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10.12.2005 Mumia Abu-Jamal Info von:   junge Welt
Der Pope und die CIA


Über die Aufgaben des US-amerikanischen Geheimdienstes. Warum ein Prediger zum Mord aufrief. Und wie Washington versucht, Lateinamerikas Geschichte zu bestimmen

Die Erregung über CIA-Flüge sowie Entführungen von Unschuldigen und vermeintlichen Terroristen wächst weiter. Und US-Außenministerin Condoleezza Rice beteuerte in Europa, kein US-Bediensteter würde foltern. Vor einem solchen aktuellen Hintergrund lohnt es sich, daran zu erinnern, daß die CIA seit ihrer Gründung für noch viel weitergehende »Spezialaufgaben« als Entführung und Folter vorgesehen ist.

Als ein religiöser Führer der USA Ende August 2005 öffentlich die Ermordung eines ausländischen Staatspräsidenten propagierte, wird er sich als ausführendes Organ sicher die Central Intelligence Agency vorgestellt haben. Reverend Pat Robertson hatte in einer Fernsehsendung gefordert, der Präsident Venezuelas, Hugo Chávez, müsse gewaltsam beseitig werden. Er löste damit kurzzeitig einen Sturm der Entrüstung aus. Viele Menschen rund um den Globus mochten nicht glauben, daß ein frommer Kirchenmann tatsächlich einen Mord propagierte. Robertson versuchte, seinen Vorstoß zu rechtfertigen, indem er an gute alte Yankee-Tugenden appellierte: »Das käme uns billiger als ein Krieg«, warf er in die Debatte ein und hatte damit das Problem wieder auf seine wesentliche Ebene gehoben – die Ökonomie. Darin liegen auch die Antipathien der politischen Elite der USA gegen Präsident Chávez begründet.

Es ist davon auszugehen, daß die Beseitigung des venezolanischen Präsidenten, die Reverend Robertson öffentlich forderte, bereits in den höchsten Etagen der US-Geheimdienste diskutiert worden ist. Venezuela verfügt über reiche Ölvorkommen, und die Regierung will diese Ressourcen und den Reichtum, der dem Land daraus erwächst, zum Wohle der eigenen Bevölkerung und befreundeter Länder nutzen. Ein Imperium, das die Welt als seinen Selbstbedienungsladen betrachtet, kann so etwas natürlich nicht dulden.

Was Reverend Robertson von sich gab, ist weder die geistliche Botschaft seiner Kirche noch die humanistische Botschaft Jesu Christi. Robertsons Sache ist die politische und ökonomische Botschaft einer Klasse, eines Imperiums. Seine Sache ist die des weißen Nationalismus, der immer schon voller Geringschätzung auf die Völker Lateinamerikas geschaut hat, die nach dieser Ideologie nur dazu da sind, ihren nordamerikanischen Herren zu dienen.

Die Geschichte Lateinamerikas bliebe unvollständig, würde man die blutige Spur der CIA-Morde von Präsidenten, Gewerkschaftern, Studenten und Intellektuellen außer acht lassen. Als die US-Regierung von ihrem »Alliierten« in der Dominikanischen Republik, Präsident Rafael Trujillo, die Nase voll hatte, ließ sie ihn im Mai 1961 ermorden. Vor und nach dem 11. September 1973 wurden die Putschisten, die für den Tod von Präsident Salvador Allendes und die Errichtung der Diktatur unter General Augusto Pinochet verantwortlich sind, mit Geldern aus den USA finanziert.

Die CIA gründete und unterhielt eine terroristische Armee, die sogenannten Contras, durch die das revolutionäre Nicaragua in eine Spirale von Gewalt und Elend getrieben wurde. Auch wenn der damalige US-Präsident Ronald Reagan die Contras auf eine Stufe mit den »Gründervätern« der USA stellen wollte, waren sie doch für die Bevölkerung Nicaraguas nichts anderes als vom Ausland finanzierte Söldner, Vergewaltiger, Folterknechte und Massenmörder.

Entgegen der Behauptung Reverend Robertsons, er sei nur deshalb gegen Präsident Hugo Chávez, weil dieser ein »Diktator« sei, der »Instabilität« in die Region bringe, sind es gerade die USA und ihre CIA, die über mehrere Generationen auf drei Kontinenten Diktatoren an die Macht gebracht und unterstützt haben. Zu diesen Diktatoren gehörten Mobuto in Zaire, Trujillo in der Dominikanischen Republik, der Clan der Duvaliers in Haiti, Marcos auf den Philippinen, Noriega in Panama, der Schah in Iran und Saddam Hussein in Irak.

Sie alle waren »Freunde der USA« und bevorzugte Alliierte, bis der eine oder andere unter ihnen den Herren in Washington zu stark wurde und versuchte, unabhängig von den USA zu handeln. Das Streben nach Unabhängigkeit ist in den Augen der US-Eliten auch das Verbrechen, dessen sich Hugo Chávez schuldig gemacht hat. Deshalb predigte der Reverend des Imperiums seinen Tod von der Medienkanzel.

(Übersetzung: Jürgen Heiser)



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