschen
Köpfe heute noch ein geozentrisches Weltbild (bei einigen noch die Erde
als Scheibe!), die Kreationisten (95% davon leben in den USA) schwören auf
den 7-tägigen Schöpfungsakt (vor etwa 6200 Jahren), viele Russen
verehren noch heute Stalin (Deutsche dafür Hitler), Millionen Briten
singen heute noch aus vollster Überzeugung "Britain rules the world"
und mancher ex-DDR-Bürger weint noch immer Dachdecker Honecker nach.
Die Grünen stricken nach wie vor an ihrem technikfeindlichen
'Sonnenblumen'-Traum, und die (Dunkel)Roten glauben an den 'egalitären
Weltgeist', weil sie den Unterschied zwischen 'sozial' und 'sozialistisch'
nicht akzeptieren wollen. Wie sagte schon Einstein: "Die
menschliche Dummheit und die Zeit sind ewig; am Beweis es Letzteren wird
noch gearbeitet!" Von der Wahrheit auf den ersten Blick
- Florian Rötzer -
Überzeugungen sind immun gegen Berichtigungen, haben
Psychologen anhand von Medienberichten zum Irak-Krieg 2003 festgestellt.
Möglicherweise geht es den Menschen mit der Wahrheit so ähnlich wie
mit der Liebe auf den ersten Blick. Was sie zuerst - im buchstäblichen
Wortsinn - wahrgenommen haben, wird kaum mehr hinterfragt. Stattdessen dienen
künftige Informationen dazu, die ursprüngliche Wahrnehmung zu
bestätigen. Das ist in etwa das Ergebnis, das Psychologen in einer Studie
über Medienberichte zum Irak-Krieg herausgefunden haben. Die Studie
Memory for Fact, Fiction, and Misinformation: The Iraq War
2006 , die in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift
Psychological Science veröffentlicht wurde, ging davon
aus, daß die Berichterstattung über den Irak-Krieg durch zahlreiche
falsche Informationen, Korrekturen und Zurücknahmen von Meldungen
charakterisiert war. Immer einmal wieder gab es so beispielsweise Berichte
über den Fund der angeblich im Irak befindlichen Massenvernichtungswaffen,
die sich dann aber regelmäßig als falsch erwiesen und meist auch
explizit zurückgezogen wurden.
Stephan Lewandowsky und Werner G.K. Stritzke von University
of Western Australia; Klaus Oberauer von der Universität Potsdam und
Michael Morales von der Plattsburgh State University of New York befragten
Studenten an fünf Universitäten in Australien, Deutschland und den
USA, um zu überprüfen, wie sich Richtigstellungen von Berichten aus
der Zeit von Mitte April bis Anfang Mai auf die Erinnerung an medial
übermittelte Kriegsereignisse auswirken. Dazu legten sie den Studenten
Aussagen über wahre Ereignisse (z.B. A 19-year-old female U.S. Prisoner
ofWar was rescued from an Iraqi hospital by Special Forces and flown out of
Iraq for medical treatment)., über Ereignisse, die zunächst als
Tatsachen präsentiert, dann aber als falsch dargestellt wurden (Allied
POW's (Prisoners of War) were executed by the Iraqis after being captured
and/or surrendering), und über frei erfundene Ereignisse vor, die aber
unter den gegebenen Bedingungen hätten plausibel sein können
(Captured Iraqi militia led allied forces to a store of plastic explosives
fitted inside bicycle frames to be detonated by suicide bombers at allied
checkpoints). Die Studenten mußten angeben, ob sie sich an die Ereignisse
erinnern, und sollten die Wahrscheinlichkeit angeben, mit der für sie die
Aussagen zutreffen.
Als Ergebnis bestätigte sich, daß Menschen
weiterhin an Erinnerungen festhalten, auch wenn sich diese später als
falsch herausgestellt haben, sofern ihnen diese zunächst als Tatsachen
präsentiert wurden und die Korrektur nicht mit einer alternativen
Interpretation einhergeht. Das betraf vor allem die amerikanischen Studenten,
während bei den deutschen und australischen Studenten die Berichte
über falsche Informationen sehr viel stärker zur Kenntnis genommen
wurden. Die Wissenschaftler gehen davon aus, daß bei Menschen, die wie in
diesem Fall die amerikanischen Studenten von der Berechtigung des Krieges
überzeugt waren, weitere bestätigende Berichte diese Überzeugung
und damit Scheinerinnerungen stärkten, während neue Nachrichten, die
Meldungen korrigieren, zu keinen Veränderungen der Einstellung
führten. Bei Menschen, die - wie viele Deutsche und Australier - dem Krieg
gegenüber eher kritisch eingestellt waren, ergab sich der
gegenläufige Effekt. Bei ihnen verstärkten die widerlegten Berichte
die Skepsis.
