Die Transformation der Bundeswehr: Aufrüstung
für den Angriffskrieg. Rüstungsgroßprojekte und
Kriegsstrategien (Teil 1) Mehr Soldaten schneller zu mobilisieren und
sie mit stärkerer Bewaffnung in weiter entfernte Einsatzgebiete zu
schicken das ist der Kern der Transformation der Bundeswehr,
die Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) mit mehr Nachdruck als seine
Vorgänger betreibt. Gegenwärtig kann die Truppe bei einem
Gesamtumfang von 280000 nicht mehr als 10000 Soldaten ins Ausland schicken
für eine aufstrebende Großmacht ein schlechter Schnitt,
findet Struck. Bei der bereits angelaufenen Umgestaltung der deutschen
Streitkräfte handelt es sich um die weitreichendste Militärreform
seit dem Zweiten Weltkrieg. Es geht darum, aus einer Armee, die bis 1990 darauf
ausgerichtet war, großangelegte Schlachten gegen Verbände des
Warschauer Vertrages zu führen, eine hochmobile und flexible Streitmacht
zu machen, die gegen völlig neue Gegner in allen Weltregionen vorgeht. Das
erfordert Änderungen in Ausbildung, Struktur und Ausrüstung der
Bundeswehr.
Der Weg zur Reform
»Der Bund stellt Streitkräfte zur Verteidigung
auf«, heißt es im Grundgesetz, und bis 1990 wußte jeder
Bundesbürger, gegen wen er sich verteidigen sollte: gegen den
Bolschewismus, der den freien Westen überrennen wollte. Nachdem dann der
freie Westen den Osten überrannt hatte, war die alte Militärdoktrin
obsolet geworden. Die Bundeswehr durchlebte eine Legitimationskrise
gegen wen sollte sie Deutschland noch »verteidigen«? Das Ende des
Kalten Krieges brachte ihr aber zugleich freies Schußfeld, weil die zur
Zurückhaltung zwingende Existenz des Warschauer Vertrages genauso
entfallen war wie die obersten Souveränitätsrechte der Alliierten.
Damit bestand für die deutsche Politik erstmals seit 1945 wieder die
Möglichkeit, Militäreinsätze in aller Welt als Mittel der
Machtausübung durchzuführen. Zunächst wurden die Einsätze
»Tarnen und Täuschen« als »Hilfs- und
Rettungseinsätze« im UNO-Rahmen ausgegeben. In Kambodscha wirkten
Sanitäter, am Persischen Golf wurden Minen geräumt, in Somalia
Brunnen gebohrt scheinbar mildtätige Aktivitäten sollten die
deutsche Öffentlichkeit an die weltweite Präsenz ihrer Soldaten
gewöhnen. Daß die UNO-Kräfte in Kambodscha mehr Schaden
anrichteten als halfen und die neuen somalischen Brunnen nach dem Abzug der
Deutschen sofort versiegten, bekam hierzulande ja keiner mit. Die
»Robustheit« der Einsätze wurde nach und nach gesteigert, bis
1995 wieder deutsche Soldaten auf dem Balkan patrouillierten. Mittlerweile
spätestens seit dem völkerrechts- und grundgesetzwidrigen
Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999 sind die Blauhelme abgelegt, die
Bundesregierung spricht unumwunden von tatsächlichen Kampfeinsätzen,
und Minister Struck führt eine regelrechte Moral-Offensive, um die
Deutschen darauf einzustimmen, daß ihnen demnächst öfter
Todesanzeigen »fürs Vaterland gefallener« Kämpfer ins
Haus flattern werden.
Die neue Militärdoktrin
Weil das Grundgesetz formal noch gilt, wird der Begriff
»Verteidigung« vollständig umdefiniert. Jetzt werden nicht
mehr die Russen an der Elbe aufgehalten, jetzt wird am Hindukusch
»verteidigt«. Die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 2003,
die zentrale Militärdoktrin der BRD, sprechen von einem »weiten
Verständnis von Verteidigung, das sich in den letzten Jahren
herausgebildet hat«. Dieses Verständnis hat sich freilich nicht von
allein herausgebildet, sondern mit tatkräftiger Unterstützung vor
allem durch NATO- und EU-Strategen und ihnen nahestehender
»Denkfabriken«. Nun jedenfalls »läßt sich
Verteidigung geographisch nicht mehr eingrenzen«, heißt es in den
Richtlinien. Anders ausgedrückt: Egal, wo und wann Flugzeuge der Luftwaffe
Bomben abwerfen, egal, wo und wann Bundeswehrinfanteristen zuschlagen es
dient immer der Verteidigung.
