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  Gustav Drasch Alexanderhausklinik
Sollten junge Frauen auf Amalgam besser verzichten?

Quecksilberanreicherungen in inneren Organen von Foeten

Seit einigen Jahren wird in Deutschland eine zum Teil leider sehr emotionale Diskussion pro und contra Zahnamalgam geführt. Diese Diskussion hat sich in letzter Zeit zunehmend vom Problem der eigenen Füllungen auf die Frage einer möglichen Beeinträchtigung des Foeten oder des Babys durch die Amalgamfüllungen der Mutter verschoben. Die Folge ist, daß auch Frauenärzte immer häufiger von Schwangeren mit der Frage konfrontiert werden, ob Amalgamfüllungen der Mutter dem Kind schaden können und was gegebenenfalls dagegen unternommen werden kann.

Nun ist Zahnamalgam eine Legierung, die etwa 50% Quecksilber enthält. Noch vor zehn Jahren war man allgemein der Meinung, daß modernes Zahnamalgam aufgrund seiner optimierten Zusammensetzung so stabil ist, daß hieraus praktisch kein Quecksilber freigesetzt wird. Seit zirka fünf Jahren ist es nun allerdings weitgehend unbestritten, daß Amalgamfüllungen laufend geringe Mengen Quecksilber abgeben.

Es wurde dabei jedoch immer darauf hingewiesen, daß die maximale Quecksilberbelastung des Menschen durch Amalgamfüllungen weit geringer sei als aus allen anderen Quellen. Unter diesen steht die Belastung durch die Nahrung, insbesondere durch Fisch und andere Meerestiere, im Vordergrund. Eine Expertengruppe der Weltgesundheitsorganisation hat 1991 allerdings geschätzt, daß Amalgamfüllungen erheblich mehr zur Gesamtbelastung beitragen können als alle anderen Quellen.

In den Diskussionen ging es meist darum, ob und wieviel Quecksilber aus Plomben freigesetzt wird. Wir haben uns stattdessen zur Aufgabe gemacht, die Konzentration an Quecksilber zu messen, die tatsächlich in den Zielorganen ankommt.

Hierzu wurde am Institut für Rechtsmedizin an 168 Verstorbenen aller Altersgruppen die Anzahl der Amalgam-Plomben bestimmt und zur Quecksilberkonzentration in verschiedenen Organen - in Nierenrinde, Leber und fünf Gehirnabschnitten - in Beziehung gesetzt. Wesentlichstes Ergebnis dieser Untersuchung war, daß die Quecksilberkonzentration in den untersuchten Organen von der Zahl der Amalgamfüllungen abhängig war.

Das Quecksilber verteilt sich jedoch nicht gleichmäßig im Körper: Personen mit mehr als zehn amalgamgefüllten Zähnen haben beispielsweise im Mittel eine etwa zehnmal so hohe Quecksilberkonzentration in der Nierenrinde als Personen ohne Füllung. In der Leber fanden wir etwa viermal soviel Quecksilber und im Gehirn etwa zweimal soviel. Hieraus ergibt sich, daß zumindest unter mitteleuropäischen Ernährungsgewohnheiten bei Personen mit höherer Zahl an Amalgamfüllungen diese die Hauptquelle für die gesamte Quecksilberbelastung darstellen.

Offen ist allerdings die Frage, ob die von uns und anderen festgestellte erhöhte Quecksilberbelastung der inneren Organe durch Zahnamalgam so hoch ist, daß dies zu negativen Beeinträchtigungen beim Erwachsenen führt oder führen kann, wie sie von Personen, die sich durch Zahnamalgam geschädigt fühlen, zahlreich beklagt werden. Denn aufgrund unserer Ergebnisse allein kann eine Risikoabschätzung zur Frage der Toxizität von Amalgamfüllungen nicht mit Sicherheit durchgeführt werden, da die kritischen Grenzkonzentrationen von anorganischem Quecksilber in menschlichen Organen nicht bekannt sind. Ebenso sind die beim Menschen leicht meßbaren Quecksilberkonzentrationen in Blut oder Urin leider kein geeigneter Hinweis, um auf die Quecksilberkonzentration der inneren Organe Rückschlüsse ziehen zu können. Sozusagen normalerweise ist im Körper eines Erwachsenen außerdem ohnehin etwa ein Milligramm Quecksilber enthalten.