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Wir haben festgestellt, daß die Menschen, die
gegenüber den hinter dem Krieg stehenden Motiven skeptisch waren,
erfolgreich falsche Informationen als unwahr betrachten konnten, während
diejenigen, die davon ausgingen, daß der Krieg geführt wurde, um
Massenvernichtungswaffen zu zerstören, eher die als falsch erwiesene
ursprüngliche Version der Ereignisse nicht als unwahr einstuften. Weil sie
insgesamt weniger mißtrauisch waren, achteten die Partizipanten in den
USA weniger auf die Korrekturen von Falschinformationen als diejenigen in
Australien und Deutschland.
Ein sich selbst verstärkender Mechanismus
Die Resistenz gegen Nachrichten, die die ursprünglichen
Überzeugungen widerlegen, scheint dabei tief zu gehen und auf eine
kognitive Dissonanz hinzuweisen. So berichten die Forscher, daß praktisch
alle Befragten richtig angaben, daß keine Massenvernichtungswaffen im
Irak gefunden wurden. Dennoch habe "eine beachtliche Minderheit der Amerikaner
eine Scheinerinnerung präsentiert, daß sie doch gefunden worden
seien". Das bestätigt das Ergebnis einer anderen Untersuchung und
"erklärt" gewissermaßen, warum eine Regierung sich halten kann,
obgleich sie die Wahrheit manipuliert (Bush-Anhänger zeichnen sich durch
Realitätsausblendung aus). Man muß nur schnell genug sein, um
eine Behauptung als erster zu publizieren und dann dabei bleiben, auch wenn die
Behauptung längst widerlegt wurde.
Die Studenten in Ländern mit höherer Skepsis gehen
zwar zunächst auch von der Wahrheit der Nachrichten aus, können aber
eher akzeptieren, wenn sie sich als falsch erweisen. Gleichwohl könnte der
dahinter stehende kognitive Mechanismus derselbe sein: Man unterwirft sich der
vermuteten Mehrheit und gehorcht dem Konformitätsdruck, der zu einer
selektiven Aufnahme und vor alle Bewertung von Informationen führt.
Die Psychologen haben allerdings stärker auf die
Ausbildung falscher Erinnerungen ihre Aufmerksamkeit gelegt. So ziehen sie
folgende Schlußfolgerungen aus ihrer Studie: Die Wiederholung von
Medienberichten trägt, auch wenn sie als falsch widerlegt werden, zur
Ausbildung falscher Erinnerungen bei. Bedenklicher stimmt allerdings die zweite
Schlußfolgerung, daß Richtigstellungen eigentlich nichts an den
Überzeugungen ändern, wenn die Menschen nicht schon mißtrauisch
sind. Auch das ist ein selbstverstärkender Mechanismus, der einer
vorurteilsfreien Aufklärung keine großen Chancen einräumt.
Zumal wenn man die dritte Folgerung berücksichtigt, nämlich daß
die Menschen Korrekturen unabhängig von der Gewißheit ignorieren,
daß eine Nachricht berichtigt wurde. Die Wahrheit, so müßte
man sagen, ist unwichtig, entscheidend ist, ob etwas in das Weltbild paßt
und es bestätigt.
Danach wäre freilich die ganze Aufregung über den
Artikel von Newsweek völlig absurd. Egal, ob es stimmt oder nicht,
daß bei Verhören in Guantanamo Koran-Ausgaben in die Toilette
gesteckt wurden, wird jeder in seiner Sicht der Dinge bestätigt. Für
die einen ist es ein Beweis für den Kreuzzug gegen den Islam und die
Repression der Muslims in Guantanamo und anderswo, für die anderen eine
Falschmeldung, die das Ansehen der USA ohne Anlaß verunglimpft. Eine
Position dazwischen gibt es nur für Außenstehende - zumindest, wenn
es stimmt, daß die Menschen im Prinzip gegenüber der Wahrheit immun
sind, wenn sie der Überzeugung zuwiderläuft.
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