|
Fast alle meine Bücher haben gegensätzliche
Reaktionen bewirkt, doch bei diesem Buch fällt gerade die emotionale
Intensität auf, mit der dessen Ausführungen bestätigt oder
abgelehnt werden. Ich habe den Eindruck, dass diese Intensität indirekt
zum Ausdruck bringt, wie nahe, oder wie fern, der Leser sich selbst
gegenüber befindet.
Nachdem Die Revolte des
Körpers im März 2004 erschienen war, schrieben mir viele
Leser, sie seien froh, sich nicht länger zu Gefühlen zwingen zu
müssen, die sie in Wahrheit nicht empfinden würden. Sie seien auch
froh, sich endlich die Gefühle nicht verbieten zu müssen, die immer
wieder unverändert in ihnen entstünden. Doch in manchen Reaktionen,
vor allem in der Presse, fand ich häufig ein grundsätzliches
Missverständnis, zu dem ich möglicherweise selbst beigetragen habe,
indem ich das Wort Misshandlung in einem viel weiteren Sinn gebrauchte, als
dies üblich ist.
Wir sind gewohnt, mit diesem Wort das Bild eines
womöglich am ganzen Körper verwundeten Kindes zu verbinden, dessen
Wunden eindeutig auf die erlittenen Verletzungen hinweisen. Was ich aber in
diesem Buch beschreibe und mit dem Begriff Misshandlung benenne, sind vielmehr
Verletzungen der seelischen Integrität des Kindes, die zunächst
UNSICHTBAR bleiben. Deren Folgen werden oft erst nach Jahrzehnten registriert
und auch dann wird der Zusammenhang mit den in der Kindheit erfahrenen
Verletzungen nur selten gesehen und ernst genommen. Sowohl die Betroffenen
selbst, als auch die Gesellschaft (Ärzte, Anwälte, Lehrer, und leider
auch viele Therapeuten) wollen von den Ursachen der späteren
"Störungen" oder des "Fehlverhaltens", die in der Kindheit liegen, nichts
wissen.
Wenn ich diese unsichtbaren Verletzungen Misshandlungen
nenne, stoße ich häufig auf Widerstand und auf laute Empörung.
Diese Gefühle kann ich gut nachempfinden, weil ich sie sehr lange teilte.
Ich hätte früher heftig protestiert, wenn man mir gesagt hätte,
dass ich ein misshandeltes Kind gewesen war. Erst jetzt weiß ich mit
Bestimmtheit, dank Träume, meiner Malerei und nicht zuletzt dank der
Botschaften meines Körpers, dass ich als Kind über Jahre seelische
Verletzungen hinnehmen musste, aber dies als Erwachsene sehr lange nicht
wahrhaben wollte (s. S. 24). Wie so viele andere Menschen habe ich gedacht:
"Ich? Ich wurde doch nie geschlagen. Die paar Klapse haben ja kaum eine
Bedeutung gehabt. Und meine Mutter hat sich doch so viel Mühe mit mir
gegeben." (auf S. 79 findet der Leser ähnliche Äußerungen).
Doch wir dürfen nicht vergessen, dass die schweren
Folgen der frühen unsichtbaren Verletzungen gerade durch die
Bagatellisierung des kindlichen Leidens entstehen, durch die Leugnung von
dessen Bedeutung. Jeder Erwachsene kann sich mühelos vorstellen, dass er
zu Tode erschrecken und sich entwürdigt fühlen würde, wenn ein
Riese, der achtmal größer als er wäre, ihn plötzlich
wütend überfallen würde. Doch vom kleinen Kind nehmen wir an,
dass es diese Reaktion nicht verspürt, obwohl wir leicht beobachten
können, wie wach und kompetent das Kind auf seine Umgebung reagiert. (vgl.
