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"Das haette ich nie auch nur im Entferntesten fuer moeglich
gehalten" Steve Winkler Ich bin 40 Jahre alt und in dieser Zeit nie
straffaellig geworden oder sonst wie auffaellig gewesen. Meine Akte vermerkt
ein vierwoechiges Fahrverbot und einen Punkt in Flensburg. Ich arbeite seit
Jahren als freier Journalist und Dolmetscher/UEbersetzer. Ich habe keine
Glatze, bin nicht taetowiert und stehe politisch links, falls das hier
ueberhaupt von Bedeutung ist. Am Wochenende bestand meine Aufgabe darin, unsere
Gaeste aus Schweden und Schottland zu betreuen und fuer sie zu dolmetschen. Das
vor allem war auch der Grund meines Aufenthaltes im Jeton.
Gegen 1.30 Uhr dann der Einsatz, der aus meiner Sicht
folgendermassen ablief. Mit dem Ruf "Alles auf den Boden, Ihr Fotzen!"
stuermten vermummte Einsatzkraefte die 2. Etage. Keiner wusste, was los war,
blankes Entsetzen. Wer die Lage nicht erkannte und sich nicht gleich
hinschmiss, wurde sofort mit dem Knueppel bearbeitet. Es wurden keinerlei
Unterschiede gemacht zwischen Maennern und Frauen, schmaechtigen Jugendlichen
und kraeftiger gebauten aelteren Semestern, kurz- und langhaarigen,
taetowierten oder "unbefleckten" Buergern. Es war egal, alles lag auf dem
Boden, der teilweise uebersaet war mit Scherben, in den Lachen der
verschuetteten Getraenke.
Es gab auch nicht den geringsten Versuch des Widerstandes,
nach maximal 30 Sekunden lag alles, und die Ersten bekamen auch schon
Kabelbinder verpasst. Auf Anfragen, was das alles zu bedeuten haette, bekam man
entweder keine Auskunft oder Antworten wie: "Fresse halten, sonst kriegste
richtig.", "werdet ihr schon frueh genug erfahren", "stell dich doch nicht
duemmer, als du bist". Anfragen zu Dienstnummern oder Verantwortlichen wurden,
unter hoehnischem Grinsen, mit "110" oder "Polizeipraesident Berlin"
beantwortet. Leuten, die auf dem Bauch lagen, die Haende auf dem Ruecken
gefesselt, wurden als Antwort auf ihre Fragen mit dem Gesicht auf den Boden
geschlagen.
Nach zirka einer Stunde durften dann einige Leute, darunter
auch ich, aufstehen, man konnte sich umsetzen. Ignoriert wurde mein Hinweis,
dass ich Journalist sei und und mich auch als solcher ausweisen koenne. Nachdem
ich irgendwann die Ansage "Halt jetzt endlich das Maul, sonst legen wir dich
zusammen!" erhielt, gab ich auf.
Ich sah mehrere Personen, die deutlich gezeichnet waren.
Nach etwa drei Stunden durften die Frauen gehen. Ungefaehr zur gleichen Zeit
erschienen Pressevertreter und begannen, Fotos zu machen. Gegen 6 Uhr wurden
alle Leute einzeln nach unten gefuehrt. Mir wurden im Eingangsbereich alle
persoenlichen Gegenstaende abgenommen, ich wurde fotografiert, in einen
Gefangenentransporter gesteckt. Dann ging es zur Keibelstrasse, dort musste man
in einen anderen Transporter umsteigen, der nach Tempelhof fuhr. Nochmalige
Anfragen zum Grund der Verhaftung wurden mit "Gefahrenabwehr" und "Befehl des
Polizeipraesidenten" beantwortet. Nachfragen zur Art der Gefahr und was ich
damit zu tun haette, wurden ignoriert.
Gegen 8 Uhr - nach zwei Stunden im Gefangenentransporter,
immer noch gefesselt! - wurden die Leute einzeln aus den Knastwagen geholt. Die
Einsatzkraefte in Tempelhof verhielten sich korrekt. wir durften rauchen,
austreten gehen, es gab Getraenke und irgendwann auch Essen. Nach einigen
Stunden verlangte ich, einen Verantwortlichen zu sprechen, der mir Auskunft
ueber den Grund meiner Verhaftung geben koennte. Erst hiess es: "Das erfahren
Sie von unserem Vorgesetzten." Spaeter: "Das erklaert Ihnen der Haftrichter."
Weder den einen noch den anderen bekam ich je zu Gesicht. Beamte meinten mir
gegenueber: "Lasst Euch das auf keinen Fall gefallen, erstattet Anzeige!" Gegen
20 Uhr wurden wir entlassen, ohne einem Richter vorgefuehrt worden zu sein. Man
bekam keine Namen, kein Schriftstueck, das den knapp 19-stuendigen Aufenthalt
im Polizeigewahrsam bestaetigt oder begruendet haette.
Was ich erlebt habe, haette ich nie auch nur im
Entferntesten fuer moeglich gehalten. Dabei sind die Schilderungen anderer
Betroffener noch dramatischer. So war zu hoeren, dass sich Leute in die
Glasscherben legen mussten und man ihnen aerztliche Behandlung verweigerte. Der
Einsatz war unglaublich brutal. Was die Beamten ablieferten, erinnerte an
Szenen, wie ich sie aus Fernsehberichten ueber den Putsch in Chile in
Erinnerung habe. Innerhalb eines Tages habe ich jegliches Vertrauen in unseren
Rechtsstaat und seine Organe verloren.
Kuerzungen durch die Redaktion
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