Venezuela: ALBA beerdigt ALCA 13
Semantisches Differential: Venezuela im
Der Chávez-Code von El País 16
Deutsche Vorfeldorganisationen in Aktion: Fadenkreuz
Venezuela im Fadenkreuz 17
Bundesministerium des Innern 3
GEHEIM-Jubiläum: 20 Jahre und kein bisschen heiser ... 3 20
Jahre GEHEIM: GEHEIM Das Tor in die Schattenwelt der
Geheimdienste 9 US-Kriegsszenarien: Außenminister Steinmeier
verwickelt? 11 GEHEIM bestätigt: Bereiten die USA
Luftschlag gegen den Iran unmittelbar vor? 21
Verbrechen im Namen des Staates: Modernes Mittelalter 22
Westdeutsche Soldaten in Ostasien: Wie die Bundeswehr
in Vietnam Kriegserfahrungen sammelte 25
George H.W. Bush Seine Verbrechen in
Lateinamerika 28
Geopolitik, Aus der GEHEIM-Redaktion 2 GEHEIM-Kommentar
10
Manipulation, Tasio meint 14 Ausgewertet 19 Naming Names 27
Subversion Punkt 1: Venezuela im Fadenkreuz
Punkt 2: 20 Jahre GEHEIM
Punkt 3:
Ein Land zur Weihnachtszeit ins Fadenkreuz zu stellen,
widerspricht dem Usus der Mainstreammedien. GEHEIM schwimmt auch hier gegen den
Strom, weil Weihnachten die beste Zeit ist, damit die auf der Nordhalbkugel
Herrschenden für sie heikle Themen unter den Teppich kehren können.
Denn in diesen Tagen möchte sich die Bevölkerung lieber der
Vorbereitung des wichtigsten christlichen Festes hingeben sowie dem Konsum und
dem Entspannen. Da bleibt wenig Raum und Lust fürs Zeitungslesen oder
Nachrichtenschauen. Und dann kommt noch Neujahr. Danach ist kaum noch ein
westliches Medium fähig, ein Thema aufzugreifen, die schon im
letzten Jahr geschehen ist solange es keinen neuen Anlass dafür
gibt. In der Stille der Weihnachtszeit hervorgerufen auch durch das
Nichterscheinen von Zeitungen lassen sich so manche Feldzüge
besonders gut planen. Neben dem Iran wird Venezuela 2006 im Mittelpunkt
zukünftiger US-Interventionen stehen. Über die Verbindungen zwischen
beiden Ländern hat GEHEIM in der Nummer 1/2005 berichtet. Chávez
hat heute sehr gute Chancen, Ende 2006 die Präsidentschaftswahlen zu
gewinnen. Allein diese Tatsache hat ihn auf die Abschussliste der
US-Neokonservativen gebracht. Hinzu kommt, dass seine Sozialpolitik in
Südamerika Schule macht, wie der Wahlsieg von Evo Morales in Bolivien
zeigt. Kurzum: Die USA verlieren die Kontrolle über ihren
Hinterhof. In der Vergangenheit haben ihre Regierungen gezeigt,
dass sie vor keinem Verbrechen zurückschrecken, um ihre Macht zu sicher.
Deshalb beginnt das GEHEIM-Dossier mit einer geopolitischen Analyse der Lage in
Lateinamerika. Es folgt eine Darstellung der Manipulation des
Chávez-Bildes durch den Einsatz des semantischen Differentials. Den
Abschluss bildet ein Bericht über die Rolle deutscher Parteistiftungen und
Gewerkschaften beim Kampf gegen das bolivarianische Venezuela. GEHEIM belegt
die manipulative Zusammenarbeit von DGB und der SPD-nahen
Friedrich-Ebert-Stiftung in dem Karibikstaat. Eine umfassende Darstellung der
venezolanischen Gegenwart bietet das gerade im Berliner Kai-Homilius-Verlag
erschienene Buch Venezuela not for Sale von GEHEIM-Redakteur
Ingo Niebel.
Das Jahr 2005 nähert sich seinem Ende und somit auch
das 20. Jubiläum des Magazins. Sein Gründer Michael Opperskalski
nimmt das zum Anlass, die beiden Jahrzehnte Revue passieren zu lassen. Ingo
Niebel erzählt, wie er zu GEHEIM stieß.
Wir wünschen unseren Leserinnen und Leser angenehme
Feiertage und einen guten Rutsch ins Neue Jahr.
Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe, E-mails
oder Faxe an die Redaktion zu kürzen. Anonyme Leserbriefe, E-mails oder
Faxe werden prinzipiell nicht abgedruckt. Sollten die Verfasser jedoch unter
Angabe eines Pseudonyms abgedruckt zu werden wünschen, so kann dies mit
der Redaktion abgesprochen werden, allerdings nur, wenn die tatsächliche
Identität des Schreibers bekannt gemacht wird.
BKA UND FOLTER
Täuschen und Lügen Berlin/Beirut/Ramstein
Das deutsche Innenministerium hat seit mindestens drei Jahren amtliche
Kenntnis von systematischen Folterungen im Einflussbereich des
Bundeskriminalamts (BKA). Die Opfer wurden auf Berliner Verlangen im Libanon
verhaftet, anschließend der berüchtigten Hängefolter
(Ballanco) ausgesetzt und später von BKA-Be-amten
verhört. Zuvor war eines der Folteropfer vom BKA-Partnerdienst
krankenhausreif geschlagen worden und musste aus der Folterhaft in
ärztliche Behandlung. Obwohl die Folterpraktiken der Wiesbadener
BKA-Zentrale im Dezember 2002 schriftlich gemeldet wurden, unterblieb die
Strafverfolgung. Selbst eine persönliche Unterrichtung des
BKA-Präsidenten Jörg Ziercke im August 2004 führte zu keinerlei
feststellbaren Maßnahmen des Generalbundesanwalts Kay Nehm. Nehm
untersteht der Justizministerin Brigitte Zypries; die politische Aufsicht
über das BKA hatte zum Tatzeitpunkt der deutsche Innenminister Schily
inne. In die Verantwortung der Vorgängerregierung fällt auch die
Hinnahme eines Menschenraubs, bei dem die Täter am 17. Februar 2003 den
Flughafen im deutschen Ramstein als Operationsbasis benutzten. Die von
german-foreign-policy.com recherchierten Umstände widerlegen
sämtliche Schutzbehauptungen der deutschen Behörden. Quelle:
http://www.german-foreign-po-licy.com/de/fulltext/56168, Newsletter vom
19.12.2005
BUNDESPOLIZEI
Schily ernennt neuen Leiter der GSG 9 Berlin.
Bundesinnenminister Otto Schily hat kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt am
11. November 2005 den Polizeidirektor Olaf Lindner zum Leiter der GSG 9
ernannt. Lindner besitzt langjährige Erfahrung in der Bundespolizei und
war zuvor mehrere Jahre stellvertretender Leiter der Spezialeinheit. Der
bisherige Leiter der GSG 9, Friedrich Eichele, wurde von Innenminister Otto
Schily zum Vizepräsidenten des Bundespolizeipräsidiums Mitte in
Fuldatal berufen.
Bundesinnenminister Otto Schily: Olaf Lindner und
Friedrich Eichele sind umsichtige und erfahrene Leistungsträger, die das
uneingeschränkte Vertrauen des Bundesinnenministeriums besitzen.
Polizisten mit solchen vorbildlichen Kenntnissen und Erfahrungen werden in der
Bundespolizei auch an anderer Stelle mit noch höherer Verantwortung
gebraucht.
Bundesinnenminister Otto Schily würdigte die
erfolgreiche und vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Spezialeinheit und
dankte den Beamten der GSG 9 stellvertretend für alle Beschäftigten
der Bundespolizei für die geleistete Arbeit: Ich habe mich auf die
Bundespolizei stets verlassen können. Wann immer es geboten war, war die
Bundespolizei zur Stelle egal an welchem Ort und zu welcher Zeit.
Quelle: Pressemitteilung Bundesministerium des Innern
GEHEIM-JUBILÄUM
IRAK
Entführte Osthoff Eine Mitarbeiterin des BND?
Frankfurt. Die Entführung der Deutschen Susanne Osthoff im Irak
verweist auf ihre Zusammenarbeit mit dem Bundesnachrichtendienst (BND). Die
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) veröffentlichte am 23. Dezember 2005
auf ihrer Internetseite entsprechende Hinweise, die nicht in der Druckausgabe
zu finden waren. In der Online-Aus-gabe heißt es: Durch private
Kontakte zu den Mitarbeitern des BND im Irak hatte Susanne Osthoff Mitglieder
des Duleimi-Stammes kennengelernt. Dieser Stamm gehört zum
sunnitischen Establishment. Seine Mitglieder besetzten wichtige Position in der
Regierung von Saddam Hussein. Die FAZ schreibt weiter: Vor ihrer Abfahrt
aus Bagdad in den Norden brachte die deutsche Archäologin in Begleitung
eines Mitarbeiters des BND das für ihr Projekt in Mossul ausgezahlte Geld
noch zur Bank. Sie gab ihm einen Zettel mit dem Namen des Farers und der
Autonummer und verschwand. Diese Informationen der konservativen
Tageszeitung bestätigen Vermutungen, die bisher lediglich einige kritische
Medien, wie der Informationsdienst german-foreign-policy, angestellt haben.
Somit stellt sich zum einen die Frage nach der Rolle des BND im Irak, zum
anderen ob US-Geheimdien-ste hinter der Entführung stecken, um ihren
deutschen Partner in die Schranken zu weisen.
20 Jahre und kein bisschen heiser ... Michael
Opperskalski lässt die Geschichte des Magazins Revue passieren 20
Jahre ist es her, als im Frühsommer 1985 die 0-Nummer von GEHEIM das Licht
der Welt erblickte eine lange Zeit, mit vielen Höhen und Tiefen
inzwischen. Und dennoch ist GEHEIM eigentlich noch älter, denn die Idee
für ein geheimdienstkritisches Magazin in der BRD wurde Anfang der 80er
Jahre im sandinistischen Nicaragua geboren. Hintergrund für diese
Gedankenspiele damals waren Entwicklungen in den USA, aber auch
revolutionäre Herausforderungen in Iran, Afghanistan, Nicaragua, El
Salvador oder Grenada, die das Imperium mit massivsten Destabilisierungen bis
hin zum Aufbau von Con-tra-Armeen beantwortete.
GEHEIM-Gründer Michael Opperskalski fuhr auf Einladung
der sandinistischen Befreiungsfront nach Managua. Im Gepäck: geheime
CIA-Doku-mente, die revolutionäre Studenten zuvor bei der Besetzung der
US-Botschaft in Teheran erbeutet hatten. Das Ziel: diese Dokumente wie auch die
Erfahrungen umfangreicher CIA-Operatio-nen im Iran der FSLN in Nicaragua zur
Verfügung zu stellen. Michael Opperskalski war einer der ersten gewesen,
der im Iran Zugriff auf ungezählte, geheimste CIA-Papiere bekam und
zugleich Augenzeuge der US-Destabilisierungen wurde, in deren Zentrum
Operationen der CIA waren. 1982 veröffentliche er daher gemeinsam
mit Günter Neuberger, der später Co-Gründer von GEHEIM werden
sollte im Lamuv-Verlag das Buch CIA im Iran, in dem sich
viele dieser CIA-Papiere wieder finden.
Vor diesem Hintergrund stieß Michael Opperskalski in
Nicaragua auf nordamerikanische Kollegen, die in den 70er Jahren eine
publizistische Anti-CIA-Bewegung auf die Beine gestellt hatten. Zu
dieser Bewegung gehörten
1986: Opperskalski (GEHEIM/Top Secret) wird in Managua
für seine Unterstützung des sandinistischen Nicaragua ausgezeichnet
auch ehemalige CIA-Agenten wie Philip Agee und John
Stockwell, die mit der Agency gebrochen hatten, die ihnen während ihrer
Tätigkeit bekannt gewordenen schmutzigen Tricks enthüllten und ihre
Erfahrungen Opfern von nordamerikanischen Destabilisierungen zur Verfügung
stellten. Im Zentrum dieser Aktivitäten standen zwei Magazine:
Covert Action Information Bulletin (später und heute noch: Covert
Action Quarterly) und The National Reporter. Beide Magazine
hatten sich ganz konsequent im Rahmen ihrer
Enthüllungsarbeit auch auf die Enttarnung von CIA-Agenten spezialisiert,
die unter diplomatischer (oder anderer) Maske weltweit aktiv sind. Bekannt
wurde dieser publizistische Aspekt der Anti-CIA-Arbeit als
Naming Names.
Reagans Schlag gegen die Pressefreiheit Kaum war Ronald
Reagan zum US-Prä-sidenten gekürt worden, verschärfte die neue
nordamerikanische Administration ihre weltweite Offensive gegen alle
gesellschaftlichen Prozesse, die aus ihrer Sicht ihren Hegemonialinteressen im
Wege standen. Moskau wurde zum Reich des Bösen, in Afghanistan
liefen milliardenschwere CIA-Operatio-nen an, um die Sowjetunion am
Hindukush ausbluten zu lassen, gegen das sandinistische Nicaragua wurde
eine Contra-Armee mit allen Mitteln aufgebaut, die kleine Karibik-Insel Grenada
militärisch überfallen das Imperium schlug zurück. Im
Schlepptau dieser Offensive verstärkte der nordamerikanische Geheimdienst
CIA seine Aggressionen. Diese weiter abzusichern, diente die Verabschiedung des
so genannten Identities Protection Act 1980, das jeden
US-Bürger mit horrenden Strafen bedroht, der Namen aktiver CIA-Agen-ten
veröffentlicht oder in irgendeiner Form zu deren Veröffentlichungen
beiträgt. Das bedeutete in Konsequenz, dass die Zeitschriften der
Anti-CIA-Bewegung in den USA nicht nur ihr Naming Names
einstellen mussten, sondern auch bei jeder publizistischen Enthüllung der
immer aggressiver werdenden dirty tricks der CIA einen juristischen
Seiltanz begannen. Nur logisch, dass sich die US-amerikanischen Kollegen
fragen: Wie weiter? In dieser Situation und vor diesem Hintergrund
entwickelten sich in Nicaragua die Diskussionen um die Möglichkeiten, in
anderen Ländern, möglichst in Europa, das fortzusetzen, was in den
USA verboten worden war. Zunächst in Form von Büchern: CIA in
Westeuropa und CIA in Mittelamerika (beide im La-muv-Verlag).
GEHEIM erblickt das Licht der Welt 1985 war es
schließlich soweit: Aus einer Idee, geboren und gewälzt in vielen
Diskussionen, wurde Realität. Die 0-Num-mer von GEHEIM wurde
veröffentlicht mit dem Ziel, zu testen, ob diese Art des
Enthüllungsjournalismus auf Interesse stoßen würde. Es tat,
gefördert sicherlich auch durch die prompte Reaktion der damaligen
Bundesregierung, die in Person des CSU-Innenstaatsse-kretärs Spranger mit
dem Verbot der Zeitschrift drohte. Das brachte Publizität, schuf
Interesse, ließ auch Solidarität sich entwickeln. Der
Spiegel berichtete und charakterisierte GEHEIM als das Fachblatt
aus Köln.
