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Dezember 2005 Von Gerhard Wisnewski Info von:   www.gerhard-wisnewski.de
Osthoff-Entführung: Nicht die üblichen Fälscher?


Eine feine Kanzlerschaft, die Kanzlerschaft von Angela Merkel. Irgendwie erinnert das alles an die erste Amtszeit von George W. Bush. Kaum im Amt, machte sich bei wachen Beobachtern bereits ein ungutes Gefühl breit. Und dann folgte Desaster auf Desaster, Krieg auf Anschlag und Anschlag auf Krieg. Unter Schröder war Deutschland seit dem 11. September 2001 dagegen nicht ein einziges Mal Ziel von Entführungen oder nennenswerten Terroranschlägen gewesen - ganz im Gegensatz zu Ländern, die mit den USA kooperierten, wie beispielsweise Spanien (Madrid 11.3.04), Italien (Entführung der Journalistin Sgrena, März 2005) und Großbritannien (London 7.7.05). Kaum ist die Bush-Freundin Merkel im Amt, rückt Deutschland blitzschnell in das Fadenkreuz der Terroristen. Wie ist das möglich? Welchen Sinn hat die Entführung von Susanne Osthoff?


Eigentlich gar keinen. Jedenfalls nicht den behaupteten Sinn. Sogar Mainstream-Medien wundern sich über das merkwürdige Video, das der Presse zugespielt worden war. Es sei völlig untypisch und entspreche nicht den Machwerken, die sonst von Entführern im Irak verbreitet werden", schreibt beispielsweise die Süddeutsche Zeitung am 30.11.05.


So sei es nicht, "wie sonst oft üblich, von religiösen Gesängen oder Musik untermalt. Auch das Logo, das islamistische Terroristen gerne benutzen, ein abstrahiertes Buch mit Waffe, fehlt. Deutsche Experten nennen das Video 'eher schlicht'. Es wirke 'improvisiert'. 'Es hat nicht die gleiche Professionalität, die man eigentlich von den Brüdern gewohnt ist', sagt ein altgedienter Experte der Süddeutschen Zeitung." Nun sind solche angeblichen "Experten" natürlich ebenfalls mit größter Vorsicht zu genießen. Auch über die Authentizität anderer Entführungsfälle weiß man nichts. Es kann also sein, daß man hier Fälschungen mit Fälschungen vergleicht. Und es kann bedeuten, daß diesmal lediglich nicht die üblichen Fälscher am Werk sind. Tatsache ist jedenfalls, daß das Standbild aus dem Video weder identifizierbare Gegenstände noch identifizierbare Personen zeigt: Erkennbar sind weder die Entführer und ihr Hintergrund, noch die angeblichen Gefangenen. Wenn man das zum Beispiel mal mit den Videos der Schleyer-Entführung vergleicht: Dort wurde die Geisel in Großaufnahme erkennbar abgebildet, zum Teil mit einer druckfrischen Zeitung in der Hand, um das Datum zu dokumentieren. Nichts davon in diesem Fall.

Die Fakten sind also wesentlich dürftiger, als Medien und Politiker Glauben machen wollen. Fest scheint zu stehen, daß Susanne Osthoff verschwunden ist. Alles andere sind Spekulationen, die sich auf ein wertloses Video gründen, das irgendjemanden an irgendeinem Datum zeigen kann. Vielleicht ändert sich das in den nächsten Tagen noch, aber das ist zumindest die momentane Situation.

Aber nehmen wir zweitens das Motiv: Als engagierte Helferin, Freundin der irakischen Bevölkerung und sogar Muslima war Susanne Osthoff ganz sicher kein Ziel von irakischen Widerstandskämpfern. Das sehen auch in Deutschland lebende Muslime so. Sie spricht fließend arabisch und ist mit einem Araber verheiratet. Des weiteren ist sie mit den Verhältnissen, aber auch mit zahlreichen Personen des öffentlichen Lebens im Irak vertraut und verbunden. Kurz: Sie und ihre Arbeit ist dort bestens bekannt und mußte nicht mit Feindseligkeiten rechnen. So lieferte sie auch Medikamente in den Irak. Wem könnte so etwas möglicherweise nicht gepaßt haben? Und warum sollten es sich die Aufständischen ausgerechnet mit einem NATO-Staat und dessen Bevölkerung verderben, der sich aus dem Irakkrieg weitgehend herausgehalten hatte? Eine solche Entführung muß doch diesen Staat gegen die Aufständischen aufbringen? Sie wäre eine Dummheit erster Güte. Wer hat überhaupt ein Interesse daran, Deutschland gegen den Irak und den irakischen Widerstand aufzubringen?