Ist das potentielle Einsatzgebiet offen, so ist auch der
Gegner nur sehr unpräzise definiert. Die Weiterverbreitung von
Massenvernichtungswaffen wird erwähnt, hauptsächlich aber orakeln die
Richtlinien von »asymmetrischen Gefährdungen«, insbesondere
durch »Terroristen«. Nun hinterlegen diese keine Mitgliederlisten,
die Bundeswehr kann also im Zweifelsfall jede »feindliche« Bewegung
als Terrorbande qualifizieren und auf ihre Abschußliste setzen. Eindeutig
sind die Richtlinien dagegen im folgenden Punkt: »Die deutsche Wirtschaft
ist aufgrund ihres hohen Außenhandelsvolumens und der damit verbundenen
besonderen Abhängigkeit von empfindlichen Transportwegen und -mitteln
zusätzlich verwundbar.« Es geht also um den Schutz der Profitrate,
und wenn es irgend jemand wagt, sich etwa dem Bau einer Pipeline
entgegenzustellen oder dafür mehr Geld verlangt, als die deutsche
Wirtschaft für angemessen hält, dann muß
»verteidigt« werden. Als Hauptaufgabe der deutschen
Militärdoktrin gilt: »Die Gestaltung des internationalen Umfelds in
Übereinstimmung mit deutschen Interessen.« Wir machen uns die Welt,
wie sie uns gefällt. Deutlicher kann man den Anspruch, eine Weltmacht zu
sein, kaum formulieren.
Die neue Struktur
Für die neuen Aufgaben galt es zunächst,
Ausbildung und Mentalität der Soldaten zu ändern. Mit deren
Kampfkraft stand es nicht zum Besten, schon weil bis in die 1980er Jahre die
Aussicht auf einen Atomkrieg jegliche soldatische »Kriegskunst«
überflüssig zu machen schien. »Kämpfen können, um
nicht kämpfen zu müssen« war das offizielle Leitbild der
Bundeswehr, und egal, wie ernst das tatsächlich gemeint war: Mit solchen
Parolen lassen sich Soldaten schwerlich für Abenteuer am Hindukusch
erwärmen. »Kämpfen können und kämpfen wollen«
war daher die Parole, die Generalinspekteur Klaus Naumann Mitte der 1990er
Jahre ausgab. Die Ausbildung wurde um Bereiche wie »Geiselhaft und
Gefangenschaft« und »Umgang mit Verwundung und Tod im
Einsatz« erweitert. Die Etablierung des neuen Kämpfer-Typus nahm
sich auch gerne ein paar Anleihen am Vorbild Wehrmacht. Heute ist
»einsatznahe Ausbildung« in der Truppe der Normalfall, wie
sporadisch durchsickernde Fälle von Rekrutenmißhandlungen erkennen
lassen.
Zugleich wurde die Truppe in ihrem Umfang erheblich
reduziert: Am 3. Oktober 1990 dienten nominell über 500000 Mann in der
Bundeswehr, heute sind es, wie gesagt, noch rund 280000. In der ersten
Hälfte der 90er Jahre quittierten Tausende von Berufssoldaten den Dienst.
Von der Wirkung her kam das, so der Friedensaktivist Jürgen Grässlin,
einem »Säuberungsprozeß« gleich, weil vor allem
diejenigen, die den neuen Interventionskurs ablehnten, die Bundeswehr
verließen. Die Entschlackung der Truppe hat Auswirkungen auf die
Wehrpflicht, die eine immer geringere Rolle spielt. Bis 2010 soll der
Streitkräfteumfang auf 250000 plus 75000 Zivilangestellte gesenkt
werden.
Eine wesentlich härtere Nuß war die fällige
Umstrukturierung der Truppe. Die relativ starre Aufteilung der Bundeswehr in
drei Teilstreitkräfte (Heer, Marine, Luftwaffe) mit zum Teil völlig
unterschiedlichen Ausbildungsniveaus, Ausrüstungen und
Kommunikationsmitteln erweist sich als hinderlich, wenn es darum geht,
innerhalb weniger Tage eine Kommandoaktion in 5000 Kilometer Entfernung
durchzuführen. Strucks Zauberwort lautet hier
»streitkräftegemeinsam«. Die Teilstreitkräfte werden zwar
nicht aufgelöst, aber sie erhalten quasi eine Metaebene in Form der
»Streitkräftebasis« (SKB) als völlig neuem
Organisationsbereich. Sie setzt die Ausbildungsstandards und ist für die
Logistik zuständig, wodurch beispielsweise die Vereinbarkeit von
Kommunikationsmitteln und Computersoftware sichergestellt werden soll. Sie
stellt auch die Führungsstrukturen mit dem Einsatzführungskommando in
Potsdam, das quasi ein gemeinsames Oberkommando für
Bundeswehreinsätze im Ausland darstellt was es bisher ebenfalls
nicht gegeben hat. Einsätze im Inland (bislang noch auf Katastrophenhilfe
beschränkt) führt künftig das ebenfalls der SKB zugeteilte
Streitkräfteunterstützungskommando. Außerdem wurde den
Teilstreitkräften auch die Verantwortung für den Sanitätsbereich
weitgehend abgenommen und im neuen Organisationsbereich »Zentraler
Sanitätsdienst der Bundeswehr« zusammengefaßt, inklusive
Schneller Einsatzkräfte.