Seither zieht sich eine rote Linie durch alle
Veröffentlichungen von GEHEIM, die am besten, wenn auch verkürzt als
Partei ergreifender Enthüllungsjournalismus umschrieben werden
kann. Thematisch ist das journalistische Feld von GEHEIM seit der 0Nummer sehr
breit gefächert: es reicht über die Berichterstattung, aber auch
1989: Der angolanische Präsident dos Santos dankt
Opperskalski (GEHEIM/Top Secret) für die Enthüllungen geheimer
Destabilisierungspläne gegen sein Land
die Analyse des Abbaus demokratischer Rechte und dem
damit einhergehenden Ausbau des Repressionsinstrumentariums in der BRD bis hin
zu den Enthüllungen der schmutzigen Tricks der CIA und mit ihr
verbündeter Geheimdienste (z.B. Israels MOSSAD oder Großbritanniens
MI6). Dazu gehört wie selbstverständlich jedoch auch das in den USA
verbotene Naming Names oder die Entlarvung geheimer strategischer
Konzeptionen.
Parteiisch war und ist GEHEIM von Beginn an. Nicht nur, weil
sich Redakteure und Autoren sehr bewusst als Teil einer demokratischen und
progressiven Gegenöffentlichkeit begreifen, sondern vor allem
auch, weil die Veröffentlichungen von GEHEIM Partei ergreifen für die
Opfer seien es Berufsverbotsopfer in der Bundesrepublik oder von
CIA-Destabilisierungen bedrohte gesellschaftliche Entwicklungen, seien es
diversen Repressionsmaßnahmen Ausgesetzte oder Befreiungsbewegungen
(Stichworte: die namibianische SWAPO oder der südafrikanische ANC). Damit
wird verständlich, dass GEHEIM zum Beispiel auch von Beginn an den
revolutionären Prozess auf Cuba publizistisch unterstützte und
inzwischen über ungezählte nordamerikanische aber auch
europäische Verschwörungen gegen die rote Insel in der Karibik
berichtete.
Einige wenige konkrete Beispiele 1986: GEHEIM berichtet
über einen CIA-Mordversuch gegen den sandinistischen Außenminister
Nicaraguas, und Manfred Bissinger beleuchtet die Gründe, warum so viele
bundesdeutsche Journalisten für Geheimdienste arbeiten 1987: GEHEIM
enthüllt wesentliche Teile und Strukturen des CIA-Geheim-dienstnetzes in
der Bundesrepublik, die Bespitzelung der Grün-Alternativen
Liste in Berlin, BND-Strategien in Afghanistan sowie CIA-Putsch und
Mordpläne gegen Libyen, deren Fäden bis in die Bundesrepublik reichen
1988: erneut beleuchtet GEHEIM BND-Aktivitäten in Afghanistan, aber auch
das, was im Zuge der Iran-Gate-Veröffentlichungen nicht an die
Öffentlichkeit kommen sollte, sowie die Drogengeschäfte der CIA 1989:
GEHEIM macht Schlagzeilen: Wir veröffentlichten aus den
Panzerschränken des so genannten Verfas-sungsschutzes
Verkartungspläne, die Aufschluss über die Strukturen des
Bespitzelungen durch den bundesdeut-
GEHEIM veröffentlich den Verkartungsplan des
Verfassungsschutzes
schen Inlandsgeheimdienstes geben. Auf den Philippinen
berichteten fast alle Tageszeitungen über GEHEIM-Ent-hüllungen
über getarnt arbeitende CIA-Agenten, die tief verstrickt waren in die
Aufstandsbekämpfung des reaktionären Regimes in Manila. Auch der
Artikel Gestärkte Achse Washington-Preto-ria (Nr. 2-3/1989)
machte Furore als Beispiel für das aktive Engagement des Magazins an der
Seite der Befreiungsbewegungen des südlichen Afrikas, ANC und SWAPO.
GEHEIM zerrte nicht nur Einzelheiten des schmutzigen Krieges der
Apartheid-Geheimdienste an die Öffentlichkeit, sondern auch deren
strategische Allianz mit der CIA 1991: GEHEIM enttarnt eine Außenstation
des BND in Hamburg
1992: ,Mountaineer antwortet nicht mehr
lautet der Titel eines GEHEIM-Artikel, der von der Hauptstadt Ghanas, Accra,
bis hin nach Johannesburg und Washington für Schlagzeilen sorgt. Der
Artikel beschreibt nicht nur bis in alle Einzelheiten einen CIA-Putschversuch
in dem westafrikanischen Staat, sondern auch ein gelungene Operation des
südafrikanischen (Apartheid-)Militärge-heimdienstes DMI zur
Unterwanderung des ANC 1993: GEHEIM veröffentlicht
Verfas-sungsschutz-Aktionen gegen den GE-HEIM-Autor Thilo Weichert
und behält seine prominente Rolle in Südafrika durch weitere
Enthüllungen 1995: Einzelheiten des BND-Plutoni-umschmuggelskandals finden
sich in GEHEIM wieder 1996: GEHEIM berichtet über verdachtlose
Telefonüberwachung durch den BND sowie über einen gescheiterten
Putschversuch der CIA gegen Saddam Hussein 2000: Eine GEHEIM-Serie über
geheime Aktionen gegen die DDR sorgt für Diskussionen 2001:
GEHEIM greift in die Debatte über die Vergangenheit
Bundesaußenministers Joseph Fischer ein. Bohrende Fragen zu
möglichen Geheimdienstverstrickungen Fischers (CIA?) werden gestellt,
Indizien zusammengetragen, Konsequenzen aufgezeigt. GEHEIM gehört zu den
Ersten, die Zweifel an der offiziellen Version(en) der Hintergründe der
Terroranschläge vom 11. September äußert und auch nachweist
2002: Osama bin Laden, der Mann mit den vielen
Gesichtern, lautet eine Coverstory von GEHEIM, die die
CIA-Hintergründe des angeblichen Al-Qai-da-Chefs aufzeigt. Gleichzeit
entlarvt GEHEIM die US-Kriegsvorbereitun-gen gegen den Irak und die diese
absichernden, geheimdienstlich gesteuerten Desinformationskampagnen 2003:
GEHEIM berichtet detailliert über die Maßnahmen der USA unter dem
Deckmäntelchen der Demokratie gegen Venezuela 2004: GEHEIM
veröffentlicht unbekannte Dokumente des irakischen Widerstandes, aber
zugleich auch Einzelheiten der US-Destabilisierungspläne gegen Venezuela
und Cuba (High Noon in der Karibik lautet das GEHEIM-Dossier) 2005:
GEHEIM beschreibt en Detail die Kriegspläne der USA gegen Iran,
GEHEIM enthüllt eine BND-Station in Hamburg
Aspekte aus Geschichte und Gegenwart
der CIA sowie die Rolle geheimdienstlich gesteuerter
Propagandakampagnen
(Geheimdienste und Medien Geschichte und
Gegenwart der Desinformation)
Besonderes Gewicht bekamen viele GEHEIM-Stories durch die
Existenz des englischsprachigen Schwestermagazins von GEHEIM, Top Secret, das
zwischen 1988 und 1993 erschien und sich in wesentlichen Teilen auf GEHEIM
stütze, dessen Artikel in Englisch nachdruckte oder zusammengefasst
wiedergab.
Von Anfang an im Visier der Dienste Mit dem Erscheinen
der Nullnummer von GEHEIM 1985 entstand auch das gespannte Verhältnis
zwischen den Machern der Zeitschrift und dem bundesdeutschen
Inlandsgeheimdienst namens Bundesamt für Verfassungsschutz
(BfV) und seinen politischen Agentenführern. Kurz nach dem bekannt werden
der Existenz von GEHEIM drohte der christdemokratische Dienststelle und in
welcher Weise umgesetzt worden?
1989 beantwortete die schwarzgelbe Regierung per Drucksache
11/4294 eine Anfrage der GRÜNEN-Politikerin Schilling: Wie in der
Antwort auf die mündliche Anfrage des Abgeordneten Krey im Deutschen
Bundestag am 28. Februar 1985 dargelegt wurde, sind die verantwortlichen
Redakteure des Magazins GEHEIM in der Vergangenheit als Mitarbeiter
kommunistisch orientierter Publikationen bekannt geworden. Für die
Beobachtung entsprechender linksextremistischer Bestrebungen ist das Bundesamt
für Verfassungsschutz zuständig; es hat diese gesetzliche Aufgabe
auch weiterhin zu erfüllen. Des weiteren stellt die Bundesregierung
fest: Soweit Fragen darauf zielen, ob und ggf. welche operative
Maßnahmen des Verfassungsschutzes durchgeführt worden sind, muss
eine Beantwortung aus Geheimhaltungsgründen unterbleiben.
Hinter diesen vorgeblichen Gründen der Geheimhaltung
verstecken sich seitdem das BfV und die entsprechenden Landesämter, wenn
es ihnen darum
Symbolischer Dank für engagierte
Solidarität: SWAPO-Mitgliedsausweis für Opperskalski
wachten auch die Pullacher Schlapphüte die
Aktivitäten des Kölner Journalisten und seiner Kollegen.
Solange die Archive der Dienste verschlossen bleiben und es
keinen Bundesbeauftragten für die BfV-, MAD-, BND-Akten gibt,
der Interessierten ihre Akten zugänglich macht, ist es nicht möglich,
konkrete Angaben über das Ausmaß geheimdienstlicher Überwachung
zu machen. Die folgende Aufzählung kann lediglich einen groben Rahmen
abstecken.
Eine nicht ganz vollständige Aufzählung 1988,
1990 und 1991 entging Michael Opperskalski nur knapp Anschlägen, die mit
der CIA kooperierende Dienste und Gruppen auf den Philippinnen, in Namibia und
Zimbabwe gegen ihn verübt beziehungsweise geplant hatten. Auf den
Philippinen war das ausführende Organ eine marodierende
Vigilan-te-Gruppe, in Namibia und Zimbabwe der südafrikanische
militärische Apar-teid-Geheimdienst DMI.
1992 beschäftigte sich die United Sta
tes Information Agency (USIA) sehr intensiv mit dem
Journalisten. Im Internet definiert sie sich jetzt als eine
unabhängige, außenpolitische Agentur, die die US-Außenpolitik
und nationale Interessen unterstützt. Der Rückblick auf ihr
Bestehen 1953-1999 im Dienste des USAußenministeriums trägt den
signifikanten Untertitel: Telling Americas Story to The
World. Tatsache ist jedoch, dass die USIA immer wieder von
US-Staatssekretär im Bundesinnenministerium Spranger mit dem Verbot der
kritischen Zeitschrift. Das führte zu einer ersten Anfrage der Fraktion
Die GRÜNEN im Bundestag. Diese wollte wissen: Wie ist
die Ankündigung der Bundesregierung ... die Publikationstätigkeit der
nachrichtendienstkritischen Zeitschrift GEHEIM müsse weiter beobachtet
werden vor einer etwaigen Verbotsentscheidung, seither durch welche geht, ihre
operativen Maßnahmen, also die Bespitzelung der Redakteure
und ihres Umfeldes durch menschliche Quellen und technische Mittel, geheim zu
halten. Der Auslandsgeheimdienst BND (Bundesnachrichtendienst) darf an dieser
Stelle auch genannt werden. Wegen der internationalen Kontakte des
GEHEIM-Gründers Michael Opperskalski und des englischsprachigen
Schwestermagazins Top Secret über-
Das englischsprachige Schwestermagazin von GEHEIM, Top
Secret
Geheimdiensten instrumentalisiert wurden und werden,
insbesondere hinsichtlich der Verbreitung organisierter
Desinformationskampagnen. Im Juni 1992 verfasste diese
US-Regierungs-behörde einen Bericht für das Repräsentantenhaus,
der sich mit den Soviet Active Measures in the Post-Cold-War
Era 1988-1991 befasste. Namentlich aufgeführt und mit einem eigenen
Kapitel versehen (!) sind GEHEIM, Top Secret und ihr Gründer
Opperskalski. Angaben über weitere Redaktionsmitglieder und Autoren
fehlen. Den anonymen Verfassern der offiziellen US-Publikation ist es besonders
wichtig, die Bedeutung des Naming Names, also das Entlarven von Agenten der CIA
und andere US-Dienste, sowie dessen Aussagekraft zu relativieren. Als
Kronzeugen führen sie einen Überläufer des tschechoslowakischen
Dienstes an, der 1980 in einer Anhörung vor dem US-Kon-gress behauptete,
beim Naming Names handele es sich um eine sowjetische
Desinformationstechnik. Ein weiterer Punkt, der den US-Amerikanern
besonders schmerzte, waren die Veröffentlichungen in Top
Secret über die Experimente mit dem AIDS-Virus in
US-Militärlabors. Die unbekannten Autoren des US-Berichts mutmaßen,
GEHEIM habe die AIDS-Stories von Top Secret nicht übernommen,
weil die AIDS desinformation story bei der europäischen
Leserschaft weniger Glaubwürdigkeit besäße als in Afrika.
Besondere Beachtung schenken die US-Autoren den publizistischen Widerhall, den
Top Secret-Artikel 1991 in Namibia gefunden hatten. Damals gelang
es Opperskalski, zu zeigen, wie us-ameri-kanische und südafrikanische
Dienste versuchten, die ersten freien Wahlen im ehemaligen
Deutsch-Süd-West zu beeinflussen. Dem Bericht der USIA
lässt sich weiter entnehmen, dass die unbenannten Autoren auch
Opperskalski Buchpublikationen über die CIA in Mittelamerika, Iran,
Westeuropa und in der Dritten Welt im Blick gehabt haben. Nach einer kurzen
Unterbrechung, bedingt durch die Reorganisation von GEHEIM und Top
Secret, erscheinen beide Magazine im Herbst 1992 wieder. Der US-Report
schließt das Kapitel GEHEIM und Top Secret mit den Worten:
Es wird interessant sein, den Inhalt von Geheim [kursiv i. Original, die
Red.] und zukünftiger Themen im Licht seiner finanziellen Reorganisation
zu untersuchen.
1992 erschien im Washingtoner National Intelligence
Book Center das Buch The Readers Guide to Intelligence
Periodicals von Hayden B. Peake, dem von Insidern engste Beziehungen zur
US-Geheimdienstgemeinde nachgesagt werden. Der Autor stellt umfassend das
englische Top Secret vor, GEHEIM erscheint nur am Rande. Inhaltlich
deckt sich seine Darstellung mit dem USIA-Report. Unterschiede ergeben sich in
der Fokussierung auf einige Details. Peake gibt beispielsweise den Mordversuch
der CIA auf den Philipppinnen gegen Opperskalski wieder, sowie er in Top
Secret veröffentlich worden war. Des weiteren konstatiert er:
TOP SECRET [sic] schreibt negativ über andere westliche Dienste, wie
zum Beispiel den Mossad. Es ist überschwänglich mit dem kubanischen
DGI und über den alten [sic] KGB schreibt es überhaupt
nichts Kritisches. Erneut muss ein Überläufer herhalten,
diesmal ein Russe, der die Spekulationen um eine mögliche
Moscow-Connection untermauern soll. Peake meint hierzu: Falls
es so ist, dann könnte das neue russische Regime bedeuten, dass
Veränderungen auf T[op] S[ecret] zukommen.
