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NATO-Strategie der Spannung Die NATO hat in allen
Ländern Westeuropas während des Kalten Krieges Geheimarmeen
unterhalten. Ein Schweizer Forscher publizierte im März 2005 das
Standardwerk zu dieser Frage. Das Bulletin hat mit Dr. phil. Daniele Ganser,
Friedensforscher und Senior Researcher am ETH Center für Security Studies,
über sein wegweisendes Buch gesprochen. Daniele Ganser, Jg. 72, lebt in
Basel.
Interview Martin Stuber, geführt am 15. September in
Basel
BULLETIN: Kannst du die wichtigsten Erkenntnisse in deinem
Buch für unsere Leserschaft zusammenfassen?
Daniele Ganser: Die zentrale Erkenntnis meiner
Forschungsarbeit ist, dass es in der Zeit des Kalten Krieges also
zwischen 1945 und 1990 in allen westeuropäischen Ländern
Geheimarmeen gegeben hat. In Italien war das die Gladio, in der Schweiz die
P26, in Norwegen das ROC, in Dänemark Absalon etc. Ein zweiter wichtiger
Punkt ist, dass diese Armeen von der NATO koordiniert und kommandiert wurden.
Innerhalb des SHAPE* gab es dafür zwei Kommandostrukturen, das ACC* und
das CPC*. Drittens weiss man heute, dass ein Teil dieser Armeen die Strategie
der Spannung praktiziert hat.
BULLETIN: Welche Aufgaben hatten diese Geheimarmeen?
D. Ganser: Als sogenannte «stay behind armies»
hätten sie im Falle einer Invasion durch den Warschauer Pakt auf besetztem
Gebiet eine Widerstandsarmee gebildet und mit Sabotageakten und Gefechten den
Invasor schwächen sollen. Zu diesem Zweck wurden im Lande verteilt geheime
Depots mit Waffen, Munition, Sprengstoffen und anderer militärischer
Ausrüstung angelegt.
BULLETIN: Und was war das Ziel der «Strategie der
Spannung?
D. Ganser: In einigen Ländern, aber nicht in der
Schweiz, waren die Geheimarmeen in eine ganze Serie von terroristischen
Operationen und Menschenrechtsverletzungen verwickelt, die dann den Kommunisten
in die Schuhe geschoben wurden, um die Linke zu diskreditieren und bei den
Wahlen zu schwächen. Diese Operationen hatten immer zum Ziel, ein Maximum
an Angst in der Bevölkerung zu verbreiten. Sie reichten von
Bombenanschlägen in Zügen, auf Marktplätzen und Bahnhöfen
(Italien) über systematische Folterungen von Regimegegnern (Türkei),
der Unterstützung für rechte Staatsstreiche (Griechenland und
Türkei) bis zur Zerschlagung von oppositionellen Parteien im eigenen Land
(Spanien) oder in den abhängigen Kolonialgebieten (Portugal). Man muss
sich das so vorstellen, dass die geostrategischen Hauptakteure und ihre
Geheimdienste also in den USA die CIA und in England der MI6,
sich gesagt haben: Wenn in einem europäischen Land eine kommunistische
Regierung an die Macht kommt, dann wird der Westen von innen heraus
destabilisiert, und wenn sie den Verteidigungsminister stellen können sie
NATO Geheimnisse an Moskau verraten und erfahren zudem von der Geheimarmee
also müssen sie mit allen Mitteln von der Regierung ferngehalten
werden. Andererseits bestanden in den meisten Ländern Demokratien, wo die
Leute frei wählen konnten, also wurde ein Mittelweg gesucht. Mit der
Strategie der Spannung wurden die Leute gezielt manipuliert.
BULLETIN: Kannst du das an einem konkreten Beispiel
erläutern?
