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05.10.2005 Info von:   german-foreign-policy.com
Medizinische Kriegsvorbereitungen


BERLIN/WESTERSTEDE/BAD ZWISCHENAHN/KARLSRUHE
(Eigener Bericht) - Das Bundesverteidigungsministerium (BMVg) rechnet mit einer drastischen Zunahme von Kriegsverletzungen durch deutsche Militäreinsätze deutscher Soldaten und verstärkt die Kooperation zwischen Bundeswehrkrankenhäusern und zivilen Kliniken. Ein entsprechender Vertrag zwischen der Bundesrepublik Deutschland, dem Landkreis Ammerland und der Ammerland-Klinik GmbH wurde kürzlich in Westerstede (Niedersachsen) unterzeichnet. Erklärtes Ziel ist die notfallmedizinische und traumatologisch-operative Versorgung der bei Kampfhandlungen verwundeten Bundeswehrangehörigen, die Ausbildung des militärischen Sanitätspersonals und dessen Vorbereitung auf Auslandseinsätze. Die Fähigkeit der Bundeswehr zur Führung von Kriegen wird damit weiter verbessert, die Heimatfront verstärkt.
Ab 2008 soll das zur Zeit noch in Bad Zwischenahn untergebrachte Bundeswehrkrankenhaus auf das Gelände der Ammerland-Klinik in Westerstede umziehen und mit der zivilen Institution einen "Wirkverbund" bilden. Geplant ist der Austausch von Patienten und Personal sowie die gemeinsame Führung der zentralen Aufnahme- und Intensivstation; die (nicht-militärische) Unfallrettung von Zivilverletzten im Bezirk Westerwede wird die Bundeswehr sogar in Eigenregie übernehmen. Auf diese Weise wird en passant auch der von deutschen Politikern seit langem geforderte Einsatz des Militärs im Innern Realität. Die laut BMVg "bundesweit erste und einzigartige zivil-militärische Krankenhaus-Kooperation" wurde Anfang September im Beisein von Verteidigungsminister Peter Struck feierlich besiegelt. Mehr als hundert Gäste aus Politik, Verwaltung, Ärzteschaft und Militär nahmen auf Einladung des Landkreises Ammerland und der Bundeswehr an dem Zeremoniell in Westerstede teil. Wie Struck bei dieser Gelegenheit ausführte, mache erst eine "hochwertige medizinische Versorgung" die "ausgezeichneten Leistungen unserer Soldatinnen und Soldaten in den Einsatzgebieten" möglich. Der Inspekteur des Sanitätsdienstes, Admiraloberstabsarzt Dr. Karsten Ocker, verwies auf die jetzt optimierten "ausgezeichnete(n) Möglichkeit(en)" - das militärische Sanitätspersonal werde man "in den einsatzrelevanten medizinischen Fächern gezielt ausbilden und auf die Auslandseinsätze der Bundeswehr vorbereiten"[1].
Liebesheirat
Insbesondere die Unfallchirurgie hat es der Bundeswehr angetan. Auf die Militärärzte kämen "neue Herausforderungen" zu, da bei aktuellen und künftigen Kriegseinsätzen verstärkt "mit Schwerverletzten zu rechnen" sei, erklärte Dr. Georg Helff, Chefarzt des Bundeswehrkrankenhauses Bad Zwischenahn. Die entsprechende Ausbildung könne jetzt durch die zivile Zusammenarbeit "dramatisch" verbessert werden. Als kriegsrelevant stuft Helff zudem die Rettung ziviler Unfallopfer ein; auch diese sei "Ausbildung für den Einsatz". Umgekehrt erhofft sich die Ammerland-Klinik von der Zusammenarbeit mit der Bundeswehr einen Zuwachs an medizinischer Kompetenz. Bei der jetzt getroffenen Vereinbarung handele es sich deshalb nicht um eine "Zweckehe", sondern um eine "Liebesheirat", sagte Dr. Michael Wuttke, Ärztlicher Direktor des Westersteder Krankenhauses.[2]
Kein Einzelfall
Die aktuelle Kooperation ist kein Einzelfall. Bereits während des Angriffs auf die Bundesrepublik Jugoslawien im Jahr 1999 schlossen das BMVg und die Deutsche Krankenhaus-Gesellschaft einen "Rahmenvertrag" über die Verwendung klinischen Personals "zum beiderseitigen Vorteil" und über die "gemeinsame Nutzung von Material und Gerät". Der Übereinkunft sollten "Partnerschaftsverträge" mit zahlreichen zivilen Kliniken folgen. Dies stieß auf den organisierten Widerstand der dort Beschäftigten. Brennpunkt der damaligen Auseinandersetzungen war das Städtische Klinikum Karlsruhe (Baden-Württemberg), dessen Betriebsrat dem BMVg vorwarf, die Angestellten "zur Personalreserve der Bundeswehr (zu) degradieren", da diese "im Bedarfsfall an Bundeswehrkrankenhäuser abgeordnet" werden sollten.[3] Davon ist zur Zeit zwar nicht mehr die Rede, eine "zivil-militärische Kooperation" kam dennoch zustande. Wie der Betriebsratsvorsitzende Willi Vollmer auf Nachfrage von german-foreign-policy.com bestätigt, können sich Bundeswehrangehörige in Karlsruhe zu "Operations-Technischen-Assistenten" ausbilden lassen, Militärärzte können Weiterbildungsangebote wahrnehmen. Im Gegenzug sei es für Klinik-Beschäftigte, die sich für Kriegsverletzungen interessieren, möglich, an Spezialschulungen der Bundeswehr teilzunehmen. Von diesem Angebot habe allerdings bisher noch niemand Gebrauch gemacht, räumt Vollmer ein.
Resonanz
Die sukzessive Eingliederung ziviler Krankenhäuser in die militärische Logistik trägt maßgeblich zur Verbesserung der Kriegsführungsfähigkeit der Bundeswehr bei. Bei den primär betriebswirtschaftlich orientierten Klinikleitungen, die an Kosteneinsparungen und der Nutzung vermeintlicher Synergieeffekte interessiert sind, stößt die Kooperation zunehmend auf Zuspruch. Wie die Entwicklung in Karlsruhe zeigt, ist eine schleichende Militarisierung des stationären Gesundheitswesens auch dort zu beobachten, wo sich ein weit gehender "Wirkverbund" à la Westerstede nicht realisieren lässt.
[1] Klinikverbund in Westerstede geschaffen - bundesweit die erste zivil-militärische Kooperation dieser Art; www.bundeswehr.de
[2] "Liebesheirat" unter Krankenhäusern; www.bundeswehr.de
[3] Krankenhaus im Kriegszustand; Junge Welt 16.12.1999


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