Die Hauptkomponenten der Bundeswehr werden nicht mehr nach
Teilstreitkräften sortiert, sondern nach sogenannten
Kräftekategorien. Bis zum Jahr 2010 wird die Armee unterteilt in
Eingreifkräfte, Stabilisierungskräfte und
Unterstützungskräfte, jede dieser Kategorien wird von einem
festgelegten Mix aus Heeres-, Luftwaffen- und Marineangehörigen beschickt.
Die »Eingreifkräfte« sollen 35000 Mann
umfassen, einschließlich der Eliteeinheiten wie das Kommando
Spezialkräfte (KSK). Ihnen obliegen, wie es im Bundeswehrjargon
heißt, »Operationen hoher Intensität« zur
»Friedenserzwingung«. Sie sollen, möglichst im Blitzeinsatz,
bewaffnete Gegner überwältigen, wobei die Methoden vom Bombardement
über marineunterstützte Küstenbeschießungen und
Landungsoperationen bis hin zum infanteristischen Kampfeinsatz reichen.
Danach kommen die »Stabilisierungskräfte«
zum Einsatz: Sie umfassen 70000 Mann und sollen die dauerhafte Kontrolle
über das eroberte Gebiet sicherstellen, was Struck als »Operationen
niedriger und mittlerer Intensität« vorstellt. Sie sind weniger
schwer bewaffnet, aber zu »robusten« Einsätzen gegen hin und
wieder aufflackernden Widerstand in der Lage. Auf gegenwärtige
Einsätze übertragen: Das KSK geht als Teil der neuen
Eingreifkräfte in den afghanischen Bergen gegen tatsächliche oder
vermeintliche Talibankämpfer vor, während in der (mehr oder weniger)
befriedeten Hauptstadtregion die ISAF-Truppen als Teil der
Stabilisierungskräfte den Besatzungsalltag regeln. Bis zu fünf
verschiedene Besatzungsoperationen gleichzeitig soll die Truppe übernehmen
können.
Die Unterstützungskräfte schließlich sollen
137000 Mann umfassen und sich im Heimatland um Verwaltungstätigkeiten und
den Grundbetrieb der Bundeswehr kümmern. 40000 Dienstposten sind für
die Ausbildung von Zeit- und Berufssoldaten vorgesehen, außerdem wird die
Masse der nur noch 50000 Wehrpflichtigen hier ihren Dienst versehen. Diejenigen
Wehrpflichtigen, die sich zu einer längeren Wehrdienstzeit
bereiterklären vor allem unter Arbeitslosen gibt es aufgrund der
besseren Besoldung einige Bereitschaft dazu verpflichten sich damit
zugleich zum Auslandseinsatz, der in aller Regel in den
»Stabilisierungskräften« erfolgen wird. Vorausgesetzt, es gibt
bis 2010 überhaupt noch eine Wehrpflicht. Struck hat die Umstellung
für alle Fälle so angelegt, daß sie auch bei einem Verzicht auf
den Zwangsdienst funktioniert.
Multinationale Blitzkriegstruppen
Eine weitere Änderung bisheriger deutscher
Militärtraditionen besteht darin, daß nationale Alleingänge in
Zukunft eher ausgeschlossen sind. Die Gründe sind pragmatischer Art: Die
Interessen vieler EU-Staaten ähneln sich, und ein gemeinschaftlich
geführter Krieg kostet weniger. Oder anders ausgedrückt: Geteilte
Kosten erlauben es, mehr Kriege zum gleichen Zeitpunkt zu führen.
