Nach der Ablehnung der EU-Verfassung in Frankreich und den
Niederlanden geht der Kampf um ein »anderes Europa« erst richtig
los Franzosen und Niederländer haben sich also die Gelegenheit
nicht entgehen lassen. Das überwältigende Nein bei den Referenden zur
EU-Verfassung war ihre Antwort auf all die Zumutungen und dreisten Lügen,
mit denen ihnen, unter der »falschen Flagge Europas« (Rolf
Hochhuth), eine neoliberale »Reform« nach der anderen
übergeholfen wurde. In Frankreich kam es dabei zu einem klassischen
déja vu. Doch diesmal ging es anders aus als 1992 bei der Abstimmung
über Maastricht. Zuviel war in der Zwischenzeit geschehen. Erst wurde
unter Jacques Delors versprochen, den Binnenmarkt »sozial zu
ergänzen«. Als dies ausblieb, sollte der Euro »Millionen von
Arbeitsplätzen in der EU« schaffen.1997 wurde an den
Stabilitätspakt das Wort »Wachstum« angehängt, ohne
daß sich irgend etwas änderte. Schließlich wurde mit der
Bolkestein-Richtlinie die Liberalisierung nahezu aller Dienstleistungen in der
EU angegangen und natürlich wieder versehen mit dem Versprechen von
Arbeitsplätzen en masse. Das Maß war schlicht voll. Da kam die
Abstimmung über einen nicht lesbaren Verfassungsvertrag, mit dem diese
neoliberale Zumutungen auch noch in Stein gemeißelt werden sollten,
gerade recht.
Kleine Eselei
Doch die gegenwärtige Kopflosigkeit der Mächtigen
wird nicht lange anhalten. Sie wissen sehr genau, was sie wollen, und da
unterscheiden sie sich leider von vielen Gegnern des Verfassungsvertrags. Ihre
Agenda werden sie jetzt zwar umschreiben, aber ihre Ziele behalten sie fest im
Blick. Natürlich ärgern sie sich über ihre Eselei, daß sie
eine normale Vertragsänderung, die in den letzten 13 Jahren allein dreimal
und meist ohne viel Aufsehen stattfand (Maastricht 1992, Amsterdam 1997, Nizza
2000), diesmal einem Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Konvent anvertrauten,
das ganze Unternehmen dazu noch Verfassungsvertrag nannten und so erst die
Geister weckten, die sie in den Referenden am Ende nicht mehr los wurden. Dabei
ging und geht es ihnen doch im Kern »nur« um die Anpassung der
Institutionen an die deutlich größer gewordene Union, um den so viel
beschworenen »Erhalt der Handlungsfähigkeit der EU«. Der
Verfassungsvertrag ist denn auch gespickt mit Vorschriften zur Stärkung,
Verkleinerung und Straffung von Rat und Kommission und all der anderen
Unionsgremien. Bestehende Souveränitätsrechte der Einzelstaaten
werden geschleift und ihre einzelstaatlichen Demokratien damit weiter
ausgehölt. Im Mittelpunkt steht aber die Umstellung der
Abstimmungsmechanismen auf das demografische Prinzip, was zu einer dauerhaften
Hegemonialordnung der reichen Kernstaaten über die ärmere Peripherie
führt. Genau diese Bestimmungen werden nun bald (verpackt in jenem
ominösen Plan B) wieder auftauchen. Dann sollen sie, nun aber ohne
Konvent, Verfassung und Referenden, geräuschlos durchgezogen werden. Was
die neoliberale Wirtschaftsordnung und die Militarisierung angeht, so wird man
sich auf absehbare Zeit mit dem Vertrag von Nizza begnügen, der erlaubt ja
schon heute eine Bolkesteinrichtlinie durchzusetzen und
EU-Militärmissionen in jeden Winkel der Erde zu schicken.
Die Mächtigen werden bei ihrem neuen Anlauf nach
Bündnispartnern Ausschau halten. Und sie könnten dabei auch unter
denen fündig werden, die diesmal noch mit Nein stimmten. Es ist genau
registriert worden, daß sich die Nein-Lager in nahezu allen Ländern
regelmäßig aus zwei großen Gruppen zusammensetzen: Da sind zum
einen jene, die an der einzelstaatlichen Souveränität festhalten
wollen und daher eine Vertiefung der Union, vor allem aber eine Erweiterung der
EU ablehnen. Und da gibt es die anderen, für die sich Europa nicht schnell
genug integriert. In diesem zweiten Lager finden sich denn auch die Forderungen
nach einem deutlich gestärkten Europäischen Parlament, nach
europäischen Steuersätzen und nach sich schnell annähernden
sozialen Standards. In einem Beitritt der Türkei sieht man hier kein
grundsätzliches Problem. Schon werden die immer länger werdenden
Listen mit all diesen schönen Forderungen unter der Überschrift
»Ein anderes Europa ist möglich« zusammengestellt. Doch die
Netze in diesem Teich sind bereits ausgelegt. Hier wird von den Regierenden
nach Zustimmung zu einem gestärkten, nach einem gegenüber den USA,
China und nun auch Indien »handlungsfähigem« Europa gefischt.