Martin Dornes, Der kompetente Säugling,
Jesper Juul, Das kompetente Kind) Die Eltern
denken, dass Klapse keineswegs wehtun, sie sollten dem Kind nur bestimmte Werte
vermitteln, und das Kind übernimmt dieses Urteil. Manche Kinder lernen
sogar, darüber zu lachen und ihren Schmerz über die erfahrene
Entwürdigung und Erniedrigung zu verspotten. Als Erwachsene halten sie
sich an diesem Spott fest, sind stolz auf ihren Zynismus, machen sogar
Literatur daraus, wie wir es bei James Joyce, Frank McCourt u.a. sehen
können. Wenn sie an Symptomen wie Angst und Depressionen leiden, was wegen
der verdrängten echten Gefühle unvermeidbar ist, dann finden sie
mühelos Ärzte, die ihnen für eine Weile mit Medikamenten helfen.
So können sie ihre Selbstironie, die bewährte und geschätzte
Waffe gegen alle aus der Vergangenheit aufsteigenden Gefühle, ruhig
aufrechterhalten. Damit passen sie sich auch den Forderungen der Gesellschaft
an, für die die Schonung der Eltern ein oberstes Gebot darstellt.
Eine Therapeutin, die mein letztes Buch sehr gründlich
gelesen und verstanden hat, erzählte mir, dass sie fast bei allen ihren
Klienten auf Widerstand stoße, wenn sie, jetzt deutlicher als
früher, versucht, ihnen die durch die Eltern verursachten Verletzungen
aufzuzeigen. Sie fragte mich, ob das Vierte Gebot als Erklärung
genüge, um diese hartnäckige Bindung an idealisierte Eltern zu
verstehen. Ich denke, dass das Vierte Gebot erst bei größeren
Kindern wirksam sein kann. Der Ursprung der hohen (manchmal durch Fremde kaum
nachvollziehbaren) Toleranz geht aber auf ein sehr frühes Lebensalter
zurück. Er liegt im Umstand, dass schon das kleinste Kind gelernt hat,
seinen Schmerz, den die Eltern nicht wahrnehmen, zu verleugnen ("ein Klaps tut
doch nicht weh"), sich dessen zu schämen, sich selbst für ihn zu
beschuldigen oder, wie ich oben zeigte, ihn zu verspotten. Das Opfer darf auch
später nicht fühlen, dass es ein Opfer war. So kann der Klient in der
Therapie den wahren Täter zuerst gar nicht ausmachen. Auch wenn seine
unterdrückten Emotionen aufleben sollten, die Wahrheit wird es schwer
haben, sich gegen die früh angelernten Mechanismen durchzusetzen. Sie
dienten doch so lange dazu, den Schmerz zu verharmlosen und sich angeblich von
ihm zu befreien. Dies nicht mehr zu tun, bedeutet gegen den Strom zu schwimmen,
und das macht nicht nur Angst, sondern es bringt auch zunächst
Gefühle von Einsamkeit. Man setzt sich dem Vorwurf der Larmoyanz aus. Und
doch beginnt hier der Weg zur eigenen Reife. Ein Klient, der am Anfang
seiner Therapie weiß und es ernst nehmen kann, dass er von seinen Eltern
schwer verletzt wurde, gehört daher zu den größten Ausnahmen.
Menschen, deren Eltern die Gefühle des Kindes von Anfang an ernst genommen
haben, brauchen sich später nicht so anzustrengen, um ihr Leben und ihr
Leiden ernst nehmen zu können. Bei der Mehrheit bleibt jedoch der
früh angelernte Mechanismus weiter aktiv, d. h. diese Menschen
bagatellisieren ihr Leiden hartnäckig, auch wenn sie sich selber
therapeutisch betätigen. So bleiben sie zwar dem Geist der Schwarzen
Pädagogik und der Gesellschaft, in der sie leben, treu, aber sich selber
häufig sehr fern. Ich meine, dass es die Aufgabe einer wirksamen Therapie
wäre, diese Distanz zu sich selbst zu verringern.
