|
Eine feine Kanzlerschaft, die Kanzlerschaft von Angela
Merkel. Irgendwie erinnert das alles an die erste Amtszeit von George W. Bush.
Kaum im Amt, machte sich bei wachen Beobachtern bereits ein ungutes Gefühl
breit. Und dann folgte Desaster auf Desaster, Krieg auf Anschlag und Anschlag
auf Krieg. Unter Schröder war Deutschland seit dem 11. September 2001
dagegen nicht ein einziges Mal Ziel von Entführungen oder nennenswerten
Terroranschlägen gewesen - ganz im Gegensatz zu Ländern, die mit den
USA kooperierten, wie beispielsweise Spanien (Madrid 11.3.04), Italien
(Entführung der Journalistin Sgrena, März 2005) und
Großbritannien (London 7.7.05). Kaum ist die Bush-Freundin Merkel im Amt,
rückt Deutschland blitzschnell in das Fadenkreuz der Terroristen. Wie ist
das möglich? Welchen Sinn hat die Entführung von Susanne Osthoff?
Eigentlich gar keinen. Jedenfalls nicht den behaupteten
Sinn. Sogar Mainstream-Medien wundern sich über das merkwürdige
Video, das der Presse zugespielt worden war. Es sei völlig untypisch und
entspreche nicht den Machwerken, die sonst von Entführern im Irak
verbreitet werden", schreibt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am
30.11.05.
So sei es nicht, "wie sonst oft üblich, von
religiösen Gesängen oder Musik untermalt. Auch das Logo, das
islamistische Terroristen gerne benutzen, ein abstrahiertes Buch mit Waffe,
fehlt. Deutsche Experten nennen das Video 'eher schlicht'. Es wirke
'improvisiert'. 'Es hat nicht die gleiche Professionalität, die man
eigentlich von den Brüdern gewohnt ist', sagt ein altgedienter Experte der
Süddeutschen Zeitung." Nun sind solche angeblichen "Experten"
natürlich ebenfalls mit größter Vorsicht zu genießen.
Auch über die Authentizität anderer Entführungsfälle
weiß man nichts. Es kann also sein, daß man hier Fälschungen
mit Fälschungen vergleicht. Und es kann bedeuten, daß diesmal
lediglich nicht die üblichen Fälscher am Werk sind. Tatsache ist
jedenfalls, daß das Standbild aus dem Video weder identifizierbare
Gegenstände noch identifizierbare Personen zeigt: Erkennbar sind weder die
Entführer und ihr Hintergrund, noch die angeblichen Gefangenen. Wenn man
das zum Beispiel mal mit den Videos der Schleyer-Entführung vergleicht:
Dort wurde die Geisel in Großaufnahme erkennbar abgebildet, zum Teil mit
einer druckfrischen Zeitung in der Hand, um das Datum zu dokumentieren. Nichts
davon in diesem Fall.
Die Fakten sind also wesentlich dürftiger, als Medien
und Politiker Glauben machen wollen. Fest scheint zu stehen, daß Susanne
Osthoff verschwunden ist. Alles andere sind Spekulationen, die sich auf ein
wertloses Video gründen, das irgendjemanden an irgendeinem Datum zeigen
kann. Vielleicht ändert sich das in den nächsten Tagen noch, aber das
ist zumindest die momentane Situation.