Betrachten wir die Lage aus der Perspektive der Besatzungsmacht. Aus deren Sicht half Susanne Osthoff dem Feind. Sie dürfte genauso als Feind wahrgenommen worden sein, wie beispielsweise die kritische italienische Journalistin Giuliana Sgrena, die erst entführt wurde und dann im März 2005 beinahe von US-Truppen erschossen worden wäre. Kein Einzelfall: Schon im Februar trat der Nachrichtenchef des US-TV-Senders CNN zurück, nachdem er vor Zeugen gesagt hatte, er wisse von zwölf Journalisten im Irak, die das US-Militär absichtlich getötet habe. Nachdem seine Äußerungen bei rechten Medien in den USA einen Sturm der Entrüstung entfacht hatten, behauptete er, mißverstanden worden zu sein - trat aber dennoch von seinem Posten zurück.
Dabei verriet er gar kein Geheimnis: "Der Irak ist derzeit das weltweit gefährlichste Land für Journalisten", berichtete die Journalisten-Organisation "Reporter ohne Grenzen" am 7. März 2005: "Seit Beginn des Krieges im März 2003 sind dort 48 Journalisten und Medienmitarbeiter getötet worden, mindestens 13 von ihnen starben durch das US-Militär. Die Fälle sind bislang nicht aufgeklärt. Mindestens 21 Journalisten wurden seit März 2003 entführt, allein sechs in diesem Jahr."

Inzwischen sollen es über 60 getötete Journalisten sein. Nur eine Frage: Wenn die US-Streitkräfte gezielt Journalisten umbringen, sind sie dann auch für einige der zahlreichen Entführungen von Journalisten verantwortlich? Und wenn sie Journalisten entführen, entführen sie dann möglicherweise auch andere Leute?

Denn natürlich können sich solche Aktivitäten nicht nur gegen Journalisten richten. Journalisten stehen einfach stellvertretend für Personen, die der Besatzungsmacht unangenehm sind. Und tatsächlich sind schon mehrfach ausgerechnet Helfer der irakischen Bevölkerung Ziel direkter oder zumindest dubioser Angriffe geworden, an denen die irakische Bevölkerung und die Widerstandsbewegung kein Interesse haben konnten.

Nehmen wir drittens den Hergang der "Entführung" selbst. Wie der Tagesspiegel berichtete, sollen die irakischen Sicherheitskräfte im Verdacht stehen, den Entführern von Susanne Osthoff Hinweise gegeben zu haben. Dem Tagesspiegel zufolge habe Osthoff ihre Reise den Sicherheitskräften angekündigt und habe so leicht ausgespäht werden können. Der irakische Sicherheitsapparat sei bis zum Innenministerium von Anhängern der Terrorszene unterwandert. Das ist gut: Zunächst mal sind die irakischen Sicherheitskräfte nämlich bis ins Innenministerium von US-Sicherheitsdiensten "unterwandert", deren Ableger sie nun mal sind.


