Interview Der niederländisch-britische
Ölkonzern zerstört im Niger-Delta weiter die Umwelt. Die Lage dort
ist schlechter als vor zehn Jahren. Ein Gespräch mit Isaak Asume Osuoka
Interview: Wolfgang Pomrehn * Isaak Asume Osuoka arbeitet
für die Umweltorganisation Environmental Rights Action in der
nigerianischen Hafenstadt Port Harcourt
F: Sie sind am Dienstag zur Jahreshauptversammlung des
britisch-holländischen Ölkonzerns Shell nach Den Haag gereist, um ihn
wegen seines rücksichtslosen Vorgehens bei der Ölförderung
anzuklagen. Wie ist die Lage heute im Niger-Delta, zehn Jahre nachdem Shell
wegen seiner Politik dort international heftig kritisiert wurde?
Im November 1995 hat die damalige Militärregierung
mit der Unterstützung Shells Ken Saro-Wiwa ermordet, den Führer des
Ogoni-Volkes, das friedlich gegen die Verwüstung der Umwelt durch Shell
und die Zerstörung seiner Lebensgrundlagen protestiert hatte. Zehn Jahre
später gibt es in den Regionen, in denen Shell operiert, noch mehr
Verelendung und noch mehr Konflikte. Die werden direkt oder indirekt durch
Shell angestiftet.
F: Wie machen die das?
Der Konzern erklärt z. B. einzelne Dörfer zu
»Gastgemeinden«, die einen geringen Anteil der Einnahmen aus der
Förderung abbekommen. Das Problem ist, daß dadurch viele Konflikte
zwischen den Dörfern entstehen. Zum Beispiel, wenn es früher bereits
Streit um das Land gegeben hatte, auf dem nun gefördert wird. Oder wenn
die eine Gemeinde von Shell für die Förderung bezahlt wird, die
andere aber unter deren Folgen zu leiden hat. Manchmal heuert Shell auch einen
Teil der Dorfbewohner als Beschützer seiner Einrichtungen an. Die geraten
dann in Konflikt mit ihren Nachbarn oder anderen Dörfern.
Wo es früher schon Streit zwischen benachbarten
Dörfern gab, gibt es jetzt eine richtige Krise. Manchmal werden sogar
Menschen umgebracht und ganze Dorfgemeinschaften von ihrem Land vertrieben. Im
Januar wurde das Dorf Odioma in Bundesstaat Bayelsa zerstört. Ein anderer
Fall ereignete sich im März in Joinkrama im River State. Dort forderten
die Bewohner eines Dorfes von Shell Entschädigung und wurden von denen
eines anderen angegriffen, das von Shell Zahlungen erhält. Und so ist es
überall im Niger-Delta: Die ganze Region ist wegen des Öls im
Ausnahmezustand.
F: Und wie sieht es mit den Umweltproblemen aus?
Die Zahl der Lecks, das heißt der Fälle, in
denen Öl aus den Pipelines austritt, hat eher zugenommen. Viele der
Leitungen für Erdöl oder Kraftstoff sind über 30 Jahre alt und
verrostet, aber immer noch in Betrieb. Auch das Abfackeln von Erdgas geht
weiter. In den 90er Jahren hatte Shell sich gegenüber der Regierung
verpflichtet, diese Praxis bis 2008 zu beenden. Doch letzten Monat hieß
es auf einmal, man sehe sich dazu nicht mehr in der Lage, es werde länger
dauern. Tatsächlich ist von den notwendigen Investitionen für das
Auffangen und Speichern des Gases bisher nichts zu sehen. Wenn man sich die
Statistiken des Konzerns anschaut, muß man sogar feststellen, daß
heute mehr Gas abgefackelt wird als in den 90er Jahren.
F: Weshalb sind die Gasfackeln so problematisch?
Aufgrund der Luftverschmutzung, die eine Folge des
Abfackelns ist, leiden viele Menschen in der Förderregion unter
Erkrankungen der Atemwege. Eine andere Folge ist der saure Regen, der die
Böden unfruchtbar macht und selbst die Blechdächer der Häuser
angreift.
F: Was macht die Regierung?
Nichts. Die Zentralregierung interessiert sich nur
für die Einnahmen aus dem Erdöl. Sie hat nichts Nennenswertes getan,
um die Probleme im Delta zu lösen. Shell setzt sie einfach unter Druck.
Das Unternehmen behauptet, es könne das Abfackeln nicht beenden, ohne die
Ölförderung einzustellen. Also erlaubt die Regierung in Lagos dem
Konzern, weiterzumachen wie bisher, weil sie Angst hat, sie bekomme kein Geld
mehr.
F: Wie hat sich die Lage nach dem Ende der
Militärdiktatur verändert?
Wenn es eine Veränderung gegeben hat, dann
höchstens zum Schlechten. Es gibt heute noch mehr Gewalt und
Umweltverschmutzung im Niger-Delta als vor zehn Jahren.
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