Quecksilberanreicherungen in inneren Organen von
Foeten
Seit einigen Jahren wird in Deutschland eine zum Teil leider
sehr emotionale Diskussion pro und contra Zahnamalgam geführt. Diese
Diskussion hat sich in letzter Zeit zunehmend vom Problem der eigenen
Füllungen auf die Frage einer möglichen Beeinträchtigung des
Foeten oder des Babys durch die Amalgamfüllungen der Mutter verschoben.
Die Folge ist, daß auch Frauenärzte immer häufiger von
Schwangeren mit der Frage konfrontiert werden, ob Amalgamfüllungen der
Mutter dem Kind schaden können und was gegebenenfalls dagegen unternommen
werden kann.
Nun ist Zahnamalgam eine Legierung, die etwa 50% Quecksilber
enthält. Noch vor zehn Jahren war man allgemein der Meinung, daß
modernes Zahnamalgam aufgrund seiner optimierten Zusammensetzung so stabil ist,
daß hieraus praktisch kein Quecksilber freigesetzt wird. Seit zirka
fünf Jahren ist es nun allerdings weitgehend unbestritten, daß
Amalgamfüllungen laufend geringe Mengen Quecksilber abgeben.
Es wurde dabei jedoch immer darauf hingewiesen, daß
die maximale Quecksilberbelastung des Menschen durch Amalgamfüllungen weit
geringer sei als aus allen anderen Quellen. Unter diesen steht die Belastung
durch die Nahrung, insbesondere durch Fisch und andere Meerestiere, im
Vordergrund. Eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation hat 1991
allerdings geschätzt, daß Amalgamfüllungen erheblich mehr zur
Gesamtbelastung beitragen können als alle anderen Quellen.
In den Diskussionen ging es meist darum, ob und wieviel
Quecksilber aus Plomben freigesetzt wird. Wir haben uns stattdessen zur Aufgabe
gemacht, die Konzentration an Quecksilber zu messen, die tatsächlich in
den Zielorganen ankommt.
Hierzu wurde am Institut für Rechtsmedizin an 168
Verstorbenen aller Altersgruppen die Anzahl der Amalgam-Plomben bestimmt und
zur Quecksilberkonzentration in verschiedenen Organen - in Nierenrinde, Leber
und fünf Gehirnabschnitten - in Beziehung gesetzt. Wesentlichstes Ergebnis
dieser Untersuchung war, daß die Quecksilberkonzentration in den
untersuchten Organen von der Zahl der Amalgamfüllungen abhängig
war.
Das Quecksilber verteilt sich jedoch nicht
gleichmäßig im Körper: Personen mit mehr als zehn
amalgamgefüllten Zähnen haben beispielsweise im Mittel eine etwa
zehnmal so hohe Quecksilberkonzentration in der Nierenrinde als Personen ohne
Füllung. In der Leber fanden wir etwa viermal soviel Quecksilber und im
Gehirn etwa zweimal soviel. Hieraus ergibt sich, daß zumindest unter
mitteleuropäischen Ernährungsgewohnheiten bei Personen mit
höherer Zahl an Amalgamfüllungen diese die Hauptquelle für die
gesamte Quecksilberbelastung darstellen.
Offen ist allerdings die Frage, ob die von uns und anderen
festgestellte erhöhte Quecksilberbelastung der inneren Organe durch
Zahnamalgam so hoch ist, daß dies zu negativen Beeinträchtigungen
beim Erwachsenen führt oder führen kann, wie sie von Personen, die
sich durch Zahnamalgam geschädigt fühlen, zahlreich beklagt werden.