Aber nehmen wir zweitens das Motiv: Als engagierte Helferin,
Freundin der irakischen Bevölkerung und sogar Muslima war Susanne Osthoff
ganz sicher kein Ziel von irakischen Widerstandskämpfern. Das sehen auch
in Deutschland lebende Muslime so. Sie spricht fließend arabisch und ist
mit einem Araber verheiratet. Des weiteren ist sie mit den Verhältnissen,
aber auch mit zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens im Irak
vertraut und verbunden. Kurz: Sie und ihre Arbeit ist dort bestens bekannt und
mußte nicht mit Feindseligkeiten rechnen. So lieferte sie auch
Medikamente in den Irak. Wem könnte so etwas möglicherweise nicht
gepaßt haben? Und warum sollten es sich die Aufständischen
ausgerechnet mit einem NATO-Staat und dessen Bevölkerung verderben, der
sich aus dem Irakkrieg weitgehend herausgehalten hatte? Eine solche
Entführung muß doch diesen Staat gegen die Aufständischen
aufbringen? Sie wäre eine Dummheit erster Güte. Wer hat
überhaupt ein Interesse daran, Deutschland gegen den Irak und den
irakischen Widerstand aufzubringen? Betrachten wir die Lage aus der
Perspektive der Besatzungsmacht. Aus deren Sicht half Susanne Osthoff dem
Feind. Sie dürfte genauso als Feind wahrgenommen worden sein, wie
beispielsweise die kritische italienische Journalistin Giuliana Sgrena, die
erst entführt wurde und dann im März 2005 beinahe von US-Truppen
erschossen worden wäre. Kein Einzelfall: Schon im Februar trat der
Nachrichtenchef des US-TV-Senders CNN zurück, nachdem er vor Zeugen gesagt
hatte, er wisse von zwölf Journalisten im Irak, die das US-Militär
absichtlich getötet habe. Nachdem seine Äußerungen bei rechten
Medien in den USA einen Sturm der Entrüstung entfacht hatten, behauptete
er, mißverstanden worden zu sein - trat aber dennoch von seinem Posten
zurück. Dabei verriet er gar kein Geheimnis: "Der Irak ist derzeit
das weltweit gefährlichste Land für Journalisten", berichtete die
Journalisten-Organisation "Reporter ohne Grenzen" am 7. März 2005: "Seit
Beginn des Krieges im März 2003 sind dort 48 Journalisten und
Medienmitarbeiter getötet worden, mindestens 13 von ihnen starben durch
das US-Militär. Die Fälle sind bislang nicht aufgeklärt.
Mindestens 21 Journalisten wurden seit März 2003 entführt, allein
sechs in diesem Jahr."
Inzwischen sollen es über 60 getötete Journalisten
sein. Nur eine Frage: Wenn die US-Streitkräfte gezielt Journalisten
umbringen, sind sie dann auch für einige der zahlreichen Entführungen
von Journalisten verantwortlich? Und wenn sie Journalisten entführen,
entführen sie dann möglicherweise auch andere Leute?
Denn natürlich können sich solche Aktivitäten
nicht nur gegen Journalisten richten. Journalisten stehen einfach
stellvertretend für Personen, die der Besatzungsmacht unangenehm sind. Und
tatsächlich sind schon mehrfach ausgerechnet Helfer der irakischen
Bevölkerung Ziel direkter oder zumindest dubioser Angriffe geworden, an
denen die irakische Bevölkerung und die Widerstandsbewegung kein Interesse
haben konnten.
Nehmen wir drittens den Hergang der "Entführung"
selbst. Wie der Tagesspiegel berichtete, sollen die irakischen
Sicherheitskräfte im Verdacht stehen, den Entführern von Susanne
Osthoff Hinweise gegeben zu haben. Dem Tagesspiegel zufolge habe Osthoff ihre
Reise den Sicherheitskräften angekündigt und habe so leicht
ausgespäht werden können. Der irakische Sicherheitsapparat sei bis
zum Innenministerium von Anhängern der Terrorszene unterwandert. Das ist
gut: Zunächst mal sind die irakischen Sicherheitskräfte nämlich
bis ins Innenministerium von US-Sicherheitsdiensten "unterwandert", deren
Ableger sie nun mal sind.
Wenn man die Berichte über die Entführung
weiter liest, kommt man immer mehr ins Staunen: Eine Deutsche bricht an einem
Freitag zu einer "Überlandfahrt" in einem ziemlich chaotischen Land auf
und kommt nicht wie erwartet an demselben Tag an ihrem Bestimmungsort an.
Selbst im pünktlichen Deutschland würde man jetzt nicht sofort vom
Schlimmsten ausgehen. Und in Ländern wie dem Irak ticken die Uhren etwas
anders. Die Infrastruktur ist schlecht, die Verkehrswege ebenso, es kann eine
Panne oder einen anderen harmlosen Zwischenfall gegeben haben. Man würde
zunächst mal nicht von einer Entführung ausgehen müssen, schon
gar nicht bei einer Person wie Osthoff, die im Irak sozusagen "embedded" ist.