Im Mai 2003 legte dann ein gewisser Herbert Romerstein nach.
In einem längeren Artikel unter der Titelzeile Cuba gehört zur
Achse des Bösen behauptet der Mann, GEHEIM sei Teil eines
internationalen Netzwerkes, dessen Existenz belege, dass Cuba in den so
genannten internationalen Terrorismus verwickelt sei und eben
deshalb zur Achse des Bösen gezählt werden müsse:
Sogar in Deutschland gegen Unterstützer Cubas propagandistische
Hilfestellung für die Unterstützung von Terroristen. Und er
nennt explizit GEHEIM, das seit Beginn der 90er Jahre einen
deutlichen cubanischen Geschmack
habe. Als Beispiele für die angebliche
propagandistische Unterstützung für
Terroristen durch GEHEIM führt er Artikel zur Verteidigung der 5
widerrechtlich in den USA eingesperrten cubanischen Patrioten oder zur
Verteidigung des irakischen Volkes sowie eine nicht existente publizistische
Verteidigung der Abteilung von Al-Quaida auf den Philippinen, Abu
Sayaf an. Der Mann ist nicht irgendein durchgeknallter Wirrkopf, sondern
zählt zu den geheimdienstlich angebundenen, prominenteren Propagandisten
der Neokonservativen in den USA, war jahrelang als Berater oder Gutachter
für diverse Senats- und Kongressausschüsse sowie die staatliche
Agentur USIA tätig. Der Geruch, der aus dem plumpen Desinformationsartikel
Romersteins entweicht, ist beißend, stinkend: Er unterstreicht die
Forderung geheimdienstlich angebundener neokonservativer Kreise in den USA nach
verstärkten Destabilisierungskampagnen gegen Cuba sowie die Verfolgung
kritischer Personen wie der GE-HEIM-Redakteure als Terroristen
Guantánamo lässt grüßen ...
Auch im Fadenkreuz bundesdeutscher Dienste Zeitlich
parallel zu den Publikationen in den USA gingen in Deutschland diverse
Aktivitäten gegen GEHEIM-Auto-ren von der Bühne.
Im Oktober 1991 hatte der BfV-Präsi-dent Eckart
Werthebach im Zuge einer operativen Maßnahme behauptet, in der
Zeitschrift würden zahlreiche Linksextremisten
mitarbeiten. Die Maßnahme richtete sich damals gegen Dr. Thilo Weichert.
Der Jurist kandidierte für das Amt des Landesbeauftragten für den
Datenschutz in Brandenburg. Später stellte ein Gericht fest, dass das BfV
rechtswidrig ein Dossier über Weichert weitergegeben hatte. Die
Bundesregierung wollte 1992 nicht darauf antworten, worauf ihre Erkenntnisse
über die zahlreichen Linksextremisten in GEHEIM
herrührten. Diesmal zog sie nicht Geheimhaltungsgründe
für ihre unzureichende Antwort heran, sondern zur Abwechslung
Rechtsgründe.
1993 starben unter zweifelhaften Umständen der
RAF-Aktivist Wolfgang Grams und der GSG9- Beamte Newrzella bei einer
BKA-Operation in Bad Kleinen. Ende 1993 reagierte GEHEIM mit einer
Sonderausgabe auf die Ereignisse. Zu den Autoren zählte auch der Polizist
und grüne Bundestagsabgeord-nete Manfred Such.
Die Retourkutsche kam im nächsten Jahr
direkt mehrmals.
Am Dienstag, den 8. November 1994, um 07:00 Uhr, drang ein
BKA-Kom-mando in Michael Opperskalskis Wohnung und Büroräume ein. Der
Grund für die Untersuchung lautete: Stasi-Verdacht. Die
Bundesanwaltschaft verdächtigte den Journalisten, in den 80er Jahren
für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) sowie den kubanischen
Geheimdienst gearbeitet zu haben. Während die Durchsuchung andauerte,
brachten BKA-Beamte den GEHEIM-Redakteur in die Außenstelle nach
Meckenheim. Opperskalski berichtete am 23. November 1994 im Interview mit der
belgischen Wochenzeitung Solidaire von dem Verhör:
So sagte man mir, ein mir niemals namentlich genannter
ehemaliger Offizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) hätte
ausgesagt, dass ich als Inoffizieller Mitarbeiter (IM) für das MfS
gearbeitet hätte, und zwar aufgrund meiner hervorragenden Kontakte in
Afrika und Lateinamerika als Perspektivagent. Zudem sei ich im Auftrag des MfS
verantwortlich für Desinformation
de ich jedoch vorläufig festgenommen und in das
Polizeigefängnis nach Bonn gesperrt, da ich nicht die Aussagen gemacht
hatte, die der Staatsanwalt und die verhörenden Beamte des BKA wohl
hören wollten.
Währenddessen ging die Durchsuchungsaktion weiter.
Die haben ziemlich viel Material mitgenommen, bezeichnenderweise kaum
Material, das man in Beziehung mit den Tatvorwurf bringen könnte,
hauptsächlich jedoch Material, das mit meiner journalistischen und
politischen Arbeit in Verbindung steht: Adressenkarteien, Kopien von auf meinem
Computer abgespeicherten Dateien, Notizzettel, Photographien von
internationalen Konferenzen, Computerdisketten, Zeitungsartikel und
Flugblätter, Informationen über Korea, Südafrika, Kuba, Angola
...
Schon damals vermutete Opperskalski, dass der
Stasi-Verdacht nur als Vorwand diente: Meine journalistische
Tätigkeit ist nicht nur den Geheimdiensten der BRD, sondern des gesamten
imperialistischen Lagers ein Dorn im Auge. Beide Magazine, GEHEIM und Top
Secret, ...beschäftigen sich mit imperiali
ben anderen Journalisten sowie politischen Aktivisten, die
sich am Kampf gegen das südafrikanische Apartheid-Re-gime aktiv beteiligt
hatten zu diskreditieren oder wie auch immer
kaltzustellen.
Ein Verdacht liegt auf der Hand Mit Blick auf die oben
genannten US-Quellen fällt auf, wie der Verdacht der Bundesanwaltschaft
den Bewertungen und Spekulationen von USIA und Peake folgt. Die Frage ist, ob
die Anklagebehörde und ihr zuarbeitende deutsche Dienste sich von der CIA
fernsteuern ließen oder eigenständig handelten.
Unmittelbar nach Bekanntwerden der Verhaftung fanden
weltweit Protestaktionen vor deutschen Vertretungen statt. Zahlreiche
Solidaritätserklärungen gingen bei Opperskalski ein. Wochen
später erhielt Michael Opperskalski die beschlagnahmten Unterlagen wieder.
Die Bundesanwaltschaft konnte ihren Verdacht nicht erhärten. Bleibt also
nach wie vor die Frage, ob die CIA ihre bundesdeutschen
Partnerdienste bei den Aktionen gegen Opperskalski
anleitete. Nur eine Öffnung aller Geheimdienstarchive
könnte hier Klarheit schaffen.
Trotz des Fehlschlages bei der Diffamierung von GEHEIM
ließen die bundesdeutsche Dienste nicht locker und versuchten, ihre
Schwarte anderweitig auszuwetzen.
Im Spätsommer 1994 inszenierte der BND in Kooperation
mit dem bayerischen LKA und spanischer Helfer den Münchner
Plutoniumschmuggel. Aus den Widersprüchen um diesen Schlag
gegen die Atommafia der rechtzeitig vor der Bundestagwahl
erfolgt war entsprang der Bundestagsuntersuchungsausschuss
Plutonium. Die
Solidarität mit dem irakischen Volk: Opperskalski
kurz vor dem US-Angriff in Bagdad
heimdiensten und Interessen zu schaden. Diese
Desinformation hätte ich über die Magazine GEHEIM und Top
Secret sowie andere Medien lanciert. Für all diese Tätigkeit
hätte ich vom MfS dann die stolze Summe von DM 2000 alle drei Monate
bekommen. Ich hätte mich regelmäßig in der Hauptstadt der DDR,
Berlin, mit meinem Führungsoffizier getroffen und sei im MfS
unter dem Code-Namen ABRAHAM gelaufen. Allerdings, so
gab es selbst der Denunziant beim BKA in seinem offiziellen
Verhör zu, hätte ich niemals irgendetwas unterschrieben, das meine
angebliche Agententätigkeit beweisen könnte. Mir wurden
auch keinerlei Dokumente oder andere Beweise für die aus der
Luft gegriffenen Anschuldigungen vorgelegt, die einzig und allein auf den
denunziatorischen und konstruierten Aussagen eines angeblich existierenden
ehemaligen Offiziers des MfS basieren!
Beim BKA setzte man daher auf psychischen Druck, um den
Journalisten zu entsprechenden Aussagen zu verleiten. Opperskalski erinnert
sich: Zunächst sagte man mir, man hätte nur einige Fragen und
ich könne nach deren Beantwortung nach Hause gehen. Am Abend wur
stischen Destabilisierungen und Strategien, bei denen die
Geheimdienste eine nicht zu unterschätzende Schlüsselrolle
spielen. Konkret meint der Journalist: So enthüllten wir die
Destabilisierungsstrategien des Apartheid-Regimes iim Wahlkampf 1989 gegen die
Befreiungsbewegung SWAPO, wir veröffentlichten Komplotte und
Hintergründe von Mordanschlägen gegen den ANC oder das CIA-Netz auf
den Philippinen, das als Rückgrat im Kampf gegen die revolutionäre
Bewegung dieses Landes zu sehen ist.
Kurz vor der BKA-Aktion gegen ihn hatte Opperskalski eine
Warnung erhalten. CIA und südafrikanischer Geheimdienst hätten die
Operation Skorpion gestartet, die zum Ziel hatte, ihn
ne-Bundestagsgruppe der PDS engagierte den damaligen GEHEIM-Redakteur
Hans-Peter Bordien als ihren Berater. 1995 stufte der Sicherheitsbeauftragte
des Bundestages ihn nach erfolgter Sicherheitsüberprüfung
als Sicherheitsrisiko ein. Der Grund: Seine Tätigkeit in
GEHEIM.
1995 erfolgt die Nennung der Zeitschrift im
Verfassungsschutzbericht 1994. Sie sei
linksextremistisch, heißt es dort. Die Wochenpost
(27.7.1995), die FAZ (28.7.1995) und die rechtsextreme Junge Freiheit
(28.7.1995) reagieren mit entsprechenden Kampagnen auf die Verlautbarung der
Schlapphüte aus Köln. Ins Fadenkreuz der Medienkampagne geriet der
grüne Politiker Manfred Such wegen seines Beitrages in der Bad
Kleinen-Ausgabe. Der Abgeordnete saß damals für die
GRÜNEN in der Parlamentarische Kontrollkommission (PKK), die die
Geheimdienste überwachen soll.
1996 geriet dann der GEHEIM-Re-dakteur Rolf
Gössner in die Schlagzeilen. Der Rechtsanwalt und Berater der Grünen
im niedersächsischen Landtag hatte beim BfV um Auskunft über seine
Akte nachgefragt. Aus der Antwort ergab sich, dass der Geheimdienst
Gössner seit einem Vierteljahrhundert beobachtete. Die Spione lasteten ihm
an, dass Artikel von ihm in linksextremistischen oder
linksextremistisch beeinflussten Zeitschriften erschienen seien.
GEHEIM stand dort neben den Blättern für deutsche und
internationale Politik und Demokratie und Recht. Neben
Gössners Publikationen habe das BfV auch weitere personenbezogene
Daten über den Polizei- und Geheimdienstkritiker gespeichert,
hieß es weiter. Gegen Gössners Bespitzelung protestierten unter
anderem zahlreiche Schriftsteller, von Carl Amery über Lew Kopelew und
Erasmus Schöfer bis hin zu Gerhard Zwerenz. Der Verband Deutscher
Schriftsteller forderte die Einstellung der Überwachung und die
Offenlegung aller gespeicherter Daten. 1997 stellte die Fraktion von
Bünd-nis90/Die GRÜNEN hierzu eine Anfrage an die Bundesregierung. Die
schwarzgelbe Exekutive antwortete wie gewohnt ausweichend. So hieß es
unter anderem, die Erhebung von personenbezogenen Daten durch den
Verfassungsschutz behindere nicht die Ausübung der beruflichen
Tätigkeit durch den Betroffenen.
Im Verfassungsschutzbericht 1995, der 1996
erschien, hatten die anonymen Autoren GEHEIM nicht erwähnt. Nach der
Berichterstattung über Rolf Gössners Bespitzelung tauchte die
Zeitschrift erwartungsgemäß in der Ausgabe des Jahres 1997 auf.
Seitdem fanden keine offenen Maßnahmen gegen die
Zeitschrift oder ihre Redakteure statt. Erst 2002 fällt der Name GEHEIM
wieder bei der Antwort der rotgrünen Bundesregierung auf eine Anfrage der
CDU/CSU-Fraktion. Demnach rechnet das Bundesministerium des Innern GEHEIM
weiterhin als Teil des linksextremistischen Spektrums ein.
Allerdings häufen sich in jüngerer Vergangenheit
Verleumdungskampagnen gegen GEHEIM-Redakteur Opperskalski in linken Kreisen
(vgl. dazu auch: GEHEIM, Nr. 2/02). Dort wird behauptet, dieser arbeite
für den Verfassungsschutz. Indizien weisen darauf hin, dass es
eben jener Inlandsgeheimdienst ist, der dieses Gerücht in die Welt setzte,
um den GEHEIM-Redakteur zu diskreditieren. In eine ähnliche Richtung
zielte vor geraumer Zeit die Behauptung, Opperskalski arbeite für den
britischen Geheimdienst. Als eigentliche Quellen hierfür lassen sich dabei
so
20 JAHRE GEHEIM
wohl der südafrikanische militärische
Apartheid-Geheimdienst DMI als auch der türkische MIT nachweisen. Dass die
tatsächlichen Urheber jedoch im CIA-Hauptquartier in Langley sitzen
könnten, lässt sich lediglich annehmen. Das Ziel dieser
Diffamierungskampagnen liegt ganz offensichtlich auf der Hand. Die Redakteure
von GEHEIM sollen gezielt diskreditiert werden, um sie für den Fall
erneuter, direkter Repressionen notwendiger Solidarität zu berauben und
sie als Sahnehäubchen auf dem Kaffee bereits jetzt
unglaubwürdig zu machen.