Denn aufgrund unserer Ergebnisse allein kann eine Risikoabschätzung zur
Frage der Toxizität von Amalgamfüllungen nicht mit Sicherheit
durchgeführt werden, da die kritischen Grenzkonzentrationen von
anorganischem Quecksilber in menschlichen Organen nicht bekannt sind. Ebenso
sind die beim Menschen leicht meßbaren Quecksilberkonzentrationen in Blut
oder Urin leider kein geeigneter Hinweis, um auf die Quecksilberkonzentration
der inneren Organe Rückschlüsse ziehen zu können. Sozusagen
normalerweise ist im Körper eines Erwachsenen außerdem ohnehin etwa
ein Milligramm Quecksilber enthalten.
Derzeit ist einer der wenigen Grenzwerte für
Quecksilber die Empfehlung der Weltgesundheits-Organisation von 1972 für
eine «vorläufig duldbare wöchentliche Aufnahmemenge» von
300 Mikrogramm Gesamtquecksilber für den Erwachsenen über die
Nahrung. Dieser Wert ist 1989 von der WHO noch einmal bestätigt worden. In
Deutschland wird dieser WHO-Grenzwert durch Nahrung und Trinkwasser seit Jahren
relativ stabil zu etwa 35% ausgeschöpft. Dazu addiert sich gegebenenfalls
die Quecksilberbelastung durch Amalgam-Plomben. In Einzelfällen kann der
Grenzwert also durchaus überschritten werden, was jedoch nicht mit einer
toxischen Wirkung gleichgesetzt werden darf.
Überschreitungen des Grenzwertes könnten auch akut
erfolgen: Während der zahnärztlichen Bearbeitung einer
Amalgam-Füllung im Mund wie Einsetzen, Polieren oder Herausnehmen kann es
demzufolge nicht ausbleiben, daß akut Quecksilbermengen insbesondere in
Dampfform über die Mundschleimhäute oder über die Lungen
aufgenommen werden. Durch ständiges Absaugen wird diese Belastung für
den Patienten zwar reduziert, völlig aufheben läßt sie sich
allerdings damit nicht.
Nun ist bekannt, daß dampfförmiges metallisches
Quecksilber leicht placentagängig ist und auch in die Muttermilch
übergeht. Zudem sind Foetus und Säugling besonders empfindlich
gegenüber metallischem Quecksilber. Daher sollten entsprechend einer
Empfehlung des Bundesgesundheitsamtes von 1992 während Schwangerschaft und
Stillzeit größere zahnärztliche Arbeiten insbesondere an
Amalgamfüllungen nur durchgeführt werden, wenn sie unumgänglich
sind.
Deshalb haben wir auch innere Organe von 108 Foeten, Babys
und Kleinkindern untersucht, die meist am «plötzlichen
Kindstod» verstorben waren. Die Organproben der ungeborenen Kinder
stammten von Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüchen. Soweit
möglich, wurde die Zahl der Amalgamplomben der Mutter ermittelt. In keinem
Fall ergab sich der Hinweis auf eine berufliche Belastung der Eltern, auf eine
Belastung des Kindes beispielsweise durch ein zerbrochenes Fieberthermometer
oder durch quecksilberhaltige Desinfektionsmittel im Haushalt. In keinem Fall
wurde von einer größeren zahnmedizinischen Behandlung der Mutter
während der Schwangerschaft berichtet.
Das Ergebnis dieser Untersuchung gibt zu denken. Es zeigt
sich bei den ungeborenen Kindern eine deutliche Abhängigkeit der
Quecksilberkonzentration in Leber und Niere von der Zahl der
Amalgamfüllungen der Mutter.
Auch beim älteren Säugling im Alter von 11 bis 50
Wochen ist die Quecksilberkonzentration in der Niere und auch im Gehirn
abhängig von der Zahl der Amalgamfüllungen der Mutter. Babys von
Müttern mit einer größeren Zahl an Amalgam-Füllungen haben
zum Teil deutlich höhere Quecksilberkonzentrationen in der Niere als
Erwachsene ohne Füllungen, wobei die Spitzenwerte für Quecksilber in
der Niere bei den Babys ebenso hoch wie bei Erwachsenen mit vielen
Amalgamfüllungen liegen.
