Preiserhöhungen und kaum Investitionen: Konzerne
verdienen an der privatisierten Trinkwasserversorgung in Argentinien.
Womöglich nicht mehr lange Demonstrationen streikender Arbeiter
sind in Argentiniens Hauptstadt nicht unbekannt. Doch der Zug, der sich am
Dienstag über Buenos Aires Prachtstraße Avenida de 9 Julio bewegte,
war doch ein wenig anders. Der Kampf der Arbeiter von Aguas Argentinas, dem
Wasserbetrieb für den Großraum Buenos Aires, wirkt wie ein
Vergrößerungsglas, das einige der wesentlichen Fragen der
neoliberalen Globalisierung fokussiert.
Höhere Löhne, Sicherheit für die befristet
Eingestellten und Investitionen in die Trinkwasser- und Abwassernetze der
Millionenmetropole waren die Forderungen der Demonstranten. »Wir
kämpfen sowohl für die Interessen der Nutzer als auch der
Arbeiter«, zitiert Diario Gremial den Chef der Gewerkschaft der Arbeiter
in der Wasserwirtschaft von Buenos Aires, José Luis Lingeri.
Privatisierungsdividende
Abgesehen von dieser für deutsche Verhältnisse
ungewöhnlichen Interessensverknüpfung sind die
Besitzverhältnisse das Besondere an dem Streit. Argentinien hatte die
Wasserversorgung im Zuge des allgemeinen Ausverkaufs der öffentlichen
Betriebe im Mai 1993 an ein europäisches Konsortium verkauft.
Konsortialführer ist der französische Konzern Suez, weltweit einer
der größten seiner Branche. Das seinerzeit neugegründete
Unternehmen kontrolliert in der Hauptstadt und der angrenzenden Provinz die
Wasserversorgung von zehn Millionen Menschen, also etwa eines knappen Drittels
der Argentinier. Inbegriffen in dem Privatisierungsdeal, der vermutlich
weltweit einer der größten seiner Art war, ist auch die Kontrolle
des Grundwassers.
Für die Europäer erwies sich Aguas Argentinas vom
ersten Tag an als Goldesel. Das kritische US-amerikanische Internetmagazin
Corporation Watch zitiert Daniel Azpiazu, der an der Latin American Faculty for
Social Sciences die Folgen untersucht hat. Er kommt zu dem Ergebnis, daß
von 1993 bis zum Januar 2002 die Wassergebühren um 83 Prozent gestiegen
sind, während im gleichen Zeitraum die Verbraucherpreise nur um 7,3
Prozent zulegten. Argentinien trieb immer tiefer in den Krisenstrudel, doch
Suez strich während dessen eine Kapitalrendite von 20 Prozent ein. Laut
Azpiazu waren zur gleichen Zeit in den USA in diesem Sektor sechs bis 12,5
Prozent üblich, in Großbritannien sechs bis sieben Prozent und in
Frankreich sechs Prozent. Versüßt wurden dem Unternehmen diese
Geschäfte zusätzlich durch die Dollarbindung des Pesos, die zwar die
argentinische Wirtschaft mehr und mehr strangulierte, die ausländischen
Konzerne jedoch vor Verlusten durch Kursschwankungen bewahrte.
Die traumhaften Gewinne führten allerdings nicht zur
Verbesserungen des Services. Klagen über ausbleibende Investitionen gibt
es bereits seit 1997. In den derzeit stattfindenden Neuverhandlungen über
die Konzessionsverträge sind sie ein entscheidender Kritikpunkt der
Regierung. Diese weigert sich, Preiserhöhungen zuzustimmen, und verweist
statt dessen auf die ihrer Ansicht nach üppigen Gehälter des
Vorstandes von Aguas Argentinas. Der französische Konzern hat im Gegenzug
der Regierung in Buenos Aires ein Ultimatum von 30 Tagen gestellt. Würden
die Forderungen nicht erfüllt, zöge Suez sich zurück.
Großen Eindruck machte das auf die Regierung nicht.
Sollen sie doch abhauen, scheint die Auffassung von Präsident Nestor
Kirchner und seinen Ministern zu sein. Planungsminister Julio de Vido sprach
Klartext: Der Staat sei durchaus in der Lage, die Kontrolle über den
Versorger wieder zu übernehmen.
Rückendeckung vom IWF
Schützenhilfe bekommt Suez unterdessen vom
internationalen Währungsfonds (IWF). Der hatte bereits 2002 auf dem
Höhepunkt der argentinischen Krise, als die Bindung an den US-Dollar
aufgegeben werden mußte, sein Herz für den französischen
Konzern entdeckt. Dessen Gewinne waren aufgrund der Abwertung des Peso im
Ausland auf einmal nur noch einen Bruchteil wert. Der IWF setzte daher der
Regierung in Buenos Aires, die kurzfristig Geld benötigte, die Pistole auf
die Brust: Bevor überhaupt Verhandlungen über Kredite aufgenommen
wurden, mußte die Regierung zunächst der Erhöhung der
Wasserpreise um zehn Prozent zustimmen.
Auch auf der letzten IWF-Vorstandssitzung zum Thema
Argentinien wurde Ende Juni die Regierung gedrängt, endlich
»langfristige Konzes-sionsverträge« abzuschließen, die
»einen angemessenen Gewinn« garantieren. Allerdings ist nach zwei
Boomjahren in Argentinien das Drohpotential des IWF gegenüber dem
lateinamerikanischen Land deutlich geschrumpft. Durch die am 2. Juni
abgeschlossene Umschuldungsaktion wurden Schulden bei privaten Gläubigern
im Ausland um 67 Milliarden US-Dollar verringert. Kirchner gibt das
Rückhalt, um seine Politik der schrittweisen Befreiung aus den Fängen
des IWF fortzusetzen. Von den seit 2000 dort entliehenen rund 23 Milliarden
US-Dollar hat man bereits über die Hälfte zurückgezahlt und von
der letzten, im September 2003 gewährten Kreditlinie nur noch knapp die
Hälfte in Anspruch genommen. Man wolle sich nicht länger vom IWF in
die Innen- und Außenpolitik hineinreden lassen, so Kirchner vergangene
Woche.
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