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(IPPNW April 2002) Stasi-Akten und
Bodenproben in der Elbmarsch nähren einen schrecklichen Verdacht: Hat die
Arbeit an Kernwaffen Spuren hinterlassen, an denen heute Kinder
erkranken?
Die Nutzung der Kernenergie hatte bekanntlich
rein militärische Wurzeln. Deren so genannte friedliche
Nutzung sollte zunächst lediglich dazu dienen, die fatalen Bilder von
Hiroshima und Nagasaki vergessen zu machen. Bis heute überlappen sich
diese beiden Seiten in den Atomstaaten und damit den Aufsichtsbehörden,
Ministerien, Instituten, Forscherhirnen. Das gilt auch für die
Desinformation und Gefährdung der Bevölkerung.
Radioaktivitätsfunde eines atomenergiefreundlichen
Instituts
Jüngstes Beispiel: die Diskussion um die
Kernbrennstoffkügelchen, die bei Nukem in Hanau großtechnisch
hergestellt wurden. Sie spielen bei der Analyse möglicher Ursachen der
weltweit größten Häufung von Leukämieerkrankungen bei
Kindern in der Elbmarsch eine zentrale Rolle in unmittelbarer Nähe
zum Kernkraftwerk Krümmel und zum Kernforschungszentrum in Geesthacht
(GKSS). Seit Jahren bemühen sich die Internationalen Ärzte gegen
den Atomkrieg (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz,
herauszubekommen, worauf die Leukämiefälle zurückzuführen
sind. Die typische Haltung der Regierungsvertreter und der Betreiber
kerntechnischer Anlagen ist dabei: abstreiten, nicht erinnern, die um
Aufklärung bemühten Wissenschaftler diffamieren. Die Diskussion war
gründlich festgefahren, als unerwartet ein bis dahin eher für die
Nutzung der Kernenergie engagiertes Institut, die ARGE PhAM, Bodenproben
beidseits der Elbe nahm und verschiedene Arten von Kügelchen
fand und zwar Bruchstücke solcher Kügelchen und verschiedene
Isotope, die dort überhaupt nicht hingehörten. Recherchen haben
den Verdacht genährt, dass im Forschungszentrum Geesthacht an Projekten
gearbeitet wurde, über die man heute nicht gerne redet.
Stasi betreibt rückhaltlose
"Aufklärung"
Unerwartete
Schützenhilfe ergab sich aus eigenen Recherchen in der Bundesbehörde
für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Das MfS interessierte
sich auffällig für die Grauzone zwischen Bomben und Kraftwerken:
Aufschlussreich waren Akten, die sich mit Überlegungen zum Einsatz von
Kernwaffen für terroristische Zwecke befassen. Aus
zuverlässigen Quellen der Abteilung 5 der Hauptabteilung XVIII
gibt es da eine Einschätzung des gegenwärtigen
Entwicklungsstandes. Die Studie aus dem Jahr 1987 untersucht
Entwicklungen in der BRD, den USA, der Schweiz und Saudi-Arabien. Sie
beginnt interessanterweise nicht mit militärischen Überlegungen,
sondern mit dem Hinweis auf die Kernfusion als möglicher Lösung der
Weltenergieprobleme. Eine Lösungsmöglichkeit könnte das
Einschießen von kleinen bis kleinsten Fusions-Fissions-Kügelchen in
den Reaktor darstellen. Doch dann heißt es:
Interessanterweise sind in der letzten Zeit die Erfolg versprechendsten
Fusionskonzepte in einer ganz anderen Richtung angelegt worden, die
ergeben habe, dass bei Fusions-Fissions-Kügelchen eine andere
Anwendung wesentlich interessanter ist.
Kügelchen mit gigantischer Sprengkraft
Das werde
durch die Zielrichtung der US-amerikanischen Atompolitik
unterstützt, bei der das Streben der Kernwaffenforschung
eindeutig zu kleineren und leichteren Kernladungen ... geht. Das MfS
nennt Kügelchen mit Abmessungen im Millimeter- bis Zentimeter-Bereich, die
gigantische Sprengstärken entwickeln. Physikalisch funktioniert das
Ganze etwa so, dass die Kügelchen zunächst zu einer Implosion
gebracht werden (dazu gibt es verschiedene Tricks wie Laserstrahlen und
andere). Dabei entsteht ein Druck, der die Dichte einer winzigen Menge
spaltbaren Materials im Innern des Kügelchens so stark erhöht, dass
es zu einer Kernspaltung (Fission) kommt.
Kernbrennstoff liegt in der Landschaft herum
Die folgende
Fusionsreaktion ist das eigentliche Ziel. Dabei kommen vor: Uranoxid,
Urancarbid, Uransilizid, Uran-, Plutonium-, Americium-, Curium-,
Californium-Isotope, Deuterium und Tritium. Genau diese Materialien liegen
in der Elbmarsch offen in der Landschaft herum. Und es ist völlig
ausgeschlossen, dass es sich dabei um natürliche Bestandteile des Bodens
handelt. Wichtig ist, dass man so zu interessanten Sprengwirkungen mit
Spaltmaterialien weit unterhalb der bekannten kritischen Massen kommen kann.