Über die operativen Maßnahmen können die
GEHEIM-Redakteure nur Spekulationen anstellen. Hier und da tauchen technische
Probleme bei der Kommunikation per Post, Handy und Telefon auf, die vermuten
lassen, dass jemand die Bedienungsanleitung seines IMSI-Catchers
noch nicht richtig verstanden haben könnte. Erhärtet werden solche
Spekulationen jedoch durch eine nachgewiesene Abhöraktion im unmittelbaren
Umfeld der GEHEIM-Re-dakteure. Gespenster sieht die Redaktion trotzdem nicht
und bereitet in aller Ruhe und der nötigen Umsicht auf die nächsten
Ausgaben vor in der Gewissheit, dass eines Tages auch die Archive von
BND, BfV und MAD in Camp Nikolaus, der Merianstraße 100 und dem Heeresamt
in Köln für interessierte Bürgerinnen und Bürger offen
stehen werden.
GEHEIM Das Tor in die Schattenwelt der Geheimdienste
Ingo Niebel erinnert sich, wie er zum Magazin stieß 1994 nahm
die bayerische Polizei drei Plutoniumschmuggler in München fest. Daraus
machten CDU und CSU ein Medienereignis, weil wenige Wochen später ein
neuer Bundestag gewählt würde. Da sich unter den Verhafteten zwei
Basken mit spanischer Staatsangehörigkeit befanden, erhielt ich von
baskischen Medien den Auftrag, über den Fall zu berichten. Schon bald
zeigte sich, dass der Schmuggel eine Vorgeschichte besaß, die
nicht so recht in das Bild passte, das die Regierung und ihre
Sicherheitsbehörden gezeichnet hatten. Es dauerte nicht lange,
bis die ersten Hinweise auftauchten, wonach der Bundesnachrichtendienst (BND)
die Aktion in Spanien mit Hilfe eines Agent Provocateurs
eingefädelt hatte. Das Bundeskriminalamt (BKA) war ebenfalls involviert.
Die Parlamente in Bonn und München setzten Untersuchungsausschüsse
ein, die die Affäre aufklären sollten. Ihre Arbeit war ein
Bestandteil meiner Berichterstattung. Ein anderer stellte ein mysteriöser
Osteuropäer dar, der in der Vorgeschichte des Schmuggels in Spanien, eine
wichtige Rolle spielte.
Ich betrat damals Neuland. Von Geheimdiensten wusste ich
gerade mal das, was ich in der Presse und in Romanen gelesen oder im Kino
gesehen hatte. Und investigativer Journalismus spielte sich bei mir in den
Büchern von Günter Wallraff ab. Bei der Suche nach weiteren
Informationsquellen erhielt ich aus Bonner Parlamentarierkreisen den Tipp:
Du kommst doch aus Köln. Dann müsstest du doch das Magazin
GEHEIM kennen. Nein, ich kannte es nicht. Also verabredete ich mich mit
den beiden Redakteuren Michael Opperskalski und Hans-Peter Bordien in
Köln. Beide brachten mir die Praxis und Theorie der Geheimdienste
näher. Dank ihrer Erfahrungen und Hinweise wurde die Schattenwelt der
Schlapphüte hier und da sichtbarer.
Die Recherche im Plutoniumfall führte mir vor Augen,
dass wir quasi in zwei Paralleluniversen leben: auf der einen Seite das
alltägliche Leben, auf der anderen die Aktionen und Manöver der
Nachrichtendienste. Die Suche nach dem mysteriösen Osteuropäer
führte schnurstracks in die Organisierte Kriminalität ukrainischer
Herkunft. Dabei stieß ich auf den Mord an einigen Prostituierten, der mir
einerseits die Grenzen journalistischer Arbeit vor Augen führte: Es gab
(und gibt) Bereiche, wo es Usus ist, mit einer Kugel die definitive Antwort auf
eine lästige Frage zu geben. Dabei lernte ich ebenfalls, dass wir doch
nicht alle vor dem Gesetz gleich sind: Manche sind gleicher. Zum Beispiel der
Osteuropäer. Er schien so etwas von gleicher zu sein, dass deutsche
Sicherheitsbehörden über ihn nichts wussten, geschweige
denn in der Lage gewesen wären, ihn dingfest zu machen. Andererseits
erfuhr ich bei der Rekonstruktion jener Geheimdienstoperation, wie die
Herrschaften Menschen manipulieren können, damit sie zur richtigen Zeit an
der richtigen Stelle auf der Bühne erscheinen und wieder abtreten. Diese
Manipulierbarkeit machte auch vor den Untersuchungsausschüssen nicht halt.
Die beiden Gremien untersuchten lediglich eine Ebene des Plutoniumskandals,
nämlich die, die durch die Medien bekannt war. Die andere interessierte
offensichtlich deshalb nicht, weil sie ganz neue Fragen aufgeworfen hätte
und so jene Dinge ans Licht gebracht hätte, von denen die Aktion in
München aller Wahrscheinlichkeit nach ablenken sollte.
Dieser konkrete Fall belegte die Existenzberechtigung
von GEHEIM und ael Oppersklaski berichtete darüber, wie das Modell
Chile wieder Anwendung fand. Ich konnte die widersprüchliche und
manipulative Nachrichtenlage im April 2002 in Spanien verfolgen, einem Land,
dessen Regierung maßgeblich an der Vorbereitung und Absicherung des
Putsches beteiligt war. Das Interesse an Hugo Chávez Politik und
der tatsächlichen Situation in Venezuela ermöglichte es mir, im
Winter 2003 als Internationaler Beobachter an den Unterschriftensammlungen zum
angestrebten Abwahlreferendum teilzunehmen. Über meine Erlebnisse
berichtete ich auch in GEHEIM. Nach meinem Besuch im Land und angesichts der
eklatanten Verzerrung der Realität in den hiesigen Medien keimte die Idee
auf, ein Buch über das boliviarianische Venezuela und die US-Subversion zu
schreiben. Ende Dezember ist es unter dem Titel Venezuela not for
Sale im Berliner Kai-Homilius-Verlag erschienen. Vor dem Hintergrund der
geopolitischen Lage beschreibe ich neben der Historie des Landes die Theorie
und Praxis des Putsches im 21. Jahrhundert am Beispiel von Venezuela sowie die
Politik von Chávez, mit der es ihm bisher gelungen ist, die Pläne
der US-Regierung und ihrer Vasallen zu konterkarieren. Mein Anliegen ist,
meinen Beitrag zu leisten, damit die Venezolaner wie bisher in freier
Selbstbestimmung über ihr Schicksal entscheiden können und den
neoliberalen Aggressoren mittels Information ins Handwerk zu pfuschen so
wie es auch vierteljährlich in GEHEIM geschieht.
politische System die Bildung dieses Gremiums
überhaupt zulässt. Zwar dienen Untersuchungsausschüsse gemeinhin
dem Zweck zu verhindern, dass die wirklich wichtigen Punkte beleuchtet werden,
aber die CIA-Affäre birgt so viel Sprengstoff, dass sie den letzten Rest
an Glaubwürdigkeit von CDU/CSU, SPD und Grüne zerstören
könnte.
Denn die Kardinalfrage lautet: Wie konnte es passieren, dass
die drei wichtigsten Mitglieder der Bundesregierung schwiegen und nichts
unternahmen?
Eine Möglichkeit wäre, dass die rotgrüne
Regierung bereit war, die Prinzipien des Staates zu opfern und somit das
Schicksal der entführten Bürger zu besiegeln, solange der politische
Preis für ihr Stillschweigen stimmte. Damit hätten Schröder,
Fischer, Schily und Co. nicht nur Verfassung und Gesellschaft verraten, sondern
auch noch verkauft. Diesen Aspekt könnte ein Untersumachte es mir leicht,
Ende 1999 der Redaktion beizutreten. Ich habe den Schritt nicht bereut. Im
Gegenteil.
Die so genannte CIA-Affäre ist ein weiterer Punkt, der
mich in meinem Handeln im Nachhinein noch einmal bestätigt. In der Ausgabe
1/2001 (30.3.2001) griff ich die offenen Fragen in der Debatte um Joseph
Joschka Fischers gewaltbewegte Vergangenheit auf. War der
Außenminister erpressbar, weil die CIA durch eigene Arbeit und vom
Verfassungsschutz einschlägiges Material erhalten hatte? lautete damals
die Frage, die sich auch die CDU stellte. Vor diesem Kenntnisstand erscheinen
mir heute Fischers Passivität und Fehlinformationen sowie Schilys
Schweigen in Sachen El Mazri und der anderen Verschleppten als sehr
verständlich.
Aber deutsche Politiker und Agenten können nicht nur
eine potenzielle Gefahr für Bundesbürger darstellen, sondern auch
für Ausländer. Die eingangs genannte Aktion zeigt das ebenso wie
jene, mit denen die Bonner Parteien Geld und Repressionswissen ins
postfranquistische Spanien exportierten oder dazu beitrugen, die Regierung
Allende in Chile zu stürzen. Auch hierüber hat GEHEIM kontinuierlich
und eingehend berichtet.
Heute ist Venezuela das lateinamerikanische Land, das die
US-Administra-tion ins Fadenkreuz genommen hat, um wieder ein Marionettenregime
von eigenen Gnaden einzusetzen. Der erste Versuch scheiterte im Jahr 2002.
Mich-
Verraten und auch verkauft? Ich
schwöre, daß ich meine Kraft dem Wohle des deutschen Volkes widmen,
seinen Nutzen mehren, Schaden von ihm wenden, das Grundgesetz und die Gesetze
des Bundes wahren und verteidigen, meine Pflichten gewissenhaft erfüllen
und Gerechtigkeit gegen jedermann üben werde.
So lautet der Amtseid, den die Kanzler und Minister der
Bundesrepublik Deutschland bei ihrer Vereidigung ablegen. Angesichts der
Informationen über die Entführung, anhaltende Geiselhaft und Folter
von deutschen Staatsbürgern durch die CIA muss man davon ausgehen, dass
dieser Eid für bestimmte Mitglieder der abgewählten rotgrünen
Regierung nichts als Makulatur war.
Kein Verschleppter kam frei, weil sich Bundeskanzler Gerhard
Schröder, Außenminister Joseph Joschka Fischer oder
Innenminister Otto Schily für ihn eingesetzt hätten. Letzterer
schweigt weiterhin weil er dem US-Botschafter in Berlin Vertraulichkeit
über die CIA-Aktionen gegen Deutsche zugebilligt hat.
Deutsche Medien versuchen zu rekonstruieren, wer was wann
wusste. De facto haben höchste Politiker dieses Landes ihre Mitbürger
hängen lassen, indem sie ihnen nicht den Schutz gewährten, der ihnen
zusteht. Mit ihrem Verhalten haben sie die grundlegendsten Prinzipien des
Staates so den Artikel 1, Absatz 1 des Grundgesetzes: Die
Würde des Menschen ist unantastbar- verraten.
Die Aufarbeitung dieses Verrats muss Aufgabe eines
Untersuchungsausschusses sein. Man darf gespannt sein, ob das
US-KRIEGSSZENARIEN
Außenminister Steinmeier verwickelt ? BERLIN/NEW
YORK/BAGDAD (Eigener Bericht) Der neue deutsche Außenminister
Steinmeier (SPD) ist für die Weitergabe falscher Geheimdienstinformationen
im Vorfeld des Irak-Krieges verantwortlich und steht im Verdacht der
Begünstigung des Angriffs auf Bagdad. Dies geht aus Hinweisen mehrerer
Mitarbeiter der deutschen Auslandsspionage (BND) hervor, die von der Los
Angeles Times zitiert werden. Demnach stellte der BND seiner
US-Partnerorganisation wahrheitswidrige Nachrichten über irakische
Massenvernichtungswaffen zur Verfügung, mit denen die
Weltöffentlichkeit im Frühjahr 2003 getäuscht wurde. Zu diesem
Zeitpunkt war Frank-Walter Steinmeier Regierungsbeauftragter für die
Nachrichtendienste der Bundesrepublik und ließ sich wöchentlich
über die Aktivitäten des BND berichten. Wie deutsche
Geheimdienstkreise gegenüber dieser Redaktion bestätigen, ist die
Weitergabe des erfundenen Irak-Ma-terials ohne Wissen des damaligen Chefs im
Bundeskanzleramt undenkbar. Steinmeier rühmt sich, es sei in seiner
Geheimdienstzeit gelungen, die sicherheitspolitischen Aktivitäten
der Bundesregierung mit dem Wissen des Dienstes (des BND, d. Red.) zu
verzahnen. Frank-Walter Steinmeier ist ab heute deutscher
Außenminister.
Die Los Angeles Times beruft sich auf deutsche
und amerikanische Zeugen, die übereinstimmend berichten, der BND habe der
US-Regierung Quellen zugespielt, mit denen Washington seine Kriegskampagne
gegen Bagdad maßgeblich munitionierte. Die Informationen waren falsch und
stammten von einem BND-Zuträger (Deckname: Curveball), dessen
Glaubwürdigkeit im Bundesnachrichtendienst in Zweifel gezogen wurde.
Beteiligt BND-Curveball hatte behauptet,
sichere Erkenntnisse über angebliche Biowaffenlabore im Irak zu besitzen
eine Lüge, die US-Präsident Bush bei der Vorbereitung des
Überfalls auf den Irak mehrmals einsetzte, um den Anschein einer
kriegerischen Bedrohung durch Bagdad zu erwecken. Aber nicht nur die
US-Öffentlichkeit wurde mit Curveball-Erfindungen in Unruhe
und Angst versetzt; US-Außen-minister Colin Powell präsentierte das
vom BND bereit gestellte Material in einer Aufsehen erregenden Rede am
5. Februar 2003 dem UN-Sicherheits-rat. Powells Vortrag
setzte auch die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen den Irreführungen
der deutschen Spionagequelle aus. Vor dem Hintergrund der Nachrichtenfabrikate
aus dem BND (sowie aus italienischer und amerikanischer Fabrikation) gelang die
massenpsychologische Einstimmung auf den Irak-Überfall der
Kriegskoalition. An der Kampagne war der frühere Geheimdienstkoordinator
Steinmeier mittelbar beteiligt: Die Weitergabe der zweifelhaften Behauptungen
ließ er geschehen und nahm hin, dass sie zur Entfesselung des
völkerrechtswidrigen Überfalls benutzt werden konnten.
Schutzbehauptung Die Enthüllungen der Los
Angeles Times1, die den heutigen deutschen Außenminister schwer
belasten, gehören zu einer Nachrichtenserie, deren Urheber in
US-Regierungsor-ganisationen zu finden sind, u.a. in der CIA. Weil dort der
Zusammenbruch der westlichen Irak-Kriegsfront für möglich gehalten
wird, finden Absetzbewegungen von der Bush-Regierung und Schuldzuweisungen an
Dritte statt. Die konzertierten Enthüllungen gehen mit Forderungen im
US-Senat nach Abzug sämtlicher Truppen aus dem Irak einher und
signalisieren den Bruch der inneramerikanischen Hei-matfront.2 Von den
oppositionellen
chungsausschuss herausarbeiten.