D. Ganser: Vielleicht das am besten dokumentierte Beispiel
ist der Anschlag von Peteano 1972 in Italien. Ein «kleiner»
Anschlag, wo Carabinieri Mitglieder der italienischen kasernierten
Polizei durch einen anonymen Anruf zu einem Auto gelockt wurden, das
explodierte, als sie die Motorhaube öffneten. Alle drei Carabinieri wurden
getötet. Der Anschlag wurde den Italienischen Linksterroristen, den Roten
Brigaden, angehängt. Erst viele Jahre später wurde klar, dass der
Neofaschist Vincenzo Vinciguerra der Täter war. Er erklärte bei
seiner Vernehmung durch den Richter Felice Casson die Strategie der Spannung.
Casson war der Richter, der mit seinen Untersuchungen darauf die Gladio
Geheimarmeen der NATO aufdeckte. Vinciguerra verachtete als Katholik den
atheistischen Kommunismus, der mit allen Mitteln bekämpft wurde.
Interessant ist, dass Vinciguerra erzählte, wie er vom Geheimdienst
geschützt wurde. Was wiederum bedeutete, dass der Geheimdienst die
Aktionen nicht selber ausführen musste. Es genügte, in der
Gesellschaft Leute zu finden, die genügend Hass auf den «inneren
Feind» aufbrachten, diese mit Sprengstoff aus den geheimen Depots der
Gladio zu versorgen und nachher falsche Spuren zu legen, z.B. mit fabrizierten
Bekennerschreiben. So wurde zum Beispiel auch der damals in Italien prominente
linke Verleger Feltrinelli diskreditiert. Feltrinelli kam übrigens selber
unter nie geklärten mysteriösen Umständen bei einem
missglückten Bombenanschlag ums Leben... Um sie vor dem Zugriff der Justiz
zu schützen, wurden rechtsextreme Attentäter oft nach Spanien
ausgeflogen, wo sie unter der Diktatur Francos nichts zu befürchten
hatten.
BULLETIN: Du sagtest, dass es in jedem westeuropäischen
Land diese Geheimarmeen mit ihren geheimen Waffen- und Sprengstoffdepots gab...
D. Ganser:...ja, aber Achtung: Nicht in jedem Land wurde die
Strategie der Spannung angewendet...
BULLETIN:...aber es gab noch eine dritte Aufgabe für
diese Geheimarmeen, nämlich die direkte militärische Interventionen.
Du schilderst in deinem Buch zum Beispiel den Militärputsch in
Griechenland von 1967, in dem die NATO-Geheimarmee eine Rolle spielte.
D. Ganser: In Griechenland war die LOK beteiligt am
Staatsstreich, der eine brutale Militärdiktatur an die Macht brachte,
welche die Oppositionellen systematisch folterte. Die Frage ist aber: Braucht
es eine Geheimarmee, um einen Militärputsch durchzuführen. Die
Geschichte des Pinochet-Putsches 1973 in Chile ist in dieser Beziehung
lehrreich. Dort wollte der CIA schon früher einen Militärputsch
einleiten, worauf ihm aber ein Teil der Armee, der loyal zur Regierung Allende
stand, die Unterstützung versagte. Wir sehen also, dass die Armee nicht
unbedingt ein homogenes Gebilde ist. In einer solchen Situation kann eine
Geheimarmee, wie wir sie in Europa hatten, das radikale Element innerhalb der
Armee bilden, welches einen solchen Putsch dann erst ermöglicht oder
zumindest erleichtert. In der Türkei 1980 dürfte es so gelaufen sein,
denn General Evren, der sich mit einem Putsch zum Präsidenten machte,
hatte direkte Verbindungen zur Geheimarmee. In der Türkei hiess sie
«Counterguerilla», weil sie im Bürgerkrieg gegen die Kurden
eingesetzt wurde. Die Geheimarmeen haben eigentlich in jedem Land eine
Schattierung angenommen, die aus der Geschichte des jeweiligen Landes heraus
erklärbar ist: In Frankreich ist es um Algerien gegangen, in der
Türkei um die Kurden, in Italien um die Kommunisten etc.