Mini-Atombomben
Auf gut Deutsch: Man bekommt Miniatombomben, die
in einem Kugelschreiber untergebracht werden können. Das MfS beschreibt
die Einsatzbereiche: - Ersatz konventioneller Munition durch wesentlich
kleinere und leichtere Geschosse mit besserer Zielgenauigkeit,
Flächenbombardements möglich; - Submunition, intelligente
Munition; - Taktische Kernwaffen in Flugzeugen und U-Booten, in denen bisher
die Anzahl der mitgeführten Kernwaffen durch deren hohes Gewicht stark
begrenzt war; - Krieg der Sterne: Platzierung der Sprengladungen lange vor
dem Einsatzfall, Zündung aus dem Weltraum durch Laser geringer Leistung
oder Verwendung als Geschosse in elektromagnetischen Kanonen im Weltraum zur
Zerstörung von Interkontinentalraketen und Satelliten ... - Diversion
und Sabotage: leicht transportierbare kleine Sprengsätze ... schlechte
Nachweisbarkeit der Sprengung in einem Kernkraftwerk, weil danach sowieso alles
verstrahlt ist.
Das MfS fand es bemerkenswert, dass die besonders
geeigneten Isotope Americium 243, Curium 245 und Californium 249 beispielsweise
bei einer Grenzkontrolle schwer aufzuspüren sind. Denn diese Isotope
senden Alphastrahlen aus, die bereits von einer dünnen Folie oder
Kugelschreiberhülle wirksam eingeschlossen werden können. Das MfS
verweist auch darauf, dass die Miniatombomben wegen der langen Halbwertszeiten
der relevanten Isotope auch viele Jahre irgendwo versteckt liegen können,
ohne ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren.
Die "Schläfer" der DDR
Und dieses
Interesse war mit Sicherheit nicht nur platonisch, denkt man an die Aufgaben
der Arbeitsgruppe des Ministers/Sonderfragen (AGM/S) des MfS.
Das war eine Gruppe von hoch qualifizierten Einzelkämpfern, die
wie in bekannten Spionagekrimis als scheinbar harmlose Bürger bis
heute unentdeckt in Deutschland leben und einst auf das Stichwort für
einen bestimmten Mord- oder Sabotageanschlag warteten.
BRD-Atomkraftwerke waren "Zielobjekte" der DDR
Es liegt auf der Hand, dass für ihre Zwecke
Miniatombomben die optimale Lösung dargestellt hätten. Es gibt Listen
des MfS mit bedeutenden Zielobjekten in der BRD, unter denen acht
Kernkraftwerke und andere kerntechnische Anlagen waren. In der
Literaturrecherche des MfS wird auf die Zeitschrift Atomkernenergie-Kerntechnik
hingewiesen, in der allein zwischen 1982 und 1985 zehn Veröffentlichungen
mit durchschnittlich zehn Literaturhinweisen zur Thematik zu finden sind.
Indizien für Atomwaffenforschung der
GKSS
Von den Autoren wird Professor Friedwardt Winterberg
genannt, der zunächst in der Gesellschaft für Kernenergieverwaltung
in Schifffahrt und Industrie in Hamburg und am Forschungsreaktor in Geesthacht
(GKSS) gearbeitet hat, später nach Reno (Nevada, USA) ging, aber die
Zusammenarbeit mit der GKSS weitergeführt hat. Er verfügt über
mehrere Patente und hat sich intensiv mit den militärisch nutzbaren
Aspekten des Themas befasst. In der Zeitschrift fallen mehrere Arbeiten von
K.-D. Leuthäuser aus dem Institut für
Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalyse (INT) bei Kiel auf, die sich mit
den Kügelchen befassen, vom MfS aber übersehen wurden.
Sowohl die Zeitschrift Atomkernenergie als auch das INT und die GKSS wurden
wesentlich von Professor Erich Bagge mitbegründet. Er gehörte zu den
deutschen Physikern, die es glücklicherweise nicht geschafft hatten,
für Adolf Hitler die Atombombe zu bauen. Anders als etliche seiner
berühmten Kollegen wie Max Born, Otto Hahn, Walter Gerlach, Werner
Heisenberg, Max von Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Fritz Strassmann und Karl Wirz
hat Bagge jedoch die von Carl Friedrich von Weizsäcker initiierte
Göttinger Erklärung vom 12. April 1957 nicht unterzeichnet.
Dieser bemerkenswerte Text begann so: Die Pläne einer atomaren
Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit
tiefer Sorge. Die Unterzeichner erklären, es wäre keiner
der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem
Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen. Bagge hat
dieses Versprechen nicht abgegeben. Bleibt also die Frage: Wurden im
Kernforschungszentrum Geesthacht Miniatombomben entwickelt, deren Teile heute
noch Menschen und Umwelt verseuchen?
Von Sebastian
Pflugbeil |