Was aber, wenn die US-Administrati-on trotz der kriminellen
Aktionen ihres Geheimdienstes CIA gar nicht erpressbar war, zum einen weil die
Agency schon seit Jahrzehnten mit bundesdeutschen Behörden
zusammenarbeitete, zum anderen weil die Firma zumindest die
Minister Fischer und Schily fest in der Hand hatte? Sicherlich wäre es
interessant zu erfahren, was Langley in den letzten 30 Jahren über die
beiden an Belastungsmaterial gesammelt hat. Auf den Sturm der
CIA-Archive muss aber niemand warten: Es reicht ein Blick auf Seite 165 von
Jutta Ditfurths Buch Das waren die Grünen. 2000 behauptete die
Mitgründerin der Grünen, in den 80er Jahren hätten Lukas
Beckmann und Otto Schily Expertisen über die Öko-Partei für die
CIA und/oder das State Department geschrieben. Sie lässt offen, ob diese
Zusammenarbeit in irgendeiner Weise honoriert wurde. Damals traten die
Grünen noch vehement gegen Krieg und die Weltherrschaftspläne der USA
ein. Ditfurths Behauptung steht bis heute unwidersprochen im Raum. Falls sie
stimmt und das muss sie ja, sonst hätte Schily dagegen geklagt -,
dann wäre der oberste Verfassungsschützer der Bundesrepublik wegen
der Zusammenarbeit mit diesem ausländischen Nachrichtendienst erpressbar
gewesen.
Und Fischer? Den geheimdienstlichen Dunst, der seine
politischen Aktivitäten in Frankfurt am Main umgab, thematisierte im
März 2001 die CDU-Abgeordnete Sylvia Bonitz während einer
Bundestagsdebatte. Sie sagte: Stimmen Sie mir zu, dass sich der Eindruck
aufdrängen könnte, dass die Handlungsfähigkeit des
Außenministers schon durch die Tatsache, dass ein anderes Land
geheimdienstliche Erkenntnisse über den heutigen Außenminister
besitzt, beeinträchtigt sein könnte? Ich wage in diesem Zusammenhang
gar nicht daran zu denken, ob der deutsche Außenminister hierdurch gar
erpressbar sein könnte. Aber wir haben es bei unseren amerikanischen
Freunden ja mit kultivierten Leuten zu tun, die diese Unterlagen sicher nicht
als Erpressungspotential nutzen würden.
Vielfach müssen Geheimdienste nicht auf
kompromittierendes Material zurückgreifen, denn das Wissen, das es
existiert, reicht meistens aus, damit die betroffenen Personen in
Führungspositionen zur rechten Zeit weggucken und nichts unternehmen. Die
CDU/CSU ist jetzt in der Lage, die 2001 von ihr aufgeworfenen Fragen zu
beantworten. Oder will auch sie für einen angemessenen Preis
die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes verraten und verkaufen?
RICHARD FRANZ
März 2003: Der Angriff auf den Irak beginnt
Fraktionen im Staatsapparat werden US-Medien mit
Hintergrundmaterial versorgt und auf tatsächliche Fährten gesetzt,
die selbst Partnerdienste bloßstellen, sofern dies der eigenen
Entschuldung dient. Dabei nehmen die US-Verantwortlichen auch die
Beschädigung Steinmeiers und des ihm vormals unterstellten BND in Kauf.
Unter dem Druck der US-Enthüllun-gen behaupten BND-Vertreter inzwischen,
sie hätten ihre amerikanischen Partner vor Curveball
gewarnt; über die Nutzung der BND-Quelle im UN-Sicherheitsrat
seien sie entsetzt gewesen eine nachträgliche
Schutzbehauptung, solange Steinmeier nicht beweisen kann, dass die
Curveball-Legende ausdrücklich zurückgezogen und für
die weitere Verwendung der US-Dienste gesperrt wurde.
Terrorcharakter Der seit heute offiziell tätige
deutsche Außenminister Steinmeier wird durch Enthüllungen der
Washington Post und der New York Times3zusätzlich
belastet. Beide Blätter, die sich erkennbar auf CIA-Kreise beziehen,
berichten in Folge über kriminelle Entführungspraktiken von
US-Regie-rungsorganisationen, die angebliche Terroristen der Folter
zuführen und dabei Flughäfen in mehreren europäischen Staaten
benutzen, unter anderem in der Bundesrepublik. Dass die deutschen
Nachrichtendienste über diese US-Praktiken seit geraumer Zeit in Kenntnis
sind, gilt in Geheimdienstkreisen als sicher und damit auch Steinmeiers
Verantwortung, vorausgesetzt, er wurde in seiner Funktion als politischer
Kontrolleur der deutschen Geheimdienste tatsächlich tätig.
Hat Steinmeier bei seinem Dienstherrn, dem Bundeskanzler,
auf die sofortige Einstellung der Folterflüge gedrängt, wozu er laut
deutscher Verfassung und UN-Charta verpflichtet gewesen wäre? Was
weiß der heutige deutsche Außenminister über die logistische
Zusammenarbeit zwischen dem BND und amerikanischen Geheimdienstkreisen in
Paris? Dort ist der Multinational Interoperability Council (MIC)
tätig eine weitere verbrannte Adresse jüngster
US-Ent-hüllungen über sogenannte Anti-Ter-rormaßnahmen, die
längst selbst Terrorcharakter angenommen haben.
Notfalls Krieg Die offenkundigen Verwicklungen
Steinmeiers in Verbrechen der gegenwärtigen US-Administration werfen auf
die Ziele der neuen deutschen Regierung ein bezeichnendes Licht. In ihrem
gerade verabschiedeten Programm heißt es über die zukünftige
Berliner Außenpolitik, der Steinmeier vorsteht: Wir wollen unseren
Beitrag im Kampf gegen den internationalen Terrorismus verstärken (...).
Hierzu gehört (...) die Zusammenarbeit der Nachrichtendienste. Notfalls
muss auch der Einsatz militärischer Mittel in Erwägung gezogen
werden.4
1 The Curveball Saga; Los Angeles Times
20.11.2005 2 Rapid Pullout From Iraq Urged by Key De
mocrat; The New York Times 17.11.2005 3 s. dazu Berlin
schweigt 4 Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und
SPD
Quelle (Nachdruck): www.german-for-eign-policy.com,
22.11.2005
VENEZUELA
ALBA beerdigt ALCA In Lateinamerika stehen sich zwei
unterschiedliche geopolitische Konzeptionen gegenüber. Mit dem Sieg
von Evo Morales und seinem Movimiento al Socialismo bei den
Präsidentschafts- und Parlamentswahlen in Bolivien haben der
Neoliberalismus im Allgemeinen und die USAußenpolitik ihre nächste
Niederlage in Südamerika erlitten. Nach Venezuela, Argentinien, Brasilien
und Uruguay entgleitet ein weiteres ressourcenreiches Land der Kontrolle der
einzigen Weltmacht. Morales Hauptziel ist die Verstaatlichung der
Öl- und Gaskonzerne, weil er wie Hugo Chávez in der
Bolivarischen Republik Venezuela die Einnahmen aus diesen
Geschäften benötigt, damit er die Armut mit entsprechenden
Sozialprogrammen bekämpfen kann. Sein Anliegen bringt ihn in direkten
Konflikt mit Firmen aus den USA und Europa. Falls er sich nicht von den
transnationalen Unternehmen kaufen lässt, sondern standhaft bleibt, wird
er genauso gefährdet sein wie seine Vorbilder Fidel Castro und Hugo
Chávez. Letzterem ist im Konzert mit den MERCOSUR-Staaten gelungen, im
November die Idee einer US-ame-rikanisch dominierten Freihandelszone beim
Gipfeltreffen der amerikanischen Staaten im argentinischen Mar del Plata zu
begraben. Mit seinem Wahlsieg vollendet Morales mit seinem Wahlsieg den Triumph
zweier konkurrierender Kontinentalkonzepte: ALBA siegt über ALCA.
Das unterlegene Konzept firmiert unter dem Kürzel ALCA
Acuerdo de Libre Comercio para las Américas. Das ist
die spanische Übersetzung der Free Trade Area of the Americas (FTAA).
Dahinter verbirgt sich der in Washington erdachte Plan einer riesigen
Freihandelszone, die von Alaska im Norden bis nach Feuerland im Süden
reicht. Das siegreiche Konzept heißt ALBA und bedeutet Alternativa
Bolivariana para las Américas. Es stellt dem neoliberalen Modell
einer amerikanischen Wirtschaftsordnung made in USA eine
ökonomische, politische, soziale und kulturelle Alternative entgegen. ALBA
ist eine Reaktion auf ALCA. Die Konfrontation wird erst verständlich, wenn
man den geopolitischen wie geostrategischen Hintergrund beachtet.
Geopolitik und Geostrategie
Geopolitik ist ein wenig gebräuchliches Wort im deutschen
Sprachraum, seitdem die Nazis ausgehend von den geopolitischen Vorstellungen
eines Karl Haushofers ihre Eroberungs- und Vernichtungskriege planten und
durchführten. Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht und der
einsetzenden Entnazifizierung verschwand neben der Geopolitik auch
die Geostrategie aus dem öffentlichen Gebrauch. Während
hierzulande kaum jemand etwas mit diesen Begriffen und den damit verbundenen
Denkmustern anzufangen weiß, sind sie unter anderem im
angelsächsischen Bereich weiterhin gebräuchlich. In den USA sprechen
neokonservative Denker offen über ihre geopolitischen wie geostrategischen
Vorstellungen. Über den US-Präsidenten George W. Bush bestimmen sie
maßgeblich die Geschicke der einzigen Weltmacht mit. Daher bleibt die
US-Außenpolitik unverständlich, wenn man sich nicht mit
geopolitischen Sichtweisen und geostrategischen Handlungsformen
auseinandersetzt.
Das Ziel der Geopolitik ist es, geographische Räume zu
einem bestimmten Zweck zu definieren. Im Mittelpunkt stehen dabei Märkte
und Ressourcen, die es zu kontrollieren gilt. Damit die angestrebte Kontrolle
Realität wird, bedarf es des planvollen Vorgehens. Hier kommt die
Geostrategie ins Spiel: Sie zeigt den Weg und die Mittel, die zum angestrebten
geopolitischen Ziel führen sollen.
Der völkerrechtswidrige Krieg der USA und ihrer
Koalition der Willigen gegen den Irak ist Teil der USamerikanischen
Geostrategie, die darauf abzielt, die in Zentralasien liegenden Öl- und
Gasfelder unter ihre Kontrolle zu bringen. Bei der Berichterstattung über
diesen internationalen Konfliktherd gerät hierzulande sehr leicht
außer Acht, dass dieser mittlerweile sehr eng mit Lateinamerika verbunden
ist. Das globale Verbindungsstück ist der immense Ölbedarf, den die
einzige Weltmacht decken muss. Sie ist mit 25% der größte Konsument
des schwarzen Goldes, gefolgt von China mit 8%. Hinzu kommt, dass die
US-Wirtschaft ständig gezwungen ist, neue Absatzmärkte für ihre
Überproduktion zu schaffen und gegen die Konkurrenz abzusichern. Die kommt
nicht nur aus Asien sondern auch aus Europa.
Von Monroes Geopolitik Amerika den Amerikanern
zur ALCA Amerika den Amerikanern war die Parole, die
US-Präsident James Monroe 1823 ausgab. Sie führte dazu, dass
Washington alle Länder zwischen Mexiko und Argentinien zu seinem
Hinterhof machte. Bis 2002 war es Monroes Nachfolgern gelungen,
ihre Vorstellungen von politischer wie wirtschaftlicher Ordnung im Patio
trasero aufrecht zu erhalten. Diejenigen, die meinten, durch eine
sozialere, geschweige denn durch eine sozialistische Politik die Armut in
Lateinamerika bekämpfen zu müssen, provozierten die Intervention der
USA und bezahlten für ihr Engagement meistens mit dem Leben. Der
bekannteste Fall dieser Regel war der Putsch und Mord am chilenischen
Präsidenten Salvador Allende (1973). Die einzige Ausnahme stellte bis 2002
Kuba dar. Dann zeigte auch die venezolanische Gesellschaft, dass sie nicht
bereit war, ihren rechtmäßig gewählten Präsidenten Hugo
Chávez durch einen von den USA und Spanien unterstützten
Staatsstreich stürzen zu lassen. Bis dahin waren sich die neokonservativen
US-Geopolitiker ihrer Herrschaft über den Hinterhof so sicher,
dass sie Lateinamerika schlicht als eine Einflusssphäre definierten,
während sie ihr Augenmerk auf Zentralasien lenkten, wo sie nicht landen
konnten, solange die Sowjetunion existierte.
Wie wichtig für die USA die Expansion in Asien ist,
zeigt das Buch Die einzige Weltmacht Amerikas Strategie der
Vorherrschaft. Dieses Werk ist ein Standardwerk, das in das geopolitische
Denken und geostrategische Handeln der US-Neocons einführt. Der Autor des
Buches ist Zbigniew Brzezinski. Dass er einst Nationaler Sicherheitsberater des
als liberal geltenden US-Präsidenten James Earl
Jimmy Carter war, sollte nicht darüber hinwegtäuschen,
dass Brzezinski zum Flügel der Neocons zählt, die eine unipolare Welt
unter US-Herrschaft schaffen wollen. Brzezinski leitet das Center for Strategic
and International Studies in Washington. Das CSIS bildet einen wichtigen
Knotenpunkt im weitreichenden Netz von neokonservativen Think Tanks. Dazu
zählen ebenfalls das Project for a New American Century sowie die Heritage
Foundation.
Als Credo der neokonservativen Geopolitik hält
Brzezinski fest: Die Dynamik der amerikanischen Wirtschaft schafft die
notwendige Voraussetzung für die Ausübung globaler
Vorherrschaft. Anders ausgedrückt: Die US-Wirtschaft benötigt
weltweit die unterschiedlichsten Märkte, damit sie ihre
Überproduktion exportieren kann. Wenn der Export einbricht, verliert sie
ihre Hegemonie, die wiederum erst die Möglichkeit, neue Märkte zu
erobern, garantiert und die Kontrolle über bereits besetzte absichert.
Die wirtschaftliche Gesamtsituation der USA verschärft
sich dadurch, dass das Land eigentlich pleite ist lediglich die
militärische Stärke und die Fixierung der Weltwirtschaft auf den
US-Dollar garantieren noch eine gewissen Stabilität von der aber
niemand weiß, wie lange sie noch anhalten wird.
Im Rahmen dieser geopolitischen wie makroökonomischen
Überlegun-Güter und Dienstleistungen im Wert von 10 Billionen USD
produzieren. Zum Vergleich: 450 Millionen EU-Bür-gern erwirtschaften in
den 25 EU-Staa-ten zwischen 9 und 11 Billionen Euro.
Als Vorbild für ALCA diente den USA als bewährtes
Beispiel die NAFTA.