Man würde also warten und selber vor Ort Nachforschungen anstellen: einen
Tag, vielleicht zwei Tage. In dieser Zeit würde man sich zum Beispiel auch
mit den Angehörigen in Verbindung setzen. Und dann würde man sich
erstens der Sicherheitsstrukturen vor Ort bedienen (also Polizei etc.) und
zweitens der deutschen Botschaft. Und deutsche Botschaften pflegen
normalerweise nicht bei jedem überfälligen Staatsbürger im
Ausland alles stehen und liegen zu lassen, um in Berlin einen Krisenstab zu
gründen. Fragen Sie mal Leute, die im Ausland schon mal Hilfe bei einer
deutschen Botschaft gesucht haben.
Doch siehe da: Im Fall Osthoff ist alles anders. "Eine
Deutsche sei nicht am Ziel ihrer Reise eingetroffen, schilderte ein Sprecher
des Auswärtigen Amtes in Berlin die Informationslage", schrieb die
sz-online am 30.11.05: "Das Amt ging sofort von einer Entführung aus."
Donnerwetter. Nach verschiedenen Zeitungsberichten richtete das Auswärtige
Amt bereits am nächsten Tag, dem Samstag, einen Krisenstab ein. Andere
Quellen berichten jedoch, der Krisenstab sei gar schon am Freitag eingerichtet
worden, also dem Tag, an dem Susanne Osthoff nach einer "Überlandreise" im
Irak nicht pünktlich an ihrem Ziel ankam.
Kaum zu glauben. Tatsächlich war das Auswärtige
Amt gewissermaßen schneller, als die Polizei erlaubt: "Der Krisenstab der
Bundesregierung tagte bereits, da wussten weder die Öffentlichkeit noch
ihre Familie, dass Susanne Osthoff im Irak entführt worden war." Nochmals
Donnerwetter. "Seit Freitag tagt das Gremium", schreibt der Berliner Kurier
weiter (1.12.05). Also seit demselben Tag, an dem Osthoff nicht an ihrem
Bestimmungsort auftauchte. Ein ganz neuer Zug der deutschen
Ministerialbürokratie. "Schon seit Freitag weiß das Auswärtige
Amt von der Entführung der Archäologin Susanne Osthoff im Irak",
schreibt auch der Stern (29.11.05): "Seitdem tagt der Krisenstab. Der aber
lässt weniger Informationen nach draußen, als er hat." Das mag man
sofort glauben. Und auch das: Der Krisenstab "zieht Fäden, knüpft
Kontakte ohne Aufsehen, im Stillen", so der Berliner Kurier vom 1.12.05.
Und die deutschen Diplomaten wissen auch schon über die Zukunft dieses
Falles bestens Bescheid: Ein hoher Diplomat, der bereits früher
Verhandlungen bei Geiselnahmen von Deutschen im Ausland geführt habe,
sagte laut Märkische Allgemeine: "Es wird keine schnelle Lösung
geben."
Soso. Leiter des Krisenstabes ist übrigens Dr. Klaus
Scharioth, ein Mann mit einer lupenreinen NATO- und US-Karriere:
Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie
in Caldwell, Idaho, USA Studium Internationale Beziehungen,
Völkerrecht und Internationale Wirtschaft an der Fletcher School of Law
and Diplomacy, der Harvard Law School sowie der J.F. Kennedy School of
Government, USA M.A., Fletcher School M.A.L.D. Fletcher School
Promotion (Ph.D.) Fletcher School Ja, Herr Scharioth brachte es gar in die
höchsten Ebenen der NATO: als Kabinettschef des NATO-Generalsekretärs
in Brüssel. Die Mission der amerikanischen "Fletcher School of Law and
Diplomacy" besteht übrigens darin, Persönlichkeiten aus aller Welt
auf führende und maßgebliche Positionen im In- und Ausland
"vorzubereiten". Mit anderen Worten: es handelt sich um amerikanisches
"Networking" mit dem Ziel, treu ergebene Amerikafreunde in hohe Positionen im
In- und Ausland einzuschleusen. Der Mann ist also für deutsche
Führungspositionen denkbar ungeeignet, zumal dann, wenn es sich um die
Leitung deutscher Krisenstäbe handelt. Aber seit 2002 ist Scharioth
Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Insofern hat das Networking
funktioniert.
