500 Millionen Dollar für eine neue Spielart im
»Krieg gegen Terror« Die Geostrategen der USA
interessieren sich neuerdings für bisher vernachlässigte Erdregionen,
in denen lebensfeindliche Bedingungen herrschen. Lorenzo Vidino vom
Washingtoner Investigative Project, das den Falken argumentative Munition
zuliefert, begründet ein Beispiel: »Die gesetzlosen
Wüstenregionen zwischen Algerien, Niger, Mali und Mauretanien sind
bekanntlich eine Herberge für etliche hundert Terroristen, die mit Al
Qaida liiert sind.« Mit dieser Erkenntnis versorgte Vidino bereits im
März dieses Jahres einen Ausschuß im US-Kongreß. Aufgrund
solcher Einsichten sollen die gewählten Volksvertreter öffentliche
Mittel freigeben für ein großangelegtes neues Projekt, mit dem die
USA die Lücke zwischen dem Horn von Afrika und dem Golf von Guinea zu
füllen beabsichtigen. Dieses nahm jüngst Gestalt an. Es heißt:
Trans-Saharan Counter-Terrorism Initiative (TSCTI).
Bis 2011 sollen 500 Millionen Dollar für diese Spielart
des »Kriegs gegen den Terror« ausgegeben werden. Dirigiert wird die
Aktion vom U.S. Special Operations Command Europe (EUCOM). Wie die Washington
Post (17.11.2005) berichtete, läuft die Anlaufphase »Operation
Flintlock« bereits auf vollen Touren. US-Soldaten trainieren in den
Sahara-Anrainerstaaten 3 000 einheimische Rekruten für
Grenzüberwachung und flächendeckende Kontrolle bislang nicht
erfaßter Regionen. Oasen und Sanddünen sollen nach algerischen
Kämpfern der »Salafisten-Gruppe für Predigt und Kampf«
(GSPC) durchkämmt werden. Diese zeichnete 2003 für die
Entführung europäischer Touristen verantwortlich. Auf ihr Konto
sollen Anschläge auf Zivilisten in Algerien und Mauretanien gehen. Zudem
behauptet EUCOM-Chef General Thomas R. Csrnko, die GSPC bildete in der
Wüste Selbstmordattentäter für den Irak aus. Und Vidino
konstruiert eine jahrelange Liaison zwischen GSPC und Al Qaida, die auf
gemeinsame Afghanistan-Einsätze in den achtziger Jahren
zurückzuführen seien.
Ein Etat von einer halben Milliarde Dollar wäre dem
Kongreß schlecht zu verkaufen, wenn es nur darum ginge, die GSPC zu
jagen. EUCOM-Pressesprecherin Holly Silkman betont deshalb, es ginge mit dem
Waffeneinsatz der TSCTI darum, in der Region Korruption, Drogen- und
Menschenhandel zu unterbinden. Ideologen dürften sich nicht länger
ungestört neue Kämpfer unter den Frustrierten der Region suchen
können. Für Experten wie Jeremy Keenan von der britischen University
of East Anglia ist klar, daß der Einsatz von TSCTI eben diesen
Nährboden von Frustrierten überhaupt erst richtig erzeugen wird. Die
International Crisis Group in Brüssel geht davon aus, daß TSCTI
korrupte Regime in den betroffenen Sahara-Anrainerstaaten Algerien, Tschad,
Mali, Mauretanien, Niger, Senegal, Marokko, Nigeria und Tunesien
großzügig unterstützt und damit die sozialen Probleme weiter
verschärft.
Offensichtlich hat das neue Interesse der USA an
Wüstensand mit der wachsenden Bedeutung Afrikas als Öllieferant zu
tun. George W. Bush hat erklärt, das afrikanische Öl sei »of
national strategic interest«. Mit den Sahara-Anrainerstaaten hätten
die USA neben der Region um den Golf von Guinea ein weiteres Öl- und Gas
förderndes Gebiet unter ihre Kontrolle gebracht.
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