Die North American Free Trade Area trat 1994 in Kraft. Sie
umfasst die USA, Kanada und Mexiko. Der erste Erfolg von NAFTA war, dass der
EU-Export nach Mexiko um 34% sank. Zu den Nebenwirkungen gehörte, dass die
mexikanischen Landwirte die Handelszone ablehnten, weil sie sich durch den
offenen Markt einem unfairen Wettbewerb ausgesetzt sahen, bedingt durch
Washingtons Subventionen für US-Far-mer. Da sich der innermexikanische
Widerstand aus US-Sicht betrachtet in Grenzen hielt, sollte ALCA auf
kontinentaler Ebene die wirtschaftlichen Erfolge von NAFTA
fortführen.
Dass ALCA 2005 nicht in Kraft trat, hatte verschiedene
Gründe: die US-Agrarsubventionen; die Tatsache, dass kein
lateinamerikanischer Staat in der Lage war, mit den USA wirtschaftlich zu
konkurrieren; Bedenken in Kanada vor dem Verlust des EU-Geschäfts;
Rivalität zwischen Mexiko und Brasilien um die regionale Vorherrschaft;
die fast grundsätzliche Ablehnung der neoliberalen Politik in
Lateinamerika sowie eine starke globalisierungskritische Kampagne gegen den
Neoliberalismus im Allgemeinen und gegen ALCA im Besonderen.
Nachdem sowohl Venezuela als auch Brasilien den Chor der
ALCA-Gegner anstimmten, wurden 2003 die Verhandlungen vorzeitig abgebrochen.
Seit dem gilt das Projekt als gescheitert, zumal eine Alternative
heraufdämmert: ALBA.
ALBA Eine geopolitische Alternative zu ALCA Alba
heißt Morgenröte. Das Wortspiel mit der Abkürzung
für Alternativa Bolivariana para América Latina
trägt die Handschrift des venezolanischen Präsidenten Chávez,
dem diese semantischen Finessen liegen. Der Venezolaner gehört zu den
Erschaffern von ALBA, einer Reaktion auf ALCA. Dieses Gegenprojekt zur
neoliberalen Freihandelszone geht vom Grundproblem aller lateinamerikanischer
Staaten aus: der Armut.
Die Misere, in der 70 Prozent der Venezolaner 1998 lebten,
war ein Faktor, der Hugo Chávez an die Regierung brachte. Um die Armut
im eigenen Land wirksam bekämpfen zu können, setzte Chávez auf
eine weitreichende
gen spielen Mittel- und Südamerika eine bedeutende
Rolle. Die Neocons betrachten den südlichen Teil dessen, was sie die
westliche Hemisphäre nennen, als einen Markt, der so groß ist wie
der eigene. So entstand unter US-Präsident George H.W. Bush die Idee einer
Freihandelszone von Alaska bis Feuerland. Sein Sohn George
W. Bush sollte das Projekt bis Januar 2005 umsetzen. Die
Neocons schmerzte besonders, dass die EU zum Hauptinvestor in Lateinamerika
aufgestiegen war. Daher schufen sie die Idee von der so genannten
Freihandelszone, die einerseits den freien Handel der EU (und
anderer Länder) mit Lateinamerika stark einschränken sollte,
andererseits die US-Wirtschaft in die Lage versetzen würde, auf zwei
Kontinenten quasi konkurrenzlos frei handeln zu dürfen. Kurzum: Mit ALCA
ging es um die die Beherrschung eines riesigen Marktes.
Dieser Marktplatz umfasst 800 Millionen Verbraucher, die
TASIO meint... Sozialpolitik: ein kostenloses
Gesundheitssystem, subventionierte Lebensmittelversorgung, Bekämpfung des
Analphabetismus und diverse Bildungsprojekte. Das Geld hierfür stammt aus
den Einnahmen des Erdölgeschäfts.
Mit dieser Sozialpolitik hat er seine Wahlversprechen
wahrgemacht und sich eine andauernde Unterstützung gesichert. In der
Wirtschaftspolitik geht Chávez verschiedene Wege, um einerseits seine
Ökonomie aus der Abhängigkeit von US-Produkten zu lösen und
andererseits die Zeit nach dem Ende der Petroleumära einzuleiten. Dazu
zählt auch der Aufbau einer bisher inexistenten Binnenwirtschaft, die
unter anderem den Bedarf an Grundnahrungsmitteln deckt, anstatt sie wie bis
1998 zu 70% aus den USA einzuführen. Für die US-Wirtschaft war und
ist der Zufluss von venezolanischen Petrodollars überlebenswichtig. Darauf
kann Chávez aber keine Rücksicht nehmen, wenn er die Armut im
eigenen Land an ihren Wurzeln bekämpften möchte. Ob der seit 1998/99
laufende Transformationsprozess der venezolanischen Wirtschaftsstruktur mit
Erfolg gekrönt sein wird, lässt sich nicht absehen, zumal er den
nationalen Interessen der einzigen Weltmacht zuwiderläuft. Die Geschichte
Lateinamerikas hat gezeigt, dass US-Regierungen mit Gewalt auf Entwicklungen
reagiert haben, die nicht den Wünschen ihrer Wirtschaft entsprachen.
Chávez, einem Kenner der lateinamerikanischen
Gegenwartsgeschichte, war klar, was ihm blühte, würde er seine
Politik fortführen, die den Vorstellungen der in Washington tonangebenden
Kreisen widersprach. Spätestens der gescheiterte Staatsstreich 2002 machte
deutlich, dass die einzige Weltmacht keine Skrupel hat, ihn gewaltsam aus dem
Amt entfernen zu lassen. Chávez stand vor der Wahl, sich einzuigeln oder
zu versuchen, sein Projekt der bolivarianischen Revolution durch ein
außenpolitisches Sicherheitssystem abzusichern.
ALBA eine Säule des Regionalen Machtblocks
Der Libertador Simón Bolívar hegte einst die Vision von den
Vereinigten Staaten von Südamerika, der Patria Grande. Seine
Vorstellung hat heute ein Upgrade erfahren, das unter dem Namen
Bloque Regional de Poder (BRP) firmiert. Vordenker dieser
geostrategischen Alternative zu Brzezinskis Weltherrschaftsplänen ist der
deutsche Sozialwissenschaftler Heinz Dieterich. Innerhalb des aus
lateinamerikanischer Sicht konstruierten Regionalen Machtblocks
stellt ALBA die wirtschaftspolitische und soziale Säule dar. Daneben steht
der politische Pfeiler, verkörpert durch die im Dezember 2004
gegründete Comunidad Suramericana de Naciones (CSN), die mittelfristig die
US-dominierte Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) ablösen
könnte. Die dritte Säule wäre ein südamerikanisches
Militärbündnis im Stile der NATO.
In diesem fortlaufenden Prozess ist ALBA am weitesten
ausgeprägt: Wenn ALCA die Freigabe der Märkte propagiert und den
Staat aus der Verantwortung für die Gesellschaft entlässt, so setzt
ALBA an den Grundübeln an, die allen lateinamerikanischen Staaten gemein
sind: Armut; Ungleichheit zwischen den Staaten (Venezuela importiert
Lebensmittel, Argentinien exportiert sie); Ungleichheit auf internationaler
Ebene (USA u. EU subventionieren ihre Landwirtschaft und wollen, dass die
südamerkianischen Länder das nicht tun); unbezahlbare
Auslandschulden; Diktat von IWF und Weltbank bezgl. der
Schuldenrückzahlung; verwehrter Zugang zu Informationsquellen und
Technologien; Schwächen der demokratischen Entwicklung durch
Meinungsbildung, weil die Medien in den amerikanischen Staaten in den
Händen einiger weniger Privatiers liegen.
ALBA in der Praxis Im Zentrum des ALBA-Prozesses liegt
die facettenreiche Kooperation zwischen La Habana und Caracas. Ausgehend von
diesem Mittelpunkt setzt die venezolanische Außenpolitik in erster Linie
ihren Öl- und Gasreichtum ein, um die bolivarianische Revolution
außenpolitisch abzusichern. Im globalen Maßstab gehören dazu
unter anderem Geschäfte mit Russland und China, Spanien und Frankreich,
Iran und Indien. Im kontinentalen Umfeld forciert Caracas, wo immer
möglich, Kompensationsgeschäfte, bei denen es Öl gegen
Lebensmittel oder Know How eintauscht. Dadurch ermöglicht es
finanzschwachen Staaten, das teure Erdöl zu einem günstigen Preis zu
erwerben, und entzieht gleichzeitig der US-Wirtschaft die für sie
wichtigen Petrodollars.
Der venezolanischen Außenpolitik ist es so gelungen,
auf dem südamerikanischen Kontinent einen West- und Ostblock zu schaffen.
Der erstere steht noch unter der Kontrolle Washingtons und reicht von Mexiko
über Zentralamerika, Kolumbien, Ecuador, Peru, Paraguay bis nach Chile. Im
Osten liegt die sich stabilisierende Allianz zwischen Venezuela, Brasilien,
Uruguay und Argentinien. Vom geostrategischen Standpunkt betrachtet, bedeutet
Morales Wahlsieg, dass der US-domi-nierte Westblock weiter
schmilzt. Zu dem Ausscheren von Bolivien gesellt sich der mögliche
Wahlsieg der sozialistischen Präsidentschaftskandidatin Michelle Bachelet
in Chile. Hinzu kommt die Konsolidierung des Wirtschaftsbündnisses
MERCOSUR, das neben Brasilien, Argentinien, Uruguay und Paraguay seit Dezember
2005 auch Venezuela zu seinen Vollmitgliedern zählt. Ein weiterer
Meilenstein im südamerikanischen Konsolidierungsprozess ist der
multinationale Fernsehsender teleSUR, der wie Al Jazeera der
allgegenwärtigen CNN Konkurrenz machen soll. Die neue TV-Station ging im
Juli 2005 erstmalig auf Sendung und strahlt seit Oktober sein Programm auch
über Satellit weltweit aus.
Die Zukunft von ALBA Ob in den nächsten
Jahrzehnten ein neuer Machtpol in Südamerika entstehen kann, hängt
nicht zuletzt von der Überlebensfähigkeit des venezolanischen
Präsidenten und seiner ihm nahestehenden Amtskollegen ab. Dass er 2006 die
Präsidentschaftswahlen gewinnen wird, gefällt den neokonservativen
Geostrategen in Washington ebenso wenig wie die Aussicht, dass ihr angedachter
Militärschlag gegen den Iran an den ausbleibenden Öllieferungen aus
Venezuela scheitern könnte. Hinzu kommt, dass der venezolanische
Bolivarianismus dabei ist, auf dem Kontinent Schule zu machen. Bolivien ist das
aktuellste Beispiel. Ecuador könnte dem bald folgen. Daher ist es kein
Zufall, dass Kolumbien der treueste Vasall der USA in der Region
gerade dabei ist, zum einen die Konfrontation mit Venezuela abzubauen und zum
anderen auf Kuba Verhandlungen mit Vertretern des Ejército de
Liberación Nacional (ELN), der zweitgrößten Guerrilla,
aufgenommen hat. Dass die Verfechter des verblichenen ALCA-Projekts zum
massiven Schlag gegen ALBA ausholen werden, ist keine Frage des Ob, sondern des
Wann und Wie. Das lehrt die lateinamerikanische Gegenwartsgeschichte.
SEMANTISCHES DIFFERENTIAL
Der Chávez-Code von El País Das spanische
Leitmedium schuf das Bild vom schizophrenen Chávez* Am
31. Januar 1999, zwei Tage vor tion.
Chávez Vereidigung, erschien im Sonntagsteil
der spanischen Tagszeitung El País ein dreiseitiger Artikel über
Das Rätsel der zwei Chávez. Autor ist der
kolumbianische Literaturnobelpreisträger Gabriel García
Márquez. Über den Inhalt seines Artikels wird später noch die
Rede sein, wenn es um die mediale Vorbereitung des ersten Staatsstreichs gegen
Chávez geht.
Bilder bestimmen unser Denken und Handeln. Das sind nicht
nur die Fernsehbilder, sondern auch das Bild, das eine gedruckte Zeitungsseite
in ihrer Gesamtheit darstellt. Das Layout einer Zeitung richtet sich nach
Sehgewohnheiten. Eine Zeitung wird als schlecht empfunden, wenn die
Gestaltung diesen Gewohnheiten nicht entspricht. Gewöhnlich folgt das
menschliche Auge einem riesigen Zett, das über die gesamte Seite
erstreckt. An diesem Prinzip orientiert sich jede als gut gemacht
empfundene Zeitungsseite. Im oberen linken Bereich der Zeitungsseite beginnt
das Auge seine Reise und stoppt kurzfristug oben rechts. Das ist der erste
Wahrnehmungsblock. Dann folgt der zweite: das ist eine Linie die diagonal von
oben rechts nach unten links verläuft. Den dritten Block bildet dann der
Bereich zwischen unten links und unten rechts. Das Z-Prinzip findet auch
Anwendung bei Doppelseiten, sowohl bei jedem einzelnen Blatt wie auch in der
Gesamtheit. Das Einhalten des Z-Prinzips hilft den Lesern, sich auf einer Seite
zu orientieren, dran zu bleiben, den die Information in Wort und
Bild wahrnehmen zu wollen. Darin besteht schließlich Sinn und Zweck einer
Zeitung, die Geld einbringen soll. Das ist bekannte Seite des Zett-Prinzips,
wie sie in jedem Handbuch des praktischen Journalismus nachzulesen ist. Aber es
gibt auch ein dunkle Seite die unterschwellige Manipula-
Diese Art der Verführung, unbewusst, das
heißt gegen seinen Willen, eine Information aufzunehmen, geschieht durch
eine Verbindung von Bildelementen und Worten. Wörter und Grammatik
bestimmen die Weltsicht eines Sprechers, denken Psycholinguisten. Wenn Worte
Gefühle wecken, dann kann man Emotionen erwecken. Voraussetzung
hierfür ist zu wissen, welche Worte einer Sprache welches Gefühl im
entsprechenden Kulturkreis hervorrufen. Hieraus entstand die Methode des
semantischen Differentials, die Professor Charles Osgood im Auftrag
der CIA Anfang der 80er Jahre entwickelte. Das ist keine Geheimmethode mehr,
denn Marketingfirmen wie das Spiegel-Institut besprechen sie auf ihrer
Internetseite (vgl. Spiegel, Spiegel 2005). Die CIA -andere Geheimdienste
natürlich auch hatte ein großes Interesse an Osgoods
Forschungen, um die Wirkung der eigenen Propaganda zu verbessern. Der
Psychologe Fred Landis konnte nachweisen, dass die CIA die chilenische Zeitung
El Mercurio nach dem Prinzip des semantischen Differentials gestaltete und als
mediale Waffe gegen Salvador Allende einsetzte. Landis kam zu dem Schluss:
Für die psychologische Kriegsführung des CIA ist es [das
semantische Differential, IN] dasselbe wie das Leitsystem der Atomrakete.
(Landis 1983:57) Die Anwendung dieser Methode hat Landis nicht nur für
Chile sondern auch für Nicaragua und Jamaica nachgewiesen.
Die Seite, auf der Márquez Artikel über
Chávez beginnt, beinhaltet eine unterschwellige Manipulation, die sich
bei genauerem Hinsehen enttarnen lässt.