BULLETIN: Und worum ist es in der Schweiz gegangen? Du hast
ja herausgefunden, dass es nicht nur in den NATO-Staaten diese Geheimarmeen
gab, sondern auch in den vier neutralen Ländern Finnland, Schweden,
Österreich und Schweiz.
D. Ganser: Ja, das ist so. Als in Italien die Sache mit
Gladio 1990 aufflog, stellte sich die Frage in den neutralen Ländern: Gibt
es bei uns auch so eine Geheimarmee? Die zweite Frage war, inwieweit diese
Geheimarmee mit der NATO verbunden war und drittens: Ist sie in die Strategie
der Spannung verwickelt?
BULLETIN: Die erste Frage hat bekanntlich eine
parlamentarische Untersuchungskommission beantwortet: Mit der P26 existierte
auch in der Schweiz eine solche Geheimarmee.
D. Ganser: Ja. Unabhängig von den Ereignissen in
Italien wurde 1989 der Fichenskandal publik, als die PUK EJPD herausgefunden
hat, dass etwa jedeR siebte EinwohnerIn fichiert worden ist, also 900'000
Fichen auf 7 Millionen Einwohner. Die Frage lag auf der Hand, ob es auch im
Verteidigungsministerium im damaligen EMD Fichen hatte. Kaspar
Villiger, der damalige Vorsteher des EMD, meinte, das sei unvorstellbar, das
Parlament hingegen war da nicht so sicher und so begann eine PUK EMD unter dem
Vorsitz von Ständerat Carlo Schmid mit der Untersuchung. Im November 1990
legte diese PUK ihren Bericht vor und dokumentierte, dass sie erstens Fichen im
militärischen Geheimdienst gefunden hatte und nicht nur das: sie fand
zusätzlich noch einen geheimen Nachrichtendienst, die P27 und eine geheime
Guerillatruppe, die P26 unter dem Kommando von Efrem Cattelan. Carlo Schmid
sagte später, er habe während den Untersuchungen 8 Kilo verloren und
dass die konspirative Atmosphäre für ihn ein extremer Stress gewesen
sei. Er hielt es für unglaublich, dass so etwas in der Schweiz
möglich ist. Die Spitzen der Armee hingegen erklärten, sie
hätten zu Recht das Land auf den Widerstand in feindbesetztem Gebiet
vorbereitet, denn dies könne man nicht auf die Schnelle improvisieren.
BULLETIN: Wie gross war die P26?
D. Ganser: Etwa 400 Mann. Wobei zu beachten ist, dass dies
die Kader waren. Im Falle einer Invasion wären das die Leiter einer
Untergrundarmee geworden. Es gab auch in der Schweiz diverse geheime Depots mit
Schusswaffen, Handgranaten, Munition, Sprengstoff und Gold. Gold ist die
Kriegswährung.
BULLETIN: Und die beiden anderen Fragen?
D. Ganser: Es gab in der Schweiz keine Strategie der
Spannung. Mir ist nur eine Sache im Zusammenhang mit dem Kampf gegen die AKWs
bekannt: die Sprengung diverser Strommasten und des Infopavillons in
Kaiseraugst. Das waren glücklicherweise die einzigen eigentlichen
Terroraktionen, welche die Schweiz in der Zeit des Kalten Krieges erlebt hat.
Sie wurden nie aufgeklärt. Der Bundesrat hat in seiner Antwort auf eine
parlamentarische Anfrage damals gesagt, die Geheimarmee sei nicht in diese
Geschichten verwickelt. Aber nachgegangen bin ich dem nicht. Bekannt
respektive der Öffentlichkeit wenig bekannt - ist nur ein Todesopfer im
Zusammenhang mit der P26, nämlich der Fall Herbert Alboth.
BULLETIN: Kannst Du diesen Fall erläutern?