Wer nun als Bündnispartner in Frage kommt, wird von den
Verteidigungspolitischen Richtlinien klar benannt: Einsätze sollen
generell nur im Rahmen der Europäischen Union, der NATO oder der UNO
geführt werden. Ad-hoc-Koalitionen, wie sie etwa die USA mit der
»Koalition der Willigen« zum Einmarsch in den Irak geschlossen
haben, sind damit zumindest auf dem Papier ausgeschlossen. Vor allem im Rahmen
der EU wird mächtig aufgerüstet. Sie unterhält seit 2003 eine
Eingreiftruppe, die innerhalb von 60 Tagen in einem Radius von 5000 Kilometer
um Brüssel eingreifen kann und mindestens ein Jahr durchhalten soll. Die
BRD hat mit bis zu 18000 Soldaten von insgesamt 80000 eine
überproportionale Beteiligung zugesagt. Weil diese Eingreiftruppen noch
nicht schnell genug sind, sollen ab Herbst 2006 eine Reihe sogenannter battle
groups (Schlachtgruppen) aufgestellt sein, bei denen es sich dann um wahre
Blitzkriegstruppen handelt. Sie sollen binnen fünf bis zehn Tagen rund um
die Welt im Einsatz stehen können; Vorauskommandos eventuell schon nach 48
Stunden, wenn sich die Vorstellungen der französischen
Verteidigungsministerin Michèle Alliot-Marie durchsetzen. Bis zum Jahr
2007 sollen 13 solcher battle groups aufgestellt sein, die meisten davon
multinational besetzt und jede 1500 Mann stark. Deutschland will sich an
mindestens drei dieser Schlachtgruppen beteiligen.
Eine weitere Schnelle Eingreiftruppe wird mit der
»NATO Response Force« des nordatlantischen Militärpaktes
aufgebaut. Deren Soldaten sollen ab dem kommenden Jahr in der Lage sein,
innerhalb von fünf Tagen »in jedes Krisengebiet der Welt«
einzufallen. Die Zusammensetzung der 21000 Mann starken Truppe wechselt
ungefähr alle sechs Monate, es ist aber jeweils ein mehrere tausend Mann
starker deutscher Anteil dabei.
Schließlich sieht die neue Struktur noch vor, 1000
Soldaten als »standby-forces« der Vereinten Nationen
bereitzuhalten, und weitere 1000 sollen für
außerplanmäßige Rettungs- und Evakuierungsmaßnahmen zur
Verfügung stehen dies sind die einzigen Fälle, in denen ein
eigenständiges nationales Vorgehen geplant ist. Die Summe aus den diversen
multinationalen Eingreiftruppen entspricht, wenn man die Vorbereitungs- und
Erholungszeiten berücksichtigt, der Größe der neuen
»Eingreifkräfte« von 35000 Soldaten.
»Sparzwang«
Im Mittelpunkt der Material- und Ausrüstungsplanung
steht nach Struck die »Erfüllung der militärischen
Kernfähigkeiten«, wobei die »wahrscheinlichsten Einsätze
in den Mittelpunkt der Planungen gestellt werden« müßten. Im
Klartext heißt das: Die Angriffs-Eingreifkräfte erhalten absolute
Priorität, und alles, was ausschließlich Zwecken der
»herkömmlichen Landesverteidigung« dient, ist entbehrlich.
Dazu zählt die Masse der schweren Kampfpanzer, nicht hochseegängiger
Schiffe (mit denen früher die Ostsee verteidigt werden sollte), in
gewissem Umfang auch die Tornados der Luftwaffe. Das überflüssige
Arsenal wird abgerüstet bzw. verkauft, was auch für nicht mehr
benötigte Liegenschaften gilt.
Den Erlös aus Waffen- und
Grundstücksverkäufen darf die Bundeswehr für Neuanschaffungen
ausgeben, was ihr deswegen sehr wichtig ist, weil mit einer Erhöhung des
Verteidigungshaushaltes nicht zu rechnen ist. Die Planungen sehen zwar vor, die
Militärausgaben von jetzt 24 Milliarden Euro auf 25,2 Milliarden ab 2008
zu steigern, real mußte Struck aber schon Kürzungen in Form
»globaler Minderausgaben« hinnehmen. Sein Ministerium muß
also interne Umschichtungen vornehmen und will durch die Reduzierung des
Personals um rund 50 000 militärische und Zivilstellen und die Aufgabe von
rund 200 Standorten ein Sparpotential gewinnen, das in die Beschaffung neuer
Waffen fließt.
Weitere Kosteneinsparungen bringen die internationale
Kooperation bei der Neuentwicklung von Waffensystemen und Durchführung von
Einsätzen mit sich, wenn nicht mehr jede nationale Armee über die
ganze Palette des Rüstungsarsenals verfügen muß, sondern im
Bedarfsfall auf die Ressourcen anderer EU- oder NATO-Staaten zurückgreifen
kann.