Auch viele Therapeuten, doch hoffentlich nicht alle, sind
bemüht, die Klienten von ihrer Kindheit abzulenken. Wie und warum, zeige
ich in diesem Buch sehr deutlich, auch wenn ich nicht weiß, wie hoch ihr
Prozentsatz ist, darüber besteht keine Statistik. Der Leser kann sich auf
Grund meiner Beschreibung selbst orientieren, ob er auf diesem Weg zu sich
selbst begleitet oder von sich selbst entfremdet wird. Letzteres kommt leider
häufig vor. Ein in analytischen Kreisen sehr geschätzter Autor
behauptet sogar in seinem Buch, dass es das wahre Selbst gar nicht geben
könne, dass es irreführend sei, darüber zu sprechen. Wie kann
ein auf diese Weise in der Therapie begleiteter Erwachsene seine kindliche
Realität finden? Wie kann er erfahren, in welcher Ohnmacht er als Kind
gelebt hat? In welcher Verzweiflung er sich befand, als die Verletzungen
stattfanden, immer wieder, jahrelang, ohne dass das Kind sich wehren, ohne dass
es die Realität wahrnehmen durfte, weil niemand da war, der ihm geholfen
hätte, sie zu sehen. So musste das Kind versuchen, sich alleine zu retten,
indem es in die Verwirrung flüchtete, und zuweilen eben in den Spott. Wenn
es dem Erwachsenen später nicht gelingt, diese Verwirrung in Therapien
aufzulösen, die den Zugang zu den verschollenen Gefühlen des Kindes
nicht blockieren, bleibt er im Spott über das eigene Schicksal verhaftet.
Sollte es ihm aber doch möglich sein, mit Hilfe seiner
heutigen Gefühle zu den einfachsten, berechtigten und starken Emotionen
des kleinen Kindes zu gelangen, und diese als begreifliche Reaktionen auf
(gewollte oder ungewollte) Grausamkeiten der Eltern oder Ersatzeltern zu
verstehen, dann vergeht ihm das Lachen, verschwinden der Spott, der Zynismus
und die Selbstironie. Und es verschwinden meistens auch die Symptome, mit denen
man für diesen Luxus bezahlt hat. Dann wird das wahre Selbst, d.h. es
werden die authentischen Gefühle und Bedürfnisse eines Menschen
erlebbar. Ich selber bin darüber verblüfft, wenn ich auf mein Leben
zurückschaue, mit welcher Konsequenz, Ausdauer und Unnachgiebigkeit sich
mein wahres Selbst gegen alle äußere und innere Widerstände
durchgesetzt hat und dass dies auch weiter ohne die Hilfe von Therapeuten
geschieht, weil ich sein Wissender Zeuge geworden bin.
Natürlich reicht der Verzicht auf Zynismus und
Selbstironie nicht aus, um die Folgen einer grausamen Kindheit aufzuarbeiten.
Aber er ist dafür eine notwendige, unerlässliche Voraussetzung. In
der Haltung der Selbstverspottung hingegen könnte man zahlreiche Therapien
absolvieren und käme doch nicht vom Fleck, weil die wahren Gefühle
und damit die Empathie für das Kind, das man war, weiterhin verschlossen
blieben. Man zahlt dann lediglich (oder lässt die Krankenkassen bezahlen)
für eine Begleitung, die eher behilflich ist, vor der eigenen
Realität zu fliehen, was logischerweise kaum Veränderungen bewirken
kann.