Derzeit ist einer der wenigen Grenzwerte für Quecksilber die Empfehlung der Weltgesundheits-Organisation von 1972 für eine «vorläufig duldbare wöchentliche Aufnahmemenge» von 300 Mikrogramm Gesamtquecksilber für den Erwachsenen über die Nahrung. Dieser Wert ist 1989 von der WHO noch einmal bestätigt worden. In Deutschland wird dieser WHO-Grenzwert durch Nahrung und Trinkwasser seit Jahren relativ stabil zu etwa 35% ausgeschöpft. Dazu addiert sich gegebenenfalls die Quecksilberbelastung durch Amalgam-Plomben. In Einzelfällen kann der Grenzwert also durchaus überschritten werden, was jedoch nicht mit einer toxischen Wirkung gleichgesetzt werden darf.

Überschreitungen des Grenzwertes könnten auch akut erfolgen: Während der zahnärztlichen Bearbeitung einer Amalgam-Füllung im Mund wie Einsetzen, Polieren oder Herausnehmen kann es demzufolge nicht ausbleiben, daß akut Quecksilbermengen insbesondere in Dampfform über die Mundschleimhäute oder über die Lungen aufgenommen werden. Durch ständiges Absaugen wird diese Belastung für den Patienten zwar reduziert, völlig aufheben läßt sie sich allerdings damit nicht.

Nun ist bekannt, daß dampfförmiges metallisches Quecksilber leicht placentagängig ist und auch in die Muttermilch übergeht. Zudem sind Foetus und Säugling besonders empfindlich gegenüber metallischem Quecksilber. Daher sollten entsprechend einer Empfehlung des Bundesgesundheitsamtes von 1992 während Schwangerschaft und Stillzeit größere zahnärztliche Arbeiten insbesondere an Amalgamfüllungen nur durchgeführt werden, wenn sie unumgänglich sind.

Deshalb haben wir auch innere Organe von 108 Foeten, Babys und Kleinkindern untersucht, die meist am «plötzlichen Kindstod» verstorben waren. Die Organproben der ungeborenen Kinder stammten von Fehlgeburten oder Schwangerschaftsabbrüchen. Soweit möglich, wurde die Zahl der Amalgamplomben der Mutter ermittelt. In keinem Fall ergab sich der Hinweis auf eine berufliche Belastung der Eltern, auf eine Belastung des Kindes beispielsweise durch ein zerbrochenes Fieberthermometer oder durch quecksilberhaltige Desinfektionsmittel im Haushalt. In keinem Fall wurde von einer größeren zahnmedizinischen Behandlung der Mutter während der Schwangerschaft berichtet.

Das Ergebnis dieser Untersuchung gibt zu denken. Es zeigt sich bei den ungeborenen Kindern eine deutliche Abhängigkeit der Quecksilberkonzentration in Leber und Niere von der Zahl der Amalgamfüllungen der Mutter.

Auch beim älteren Säugling im Alter von 11 bis 50 Wochen ist die Quecksilberkonzentration in der Niere und auch im Gehirn abhängig von der Zahl der Amalgamfüllungen der Mutter. Babys von Müttern mit einer größeren Zahl an Amalgam-Füllungen haben zum Teil deutlich höhere Quecksilberkonzentrationen in der Niere als Erwachsene ohne Füllungen, wobei die Spitzenwerte für Quecksilber in der Niere bei den Babys ebenso hoch wie bei Erwachsenen mit vielen Amalgamfüllungen liegen.