Das heißt also: Der gute Dr. Scharioth ist ein
Zauberlehrling der Amerikaner. Bei internationalen Treffen kommt er schon mal
mit dem Kern der Drahtzieher des Irakkrieges zusammen, beispielsweise mit dem
US-Neocon Richard Perle, auch genannt der "Fürst der Finsternis".
Anlaß war die "Bucerius Summer School On Global Governance 2004."
"Global Governance"? So haben wir den Fall Osthoff ja
noch gar nicht gesehen.
Es fällt außerdem auf, daß die
Entführung zu einem Zeitpunkt erfolgte, da die USA gegenüber
Deutschland in Sachen Geheimflüge der CIA in die publizistische Defensive
zu geraten drohten. Nun könnte Deutschland die Hilfe ausgerechnet der USA
benötigen, um Osthoff wieder frei zu bekommen. So könnte es gelingen,
die Gefahren des CIA-Flugskandals zu neutralisieren und gleichzeitig die
Bush-Freundin Merkel zu stärken.
Denn es fällt weiterhin auf, daß die
Entführung Kanzlerin Merkel sofort einen Auftritt als neue starke Frau der
deutschen Politik ermöglichte, bei dem sie an die Antiterror-Rhetorik der
siebziger Jahre anknüpfte. "Krisenstab", "der Staat läßt sich
nicht erpressen" sind alles Reizworte, die die düstere
Bunkermentalität des deutschen Herbstes von 1977 heraufbeschwören,
als die sog. "RAF" die wirkliche oder vermeintliche Konfrontation mit dem Staat
auf die Spitze trieb. Aus Merkels Mund hört sich das freilich seltsam
phrasenhaft an. Es ist ja auch ziemlich sinnlos, den Fall Osthoff zu einer
existentiellen Konfrontation aufzublasen.
Aufgeblasen werden soll dagegen ganz sicher die
psychologische Konfrontation zwischen Deutschen und Irakern, zwischen Deutschen
und dem irakischen Widerstand sowie zwischen Deutschen und Muslimen. Dagegen
soll der Schulterschluß mit den USA gefestigt werden. Wie diese Logik
funktioniert, zeigt ein Zitat aus der US-nahen Tageszeitung Die Welt vom
30.11.05: "Nun hat der Krieg im Irak auch die Deutschen eingeholt. Lange hatten
sie geglaubt, wer keine Truppen stellt, dem werde schon nichts passieren. Die
Geiselnahme von Susanne Osthoff beweist das Gegenteil. Weder Neutralität
noch Nationalität haben die Terroristen daran gehindert zuzuschlagen.
Selbst Frau Osthoffs moslemischer Glaube konnte sie nicht schützen.
Islamistische Extremisten machen keine Unterschiede. Deutschland soll unter
Druck gesetzt werden, sämtliche Kontakte zu der irakischen Regierung
einzustellen. Die neue Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel wird auf die
Probe gestellt. Auf die Terroristen einzugehen hieße, sie zu
stärken". Die Botschaft: Da Zurückhaltung sowieso nichts bringt, wie
das Beispiel Osthoff zeigt, kann man auch gleich ungeniert nach dem Muster der
USA draufschlagen. So also soll die Meinung der Öffentlichkeit nach der
Entführung eingestellt werden.
Alles in allem wirkt der Fall Osthoff auch wie eine
Drohung - oder wie eine Warnung, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble
es formulierte. Er sieht in der Entführung der deutsche Archäologin
Susanne Osthoff eine Warnung für ganz Deutschland. Der Fall zeigt,
daß wir auch in Deutschland vom internationalen Terrorismus durchaus
bedroht sind, sagte Schäuble der Tageszeitung Die Welt.
Diese Drohung - pardon: Warnung - sollte man ernst nehmen. Der Fall Osthoff
könnte nur der Auftakt gewesen sein für die Einbindung Deutschlands
in die internationale Logik des Terrors beziehungsweise des "Krieges gegen den
Terror". Diese Einbindung, die unter Schröder so nicht möglich
gewesen sein könnte, scheint nun mit aller Hast verwirklicht werden zu
sollen. London und Madrid lassen grüßen. |