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23.08.2005 Steve Winkler Info von:   www.klaus-krusche.de
Augenzeugenbericht

"Das haette ich nie auch nur im Entferntesten fuer moeglich gehalten"
Steve Winkler
Ich bin 40 Jahre alt und in dieser Zeit nie straffaellig geworden oder sonst wie auffaellig gewesen. Meine Akte vermerkt ein vierwoechiges Fahrverbot und einen Punkt in Flensburg. Ich arbeite seit Jahren als freier Journalist und Dolmetscher/UEbersetzer. Ich habe keine Glatze, bin nicht taetowiert und stehe politisch links, falls das hier ueberhaupt von Bedeutung ist. Am Wochenende bestand meine Aufgabe darin, unsere Gaeste aus Schweden und Schottland zu betreuen und fuer sie zu dolmetschen. Das vor allem war auch der Grund meines Aufenthaltes im Jeton.

Gegen 1.30 Uhr dann der Einsatz, der aus meiner Sicht folgendermassen ablief. Mit dem Ruf "Alles auf den Boden, Ihr Fotzen!" stuermten vermummte Einsatzkraefte die 2. Etage. Keiner wusste, was los war, blankes Entsetzen. Wer die Lage nicht erkannte und sich nicht gleich hinschmiss, wurde sofort mit dem Knueppel bearbeitet. Es wurden keinerlei Unterschiede gemacht zwischen Maennern und Frauen, schmaechtigen Jugendlichen und kraeftiger gebauten aelteren Semestern, kurz- und langhaarigen, taetowierten oder "unbefleckten" Buergern. Es war egal, alles lag auf dem Boden, der teilweise uebersaet war mit Scherben, in den Lachen der verschuetteten Getraenke.

Es gab auch nicht den geringsten Versuch des Widerstandes, nach maximal 30 Sekunden lag alles, und die Ersten bekamen auch schon Kabelbinder verpasst. Auf Anfragen, was das alles zu bedeuten haette, bekam man entweder keine Auskunft oder Antworten wie: "Fresse halten, sonst kriegste richtig.", "werdet ihr schon frueh genug erfahren", "stell dich doch nicht duemmer, als du bist". Anfragen zu Dienstnummern oder Verantwortlichen wurden, unter hoehnischem Grinsen, mit "110" oder "Polizeipraesident Berlin" beantwortet. Leuten, die auf dem Bauch lagen, die Haende auf dem Ruecken gefesselt, wurden als Antwort auf ihre Fragen mit dem Gesicht auf den Boden geschlagen.

Nach zirka einer Stunde durften dann einige Leute, darunter auch ich, aufstehen, man konnte sich umsetzen. Ignoriert wurde mein Hinweis, dass ich Journalist sei und und mich auch als solcher ausweisen koenne. Nachdem ich irgendwann die Ansage "Halt jetzt endlich das Maul, sonst legen wir dich zusammen!" erhielt, gab ich auf.

Ich sah mehrere Personen, die deutlich gezeichnet waren. Nach etwa drei Stunden durften die Frauen gehen. Ungefaehr zur gleichen Zeit erschienen Pressevertreter und begannen, Fotos zu machen. Gegen 6 Uhr wurden alle Leute einzeln nach unten gefuehrt. Mir wurden im Eingangsbereich alle persoenlichen Gegenstaende abgenommen, ich wurde fotografiert, in einen Gefangenentransporter gesteckt. Dann ging es zur Keibelstrasse, dort musste man in einen anderen Transporter umsteigen, der nach Tempelhof fuhr. Nochmalige Anfragen zum Grund der Verhaftung wurden mit "Gefahrenabwehr" und "Befehl des Polizeipraesidenten" beantwortet. Nachfragen zur Art der Gefahr und was ich damit zu tun haette, wurden ignoriert.

Gegen 8 Uhr - nach zwei Stunden im Gefangenentransporter, immer noch gefesselt! - wurden die Leute einzeln aus den Knastwagen geholt. Die Einsatzkraefte in Tempelhof verhielten sich korrekt. wir durften rauchen, austreten gehen, es gab Getraenke und irgendwann auch Essen. Nach einigen Stunden verlangte ich, einen Verantwortlichen zu sprechen, der mir Auskunft ueber den Grund meiner Verhaftung geben koennte. Erst hiess es: "Das erfahren Sie von unserem Vorgesetzten." Spaeter: "Das erklaert Ihnen der Haftrichter." Weder den einen noch den anderen bekam ich je zu Gesicht. Beamte meinten mir gegenueber: "Lasst Euch das auf keinen Fall gefallen, erstattet Anzeige!" Gegen 20 Uhr wurden wir entlassen, ohne einem Richter vorgefuehrt worden zu sein. Man bekam keine Namen, kein Schriftstueck, das den knapp 19-stuendigen Aufenthalt im Polizeigewahrsam bestaetigt oder begruendet haette.

Was ich erlebt habe, haette ich nie auch nur im Entferntesten fuer moeglich gehalten. Dabei sind die Schilderungen anderer Betroffener noch dramatischer. So war zu hoeren, dass sich Leute in die Glasscherben legen mussten und man ihnen aerztliche Behandlung verweigerte. Der Einsatz war unglaublich brutal. Was die Beamten ablieferten, erinnerte an Szenen, wie ich sie aus Fernsehberichten ueber den Putsch in Chile in Erinnerung habe. Innerhalb eines Tages habe ich jegliches Vertrauen in unseren Rechtsstaat und seine Organe verloren.

Kuerzungen durch die Redaktion



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