D. Ganser: Die Bedeutung dieses Todesfalles konnte man
damals nicht erkennen, weil zum Zeitpunkt seines Todes die Existenz der P26
noch gar nicht bekannt war. Herbert Alboth hatte in führender Position im
«Spezialdienst» gedient, der Vorgängerorganisation der P26. Im
Frühling 1990 gelangte er an Verteidigungsminister Villiger und bot ihm in
einem Brief an, detaillierte Informationen zu allen Fragen rund um die P26 zu
liefern. Es kam nie zu diesem Treffen mit Villiger - Alboth wurde am 17. April
1990 in seiner Wohnung in Bern Liebefeld tot aufgefunden erstochen mit
seinem eigenen Militärbajonett. Der Todesfall wurde nie geklärt, auch
die PUK EMD hat einfach festgestellt, dass er tot ist, ging der Frage aber
nicht nach. Leben und Tod von Herbert Alboth wäre sicher ein interessanter
Forschungsgegenstand.
BULLETIN: Eine der Fragen, die Alboth wahrscheinlich
hätte beantworten können, ist diejenige nach der Einbindung der P26
in die NATO-Kommandostrukturen. Eine Frage, welche die PUK EMD nicht untersucht
hat.
D. Ganser: Ja, Alboth wäre auch dafür eine
wichtige Quelle gewesen. Die NATO-Frage wurde von der PUK EMD nicht untersucht,
sie hatte kein derartiges Mandat. Ihr Fokus war ja national, der Ausgangspunkt
waren die Fichen. Der Gladio-Skandal in Italien platzte genau um die Zeit, als
der PUK-Bericht veröffentlicht wurde. Im Parlament wurde dann aufgrund der
Ereignisse in Italien die Forderung erhoben, auch die Verbindungen der P26 zur
NATO und zu ausländischen Geheimdiensten zu untersuchen. Der Bundesrat
beauftragte den Neuenburger Untersuchungsrichter Pierre Cornu mit dieser
Nachforschungsarbeit. Im Frühling 1991 erschien der 100-seitige
«CornuBericht». Der Bundesrat klassifizierte den Bericht
sofort und machte der Öffentlichkeit nur eine 12seitige Zusammenfassung
zugänglich. Während der Forschung für meine Doktorarbeit habe
ich bei der zuständigen Delegation der nationalrätlichen
Geschäftsprüfungskommission Einsicht in den Bericht verlangt. Die
Delegation hat das auf Anraten von Bundesrat Ogi, der eine Belastung der
Beziehungen zu bestimmten Ländern befürchtete, abgelehnt. Zurzeit ist
die Motion von Jo Lang hängig, der eine Veröffentlichung des
Cornu-Berichtes verlangt.
BULLETIN: Ein ziemlich deutlicher Hinweis darauf, dass es
diese Verflechtungen mit ausländischen Geheimdiensten gab...
D. Ganser: Hinweis schon, Beweis nicht. Es ist aber aus der
Zusammenfassung bekannt, dass sehr enge Beziehungen der P26 zum britischen MI6
bestanden. Die Schweizer trainierten in England, richteten in London eine
Funkübermittlungszentrale ein und verwendeten das
«Harpoon»-Funksystem der Nato-Geheimarmeen. Mit dieser engen
Verbindung nach London hatte die P26 natürlich auch direkten Kontakt zur
Geheimarmee-Leitstelle; sie war so also indirekt durchaus in die
NATO-Strukturen integriert. Ob die Schweizer direkt an den NATO-Sitzungen
teilgenommen haben, wissen wir nicht. Die entsprechenden Protokolle von ACC und
CPC sind nicht zugänglich. Und die Engländer sagen grundsätzlich
gar nichts, der MI6 ist extrem verschlossen. Seine Existenz wurde offiziell
erst 1994 zugegeben...
BULLETIN: Wie ist denn Cornu zu seinen Informationen
gekommen?