Geschenke für die Rüstungsindustrie
Im Verteidigungsministerium gibt es eine klare Vorstellung
davon, was die Bundeswehr vor allen Dingen braucht: Priorität hätten,
so Struck, die strategische Verlegefähigkeit und Mobilität. Wer in
kurzer Zeit in aller Welt einsatzfähig sein will, muß erst einmal
dafür sorgen, daß er Soldaten, Fahrzeuge, Hubschrauber usw. rasch
verlegen kann.
Diesen Ambitionen werden die eigenen Kapazitäten (vor
allem die Transall-Maschinen) der Bundeswehr nicht mehr gerecht. Deshalb steht
ganz oben auf der Beschaffungsliste der Militär-Airbus A 400M, ein
europäisches Gemeinschaftsprojekt, an dem neben der Bundesrepublik vor
allem Frankreich, Großbritannien und Spanien beteiligt sind. 60 Maschinen
dieses Typs will die Bundeswehr ab 2010 anschaffen, zum Gesamtpreis von knapp
neun Milliarden Euro.
Faktisch handelt es sich hier um ein Riesengeschenk an die
Rüstungsindustrie, denn der militärische »Bedarf«
ließe sich wesentlich günstiger lösen, wenn die Bundeswehr
weiterhin auf dem freien Markt Flugzeuge chartern würde. Vor allem die
russisch-ukrainische Antonow ist seit Jahren immer wieder in deutschem Einsatz;
sie kann nach Bundeswehrangaben bis zu 160 Tonnen Fracht transportieren,
während der neue Airbus nur 37 Tonnen schafft und im Betrieb teurer sein
wird als die Antonow. Nun mag die Abhängigkeit vom Angebot privater
Leasingfirmen zumal russischer! nicht dem Geschmack einer
aufstrebenden Weltmacht entsprechen. Der Hauptgrund für die Beschaffung
des neuen Airbus ist aber die gezielte Förderung der europäischen
Rüstungsindustrie. Die Entscheidung für die Airbus-Variante
»ist nicht in erster Linie eine betriebswirtschaftliche, sondern eine
sicherheits- und wirtschaftpolitisch begründete Entscheidung
gewesen«, erklärte der SPD-Haushaltsexperte Volker Kröning im
Interview mit dem Internet-Dienst geopowers. Der europäische
Rüstungskonzern EADS, hervorgegangen aus der deutschen DASA, der
französischen Aerospatiale und der spanischen CASA, soll langfristig
ernsthaft mit Boeing und anderen US-Konzernen um die Vorherrschaft im
Rüstungsbereich konkurrieren. Die Option, eines Tages aus der
Juniorpartnerschaft mit den USA herauszukommen und die EU als strategisches
Gegenstück zur NATO zu installieren, ist den großen EU-Staaten ein
paar Milliarden Euro zusätzlich wert.
Eine Subventionierung der Rüstungsindustrie ist auch
das Charakteristikum des Raketenabwehrsystems MEADS, das unter Beteiligung von
EADS gemeinsam mit Italien und den USA entwickelt wird. Es soll innerhalb eines
Areals von einigen Dutzend Kilometern Durchmesser Schutz vor feindlichen
Flugkörpern bieten. Wegen seiner exorbitanten Kosten, die zwischen sieben
und 15 Milliarden Euro für 14 Feuereinheiten schwanken, ist es ebenso
umstritten wie wegen seines fraglichen militärischen Werts. Für
Zwecke der Landesverteidigung scheidet es aus, es kann nur darum gehen, die
Standorte von Interventionstruppen im Ausland zu schützen. Ob diese
tatsächlich feindlichen Raketenbeschuß fürchten müssen und
gegen welche Raketentypen das System überhaupt geeignet ist, sind offene
Fragen, deretwegen die Grünen im Frühjahr fast einen Koalitionskrach
losgetreten haben. Beschlossen wurde, erst einmal die Entwicklungskosten
mitzutragen, bis 2012 ist dafür eine knappe Milliarde Euro vorgesehen.
Über die Beschaffung wird 2008 entschieden. Das Herz des
Verteidigungsministers und noch mehr der Rüstungsindustrie hängt vor
allem deswegen an dem Projekt, weil es das einzige ist, in dem europäische
Firmen jedenfalls angeblich »auf gleicher
Augenhöhe« mit US-Firmen kooperieren. Die Industrie hofft auf einen
Zuwachs an technologischem Wissen und darauf, einen Fuß in den
amerikanischen Rüstungsmarkt zu setzen.
* Frank Brendle ist Landesgeschäftsführer der
Deutschen Friedensgesellschaft/Vereinigte KriegsgegnerInnen (DFG-VK) in
Berlin-Brandenburg
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