Nicht mit Sicherheit feststellen konnten wir im Gegensatz dazu, ob Stillen zu einer zusätzlichen Quecksilberbelastung des Säuglings führt, wenn die Mutter Amalgamfüllungen besitzt. Eine Studie hierzu führen wir derzeit in Zusammenarbeit mit der 1. Frauenklinik der LMU München durch. In der Literatur ist beschrieben, daß sich Quecksilber aus Amalgamfüllungen von Versuchsschafen in der Milch anreichert. Andererseits wurde in einer anderen Untersuchung am Menschen kein Zusammenhang zwischen der Quecksilberkonzentration in der Muttermilch und der Zahl der Amalgamfüllungen der Mutter gefunden.

Im Gegensatz zu der hohen Empfindlichkeit des sich entwickelnden Gehirns auf Quecksilberdampf oder Methyl-Quecksilber gibt es keine sicheren Hinweise, daß die Nieren des heranwachsenden Kindes empfindlicher auf anorganisches Quecksilber reagieren als die eines Erwachsenen. Auf der anderen Seite weisen neue Untersuchungen darauf hin, daß die negativen Wirkungen von Quecksilber an der Niere insbesondere immunotoxischer Art sind, woraus eine höhere Gefährdung des sich entwickelnden Immunsystems durch anorganisches Quecksilber gefolgert werden könnte.

Diese Ergebnisse zeigen deutlich, daß die weitere Diskussion für und wider Zahnamalgam nicht allein auf Erwachsene oder Kinder mit eigenen Füllungen beschränkt bleiben darf, sondern auch mögliche Auswirkungen auf die Nachkommen mit berücksichtigt werden müssen. Hierbei ist insbesondere zu bedenken, daß mit dem Legen einer Amalgamfüllung eine Quecksilberquelle implantiert wird, die kontinuierlich über ihre gesamte Liegedauer Quecksilber abgibt, in der Regel also über viele Jahre.

1992 hat das Bundesgesundheitsamt empfohlen, bei Kindern bis zu sechs Jahren Amalgam als Zahnfüllungsmaterial nicht mehr zu verwenden. Begründet wird dies vom BGA mit der höheren Empfindlichkeit des Kleinkindes gegenüber Quecksilber. Aus unseren Untersuchungen wissen wir nun, daß Babys in ihren Nieren Quecksilber, das zweifelsfrei aus den Amalgamfüllungen der Mutter stammt, in der gleichen Größenordnung anreichern wie ältere Kinder oder Erwachsene aus ihren eigenen Füllungen. In Analogie zu der oben beschriebenen Empfehlung des BGA sollte daher die uneingeschränkte Anwendung von Amalgam für Zahnfüllungen von Frauen und Mädchen im gebärfähigen Alter und wegen der langen Liegezeit der Füllung auch davor schon überdacht werden.

Es ist aber festzuhalten, daß, ebenso wie bei Erwachsenen, bis heute nicht erwiesen ist, daß eine Quecksilberbelastung aus den Amalgamfüllungen der Mutter tatsächlich zu Entwicklungsstörungen oder Schäden beim Kind führt. Entsprechend hat die Weltgesundheitsorganisation 1991 einen neuen «Gesundheitsbericht» über anorganisches Quecksilber veröffentlicht. Dort wird festgestellt, daß nach dem derzeitigen Stand der Wissenschaft nicht entschieden werden kann, ob Amalgamfüllungen toxische Effekte hervorrufen oder nicht. Wir schließen uns dieser Einschätzung an.

 

Prof. Dr.Dr. Gustav Drasch arbeitet am Institut für Rechtsmedizin der Ludwig-Maximilians-Universität in München.

Quelle: «Fortschritte der Allergologie und Immunologie» 1995. Vortrag zum Symposium «Allergie und Umwelt» vom 8. September.

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