D. Ganser: Er ist nach Italien gegangen, wo zu der Zeit die
Untersuchungen der Gladio auf Hochtouren lief, und zum Belgischen Senat, der
ebenfalls seine Geheimarmee untersuchte. Von den Geheimdiensten selber hat er
praktisch nichts bekommen.
BULLETIN: Und Dokumente in der Schweiz?
D. Ganser: Es ist sehr viel Material zerstört worden,
bevor es von der PUK eingesehen werden konnte.
BULLETIN: Und heute?
D. Ganser: Die P26 wurde aufgelöst, Cattelan wurde
entlassen, die Depots aufgehoben. Der Skandal um Dino Bellasi hat dann 1999
erstmals die Frage aufgeworfen, ob wieder eine Geheimarmee im Land existiere.
Aber Bellasi ist eine schlechte Quelle, er hat sich in verschiede
Widersprüche verstrickt, und aus geostrategischen Überlegungen heraus
zweifle ich eher daran, aber wir wissen es nicht. Denn wie wir gesehen haben,
sind diese Machenschaften geheim und entziehen sich immer wieder demokratischer
Kontrolle. Deshalb ist es ja auch so wichtig, dass die demokratisch
gewählten Institutionen, welche das kontrollieren sollten, hartnäckig
dran bleiben.
BULLETIN: Wie sieht es jetzt in Europa aus? In deinem Buch
kommt sehr klar zum Ausdruck, dass das Parlament der EU eine Aufklärung
wollte, aber scheiterte - wohl weil der CIA zusammen mit dem MI6 die treibende
Kraft hinter den Geheimarmeen war, sie zum Teil sogar direkt aufgebaut hat,
etwa in Griechenland. Nun hat sich die geostrategische Situation geändert
und damit die Ziele der verdeckten Kriegsführung. Welche Ziele, welche
Methoden werden heute angewendet?
D. Ganser: Dazu ist es wichtig, den geschichtlichen
Hintergrund zu kennen. Anfänglich standen die Engländer im Zentrum
des Aufbaues solcher «stay behind armies».
BULLETIN: Du arbeitest das Janusgesicht der englischen
Demokratie in deinem Buch sehr schön heraus. Das ehemalige Empire mit
seiner Vergangenheit als Kolonialmacht, mit sehr viel Erfahrung in der
Bekämpfung von Aufständen und dem Führen «kleiner»
Kriege auf der ganzen Welt...
D. Ganser:... die aber dann von den US-Amerikanern mit dem
CIA nicht abgelöst aber ich würde sagen: majorisiert - wurden.
Die U.S.A., die neue, alles dominierende Atommacht, mit vergleichsweise fast
unbeschränkten Mitteln. Viel Know-how aber kam lange Zeit von den
Engländern und noch heute werden in den entsprechenden Kreisen die
englische SAS als Vorbild für die Ausführung von «special
operations» sprich verdeckter Kriegsführung angesehen.
Aber zurück zu deiner Frage: Der Kampf gegen die Sowjetunion und gegen den
inneren Feind, welcher der Sowjetunion direkt oder indirekt in die Hände
arbeitet, ist obsolet geworden. Dieser Feind ist weg. Heisst das nun, dass die
CIA und MI6 in den 90er-Jahren aufgehört haben mit solchen
Spezialoperationen? Nein. Es ist bekannt, dass Mitte 90er-Jahre der CIA und der
MI6 im Balkan-Konflikt Muhajeddin aus Afghanistan nach Bosnien und dann
später nach Kosovo eingeflogen haben, weil sie diese brauchten für
eine Destabilisierungskampagne in Jugoslawien. Was Westeuropa betrifft, so ist
bekannt, dass die CIA in jedem Land mit einer US - Botschaft einen sogenannten
«chief of station» (COS) hat. Was dieser COS macht, wissen wir
nicht. Sie sind namentlich nicht bekannt, arbeiten offiziell als Militär-
oder Kulturattachés. In der Regel sammeln sie nur Informationen und
pflegen Kontakte, manchmal geben sie aber auch anderen Leuten Geld, damit diese
für sie verdeckte Operationen ausführen. In Italien hat der CIA COS
z.B. über den italienischen Militärgeheimdienst SISMI Neofaschisten
finanziert und mit Operationen beauftragt. Solche Sachen laufen immer über
mehrere Stufen, das Verwischen von Spuren gehört zu den zentralen Anliegen
solcher Geheimdienste. Was heute genau läuft, wissen wir also nicht. Das
ist ja das Merkmal der verdeckten Kriegsführung sie läuft
versteckt, ist geheim. Der Schweizer Inlandgeheimdienst DAP versucht den
anderen Geheimdiensten auf die Spur zu kommen, um zu sehen, was die in der
Schweiz machen, aber auch dem DAP gelingt das nur bedingt.