Die Aufmerksamkeit des Lesers wird durch die beiden Photos
von Chávez gefangen und durch den Titel, der in zwei
Schriftgrößen daherkommt. Aber die
ihm unbewusste Reise seines
Auges findet links oben statt. Dort wird auf einen Artikel
auf Seite 8 hingewiesen, der über ein Problem der división
(Trennung) im País Vasco (Baskenland) hinweist. Von den drei
Hauptwörter bleibt división hängen, weil es am
nächsten am optischen Startpunkt liegt. Die Bedeutung von
división wird dadurch unterstrichen, weil es interessanter
ist als der Hinweis auf die unmögliche Liebe zwischen Lorca und
Dalí. Wenn man eine Information mitnimmt, dann ist es das Wort
imposible, das auf derselben Linie steht wie
división. So entsteht dem chronologischen Verlauf nach das
Wortpaar di-visión-imposible. Diese Trennung, die
unmögliche wird durch die zwei Photos verstärkt. Zum einen wird
auf den ersten Blick klar, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt: um
den jüngeren Chávez und den älteren Chávez, den
Militär Chávez und den Zivilisten Chávez. Zwei in
einer Person ist die Botschaft. Das tatsächlich die eine
Person ist, wird de Betrachter dadurch eingehämmert, dass Chávez
auf den beiden Bildern in dieselbe Richtung schaut. Bis auf die Kleidung und
die Qualität der Aufnahmen ist es dieselbe Ansicht. Was wäre, wenn
Chávez auf dem rechten Bild in die andere Richtung geschaut hätte?
Die unterschwellige Botschaft wäre eine andere gewesen und nicht mehr
Zwei in einer Person. Der Faktor Zwei wird im Titel
noch einmal besonders unterstrichen.
Dort steht:
EL ENIGMA DE
DAS RÄTSEL DER
DOS CHÁVEZ ZWEI CHÁVEZ
Ins Auge springt die Information: DOS
CHÁVEZ wegen der großen Schrifttype, der größten auf
der ganzen Seite. Da der Akzent auf dem A von CHÁVEZ mit DE der
darüber liegende Zeile verbunden ist, rücken die Worte ENIGMA und
CHÁVEZ noch enger zusammen und veranlassen eine Verbindung zwischen
RÄTSEL und CHÁVEZ.
Die Botschaft Zwei Chávez wird ein
weiteres Mal dadurch hervorgehoben, dass ein ungewöhnlich großer
Abstand zwischen DOS und CHÁVEZ steht.
Die Leser von El País gehören zu einer Gruppe
von Menschen, die wissen, dass ein Mensch einzigartig ist, folglich nur eine
Persönlichkeit haben kann. Unterschwellig bekamen sie aber suggeriert,
dass es sich bei der Person, die er als Chávez erkannt hat, um zwei
handelt. Intuitiv wird jeder, dessen Gehirn in Bruchteilen von Sekunden all
diese Informationen aufgenommen und an den Verstand zur Weiterverarbeitung
weitergereicht hat, denken: Das ist nicht unmöglich
imposible, aber als Leser oder Leserin beginnt man an sich zu
zweifeln. Schließlich hat man El País gekauft, weil man der
Zeitung vertraut. Dafür hat man bezahlt. Ihre Macher sind in
der Offensive. Sie haben die Zeitungsseite so gestaltet, dass man als Leser die
unterschwellige Trennung in sich aufnehmen muss. Falls dann doch
instinktiv ein Zweifel aufkommt, huscht der Blick noch einmal über die
Seite und bleibt dann am Startpunkt seiner Reise in der Ecke oben links stehen
dort wo das Auge über das Gehirn dem Verstand das Wort
división meldet. Das ist auch der Eindruck, den der Artikel
in seiner Gesamtheit von Text und Bild vermittelt.
Hiermit ist der Chávez-Code von El País
entschlüsselt. Aber der Artikel blieb nicht ohne Folgen.
Der Bericht von Gabriel García Márquez endet
mit der Feststellung, dass der Bolivarianer ein Menschen ist, in dem zwei
Männer wohnen: Der eine, dem das unerbittliche Glück die
Möglichkeit bot, sein Land zu retten. Und der andere, ein Illusionist, der
in die Geschichte eingehen könnte als ein weiterer Despot. Dieses
Bild dient als Vorlage für eine Kampagne, die die geistige
Zurechnungsfähigkeit von Hugo Chávez in Frage stellt. Bisher liegen
keine Beweise vor, die belegen, dass der Literaturnobelpreisträger daran
bewusst teilgenommen hätte.
Fakt bleibt aber, dass, noch bevor Hugo Chávez sein
Amt antrat, ihm das europäische Leitmedium El País mittels des
semantischen Differentials das Image eines Schizophrenen verpasst hatte. Ob das
damals schon Teil einer Medienkampagne war, lässt sich nur vermuten, da
eindeutige Dokumente fehlen. Aber die Indizien sprechen dafür.
Ende 2001 begann die venezolanische Opposition mit einer
breit angelegten Kampagne, die zum Sturz von Chávez im Rahmen eines
Staatsstreiches führen sollte. Das Klima hiefür schufen in Venezuela
die privaten Medien. Ihren Verbündeten im Ausland fiel die Rolle zu, die
kommenden Ereignisse der internationalen Öffentlichkeit
verständlich zu machen. In diesem Kontext kann es kein Zufall
sein, dass El País am 23. Dezember 2001 dem peruanischen Schriftsteller
Mario Vargas Llosa die Möglichkeit bot, über Chávez
herzuziehen. Der Artikel stand unter dem Titel: Fuera el Loco
Raus mit dem Verrückten.
Nahezu zeitgleich forderten Abgeordnete der
sozialdemokratischen Acción Democrática beim Obersten Gerichtshof
die Amtsenthebung von Präsident Chávez. Ihrem Antrag legten sie ein
angebliches Gutachten bei, das dem Staatsoberhaupt eine vermeintliche
Persönlichkeitsspaltung attestierte.
Interessant ist zu verfolgen, wie auch deutsche Medien und
Akademiker den Faden vom vorgeblichen Wahnsinn des Bolivarianers
aufgriffen und weitersponnen.
Am 13. April 2002, schreibt der Spanien- und
Lateinamerika-Korrespon-dent der Süddeutschen Zeitung, Peter Burghardt, in
Anlehnung an den Roman Der General in seinem Labyrinth von
García Márquez, Chávez sei in einem Maße in
seiner Traumwelt verstrickt, dass ihm Psychologen bereits Bewusstseinsspaltung
attestieren. Dieses Bild nehmen auch die Professoren Friedrich Welsch und
Nikolaus Werz in ihrer Analyse Venezuelas auf, die am 26. April 2002 im
Brennpunkt Lateinamerika erschien: Die gespaltene
Persönlichkeit von Hugo Chávez kann man als Reflex der Spaltung des
venezolanischen Volkes begreifen, zu deren Vertiefung er mit seinem Diskurs
maßgeblich beigetragen hat.
Offenbar kann ein gescheiterter Putsch auf angebliche
Schizophrene heilend wirken. Nach dem Medien-GAU in Caracas im April 2002
verschwand dieses Zerrbild aus der deutschen Mainstream-Presse und machte Platz
für andere diffamierende Äußerungen. Die Gesamtdarstellung der
deutschen Venezuela-Berichterstattung muss aufgrund ihrer Komplexität an
anderer Stelle behandelt werden.
Landis 1983 Landis, Fred CIA-Medienoperationen in Chile,
Nicaragua und Jamaica: Das semantische Differential. Aus:
Neuberger, Günter; Opperskalski, Michael (Hrsg.): CIA in Mittelamerika.
Bornheim- Merten (Lamuv) 1983. S. 39-81.
Spiegel, Spiegel 2005 Spiegel, Uta; Spiegel, Götz Der
Markenimage-Spiegel Ein Instrument zur Markenführung.
www.spiegel-institut.de/de/service_dialog/ markenimage_spiegel.html Download
10.5.2005
* Erweiterte Fassung des Vortrags Selbstgemachte und
importierte Venezuela-Bil-der in Deutschland, den Ingo Niebel auf der
Podiumsdiskussion Ein deutscher Blick auf das heutige Venezuela auf
Einladung des Generalkonsulats der Bolivarischen Republik Venezuela am 2.
Dezember 2005 in Frankfurt a.M. hielt.
DEUTSCHE VORFELDORGANISATIONEN IN AKTION
Venezuela im Fadenkreuz Wie deutsche Parteistiftungen
und
Parlamentarier gegen die
Bolivarische Republik agieren* Die US-Regierung ist mit
all ihren Versuchen gescheitert, den venezolanischen Präsidenten Hugo
Chávez aus Amt und Würden zu treiben. Nach sie das Potential an
zivilen Einflussmöglichkeiten ausgeschöpft hat und ohne
ernstzunehmende Verbündete in Venezuela dasteht, bleiben ihr nur noch
Gewaltmaßnahmen wie zum Beispiel Attentate, Sabotageaktionen oder gar
eine militärische Intervention, um den fünftgrößten
Erdölproduzenten und wichtig-sten Erdöllieferanten wieder unter
Kontrolle zu bringen. In dieser Gemengelage spielen deutsche Parteistiftungen
eine besondere Rolle. Zum einen können sie mit nicht-militärischen
Mitteln Einfluss nehmen und sind als deutsche Einrichtungen in Venezuela
zunächst unverdächtig, Handlanger der USA zu sein. Zum anderen wirken
sie mit ihren Informationsmöglichkeiten in Deutschland gestaltend auf das
Venezuela-Bild bei den Entscheidungsträgern in Regierung, Politik und
Gesellschaft.
Die deutschen Parteienstiftungen, wie die
Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) der SPD und die Konrad-Adenauer-Stif-tung (KAS)
der CDU, verfügen über eine langjährige Erfahrung in der
verdeckten Einmischung in die inneren Angelegenheiten ihrer Gaststaaten.
Chile 1973 Bekannt sind die konzertierten Aktionen von
SPD und CDU/CSU mithilfe der von Willy Brandt (SPD) geführten
sozialliberalen Regierung gegen den chilenischen Präsidenten Salvador
Allende. Im Vorfeld des Putsches vom 11. September 1973 brachten bundesdeutsche
Parlamentarier Geld nach Chile, mit dem sie die Gegner des demokratisch
gewählten Sozialisten finanzierten. Parallel dazu kappte Bundeskanzler
Brandt die Entwicklungshilfe für das Land, nachdem dieses die DDR
anerkannt hatte. Außerdem trugen deutsche Konzerne mit dazu bei, dass der
Preis für chilenisches Kupfer, der Haupteinnahmequelle des Landes, ins
Bodenlose fiel. Die westdeutsche Justiz ließ auf Verlangen von
US-Unternehmen chilenische Kupferfrachter beschlagnahmen. Als der
Sozialdemokrat Brandt vorzeitig von dem geplanten Putsch wusste, ließ er
ihn geschehen (vgl. GEHEIM 3/2003). Kurz nachdem Pinochet sein Gewaltregime
etabliert hatte, ließ Bonn seine Gelder wieder nach Santiago de Chile
fließen.
Spanien 1975 Die Hauptsorge der USA und ihrer
Verbündeten in NATO und EG war Anfang der 70er Jahre, dass Spanien nach
dem absehbaren Tode des greisen Diktators Francisco Franco in einen erneuten
Bürgerkrieg versinken könnte. Dem galt es Vorsorge zu tragen, ebenso
wie der Möglichkeit, dass linke Kräfte die Macht in Madrid
übernähmen und dann das Land ins sozialistische Lager
überführten.
Wie schon in Portugal kümmerte sich die SPD um die
politisch korrekte Ausrichtung der spanischen sozialistischen Arbeiterpartei.
Ex-Bundeskanzler Willy Brandt nahm den jungen Anwalt Felipe González
unter seine Fittiche. Gemeinsam mit dem schwerreichen und einflussreichen
venezolanischen Präsidenten Carlos Andres Pérez sorgte Brandt
dafür, dass die Sozialistische Internationale González die
Kontrolle über die PSOE zuschanzte.
Von Bonn aus ließ Bundeskanzler Helmut Schmidt die
Reptilienfonds des Bundesnachrichtendienstes (BND) öffnen. So flossen
zwischen 1974 und 1982 ca. 40 Millionen DM (20 Millionen Euro) von Deutschland
über die Parteistiftungen zu ihren Schwesterorganisationen nach Spanien
(vgl. GEHEIM 1/2000. Außerdem beorderte er Polizisten und Agenten auf die
Iberische Halbinsel. Die bei der Franco-Polizei übliche Folter schien die
bundesdeutschen Beamten schon damals nicht sonderlich zu jucken, wie der
Autobiographie Auch Agenten werden pensioniert des Hamburger
V-Schutz-Präsidenten Hans-Josef Horchem zu entnehmen ist.
Der Bürgerkrieg blieb aus und Spanien trat unter
dem Sozialisten González
der NATO und der EG bei. Seinen Wahlkampf finanzierte
unter anderem der venezolanische Unternehmer Cisneros, ein enger Freund von
Pérez. González revanchierte sich Jahr später, indem er ihm
den Kauf einer Kaufhauskette ermöglichte, der der Zustimmung durch die
Madrider Regierung bedurfte.
CDU gegen Venezuela 2003 machte der
CDU-Bundestagsab-geordnete Klaus-Jürgen Hedrich auf sich aufmerksam. Von
1994 bis 1998 war er Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister
für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung christlich-liberalen
Koalition von Helmut Kohl.
Im August 2003 tourte Hedrich durch Argentinien und machte
dort Stimmung gegen Chávez wegen dessen unterstellter
Zusammenarbeit mit der FARC. Das deutschsprachige Argentinische Tageblatt
zitierte ihn mit den Worten, Zonen der Ordnungslosigkeit dürften weltweit
nicht geduldet werden.
Im Oktober tauchte Hedrich in Berlin auf, wo er für
einen Eklat sorgte. Bei der Tagung zu Venezuela, die das Ibero-Amerikanische
Instituts organisiert hatte, plädierte er für einen gewaltsamen Sturz
von Chávez. Seine Einmischung in die inneren Angelegenheiten brachten
sogar den ausgewiesenen Chávez-Geg-ner Teodoro Petkoff in Rage, der
Hedrich in die Schranken verwies. Aber den CDU-Parlamentarier konnte diese
Abfuhr nicht von seiner Anti-Chávez-Tour abbringen.
Im Januar 2004 brachte er zusammen mit der Ministerin a.D.
Claudia Nolte und anderen CDU/CSU-Abgeordne-ten, unter ihnen Peter Weiß,
einen Antrag in den Bundestag ein, der in 15 Punkten die Bundesregierung unter
anderem aufforderte: die venezolanische Regierung zu bewegen, zu einer
freiheitlichen Wirtschaftsordnung zurückzukehren [...]. Weiter
hieß es, Berlin sollte Caracas ermahnen, demokratische
Institutionen des Landes durch Schaffung von Parallel-Organisationen nicht zu
untergraben, die parlamentarischen Rechte der Opposition zu respektieren, und
nicht parallel zu den Streitkräften ihre ergebene bewaffnete Verbände
aufzustellen sowie bestehende Verbände aufzulösen.
