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Infos von  www.das-gibts-doch-nicht.info
12.2005 Sebastian Pflugbeil Info von:  
Mini-Atombomben aus dem Kugelschreiber

Indizien für Atomwaffenforschung in Deutschland

(IPPNW April 2002) Stasi-Akten und Bodenproben in der Elbmarsch nähren einen schrecklichen Verdacht: Hat die Arbeit an Kernwaffen Spuren hinterlassen, an denen heute Kinder erkranken?

Die Nutzung der Kernenergie hatte bekanntlich rein militärische Wurzeln. Deren so genannte „friedliche“ Nutzung sollte zunächst lediglich dazu dienen, die fatalen Bilder von Hiroshima und Nagasaki vergessen zu machen.
Bis heute überlappen sich diese beiden Seiten in den Atomstaaten und damit den Aufsichtsbehörden, Ministerien, Instituten, Forscherhirnen. Das gilt auch für die Desinformation und Gefährdung der Bevölkerung.

Radioaktivitätsfunde eines atomenergiefreundlichen Instituts

Jüngstes Beispiel: die Diskussion um die Kernbrennstoffkügelchen, die bei Nukem in Hanau großtechnisch hergestellt wurden. Sie spielen bei der Analyse möglicher Ursachen der weltweit größten Häufung von Leukämieerkrankungen bei Kindern in der Elbmarsch eine zentrale Rolle – in unmittelbarer Nähe zum Kernkraftwerk Krümmel und zum Kernforschungszentrum in Geesthacht (GKSS).
Seit Jahren bemühen sich die Internationalen Ärzte gegen den Atomkrieg (IPPNW) und die Gesellschaft für Strahlenschutz, herauszubekommen, worauf die Leukämiefälle zurückzuführen sind.
Die typische Haltung der Regierungsvertreter und der Betreiber kerntechnischer Anlagen ist dabei: abstreiten, nicht erinnern, die um Aufklärung bemühten Wissenschaftler diffamieren. Die Diskussion war gründlich festgefahren, als unerwartet ein bis dahin eher für die Nutzung der Kernenergie engagiertes Institut, die ARGE PhAM, Bodenproben beidseits der Elbe nahm und verschiedene Arten von „Kügelchen“ fand – und zwar Bruchstücke solcher Kügelchen und verschiedene Isotope, die dort überhaupt nicht hingehörten.
Recherchen haben den Verdacht genährt, dass im Forschungszentrum Geesthacht an Projekten gearbeitet wurde, über die man heute nicht gerne redet.

Stasi betreibt rückhaltlose "Aufklärung"

Unerwartete Schützenhilfe ergab sich aus eigenen Recherchen in der Bundesbehörde für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes. Das MfS interessierte sich auffällig für die Grauzone zwischen Bomben und Kraftwerken:
Aufschlussreich waren Akten, die sich mit Überlegungen zum Einsatz von Kernwaffen für terroristische Zwecke befassen. Aus „zuverlässigen Quellen der Abteilung 5 der Hauptabteilung XVIII“ gibt es da eine „Einschätzung des gegenwärtigen Entwicklungsstandes“. Die Studie aus dem Jahr 1987 untersucht Entwicklungen in der BRD, den USA, der Schweiz und Saudi-Arabien.
Sie beginnt interessanterweise nicht mit militärischen Überlegungen, sondern mit dem Hinweis auf die Kernfusion als möglicher Lösung der Weltenergieprobleme. „Eine Lösungsmöglichkeit könnte das Einschießen von kleinen bis kleinsten Fusions-Fissions-Kügelchen in den Reaktor darstellen.“
Doch dann heißt es: „Interessanterweise sind in der letzten Zeit die Erfolg versprechendsten Fusionskonzepte in einer ganz anderen Richtung angelegt worden“, die ergeben habe, dass bei „Fusions-Fissions-Kügelchen eine andere Anwendung wesentlich interessanter ist“.

Kügelchen mit gigantischer Sprengkraft

Das werde „durch die Zielrichtung der US-amerikanischen Atompolitik unterstützt“, bei der „das Streben der Kernwaffenforschung eindeutig zu kleineren und leichteren Kernladungen ... geht“. Das MfS nennt Kügelchen mit Abmessungen im Millimeter- bis Zentimeter-Bereich, die gigantische Sprengstärken entwickeln.
Physikalisch funktioniert das Ganze etwa so, dass die Kügelchen zunächst zu einer Implosion gebracht werden (dazu gibt es verschiedene Tricks wie Laserstrahlen und andere). Dabei entsteht ein Druck, der die Dichte einer winzigen Menge spaltbaren Materials im Innern des Kügelchens so stark erhöht, dass es zu einer Kernspaltung (Fission) kommt.

Kernbrennstoff liegt in der Landschaft herum

Die folgende Fusionsreaktion ist das eigentliche Ziel. Dabei kommen vor: Uranoxid, Urancarbid, Uransilizid, Uran-, Plutonium-, Americium-, Curium-, Californium-Isotope, Deuterium und Tritium.
Genau diese Materialien liegen in der Elbmarsch offen in der Landschaft herum. Und es ist völlig ausgeschlossen, dass es sich dabei um natürliche Bestandteile des Bodens handelt.
Wichtig ist, dass man so zu interessanten Sprengwirkungen mit Spaltmaterialien weit unterhalb der bekannten kritischen Massen kommen kann.

