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25.06.2005 Ingo Niebel Info von:   junge Welt
Der »Ostblock« Lateinamerikas

Chávez baut einen antiimperialistischen Schutzwall gegen die US-Aggression – auf diplomatischen Terrain

Für Hugo Chávez und seine bolivarianische Politik »läuft die Zeit gerade ab«, sagt Michael J. Waller. Seine Worte könnte man getrost ignorieren, wäre er nicht hochrangiger Mitarbeiter des »Center for Security Policy« (CSP), einer dem Pentagon angeschlossenen Denkfabrik. Das CSP war einer der Wegbereiter für den andauernden Krieg gegen Irak. Mit Blick auf die Präsidentschaftswahlen 2006 ruft Waller nun auch zum Sturz von Chávez auf. Das Land müsse sich verändern, sagt er: »Venezuela kann sich aus eigenen Kräften ändern, oder es kann Kräfte aus der Region einladen, mit Hilfe von Venezuelas breiter demokratischer Opposition den Wechsel durchzusetzen.«

Als Lehre aus dem US-Überfall auf den Irak trainieren die venezolanischen Streitkräfte seit Kurzem den »asymmetrischen Krieg«. Im Irak verursacht diese Art der Kriegführung den US-Sreitkräften zwar beträchtliche Verluste, sie hat die Besetzung des Landes aber nicht verhindern können. Damit sich die irakische Trägodie in Venezuela nicht wiederholt, haben Chávez und sein Außenminister Alí Rodríguez in den vergangenen Monaten begonnen, ein weitreichendes Sicherheitssystem aufzubauen. Die bolivarianische Geopolitik soll Venezuela außen- und wirtschaftspolitisch vor der Isolation und Intervention durch die USA schützen.

Das Vorgehen von Chávez und Rodríguez wird dabei von ganz pragmatischen Überlegungen bestimmt. Ein Aspekt der bolivarianischen Sicherheitspolitik etwa ist die Zusammenarbeit mit Brasilien. Ohne diese Handelsmacht läuft nichts in Südamerika. Die Avancen aus Caracas fielen in Brasilia auf fruchtbaren Boden, weil dort bereits seit den neunziger Jahren der Wunsch vorherrscht, das hochverschuldete Land aus dem Dunstkreis der USA herauszuführen. Der gemeinsame Nenner zwischen Caracas und Brasilia ist die Schaffung eines südamerikanischen Pols in einer multipolaren Welt. Venezuela hat die Petrodollars, Brasilien das diplomatische, technische und wirtschaftliche Know-How, um den Traum von der südamerikanischen Union umzusetzen. Da seit kurzem auch Argentinien und Uruguay auf der politischen Linie von Venezuela und Brasilien liegen, ist es Chávez gelungen, auf dem südamerikanischen Kontinent einen bolivarianischen »Ostblock« zu errichten, der die Kontrolle der USA auf den »Westblock« Kolumbien, Ekuador, Peru, Bolivien, Paraguay und Chile begrenzt. Damit ist auch die Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) als Instrument der US-Außenpolitik weitgehend neutralisiert.

Aus sicherheitspolitischer Sicht ist die Kooperation mit Kuba für das bolivarianische Venezuela überlebenswichtig: Der Inselstaat verfügt als einziges Land der Region über jahrzehntelange Erfahrung, der US-Aggression zu widerstehen. Im globalen Rahmen hat Caracas die Beziehungen zu Moskau, Peking, Dehli, Teheran, Paris und Madrid vertieft. Allein die Berliner Außenpolitik wagt es nicht, gegen Washington Position zu beziehen. Trotzdem wird sich die Tragfähigkeit des »bolivarianischen Sicherheitssystems« wohl erst bei der nächsten größeren Krise zwischen Caracas und Washington zeigen. Wann die kommt, ist nur eine Frage der Zeit.



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