BULLETIN: Konkret: Gibt es innerhalb der NATO diese
Geheimarmeen noch?
D. Ganser: Man weiss es nicht. Es bleibt also eine Frage des
Vertrauens, und da hat die NATO ein Problem. Sie redet nicht über diese
Geheimarmeen, verweigert jede Auskunft, macht keine Dokumente öffentlich.
Insbesondere nicht zu der «Strategie der Spannung», die als
Staatsterror bezeichnet werden muss, der immerhin mit Steuergeldern finanziert
worden ist. Darüber spricht die NATO nicht, alle meine Anfragen wurden mit
«no comment» beantwortet. Das ist nicht sehr vertrauenerweckend.
BULLETIN: Umso mehr, als die NATO heute in Afghanistan und
im Irak unter dem Label der «Terrorbekämpfung» Krieg
führt.
D. Ganser: Ja, hier ergibt sich also ein logischer
Widerspruch, und da stellt sich die Frage nach der Glaubwürdigkeit ihres
Kampfes gegen Terror. Das ist ein weites Forschungsfeld, das noch der
wissenschaftlichen Bearbeitung bedarf. Diese Arbeit kann nur in internationaler
Zusammenarbeit fruchtbar sein, denn aufgrund der nationalen Daten ergibt sich
kein schlüssiges Bild.
BULLETIN: Eine letzte Frage: Hat dir die Öffnung der
Archive in Osteuropa bei deiner Forschung geholfen?
D. Ganser: Ich habe nicht mit osteuropäischen Archiven
gearbeitet. Es ist richtig, dass insbesondere das Stasi-Archiv geöffnet
wurde, aber eben erst, nachdem es vom Westen «gereinigt» worden
ist, weil wohl zu Recht die Befürchtung bestand, dass via die Archive im
Osten die Geheimnisse des Westens bekannt geworden wären. Die
östlichen Geheimdienste wussten einiges über die NATO-Geheimarmeen.
BULLETIN: Woher weisst du das mit der
«Reinigung»?
D. Ganser: Von meinen Forschungsgesprächen mit
ehemaligen Stasi-Mitarbeitern in Berlin und Konferenzen im Rahmen des ETH
Parallel History Project, in welchem wir als internationale
Forschergemeinschaft die NATO und den Warschauer Pakt untersuchen.
Im zweiten Teil des Interviews gehen wir der Frage nach der
verdeckten Kriegsführung in der heutigen Zeit nach. Daniele Ganser hat
unter diesem Blickwinkel an der Uni Zürich ein Seminar zum Terrorereignis
schlechthin dem 11. September 2001 abgehalten. Über seine
Erkenntnisse mehr im Bulletin Nr. 4 Ende Dezember 2005.