Sigmund Freud unterwarf sich vor mehr als 100 Jahren
uneingeschränkt der herrschenden Moral, indem er eindeutig das Kind
beschuldigte und die Eltern schonte. So verfuhren auch seine Nachfolger. In
meinen letzten drei Büchern habe ich darauf hingewiesen, dass sich die
Psychoanalyse zwar mittlerweile den Fakten über Kindesmisshandlung und
sexuellen Missbrauch von Kindern mehr geöffnet hat und diese Fakten in
ihre theoretischen Überlegungen zu integrieren versucht, dass aber leider
diese Versuche häufig am 4. Gebot scheitern. Die Rolle der Eltern beim
Entstehen der Symptomatik des Kindes wird weiterhin verbrämt und
verschleiert. Ob die angebliche Erweiterung des Horizontes die innere Haltung
der Mehrheit der Therapeuten wirklich verändert hat, kann ich nicht
beurteilen, doch aus den Publikationen habe ich den Eindruck, dass die
Reflexion über die traditionelle Moral immer noch aussteht. Das Verhalten
der Eltern wird weiterhin verteidigt, in der Praxis, aber auch in den Theorien.
Das bestätigte mir das Buch von Eli Zaretsky (Secrets of the Soul, Knopf 2004), mit seiner
ausführlichen Geschichte der Psychoanalyse bis heute (ohne das Problem des
4. Gebotes überhaupt zu thematisieren). Daher beschäftige ich mich in
der "Revolte" eher am Rande mit der Psychoanalyse.
Leser, die meine anderen Bücher nicht kennen, haben
vielleicht Mühe zu realisieren, worin der große Unterschied zwischen
dem, was ich schreibe und den Theorien der Psychoanalyse liegt. Denn auch
Analytiker befassen sich ja bekanntlich mit der Kindheit und lassen heute
zunehmend den Gedanken zu, dass die frühen Traumen das spätere Leben
beeinflussen, doch die von den Eltern zugefügten Verletzungen werden
häufig umgangen.. Zu den meisten Traumen gehören Todesfälle der
Eltern, schwere Erkrankungen, Scheidungen, Naturkatastrophen, Kriege usw. Mit
ihnen fühlt sich der Patient nicht allein gelassen, der Analytiker kann
sich in seine Situation als Kind mühelos einfühlen und ihm als
wissender Zeuge helfen, seine Kindheitsleiden zu bewältigen, die ihn
selten an seine eigenen erinnern. Anders ist es da, wo es um Verletzungen geht,
die die meisten Menschen erfahren mussten, wenn es nämlich darum geht, den
Hass der eigenen Eltern, aber auch später die Feindseligkeit der
Erwachsenen gegenüber den Kindern wahrzunehmen.
Das verdienstvolle Buch von Martin Dornes (Der kompetente Säugling, 1993/2004) zeigt m. E.
sehr deutlich, wie schwer sich die bisherigen Vorstellungen der Analytiker mit
den neuesten Forschungen über den Säugling vereinbaren lassen, obwohl
sich der Autor sehr darum bemüht, den Leser vom Gegenteil zu
überzeugen. Es gibt dafür viele Ursachen, auf die ich in meinen
Büchern hinweise, doch ich meine, dass die Hauptursachen in der Wirkung
der Denkblockaden liegen (vgl. AM., Evas
Erwachen, S. 109-133), die, zusammen mit dem 4. Gebot, von der
Realität der Kindheit wegführen. Schon Sigmund Freud, aber vor allem
Melanie Klein, Otto Kernberg, deren Nachfolgerschaft, sowie die weltfremde
Ich-Psychologie Heinz Hartmanns haben dem Säugling all das zugeschrieben,
was ihnen die einst von ihnen selbst erfahrene Erziehung im Geiste der
Schwarzen Pädagogik diktiert hatte, nämlich, dass Kinder von Natur
aus böse oder "polymorph pervers" seien. (In Das
Verbannten Wissen habe ich eine ausführliche Passage des bis heute
sehr angesehenen Analytikers Glover zitiert, die seine Sicht auf das Kind
beschreibt.) Mit der Realität eines lebenden Kindes hatte das wenig zu
tun, schon gar nicht mit der eines verletzten und leidenden Kindes, zu denen ja
unbestreitbar die Mehrheit gehört, solange körperliche Strafen und
andere seelische Verletzungen fast allgemein als legitimer Teil einer richtigen
Erziehung gelten.