Nicht mit Sicherheit feststellen konnten wir im Gegensatz
dazu, ob Stillen zu einer zusätzlichen Quecksilberbelastung des
Säuglings führt, wenn die Mutter Amalgamfüllungen besitzt. Eine
Studie hierzu führen wir derzeit in Zusammenarbeit mit der 1. Frauenklinik
der LMU München durch. In der Literatur ist beschrieben, daß sich
Quecksilber aus Amalgamfüllungen von Versuchsschafen in der Milch
anreichert. Andererseits wurde in einer anderen Untersuchung am Menschen kein
Zusammenhang zwischen der Quecksilberkonzentration in der Muttermilch und der
Zahl der Amalgamfüllungen der Mutter gefunden.
Im Gegensatz zu der hohen Empfindlichkeit des sich
entwickelnden Gehirns auf Quecksilberdampf oder Methyl-Quecksilber gibt es
keine sicheren Hinweise, daß die Nieren des heranwachsenden Kindes
empfindlicher auf anorganisches Quecksilber reagieren als die eines
Erwachsenen. Auf der anderen Seite weisen neue Untersuchungen darauf hin,
daß die negativen Wirkungen von Quecksilber an der Niere insbesondere
immunotoxischer Art sind, woraus eine höhere Gefährdung des sich
entwickelnden Immunsystems durch anorganisches Quecksilber gefolgert werden
könnte.
Diese Ergebnisse zeigen deutlich, daß die weitere
Diskussion für und wider Zahnamalgam nicht allein auf Erwachsene oder
Kinder mit eigenen Füllungen beschränkt bleiben darf, sondern auch
mögliche Auswirkungen auf die Nachkommen mit berücksichtigt werden
müssen. Hierbei ist insbesondere zu bedenken, daß mit dem Legen
einer Amalgamfüllung eine Quecksilberquelle implantiert wird, die
kontinuierlich über ihre gesamte Liegedauer Quecksilber abgibt, in der
Regel also über viele Jahre.
1992 hat das Bundesgesundheitsamt empfohlen, bei Kindern bis
zu sechs Jahren Amalgam als Zahnfüllungsmaterial nicht mehr zu verwenden.
Begründet wird dies vom BGA mit der höheren Empfindlichkeit des
Kleinkindes gegenüber Quecksilber. Aus unseren Untersuchungen wissen wir
nun, daß Babys in ihren Nieren Quecksilber, das zweifelsfrei aus den
Amalgamfüllungen der Mutter stammt, in der gleichen
Größenordnung anreichern wie ältere Kinder oder Erwachsene aus
ihren eigenen Füllungen. In Analogie zu der oben beschriebenen Empfehlung
des BGA sollte daher die uneingeschränkte Anwendung von Amalgam für
Zahnfüllungen von Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter
und wegen der langen Liegezeit der Füllung auch davor schon überdacht
werden.
Es ist aber festzuhalten, daß, ebenso wie bei
Erwachsenen, bis heute nicht erwiesen ist, daß eine Quecksilberbelastung
aus den Amalgamfüllungen der Mutter tatsächlich zu
Entwicklungsstörungen oder Schäden beim Kind führt. Entsprechend
hat die Weltgesundheitsorganisation 1991 einen neuen
«Gesundheitsbericht» über anorganisches Quecksilber
veröffentlicht. Dort wird festgestellt, daß nach dem derzeitigen
Stand der Wissenschaft nicht entschieden werden kann, ob Amalgamfüllungen
toxische Effekte hervorrufen oder nicht. Wir schließen uns dieser
Einschätzung an.
Prof. Dr.Dr. Gustav Drasch arbeitet am Institut für
Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München.
Quelle: «Fortschritte der Allergologie
und Immunologie» 1995. Vortrag zum Symposium «Allergie und
Umwelt» vom 8. September. |