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26.11.2005 Thomas Berger, Mumbai Info von:   junge Welt
Geschäft mit der Not


Erdbebenkatastrophe in Kaschmir läßt Organhandel boomen. Immer mehr Wohlhabende holen sich ihre »Spenderniere« im Krisengebiet

Die verheerenden Auswirkungen des Erdbebens von Anfang Oktober im nördlichen Teil Pakistans sind auch Wochen danach kaum gemildert. Zwar hat die Katastrophe die seit einem halben Jahrhundert verfeindeten Nachbarn Indien und Pakistan gezwungen zu kooperieren. Und die internationale Gemeinschaft hat auf der von der UNO organisierten Geberkonferenz gerade 5,4 Milliarden US-Dollar an Wiederaufbauhilfe zugesagt. Doch zugleich fehlt es den Betroffenen oft immer noch am Allernötigsten, zumal der Wintereinbruch die Situation in der ohnehin armen Region noch dramatisch verschärft. Aus dieser Armut heraus verkaufen seit langem viele Pakistanis ihre Organe. Neu ist, daß sich dies nach dem Beben immer mehr zu einer Massenerscheinung entwickelt. Es sind in erster Linie »Gesundheitstouristen« aus dem Ausland, denen in pakistanischen Kliniken Nieren tranplantiert werden.


Ausweglos

»Niere zu verkaufen«, stand auf einem Zettel am Eingang des Zeltes in einem der Nothilfelager. Er wisse sich keinen anderen Ausweg, erzählte der 33jährige Mann den Reportern der britischen Sunday Times, die darüber Ende Oktober berichtete. Sein Bruder sei bei dem Erdbeben umgekommen, nun müsse er sich um sieben minderjährige Kinder kümmern. Dies ist beileibe kein Einzelfall. Dawn, eine der führenden englischsprachigen Tageszeitungen Pakistans, faßte es in einem Artikel vom 18. November so zusammen: »Der Organhandel beruht auf einem breiten Netzwerk von skrupellosen Ärzten und Mittelsmännern, die den großen Teil des Profites einstecken, wenn bettelarme Leute ihre Nieren verkaufen.«

Die Branche geht rabiat zur Sache. Lebende und Tote gleichermaßen gelten als Organlieferanten. So berichteten Zeitungen am Tag der Öffnung des ersten Grenzübergangs in Kaschmir von der gleichzeitigen Festnahme einer Bande von Afghanen, die Leichen geschändet und Nieren entnommen hätten. Was andererseits völlig legal abläuft, ist nicht minder fragwürdig: In vielen Krankenhäusern, vordergründig in Lahore und Rawalpindi, haben sich Mediziner darauf spezialisiert, ausländischen Patienten Spenderorgane zu transplantieren, die aus blanker Armut verkauft wurden. Selbstverständlich weisen die Ärzte jede moralische Schuld von sich. Es seien ja nicht sie, die den Deal zustande bringen.

Das Geschäft mit den menschlichen Ersatzteilen läuft über eine wachsende Schar von Mittelsmännern. Die verdienen sich auf diese Weise eine goldene Nase. »Vermittler«, die mit Reportern sprachen, geben an, daß sie bis zu 20 Prozent der vom »Kunden« gezahlten Betrages nehmen. Die Vermutung liegt nahe, daß die Gewinnspannen der »Vermittler« noch höher liegen. Die besten »Erträge« beim Organhandel insgesamt lassen sich mit Abnehmern aus den USA, den arabischen Ländern und Europa erzielen. Um die 10000 Euro lassen die sich eine Spenderniere kosten, mitunter gar mehr. Einheimische Empfänger hingegen zahlen weniger.


Gesetzeslücke

Das Geschäft mit der Not boomt. Die Profiteure kommen dabei in den Genuß einer Gesetzeslücke. Organhandel ist in dieser Form in Pakistan keineswegs illegal. Ganz anders als beispielsweise im benachbarten Indien, wo es weitestgehend verboten ist, Spenderorgane zu transplantieren, die nicht aus dem familiären Umfeld des Patienten stammen. Viele Inder, die eine Spenderniere brauchen und das nötige Kleingeld haben, reisen also schnell hinüber nach Lahore und lassen dort das Problem lösen. Wie das indische Wochenmagazin Outlook in seiner neuesten Ausgabe in einem vierseitigen Beitrag zum Thema schreibt, bieten einige Mittelsmänner und Kliniken sogar »Komplettpakete« einschließlich Operation, Transfer und Abwicklung der Visaangelegenheiten. Seit Indien 1994 den Organhandel per Gesetz verboten hat, ist das Nachbarland für immer mehr Patienten, die oft jahrelang auf eine Niere warten, zur letzten Hoffnung geworden. Rückkehrer preisen die günstigen Angebote und machen regelrecht Werbung.

Nach den Recherchen von Outlook sind Nieren auf dem pakistanischen Organmarkt inzwischen für umgerechnet knapp 2000 Euro zu haben. Dem Spender, der damit seine finanzielle Not lindern will, bleiben laut dieser Quelle am Ende vielleicht 1500 oder weniger. Dafür kassieren die Kliniken allein pro Operation zwischen 7000 und 9000 Euro – ein lukratives Geschäft. Zu den größten Profiteuren gehört übrigens der Sharif-Medical-Komplex, der etwas außerhalb von Lahore liegt. Die Einrichtung – beliebt vor allem bei Kunden aus den Vereinigten Arabischen Emiraten – ist im Besitz von Nawaz Sharif. Der war früher Premierminister, lebt jetz im saudischen Exil und ist immer noch Chef einer der größten Oppositionsparteien Pakistans, der PML-N.



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