Erdbebenkatastrophe in Kaschmir läßt
Organhandel boomen. Immer mehr Wohlhabende holen sich ihre
»Spenderniere« im Krisengebiet Die verheerenden
Auswirkungen des Erdbebens von Anfang Oktober im nördlichen Teil Pakistans
sind auch Wochen danach kaum gemildert. Zwar hat die Katastrophe die seit einem
halben Jahrhundert verfeindeten Nachbarn Indien und Pakistan gezwungen zu
kooperieren. Und die internationale Gemeinschaft hat auf der von der UNO
organisierten Geberkonferenz gerade 5,4 Milliarden US-Dollar an
Wiederaufbauhilfe zugesagt. Doch zugleich fehlt es den Betroffenen oft immer
noch am Allernötigsten, zumal der Wintereinbruch die Situation in der
ohnehin armen Region noch dramatisch verschärft. Aus dieser Armut heraus
verkaufen seit langem viele Pakistanis ihre Organe. Neu ist, daß sich
dies nach dem Beben immer mehr zu einer Massenerscheinung entwickelt. Es sind
in erster Linie »Gesundheitstouristen« aus dem Ausland, denen in
pakistanischen Kliniken Nieren tranplantiert werden.
Ausweglos
»Niere zu verkaufen«, stand auf einem Zettel am
Eingang des Zeltes in einem der Nothilfelager. Er wisse sich keinen anderen
Ausweg, erzählte der 33jährige Mann den Reportern der britischen
Sunday Times, die darüber Ende Oktober berichtete. Sein Bruder sei bei dem
Erdbeben umgekommen, nun müsse er sich um sieben minderjährige Kinder
kümmern. Dies ist beileibe kein Einzelfall. Dawn, eine der führenden
englischsprachigen Tageszeitungen Pakistans, faßte es in einem Artikel
vom 18. November so zusammen: »Der Organhandel beruht auf einem breiten
Netzwerk von skrupellosen Ärzten und Mittelsmännern, die den
großen Teil des Profites einstecken, wenn bettelarme Leute ihre Nieren
verkaufen.«
Die Branche geht rabiat zur Sache. Lebende und Tote
gleichermaßen gelten als Organlieferanten. So berichteten Zeitungen am
Tag der Öffnung des ersten Grenzübergangs in Kaschmir von der
gleichzeitigen Festnahme einer Bande von Afghanen, die Leichen geschändet
und Nieren entnommen hätten. Was andererseits völlig legal
abläuft, ist nicht minder fragwürdig: In vielen Krankenhäusern,
vordergründig in Lahore und Rawalpindi, haben sich Mediziner darauf
spezialisiert, ausländischen Patienten Spenderorgane zu transplantieren,
die aus blanker Armut verkauft wurden. Selbstverständlich weisen die
Ärzte jede moralische Schuld von sich. Es seien ja nicht sie, die den Deal
zustande bringen.
Das Geschäft mit den menschlichen Ersatzteilen
läuft über eine wachsende Schar von Mittelsmännern. Die
verdienen sich auf diese Weise eine goldene Nase. »Vermittler«, die
mit Reportern sprachen, geben an, daß sie bis zu 20 Prozent der vom
»Kunden« gezahlten Betrages nehmen. Die Vermutung liegt nahe,
daß die Gewinnspannen der »Vermittler« noch höher
liegen. Die besten »Erträge« beim Organhandel insgesamt lassen
sich mit Abnehmern aus den USA, den arabischen Ländern und Europa
erzielen. Um die 10000 Euro lassen die sich eine Spenderniere kosten, mitunter
gar mehr. Einheimische Empfänger hingegen zahlen weniger.
Gesetzeslücke
Das Geschäft mit der Not boomt. Die Profiteure kommen
dabei in den Genuß einer Gesetzeslücke. Organhandel ist in dieser
Form in Pakistan keineswegs illegal. Ganz anders als beispielsweise im
benachbarten Indien, wo es weitestgehend verboten ist, Spenderorgane zu
transplantieren, die nicht aus dem familiären Umfeld des Patienten
stammen. Viele Inder, die eine Spenderniere brauchen und das nötige
Kleingeld haben, reisen also schnell hinüber nach Lahore und lassen dort
das Problem lösen. Wie das indische Wochenmagazin Outlook in seiner
neuesten Ausgabe in einem vierseitigen Beitrag zum Thema schreibt, bieten
einige Mittelsmänner und Kliniken sogar »Komplettpakete«
einschließlich Operation, Transfer und Abwicklung der
Visaangelegenheiten. Seit Indien 1994 den Organhandel per Gesetz verboten hat,
ist das Nachbarland für immer mehr Patienten, die oft jahrelang auf eine
Niere warten, zur letzten Hoffnung geworden. Rückkehrer preisen die
günstigen Angebote und machen regelrecht Werbung.
Nach den Recherchen von Outlook sind Nieren auf dem
pakistanischen Organmarkt inzwischen für umgerechnet knapp 2000 Euro zu
haben. Dem Spender, der damit seine finanzielle Not lindern will, bleiben laut
dieser Quelle am Ende vielleicht 1500 oder weniger. Dafür kassieren die
Kliniken allein pro Operation zwischen 7000 und 9000 Euro ein lukratives
Geschäft. Zu den größten Profiteuren gehört übrigens
der Sharif-Medical-Komplex, der etwas außerhalb von Lahore liegt. Die
Einrichtung beliebt vor allem bei Kunden aus den Vereinigten Arabischen
Emiraten ist im Besitz von Nawaz Sharif. Der war früher
Premierminister, lebt jetz im saudischen Exil und ist immer noch Chef einer der
größten Oppositionsparteien Pakistans, der PML-N.
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