US-Regierung macht die Justiz zu einem Instrument ihrer
Politik. Der »Fall« der Anwältin Lynne Stewart ist nur ein
Beispiel dafür Die New Yorkerin Lynne Stewart blickt auf eine
langjährige berufliche Karriere als engagierte Rechtsanwältin
zurück. Sie hat Fälle übernommen, mit denen die meisten
Anwälte nichts zu tun haben wollten. Dazu gehört jener des blinden
ägyptischen Sheiks Abdel Omar Rahman. Ihm wurde vorgeworfen, an einer
Verschwörung beteiligt gewesen zu sein, deren Ziel der 1993 erfolgte
Bombenanschlag auf das World Trade Center in Manhattan war. Stewart ist
für ihre Tätigkeit als Anwältin in diesem Verfahren zusammen mit
ihren beiden Mitarbeitern, dem Dolmetscher Mohammed Yousry und dem
Anwaltsgehilfen Ahmed Abdel Sattar, im März wegen Unterstützung einer
terroristischen Vereinigung schuldig gesprochen worden (jW berichtete).
Im Kern der Anklage geht es lediglich um
Gefängnisvorschriften, die sogenannten SAM (Special Administrative
Measures), die dazu dienen, bestimmte Gefangene zu isolieren. Diese von der
obersten US-Gefängnisbehörde, dem Bureau of Prisons, erlassenen
Haftsonderregeln wurden dazu genutzt, das Recht des Mandanten von Stewart auf
angemessene Verteidigung außer Kraft zu setzen.
Lynne Stewart erläutert, wie es kam, daß ihr als
Anwältin Verstöße gegen die SAM angelastet wurden, die
eigentlich für Gefangene gelten: »Nachdem Sheik Omar verurteilt
worden war, wurde er von der Ostküste in ein weit entferntes
Gefängnis in der Mitte der USA verlegt. Aber das reichte der Regierung
noch nicht als Abschottung, weshalb sie zusätzlich noch die
äußerst rigiden Haftbedingungen über ihn verhängte. Danach
war ihm monatlich nur noch ein Telefonat mit seiner Familie erlaubt und einmal
pro Woche eines mit seiner Verteidigung, und das wars. Es war ihm
generell verboten, mit den Medien in Kontakt zu treten. Zusätzlich gab es
noch weitere Beschränkungen, wie das strikte Verbot von
nichtfamiliären Besuchen, selbst wenn es dabei um religiöse Kontakte
ging. Nachdem diese sehr, sehr restriktiven Bestimmungen über ihn
verhängt worden waren, wurde seine Verteidigung, also außer mir noch
Ramsey Clark und Abdeen Jabara, aufgefordert, per Unterschrift die Kenntnis
davon zu bestätigen, daß unser Mandant diesen Restriktionen
unterliegt, und daß wir sie einhalten würden. Wir dachten, dieses
besondere Haftstatut würde nur für den Mandanten gelten, aber in
keiner Weise unsere anwaltliche Tätigkeit berühren. Also taten wir,
was wir im Sinne der Verteidigung unseres Mandanten für geboten hielten.
Dazu gehörte, ihn über Dinge zu informieren, die Auswirkungen auf
sein Verfahren haben könnten und die er deshalb kennen und verstehen
mußte. Das Sonderhaftstatut unterband, wie erwähnt, auch den Kontakt
mit den Medien. Ich habe aber genau das weitergemacht, was ich seit vier Jahren
tat, ich gab also eine Presseerklärung heraus. Und dann geschah der 11.
September 2001, und plötzlich bekamen diese seit dem Jahr 2000 geltenden
SAM-Vorschriften nach Meinung der Regierung eine ganz andere Bedeutung. Nun
hieß es, ich hätte eine Linie überschritten, aber in
Wirklichkeit war es so, daß sie die Linie nach dem 11. September einfach
neu gezogen haben. Und dann zogen sie die Linie noch einmal völlig anders,
um die Verurteilung gegen mich und meine Mitarbeiter durchsetzen zu
können, indem sie im Verfahren Zusammenhänge herstellten, die nicht
zur Sache gehörten, aber eine Stimmung der Vorverurteilung
erzeugten.«
Dazu gehörte beispielsweise ein Videofilm über
Osama bin Laden, der im Gerichtssaal abgespielt wurde. Da die Anklage
zahlreiche solcher taktischen Mittel einsetzte, wäre es eine
Überraschung gewesen, wenn es nicht zu einer Verurteilung von Stewart,
Yousry und Sattar gekommen wäre. Die drei Verurteilten werden das Urteil
anfechten.
Selbst ein konservativer Jurist wie Richter Andrew
Napolitano hat gegenüber der New York Times erklärt, die Verurteilung
von Stewart, Yousry und Sattar sei »ein perverser Sieg des
Justizministeriums im Rahmen seiner Angriffe auf die Verfassung«.
Napolitano, ein regelmäßiger Kommentator von Fox News, dazu weiter:
»In der guten alten Zeit konnte nur der Kongreß neue Bundesgesetze
erlassen. Nach dem 11. September wurde es jedoch dem Justizminister erlaubt,
dies zu tun. Wo steht denn in der Verfassung, daß er das darf?«
Recht und Gesetz sind Instrumente der Politik und der
Machthaber. Lynne Stewart hat nicht gegen ein Gesetz verstoßen, sondern
eine von der Regierung willkürlich gezogene politische Linie
überschritten.
(Übersetzung: Jürgen Heiser)
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