Mini-Atombomben

Auf gut Deutsch: Man bekommt Miniatombomben, die in einem Kugelschreiber untergebracht werden können. Das MfS beschreibt die Einsatzbereiche:
- Ersatz konventioneller Munition durch wesentlich kleinere und leichtere Geschosse mit besserer Zielgenauigkeit, Flächenbombardements möglich;
- Submunition, intelligente Munition;
- Taktische Kernwaffen in Flugzeugen und U-Booten, in denen bisher die Anzahl der mitgeführten Kernwaffen durch deren hohes Gewicht stark begrenzt war;
- Krieg der Sterne: Platzierung der Sprengladungen lange vor dem Einsatzfall, Zündung aus dem Weltraum durch Laser geringer Leistung oder Verwendung als Geschosse in elektromagnetischen Kanonen im Weltraum zur Zerstörung von Interkontinentalraketen und Satelliten ...
- Diversion und Sabotage: leicht transportierbare kleine Sprengsätze ... schlechte Nachweisbarkeit der Sprengung in einem Kernkraftwerk, weil danach sowieso alles verstrahlt ist.

Das MfS fand es bemerkenswert, dass die besonders geeigneten Isotope Americium 243, Curium 245 und Californium 249 beispielsweise bei einer Grenzkontrolle schwer aufzuspüren sind. Denn diese Isotope senden Alphastrahlen aus, die bereits von einer dünnen Folie oder Kugelschreiberhülle wirksam eingeschlossen werden können.
Das MfS verweist auch darauf, dass die Miniatombomben wegen der langen Halbwertszeiten der relevanten Isotope auch viele Jahre irgendwo versteckt liegen können, ohne ihre Funktionsfähigkeit zu verlieren.

Die "Schläfer" der DDR

Und dieses Interesse war mit Sicherheit nicht nur platonisch, denkt man an die Aufgaben der „Arbeitsgruppe des Ministers/Sonderfragen“ (AGM/S) des MfS.
Das war eine Gruppe von hoch qualifizierten Einzelkämpfern, die – wie in bekannten Spionagekrimis – als scheinbar harmlose Bürger bis heute unentdeckt in Deutschland leben und einst auf das Stichwort für einen bestimmten Mord- oder Sabotageanschlag warteten.

BRD-Atomkraftwerke waren "Zielobjekte" der DDR

Es liegt auf der Hand, dass für ihre Zwecke Miniatombomben die optimale Lösung dargestellt hätten. Es gibt Listen des MfS mit bedeutenden „Zielobjekten in der BRD“, unter denen acht Kernkraftwerke und andere kerntechnische Anlagen waren.
In der Literaturrecherche des MfS wird auf die Zeitschrift Atomkernenergie-Kerntechnik hingewiesen, in der allein zwischen 1982 und 1985 zehn Veröffentlichungen mit durchschnittlich zehn Literaturhinweisen zur Thematik zu finden sind.

Indizien für Atomwaffenforschung der GKSS

Von den Autoren wird Professor Friedwardt Winterberg genannt, der zunächst in der Gesellschaft für Kernenergieverwaltung in Schifffahrt und Industrie in Hamburg und am Forschungsreaktor in Geesthacht (GKSS) gearbeitet hat, später nach Reno (Nevada, USA) ging, aber die Zusammenarbeit mit der GKSS weitergeführt hat. Er verfügt über mehrere Patente und hat sich intensiv mit den militärisch nutzbaren Aspekten des Themas befasst.
In der Zeitschrift fallen mehrere Arbeiten von K.-D. Leuthäuser aus dem Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalyse (INT) bei Kiel auf, die sich mit den „Kügelchen“ befassen, vom MfS aber übersehen wurden.
Sowohl die Zeitschrift Atomkernenergie als auch das INT und die GKSS wurden wesentlich von Professor Erich Bagge mitbegründet. Er gehörte zu den deutschen Physikern, die es glücklicherweise nicht geschafft hatten, für Adolf Hitler die Atombombe zu bauen.
Anders als etliche seiner berühmten Kollegen wie Max Born, Otto Hahn, Walter Gerlach, Werner Heisenberg, Max von Laue, Heinz Maier-Leibnitz, Fritz Strassmann und Karl Wirz hat Bagge jedoch die von Carl Friedrich von Weizsäcker initiierte Göttinger Erklärung vom 12. April 1957 nicht unterzeichnet.
Dieser bemerkenswerte Text begann so: „Die Pläne einer atomaren Bewaffnung der Bundeswehr erfüllen die unterzeichnenden Atomforscher mit tiefer Sorge.“ Die Unterzeichner erklären, es wäre „keiner der Unterzeichnenden bereit, sich an der Herstellung, der Erprobung oder dem Einsatz von Atomwaffen in irgendeiner Weise zu beteiligen“.
Bagge hat dieses Versprechen nicht abgegeben. Bleibt also die Frage: Wurden im Kernforschungszentrum Geesthacht Miniatombomben entwickelt, deren Teile heute noch Menschen und Umwelt verseuchen?

Von Sebastian Pflugbeil



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