Analytiker, wie etwa Ferrenzi, Bowlby, Kohut und andere, die
sich dieser Realität zuwandten, blieben am Rande der Psychoanalyse, weil
ihre Forschungen der Triebtheorie krass widersprachen. Trotzdem ist meines
Wissens keiner von ihnen aus der IPA (International Psychoanalytical
Association) ausgetreten. Warum? Weil sie alle, wie viele auch noch heute,
vermutlich hofften, die Psychoanalyse sei kein dogmatisches, sondern ein
offenes System und könne Ergebnisse der neuesten Forschungen integrieren.
Ich will das für die Zukunft nicht ausschließen, doch ich meine,
dass eine unabdingbare Voraussetzung für diese Öffnung die Freiheit
wäre, die realen, seelischen Verletzungen im Säuglingsalter
(Misshandlungen) wahrzunehmen und die bagatellisierende Haltung der Eltern dem
kindlichen Leiden gegenüber zu erkennen. Das wird erst möglich sein,
wenn die Arbeit an den Emotionen in die psychoanalytische Praxis Einzug
hält, wenn die Entdeckungskraft der Emotionen nicht mehr gefürchtet
wird, was ganz und gar nicht mit der Primärtherapie identisch zu sein
braucht. Dann kann sich der Überlebende seinen frühesten Verletzungen
stellen und sich mit Hilfe des Wissenden Zeugen und der Botschaften seines
Körpers den Weg zu seinen Ursprüngen, zu seinem wahren Selbst bahnen.
Soviel ich weiß, ist dies im Rahmen der Psychoanalyse noch nicht
geschehen.
In meinem Buch Evas Erwachen
(2001) habe ich meine Kritik der Psychoanalyse an einem konkreten Beispiel
illustriert (S.149-156). Ich konnte zeigen, dass sogar Winnicott, den ich als
Menschen sehr schätzte, dem Kollegen Harry Guntrip in dessen Analyse nicht
wirklich helfen konnte, weil es ihm unmöglich war, den Hass der Mutter auf
das Kind Harry wahrzunehmen. Dieses Beispiel zeigt deutlich die Grenzen der
Psychoanalyse, die mich seinerzeit dazu bewogen haben, mich von der
Psychoanalytischen Gesellschaft zu trennen und eigene Wege zu suchen, was mir
für immer die Position einer abgelehnten Ketzerin verschaffte. Abgelehnt
und missverstanden zu sein ist zwar nicht angenehm, aber die Situation der
Ketzerin brachte mir anderseits große Vorteile. Sie erwies sich als sehr
ergiebig in meiner Forschung, und sie schenkte mir viel Freiheit, die ich
brauchte, um meine Fragen weiter zu verfolgen. Nun standen mir alle Wege offen,
und niemand konnte mir vorschreiben, wie ich denken sollte oder gar
müsste, was ich sehen dürfe und was auf jeden Fall nicht. Diese Art
von Denkfreiheit schätze ich ganz besonders.
Dank dieser Freiheit konnte ich es mir unter anderem
leisten, die Eltern, die die Zukunft ihrer Kinder ruinieren, nicht mehr zu
schonen. Damit überschritt ich ein großes Tabu. Denn nicht nur
innerhalb der Psychoanalyse, auch in unserer ganzen Gesellschaft ist dieser
Schritt nach wie vor tabuisiert, das heißt, die Institution "Eltern" wie
die Institution Familie dürfen auf keinen Fall als Quelle der Gewalt und
des Leidens gezeigt werden. Die Furcht vor diesem Wissen lässt sich
deutlich in den meisten TV-Sendungen zum Thema Gewalt beobachten. (Zu diesen
Fragen habe ich mich in der letzten Zeit auch in unterschiedlichen
Beiträgen auf meiner Webseite geäußert.)