* SHAPE = Supreme Headquarters Allied Powers Europe ACC =
Allied Clandestine Committee CPC = Clandestine Planning Committee
Heute vor 25 Jahren fand der Bombenanschlag aufs Oktoberfest
statt Noch immer wird gerätselt, wer hinter ihm gestanden hat
Heute vor 25 Jahren ging auf dem Münchner Oktoberfest eine Bombe hoch. 13
Menschen starben noch am Tatort, über 200 wurden verletzt, viele davon
sind bis heute schwer geschädigt. Schnell wurde seinerzeit ein Schuldiger
gefunden: Der rechtsradikale Waffennarr Gundolf Köhler soll die Bombe im
Alleingang gebaut, vor Ort deponiert und gezündet haben. Köhler
selbst konnte sich nicht verteidigen. Er war selbst bei dem Anschlag gestorben;
das Einzige, was man von ihm finden konnte, war seine Hand. Genauso schnell,
wie der vermeintliche Alleintäter ermittelt worden war, wurde der Fall zu
den Akten gelegt. (...) Experten für Geheimdienstaktivitäten haben
durchaus eine Theorie, wer hinter dem Anschlag stecken könnte. So kommt
der Schweizer Professor [extern] Daniele Ganser zu dem Ergebnis, dass der
Wiesnanschlag verblüffend gut ins Profil der Geheimarmee [extern] Gladio
([local] 92 Patronenhülsen, ein Balletttänzer und die CIA) passt, die
seit Ende des Zweiten Weltkriegs in ganz Europa operierte und die
öffentliche Meinung nicht zuletzt durch terroristische Anschläge
manipulierte. Immer, wenn irgendwo etwas Schreckliches geschah, wurden "die
Linken" als Täter entlarvt. Daraufhin war die Bevölkerung mehr als
bereit, bürgerliche Freiheiten aufzugeben und den offiziellen
Sicherheitskräften größere Budgets zu bewilligen. Von diesen
Geldern profitierte indirekt auch Gladio, so dass die angeblichen
Vorsichtsmaßnahmen den Terror eher förderten als
bekämpften. Diese perfide Taktik wurde von Gladio-Mitglied Vincenzo
Vinciguerra als "Strategie der Spannung" ([extern] Strategia della tensione)
bezeichnet: Man musste Zivilisten angreifen, die Männer, Frauen,
Kinder, unschuldige Menschen, unbekannte Menschen, die weit weg vom politischen
Spiel waren. [
] Dreißig Jahre lang bis in die achtziger Jahre wurde
die Bevölkerung absichtlich in Unruhe und Angst vor einem Ausnahmezustand
gehalten. Bis sie bereit war, einen Teil ihrer persönlichen Rechte im
Austausch für größere Sicherheit aufzugeben, für die
alltägliche Sicherheit, die Straße entlang zu gehen, mit der Bahn
oder dem Flugzeug zu reisen, in eine Bank zu gehen. Die Menschen in diese
Haltung zu zwingen, das ist die Logik, die hinter den Verbrechen steckt. Und da
der Staat dahinter steht, der sich nicht selbst belasten wird, werden diese
Verbrechen unaufgeklärt bleiben. Entstanden war Gladio mit
Unterstützung amerikanischer Geheimdienste bereits kurz nach Ende des
Zweiten Weltkriegs. Das Ziel von Gladio bestand darin, den Einfluss
kommunistischen Gedankenguts im Allgemeinen und der Sowjetunion im Speziellen
möglichst gering zu halten. Um das zu erreichen, musste man treue
Anhänger ausbilden, die im Fall einer Machtübernahme durch die
Kommunisten vor Ort bleiben und das feindliche System von innen heraus
bekämpfen würden. In seinem Buch [extern] NATO's Secret Armies:
Terrorism in Western Europe zeigt Daniele Ganser, dass für [extern] fast
jedes Land Europas eine solche "Stay Behind Organization" nachgewiesen werden
konnte. Nach eigenen Angaben hat Ganser im Grunde keine neuen Quellenrecherchen
betrieben, sondern nur zusammengetragen, was an Material bereits vorhanden war.
Um im vielsprachigen Europa möglichst viele Leser zu erreichen, ist das
Buch zunächst auf Englisch erschienen.
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