Der Antrag besagt, dass die CDU ähnlich wie das
Weiße Haus davon ausging, dass es ein Abwahlreferendum geben würde,
obwohl das Endergebnis noch gar nicht vorlag. Die Christdemokraten verlangten,
dass beim Referendum internationale Wahlbeobachter anwesend sein müssten.
Der Antrag scheiterte am 12. Februar 2004 kurz vor 21:37h
als letzter Tagesordnungspunkt, weil SPD und Grüne ihn aus
innenpolitischen Gründen ablehnten. De facto saß damals im Reichstag
eine megagroße Anti-Chávez-Koali-tion.
Diese Niederlage spornte Hedrich an, ein weiteres
Fettnäpfchen zu leeren. Im Interview mit der Berliner Tageszeitung junge
Welt sagte er am 20. März 2004: Man darf Hitler und Chávez
nicht vergleichen, denn Hitler steht für den Holocaust. Aber es gibt eine
übereinstimmende Erfahrung: Hitler und Chávez wurden beide
demokratisch gewählt und haben schrittweise die Demokratie außer
Kraft gesetzt. Alles andere spielt keine Rolle. Hedrich vergleicht nicht,
tut es aber dann doch. Alles PISA oder im Geschichtsunterricht
geschlafen? Zur Erinnerung: Reichspräsident Hindenburg ernannte Hitler zum
Kanzler am 30. Januar 1933. Der Führer ließ dann seine
braunen Killer nebst Polizei von der Leine, um Sozialdemokraten und Kommunisten
mundtot zu machen. Nach der Mord-, Totschlags- und Verhaftungswelle fanden
Urnengänge statt, die im Gegensatz zu den Wahlen in Venezuela nicht das
Adjektiv demokratisch führen können.
Hedrichs Vergleich ist Geschichtsklitterung.
Die CDU kooperiert in Venezuela mit der Partei Primero
Justicia, deren Vertreter nach dem Putsch am 12. April 2002 das Carmona-Dekret
mitunterschrieb, das die Auflösung der verfassungsmäßigen
Institutionen der V. Republik besiegelte. Im Interview mit der jungen Welt am
8. September 2004 versucht der Landesbeauftragte der KAS in Venezuela, Michael
Lingenthal, diese Tatsache vom Tisch zu fegen: Er wurde danach
unmittelbar aus der Partei ausgeschlossen, und war bereits in den 48 Stunden
der Übergangsregierung kein Parteimitglied mehr. Auf den Vorwurf,
die KAS unterstütze ein Putschpartei, antwortete Lingenthal: Die KAS
unterstützt keine Putschpartei. Die KAS lehnt militärische
Interventionen und Gewalt als Mittel der Politik eindeutig ab, egal von welcher
Seite.
Aber Lingenthals Behauptung widerspricht niemand
Geringeres als sein Parteifreund Hedrich.
Der CDU-Bundestagsabgeordnete sagte der Washington Times am
2. Mai 2004, nachdem er den völkerrechtswidrigen Krieg gegen den Irak
gerechtfertigt hatte, die USA sollten darüber nachdenken, jetzt den
Staatschef von Zimbabwe zu stürzen. Die Washington Times zitiert den
Deutschen weiter: Früher oder können sie mit Chavez [sic] nicht
weitermachen, so wie er sich benommen hat. Wenn die Frage sein sollte, es
früher oder später zu tun, dann tun Sie es früher. Später
wird die Überraschung geringer sein.
Aufgrund des schlechten Abscheidens der CDU bei der
vorgezogenen Neuwahl des Bundestages am 18. September 2005 erhielten weder
Hedrich noch Nolte ein Mandat für die 16. Legislaturperiode.
SPD contra Venezuela Anfang 2005 reiste der
Staatssekretär des Bundesministeriums für Wirtschaft und Arbeit,
Rudolf Anzinger, nach Caracas. Am 27. Januar empfing der deutsche Botschafter
in Caracas, Hermann Erath, den Gast aus Berlin zu einem knapp viertägigen
Besuch. Auf der Internetseite der Botschaft heißt es dazu: Der
Aufenthalt diente der weiteren Vertiefung der deutsch-venezolanischen
Wirtschaftsbeziehungen, die nach längerer Durststrecke wieder deutlichen
Aufschwung erleben. Inwieweit gerade Anzinger die Beziehungen zu dem
Kari-bik-Staat beleben konnte, ist ein großes Geheimnis, denn weder das
Außennoch das Wirtschaftsministerium haben über die Venezuela-Reise
des Staatssekretärs informiert. Vor seiner Ernennung 2002 war Anzinger
hauptsächlich mit Arbeitsrecht und sozialem Arbeitsschutz
beschäftigt.
Der Hauch des Geheimnisvollen umgab auch die
Lateinamerika-Reise des DGB-Vorsitzenden Michael Sommer, die im April 2005
ihren Anfang in Caracas nahm. Zwar hieß es in einer Pressemitteilung des
Gewerkschaftsbundes, Sommer habe politische Gespräche, aber es blieb
offen, mit wem. Offizielle venezolanische Stellen wussten nichts von dem
Besuch. GEHEIM erfuhr aus Gewerkschaftskreisen, die ungenannt bleiben
möchten, nähere Details über Sommers kurzen Zwischenstopp in
Caracas, von wo aus er nach wenigen Stunden gen Kolumbien weiterflog. Der
DGB-Chef traf keine Venezolaner, sondern nur Landsleute. Diese berichteten ihm,
dass Chávez der Wortführer der heimatlosen Linken in Amerika sei
und sich mit einem obskuren Beraterkreis umgeben habe. Zwar erkenne man seine
demokratische Legitimation an, aber trotzdem ist allenthalben die Rede vom
Regime Chávez. In seinem System gebe es neben dem Militär keinen
Platz für zivilgesellschaftliche Organisationen, heißt es weiter.
Die vor Ort tätigen Sozialdemokraten lehnen die neu gegründete
Gewerkschaft Unión Nacional de Trabajadores (UNT) ab, weil sie in ihr
lediglich eine Massenorganisation zur Loyalitätsbindung an das Regime
sehen. Diese Haltung übernehmen auch die DGB-Vertreter. Des weiteren
erfuhr GEHEIM, dass die FES ihr Engagement im zivilgesellschaftlichen Bereich
suchen wird, weil die traditionellen Parteien weder personell noch politisch in
der Lage seien, Alternativen aufzubauen.
Nach dem 11. Wahlsieg von Chávez in Folge
dürften die deutschen Koalitionspartner ebenso orientierungslos sein wie
ihre venezolanischen Partner. Diese sind nach ihrem Boykott der Wahlen vom 4.
Dezember 2005 nicht mehr im Parlament vertreten. Mit Blick auf die
Präsidentschaftswahl Ende 2006 ist zu befürchten, dass die Gegner der
bolivarianischen Revolution weiter daran arbeiten werden, Chávez die
demokratische Legitimation abzusprechen. Das wäre dann das Vorspiel zu
einer wie auch immer gearteten Intervention von außen. Nicht nur die
venezolanische Opposition ist beratungsresistent und uneinsichtig, sondern auch
ihre deutschen und US-amerikanischen Unterstützer.
*Erweiterte Fassung des gleichnamigen Vortrags von Ingo
Niebel bei der Veranstaltung von Venezuela Avanza München am 30. November
2005.
Der todbringende Condor El Cóndor
pasa ist eine vielgespielte Melodie in Deutschland. Aber der Name des
südamerikanischen Raubvogels hat auf seinem Heimatkontinent noch eine
dunkle Bedeutung: Operation Cóndor hieß jener von Washington aus
gesteuerte Geheimkrieg gegen den Kommunismus, der in den 70er
Jahren mehreren Tausend Menschen in Südamerika Tod, Folter und Verderben
brachte.
Die Journalistin Stella Calloni hat die Funktionsweise jenes
grenzübergreifenden Terrorregimes aufgearbeitet. Als Ausgangspunkt dienten
ihr die seit den 90er Jahren zugänglichen Akten der paraguayischen
Geheimpolizei. Sie bilden Grundstock ihres Buches Los años del
lobo (Jahres de Wolfes), das bereits 1999 erschien. Auch wenn seit dem
Erscheinen sechs Jahre vergangen sind, so hat Callonis Publikation ihren Wert
als Übersichtswerk und Einführung in den schmutzigen
Krieg der Geheimdienste südamerikanischer Staaten unter US-Anleitung
behalten. Flüssig auf Spanisch geschrieben, rekonstruiert
die Journalistin faktenreich und dank der Quellen- und Literaturnachweise auch
nachvollziehbar das System der Operation Cóndor. Neben den Fakten
lässt Calloni auch die Opfer zu Wort kommen. Ihnen stellt sie die
Täter gegenüber, die sie mit Namen, Rang und Dienststelle nennt. Dass
die US-Politik in ihrer Darstellung nicht gut wegkommt, liegt in der Natur der
Sache: Es war schließlich Washington, das zum Erreichen seiner
politischen Ziele u.a. um die politische wie ökonomische Kontrolle
über seinen Hinterhof zu wahren die Menschenrechte
kurzerhand außer Kraft setzte, indem es Folterer ausbildete, mit
Informationen über vermeintliche wie tatsächliche Gegner versorgte
und von der Leine ließ. Los años del lobo sind eine
Pflichtlektüre für alle, die Gründe für den von Europa aus
vielfach belächelten traditionellen Antiamerikanismus in
Lateinamerika erfahren wollen.
Calloni, Stella. Los años del lobo. Operación
Cóndor. Buenos Aires: Ediciones Continente, 1999. ISBN: 950-754-054-7
Septembertage Días de Septiembre
Ulli Simon ist Chilene deutscher Herkunft. 1952 erblickte er in dem
südamerikanischen Land das Licht der Welt. 22 Jahre später musste er
es auf dramatische Weise verlassen, nachdem die Putschisten seinen Vater brutal
gefoltert hatten. Das Buch ist zwar schon 1998 erschienen, aber es ist zum
einen ein besonderes Zeitdokument, das den deutschen Blick auf die Ereignisse
des Jahres 1973 konserviert hat. Septembertage Días de
Septiembre zeigt die Folgen der Operation Cóndor am Beispiel einer
deutschen Familie in Chile.
Der Autor verwebt seine Autobiographie mit der Geschichte
und Kultur des Landes. Die Schilderungen seiner Jugend ergänzt er mit
Darstellungen der politischen und sozialen Lage vor und unter Salvador Allende.
Die besondere Note erhält sein Werk durch drei wesentliche Eigenschaften:
erstens ist es auf Spanisch und Deutsch geschrieben
es besitzt also eine Brückenfunktion.Zweitens
beinhaltet es eine Musik-CD mit 17 chilenischen Lieder aus den 70er Jahren,
gesungen vom Autor. Hinzu kommen zwei Originalaufnahmen von Salvador Allende.
In der ersten spricht er vor der UNO 1972. Die zweite ist seine letzte Rede am
11. September 1973, dem Tag des Putsches. Die Transkription und
Übersetzung befinden sich ebenfalls im Buch. Neben diesem musikalischen
wie Höraspekt gesellt sich die dritte Eigenschaft, die dokumentarische.
Sie zeigt neben dem Leben der Familie Simon in Chile die Schrecken der
Militärdiktatur. Das Werk beinhaltet die Aussage von Vater Simon, den die
Putschisten einen Monat lang auf einem Gefängnisschiff brutal folterten.
Ohne das Engagement der Familie und ihrer wenigen mutigen deutschen wie
chilenischen Freunde hätte Ulli Simon seinen Vater wohl niemals
wiedergesehen. So schonungslos, wie das Opfer seine Pein detailliert
beschreibt, so brutal ist die Erkenntnis, dass ihm weder der bundesdeutsche
Generalkonsul noch der Botschafter in Santiago geholfen hätten, wären
sie nicht dazu gezwungen worden. Werner Simon gehört zu den wenigen
Verschwundenen, die das Glück hatten, zurückkehren zu
können. Seine Leidenszeit macht deutlich, was es bedeutet, von einem
Geheimdienst entführt, gefoltert und in einem Geheimgefängnis im
Ausland festgehalten zu werden
und der eigene Staat kollaboriertdurch
Passivität. Ulli Simons Erinnerungen zeigen vor dem Hintergrund der
aktuellen Debatte in Deutschland über die Entführung von Deutschen
durch die CIA und den heimlichen Transport in versteckte Gefängnissen,
dass diese Verbrechen nichts Neues sind. Lediglich die Akteure, ihre
Helfershelfer und Opfer sind andere, aber nicht das Procedere.
Simon, Ulii. Septembertage Días de Septiembre.
Bremen: Atlantik, 1998. ISBN: 3-926529-90-3 ?20,00
Der Weg zum Folterer Was qualifiziert einen
Menschen, um andere zu foltern und zu ermorden? Diese Frage beantwortet
Fernando Almirón schonungslos und in aller Offenheit in
seinem (spanischen) Buch Campo Santo. Der Titel hat eine doppelte
Bedeutung. Zunächst ist er der spanische Begriff für
Friedhof, dann bezieht er sich auf das geheime Haftund
Folterzentrum, das das argentinische Heer zwischen 1976 und 1980 in der
Militäranlage Campo de Mayo betrieb. Wen die Greiftrupps der Armee dorthin
brachte, verschwand für immer.
Daher ist der Protagonist in Almiróns
Enthüllungen der Feldwebel
a.D. Víctor Armando Ibáñez, der
imCampo Santo Dienst tat. Der Journalist publizierte das erste
Geständnis des Folterers am 25. April 1995. 24 Stunden nach dem Erscheinen
bekannte der Befehlshaber der Armee im Fernsehen die Beteiligung der
Streitkräfte an der Repression, bat um Verzeihung und versprach, dass so
etwas niemals wieder geschähe. Auf über 300 Seiten beschreibt
Almirón detailliert, wie Ibáñez zum Folterer wurde und
welche Verbrechen er beginn. Dabei legt der Autor besonderen Wert darauf, die
Taten in den historischen wie politischen Kontext zu setzen. So wird deutlich,
an welcher Stelle und zu welcher Zeit der Ex-Sargento tätig war. Er ist
ein kleines, aber wichtiges Zahnrad gewesen, das mit vielen anderen dazu
beigetragen hat, dass die Mordmaschine namens Operation Cóndor
problemlos funktionierte. In Argentinien produzierte sie
schätzungsweise 30.000 Tote. 4000 von diesen Verschwundenen
durchliefen das Folterzentrum, in dem Ibáñez mit anderen
wütete. Freiwillig legte er vor dem Journalisten seine Lebensbeichte ab.
Das Buch zeigt einerseits die Psyche und das Funktionieren
eines Folterers, andererseits ist es ein Muss für das Verständnis
sowohl der argentinischen Gegenwartsgeschichte als auch der Operat |