Die statistischen Erhebungen über Kindesmisshandlung,
aber auch die vielen Klienten, die in den Therapien über ihre Erlebnisse
als Kind berichteten, führten dazu, dass sich neue Therapieformen jenseits
der Analyse etablierten, die sich auf die Behandlung des Traumas konzentrieren
und in vielen Kliniken praktiziert werden. Es können auch in diesen
Therapien (trotz aller guten Vorsätze, den Klienten empathisch zu
begleiten) die echten Gefühle eines Menschen und der wahre Charakter
seiner Eltern verschleiert werden, und zwar mit Hilfe von Übungen
(Imaginationen und Kognitionen) oder spirituellen Tröstungen. Diese
sogenannten therapeutischen Interventionen lenken von den authentischen
Gefühlen eines Menschen wie von seiner Realität als Kind ab. Beides
(den Zugang zu den Gefühlen und - damit - zu seinen realen Erfahrungen)
braucht der Klient aber, um zu sich selbst finden und so die Depression
auflösen zu können. Andernfalls können zwar einige Symptome
verschwinden, aber beispielsweise in Form körperlicher Erkrankungen wieder
auftauchen, solange die Realität des einstigen Kindes ignoriert wird.
Diese kann auch in Körpertherapien ignoriert werden, vor allem, wenn der
Therapeut die eigenen Eltern noch fürchtet und sie deshalb nach wie vor
idealisieren muss.
Inzwischen sind viele Berichte erschienen, in denen
Mütter (in den ourchildhood-Foren auch Väter) ehrlich erzählen,
wie sehr sie durch die Verletzungen in ihrer eigenen Kindheit daran gehindert
waren, ihr Kind zu lieben. Wir können daraus lernen und aufhören,
unentwegt weiter die Mutterliebe zu idealisieren. Dann müssen wir den
Säugling nicht mehr als ein schreiendes Ungeheuer analysieren und werden
beginnen, dessen Innenwelt zu verstehen, die Einsamkeit und Ohnmacht eines
Kindes zu erfassen, das bei Eltern aufwachsen musste, die ihm jede liebevolle
Kommunikation verweigerten, weil sie diese selber nicht kannten. Wir kennen
dann im schreienden Säugling eine logische, berechtigte Reaktion auf
meistens unbewusste, aber faktische, reale Grausamkeiten der Eltern finden, die
von der Gesellschaft noch nicht als solche erkannt werden. Eine ebenso
natürliche Reaktion ist die Verzweiflung eines Menschen über sein
beschädigtes Leben, die in manchen Traumatherapien durch positive
Phantasien beschwichtigt werden soll. Aber gerade diese starken Gefühle
ermöglichen eine Erkenntnis darüber, wie es dem Kind einst bei
misshandelnden oder es ignorierenden Eltern ergangen ist.
Die elterliche Grausamkeit ist nicht immer durch
Schläge gekennzeichnet (wenn auch ca. 85% der heutigen
Weltbevölkerung in der Kindheit geschlagen wurden). Man sieht sie auch und
vor allem im Mangel an freundlicher Zuwendung und Kommunikation, im Ignorieren
der Bedürfnisse des Kindes und dessen seelischen Schmerzen, in sinnlosen,
perversen Strafen, im sexuellen Missbrauch, in der Ausbeutung der
bedingungslosen Liebe des Kindes, in der emotionalen Erpressung, im
Zerstören des Selbstgefühls und in den unzähligen Formen der
Machtausübung. Die Liste ist unendlich. Und was das Schlimmste ist: Das
Kind muss lernen, all dies als ganz normales Verhalten anzusehen, weil es
nichts anderes kennt. Trotzdem liebt jedes Kind seine Eltern bedingungslos, was
auch immer sie mit ihm machen.