Wenn man die Berichte über die Entführung weiter liest, kommt man immer mehr ins Staunen: Eine Deutsche bricht an einem Freitag zu einer "Überlandfahrt" in einem ziemlich chaotischen Land auf und kommt nicht wie erwartet an demselben Tag an ihrem Bestimmungsort an. Selbst im pünktlichen Deutschland würde man jetzt nicht sofort vom Schlimmsten ausgehen. Und in Ländern wie dem Irak ticken die Uhren etwas anders. Die Infrastruktur ist schlecht, die Verkehrswege ebenso, es kann eine Panne oder einen anderen harmlosen Zwischenfall gegeben haben. Man würde zunächst mal nicht von einer Entführung ausgehen müssen, schon gar nicht bei einer Person wie Osthoff, die im Irak sozusagen "embedded" ist. Man würde also warten und selber vor Ort Nachforschungen anstellen: einen Tag, vielleicht zwei Tage. In dieser Zeit würde man sich zum Beispiel auch mit den Angehörigen in Verbindung setzen. Und dann würde man sich erstens der Sicherheitsstrukturen vor Ort bedienen (also Polizei etc.) und zweitens der deutschen Botschaft. Und deutsche Botschaften pflegen normalerweise nicht bei jedem überfälligen Staatsbürger im Ausland alles stehen und liegen zu lassen, um in Berlin einen Krisenstab zu gründen. Fragen Sie mal Leute, die im Ausland schon mal Hilfe bei einer deutschen Botschaft gesucht haben.

Doch siehe da: Im Fall Osthoff ist alles anders. "Eine Deutsche sei nicht am Ziel ihrer Reise eingetroffen, schilderte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin die Informationslage", schrieb die sz-online am 30.11.05: "Das Amt ging sofort von einer Entführung aus." Donnerwetter. Nach verschiedenen Zeitungsberichten richtete das Auswärtige Amt bereits am nächsten Tag, dem Samstag, einen Krisenstab ein. Andere Quellen berichten jedoch, der Krisenstab sei gar schon am Freitag eingerichtet worden, also dem Tag, an dem Susanne Osthoff nach einer "Überlandreise" im Irak nicht pünktlich an ihrem Ziel ankam.

Kaum zu glauben. Tatsächlich war das Auswärtige Amt gewissermaßen schneller, als die Polizei erlaubt: "Der Krisenstab der Bundesregierung tagte bereits, da wussten weder die Öffentlichkeit noch ihre Familie, dass Susanne Osthoff im Irak entführt worden war." Nochmals Donnerwetter. "Seit Freitag tagt das Gremium", schreibt der Berliner Kurier weiter (1.12.05). Also seit demselben Tag, an dem Osthoff nicht an ihrem Bestimmungsort auftauchte. Ein ganz neuer Zug der deutschen Ministerialbürokratie. "Schon seit Freitag weiß das Auswärtige Amt von der Entführung der Archäologin Susanne Osthoff im Irak", schreibt auch der Stern (29.11.05): "Seitdem tagt der Krisenstab. Der aber lässt weniger Informationen nach draußen, als er hat." Das mag man sofort glauben. Und auch das: Der Krisenstab "zieht Fäden, knüpft Kontakte – ohne Aufsehen, im Stillen", so der Berliner Kurier vom 1.12.05. Und die deutschen Diplomaten wissen auch schon über die Zukunft dieses Falles bestens Bescheid: Ein hoher Diplomat, der bereits früher Verhandlungen bei Geiselnahmen von Deutschen im Ausland geführt habe, sagte laut Märkische Allgemeine: "Es wird keine schnelle Lösung geben."

Soso. Leiter des Krisenstabes ist übrigens Dr. Klaus Scharioth, ein Mann mit einer lupenreinen NATO- und US-Karriere:

Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie in Caldwell, Idaho, USA
Studium Internationale Beziehungen, Völkerrecht und Internationale Wirtschaft an der Fletcher School of Law and Diplomacy, der Harvard Law School sowie der J.F. Kennedy School of Government, USA
M.A., Fletcher School
M.A.L.D. Fletcher School
Promotion (Ph.D.) Fletcher School
Ja, Herr Scharioth brachte es gar in die höchsten Ebenen der NATO: als Kabinettschef des NATO-Generalsekretärs in Brüssel. Die Mission der amerikanischen "Fletcher School of Law and Diplomacy" besteht übrigens darin, Persönlichkeiten aus aller Welt auf führende und maßgebliche Positionen im In- und Ausland "vorzubereiten". Mit anderen Worten: es handelt sich um amerikanisches "Networking" mit dem Ziel, treu ergebene Amerikafreunde in hohe Positionen im In- und Ausland einzuschleusen. Der Mann ist also für deutsche Führungspositionen denkbar ungeeignet, zumal dann, wenn es sich um die Leitung deutscher Krisenstäbe handelt. Aber seit 2002 ist Scharioth Staatssekretär im Auswärtigen Amt. Insofern hat das Networking funktioniert.