Und ist erst einmal die Mehrheit für die Straffung der EU-Institutionen
zusammen, so werden wie bekannt die inhaltlichen Forderungen nach
dem »anderen Europa« auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben.
Lange Kämpfe
Damit dies nicht Wirklichkeit wird, sind drei Dinge zu
beachten: 1. Beileibe nicht jeder, der sich gegen die weitere europäische
Integration stellt, da er sich einen starken Staat zum Schutz seiner
gefährdeten Existenz wünscht, ist ein verblendeter Nationalist. Die
Dinge liegen da nicht so einfach. In Frankreich ist etwa die Bewegung eines
Jean-Pierre Chevènement links und zugleich souveränistisch. In den
Niederlanden, in Skandinavien aber auch in Portugal und in Griechenland sieht
sich die Linke als Verteidiger der Handlungsfähigkeit des Nationalstaats.
2. Die linken Befürworter einer forcierten Integration dürfen nicht
übersehen, daß Demokratie nur funktioniert, wenn sie sich auf
funktionierende Medien, Öffentlichkeiten, Parteien und Gewerkschaften
stützen kann. All dies gibt es aber auf europäischer Ebene
bestenfalls in Ansätzen. Der Nationalstaat als Raum der demokratischen
Willensbildung hat noch lange nicht ausgedient. 3. Dem »anderen
Europa« wird man nicht dadurch näher kommen, indem man dem
Verfassungsvertrag einen genialen Gegenentwurf von links entgegensetzt. Jenes
»andere Europa« wird vielmehr nur aus langen und mühevollen
Kämpfen hervorgehen. Und da gibt es gegenwärtig genug zu tun: Die
Bolkestein-Richtlinie ist noch lange nicht vom Tisch, die gesamte
öffentliche Daseinsvorsorge steht unter Dauerbeschuß der EU, der
Entwurf für eine katastrophale Arbeitszeitrichtlinie ist gerade erst von
der Kommission präsentiert worden, und, und, und ...
Es gibt also genügend zu bedenken und vor allem zu tun,
bevor die Lager des Nein wieder auseinander gehen dürfen!
»Nee, Nee«
Reaktionen in Deutschland
Peter Gauweiler (CSU) zeigte sich über das Nein der
Niederländer zur EU-Verfassung zufrieden. Demokratie heiße,
daß es die Möglichkeit gebe, Ja und Nein zu sagen und auch einmal
einer Regierung zu widersprechen, sagte Gauweiler am Donnerstag im
Deutschlandfunk. Die Niederländer hätten »in beherzter
Weise« ihre Bedenken gegen die Entwicklung der EU-Apparate zum Ausdruck
gebracht. Diese Bedenken seien europafreundlich, weil sie eine freie Debatte
des Kontinents wollten »und nicht einen Kontinent der
Zentralkomitees«. Gauweiler zeigte sich überzeugt, je mehr die
Menschen über den »wahren Inhalt dieser sogenannten
Verfassung« aufgeklärt würden, desto skeptischer reagierten
sie. Er betonte zugleich, »Europa ist nicht gescheitert«. Vielmehr
würden die Volksabstimmungen helfen, daß sich Europa auf einer
»besseren Ebene« wiederfinde.
Unionsrechtsaußen Gauweiler selbst hatte in Karlsruhe
eine Verfassungsbeschwerde sowie eine Organklage gegen die EU-Verfassung
eingereicht.
Nach Auffassung des CSU-Politikers sind Bundestag und
Bundesrat auch mit Zwei-Drittel-Mehrheit nicht berechtigt, die
Verfassungsordnung des Grundgesetzes durch ein anderes Verfassungssystem zu
ersetzen.
Der PDS-Europaabgeordnete André Brie sieht derweil
die EU-Verfassung nach den Referenden in Frankreich und in den Niederlanden als
gescheitert an. »Mit dem klaren Nein der niederländischen
Bevölkerung ist das neoliberale Verfassungsprojekt faktisch
gescheitert«, erklärte der Politiker am Mittwoch abend im
zypriotischen Limassol. »Die Entscheidung ist kein Pyrrhussieg einiger
linker Kräfte, sondern ein klarer sozialer Erfolg der Verfassungskritiker.
Damit wird nicht das Scheitern der europäischen Integration herauf
beschworen, sondern dem Zusammenwachsen auf Grundlage einer effizienten
Sozialpolitik eine neue Chance gegeben.«
Brie rief die Befürworter der Verfassung unter den
Politikern auf, endlich ihre Arroganz gegenüber den Bevölkerungen und
insbesondere den existenziellen Problemen der Menschen aufzugeben.
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