Der Verhaltensforscher Konrad Lorenz beschreibt einmal sehr
einfühlsam die Treue einer seiner Gänse zu seinem Stiefel. Dieser war
nämlich der erste Gegenstand, den das Gänseküken bei seiner
Geburt erblickte. Eine solche Bindung folgt dem Instinkt. Aber würden wir
Menschen lebenslang diesem am Anfang des Lebens sehr sinnvollen
natürlichen Instinkt folgen, so blieben wir für immer artige Kinder,
ohne die Vorzüge des erwachsenen Daseins genießen zu können. Zu
diesen gehören aber Bewusstheit, Denkfreiheit, Zugang zu den eigenen
Gefühlen und die Fähigkeit, zu vergleichen. Dass Kirchen und
Regierungen daran interessiert sind, diese Entwicklung zu erschweren und den
Menschen in der Abhängigkeit von Elternfiguren zu belassen, ist allgemein
bekannt. Dass der Körper einen hohen Preis dafür bezahlt, ist weniger
bekannt. Denn wo kämen wir hin, wenn wir die Untaten der Eltern
durchschauen wollten? Und wo kämen die Elternfiguren hin, wenn ihre
Machtausübung nicht mehr wirkte?
Daher genießt die Institution "Eltern" heute immer
noch eine absolute Immunität. Wird sich das aber eines Tages ändern
(was dieses Buch postuliert), dann werden wir in der Lage sein, zu fühlen,
was uns die Misshandlungen unserer Eltern ausgemacht haben. Dann werden wir die
Signale unseres Körpers besser verstehen und mit ihm in Frieden leben,
nicht als geliebte Kinder, die wir nie waren und nie werden können, aber
als offene, bewusste und vielleicht liebende Erwachsene, die ihre Geschichte
nicht mehr fürchten müssen, weil sie diese kennen.
In den Reaktionen, die ich zu lesen bekam, sind mir noch
andere Missverständnisse aufgefallen, von denen ich hier nur zwei
aufgreifen möchte. Sie beziehen sich auf die Frage der Distanz zu den
verletzenden Eltern in Fällen von schweren Depressionen und auf meine
persönliche Geschichte.
Zum ersten muss ich darauf hinweisen, dass ich im Buch immer
wieder von den introjizierten, selten von den realen und nirgends von den
"bösen" Eltern spreche. Ich gebe keine Ratschläge für
Hänsel und Gretel, die selbstverständlich die bösen Eltern
fliehen mussten, sondern ich plädiere für das Ernstnehmen der echten
Gefühle, die seit der Kindheit unterdrückt wurden und im Keller der
Seele ihr Dasein fristen. Es ist begreiflich, wenn Rezensenten ohne jegliche
psychologische Ausbildung nichts davon wissen und ganz naiv meinen, ich
würde die Leser gegen ihre angeblich "böse Eltern" aufhetzen. Doch
ich hoffe, dass mit dem Seelenleben etwas mehr vertraute Leser das Wort
"introjiziert" nicht übersehen werden.
Es würde mich natürlich auch freuen, wenn die
Mitteilungen über meine Kindheit auf eine differenzierte und nicht
oberflächliche, pauschale Leseart stoßen würden. Seitdem ich
mich mit Kindermisshandlungen beschäftige, wird mir von Seiten meiner
Kritiker vorgeworfen, dass ich sie überall sehe, weil ich selbst
misshandelt wurde. Zuerst reagierte ich darauf mit Staunen, weil ich ja
über meine frühe Geschichte noch wenig wusste. Heute kann ich mir
zwar vorstellen, dass gerade meine abgewehrten Leiden mich zur
Beschäftigung mit diesem Thema drängten. Doch was ich gefunden habe,
als ich dieses Gebiet zu durchforschen begann, war nicht nur mein eigenes
Schicksal, sondern das sehr vieler Menschen. Im Grunde waren sie meine
Führer, dank ihrer Geschichten fing ich an, meine Abwehr abzubauen, mich
umzuschauen, und aus der hartnäckigen universellen Leugnung des kindlichen
Leidens Schlüsse zu ziehen, die mir geholfen haben, mich zu verstehen.
Dafür bin ich diesen Menschen sehr dankbar.
© Alice Miller, Januar 2005
|