Das heißt also: Der gute Dr. Scharioth ist ein Zauberlehrling der Amerikaner. Bei internationalen Treffen kommt er schon mal mit dem Kern der Drahtzieher des Irakkrieges zusammen, beispielsweise mit dem US-Neocon Richard Perle, auch genannt der "Fürst der Finsternis". Anlaß war die "Bucerius Summer School On Global Governance 2004."


"Global Governance"? So haben wir den Fall Osthoff ja noch gar nicht gesehen.

Es fällt außerdem auf, daß die Entführung zu einem Zeitpunkt erfolgte, da die USA gegenüber Deutschland in Sachen Geheimflüge der CIA in die publizistische Defensive zu geraten drohten. Nun könnte Deutschland die Hilfe ausgerechnet der USA benötigen, um Osthoff wieder frei zu bekommen. So könnte es gelingen, die Gefahren des CIA-Flugskandals zu neutralisieren und gleichzeitig die Bush-Freundin Merkel zu stärken.

Denn es fällt weiterhin auf, daß die Entführung Kanzlerin Merkel sofort einen Auftritt als neue starke Frau der deutschen Politik ermöglichte, bei dem sie an die Antiterror-Rhetorik der siebziger Jahre anknüpfte. "Krisenstab", "der Staat läßt sich nicht erpressen" sind alles Reizworte, die die düstere Bunkermentalität des deutschen Herbstes von 1977 heraufbeschwören, als die sog. "RAF" die wirkliche oder vermeintliche Konfrontation mit dem Staat auf die Spitze trieb. Aus Merkels Mund hört sich das freilich seltsam phrasenhaft an. Es ist ja auch ziemlich sinnlos, den Fall Osthoff zu einer existentiellen Konfrontation aufzublasen.

Aufgeblasen werden soll dagegen ganz sicher die psychologische Konfrontation zwischen Deutschen und Irakern, zwischen Deutschen und dem irakischen Widerstand sowie zwischen Deutschen und Muslimen. Dagegen soll der Schulterschluß mit den USA gefestigt werden. Wie diese Logik funktioniert, zeigt ein Zitat aus der US-nahen Tageszeitung Die Welt vom 30.11.05: "Nun hat der Krieg im Irak auch die Deutschen eingeholt. Lange hatten sie geglaubt, wer keine Truppen stellt, dem werde schon nichts passieren. Die Geiselnahme von Susanne Osthoff beweist das Gegenteil. Weder Neutralität noch Nationalität haben die Terroristen daran gehindert zuzuschlagen. Selbst Frau Osthoffs moslemischer Glaube konnte sie nicht schützen. Islamistische Extremisten machen keine Unterschiede. Deutschland soll unter Druck gesetzt werden, sämtliche Kontakte zu der irakischen Regierung einzustellen. Die neue Bundesregierung unter Kanzlerin Merkel wird auf die Probe gestellt. Auf die Terroristen einzugehen hieße, sie zu stärken". Die Botschaft: Da Zurückhaltung sowieso nichts bringt, wie das Beispiel Osthoff zeigt, kann man auch gleich ungeniert nach dem Muster der USA draufschlagen. So also soll die Meinung der Öffentlichkeit nach der Entführung eingestellt werden.


Alles in allem wirkt der Fall Osthoff auch wie eine Drohung - oder wie eine Warnung, wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble es formulierte. Er sieht in der Entführung der deutsche Archäologin Susanne Osthoff eine Warnung für ganz Deutschland. „Der Fall zeigt, daß wir auch in Deutschland vom internationalen Terrorismus durchaus bedroht sind“, sagte Schäuble der Tageszeitung „Die Welt“. Diese Drohung - pardon: Warnung - sollte man ernst nehmen. Der Fall Osthoff könnte nur der Auftakt gewesen sein für die Einbindung Deutschlands in die internationale Logik des Terrors beziehungsweise des "Krieges gegen den Terror". Diese Einbindung, die unter Schröder so nicht möglich gewesen sein könnte, scheint nun mit aller Hast verwirklicht werden zu sollen. London und Madrid lassen grüßen.



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