Wie man
weiß, und wie ich an anderer Stelle bereits berichtet habe, stellt die
Quelle der Vogelgrippe-Infektion auf Rügen noch immer ein großes
Rätsel dar. Wie Ornithologen berichteten, ist die Vogelpopulation auf
Rügen im Winter im Grunde isoliert. Daher ist offen, wie und wo sich die
Schwäne infiziert haben könnten. "Unklar ist, wann und wie sich die
auf der Insel Rügen gefundenen Schwäne angesteckt haben. 'Dieses
aktuelle Phänomen ist nicht zu erklären, denn es hat offensichtlich
nichts mit dem Vogelzug zu tun', sagte der Leiter des Wilhelmshavener Instituts
für Vogelforschung, Franz Bairlein", berichtet das Handelsblatt. Daß
das Virus vielleicht schon länger da sein könnte, ist eine reine
Spekulation: Denn für Vogelforscher Bairlein ist es ein Rätsel,
"wieso möglicherweise schon länger vorhandene Viren nicht schon im
vergangenen Herbst entdeckt wurden", so das Handelsblatt. "Damals seien
tausende Vögel in Europa untersucht worden. 'Damals war H5N1 nicht
dabei, und jetzt ist es da. Dies ist ausgesprochen eigenartig'", wundert sich
der Mann. "Dafür haben wir kein Erklärungsszenario.
Mal sehen, ob wir eins finden.
Zunächst
mal: Eingeschleppt haben können die Schwäne das Virus auch nicht. Die
Sache ist nämlich die, daß kein Schwan aus irgendeinem
Vogelgrippe-Gebiet nach Rügen fliegt und dort verhungert. "So einen
kuriosen Einzelflieger gibt es nicht, schloß Bairlein einen
Zusammenhang mit Zugvögeln als Infektionsquelle laut Handelsblatt aus.
"Die in Deutschland verbreiteten Höckerschwäne seien als
Parkschwäne weitgehend sesshaft. 'Nur die Sing- und Zwergschwäne sind
arktische Zugvögel und überwintern hier.' In der Arktis sei das Virus
aber bislang nicht nachgewiesen."
Da ist guter
Rat teuer: war das Vogelgrippe-Virus nun schon vorher da oder nicht? Und wenn
ja, wo kam es nur her? Immer schön der Reihe nach.
Tatsächlich
ist nun erwiesen: das Vogelgrippe-Virus war wirklich schon vorher da. Und zwar
auf der Insel Riems.
Soso. Und wo
ist überhaupt die Insel Riems? Diese Frage ist gar nicht so leicht zu
beantworten. Selbst wenn Sie bei hotmaps.de die höchste Auflösung der
Ostseeküste einstellen, werden Sie die Insel Riems nicht finden. Und das
liegt nicht an hotmaps.de, sondern an Riems. Denn die Insel mißt nur etwa
1250 mal 300 Meter. Wenn Sie in der Nähe von Greifswald nach ihr suchen,
sehen Sie nordöstlich der Ortschaft Mesekenhagen nur einen unscheinbaren
Buckel, der in den Greifswalder Bodden hinausreicht, ein bedeutender Lebensraum
für Wasservögel, also auch Schwäne.
Keine
eingezeichnete Straße, kein Ortsname weist darauf hin, daß sich
hier die Insel Riems befindet. Diese Insel finden Sie erst, wenn Sie die
Webseite der Firma Riemser Arzneimittel durchsuchen. Die hat freundlicherweise
eine Anfahrtskizze ins Netz gestellt. Und nun sehen Sie, daß der Buckel
nordöstlich von Mesekenhagen gar kein Buckel ist, sondern daß er zum
Teil aus einer Insel besteht, nämlich Riems. Und diese Insel liegt eben
just an jenem Greifswalder Bodden, an dem auch die so plötzlich von der
Vogelgrippe heimgesuchte Insel Rügen liegt. Von Riems bis Rügen sind
es nur ein paar Kilometer.
Doch nachdem
Sie die Insel Riems, auf der das Vogelgrippe-Virus nachweislich bereits seit
längerer Zeit vorhanden ist, auf der Karte nun gefunden haben: Fahren Sie
nicht hin. Jedenfalls nicht unangemeldet. Denn Sie kommen nicht drauf. Die
Insel ist dem Vernehmen nach für die Öffentlichkeit gesperrt, genau
wie zu DDR-Zeiten. Damals hieß sie noch die "Seuchen-Insel".
Heute befindet sich auf Riems das Friedrich-Loeffler-Institut
für Tiergesundheit, kurz FLI. Jenes Friedrich-Loeffler-Institut, das sich
seit Wochen mit der Diagnose der Vogelgrippe von der benachbarten Insel
Rügen hervortut, liegt ausgerechnet nur wenige Kilometer von Rügen
entfernt, im südwestlichen Teil des Greifswalder Boddens. Zufälle
gibts hier.
Und nicht nur
Zufälle, sondern eben auch das Vogelgrippe-Virus: "Hinter den Riemser
Zäunen sind Erreger der Vogelgrippe, einschließlich des Subtyps
H5N1, bereits seit langem präsent", schrieb die netzeitung im Oktober
2005. Der NDR nannte Riems gar eine "Wahnsinnsinsel", weil hier in zahlreichen
Hochsicherheitslabors hochinfektiöse Tierkrankheiten erforscht werden, wie
zum Beispiel die Vogelgrippe. "Die hoch gesicherte Virusbank enthält rund
500 Virusstämme und -isolate von Rind, Schaf, Schwein oder Geflügel.
Erst vor kurzem hatten die Forscher für die Tests mit einem neuartigen
Marker-Impfstoff in den institutseigenen Hochsicherheitsställen
Hühner künstlich mit hoch pathogenen Vertretern des Erregers
infiziert", schrieb die netzeitung im Oktober 2005.
Soso.
Und genau
über die Köpfe dieser wackeren Forscher, "Über die Ostseeinsel
Riems, wo der Hauptsitz des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) hinter hohen
Zäunen und Sicherheitstoren beheimatet ist, ziehen derzeit Tausende von
Wildgänsen, Schwänen und Kleinvögeln", schrieb damals die
netzeitung. "Die seichten Boddengewässer zwischen den Touristeninseln
Rügen und Usedom sind ein Rastgebiet für die potenziellen
Einträger der Vogelgrippe."
Sollten diese
Vögel wirklich infiziert gewesen sein, trugen sie also quasi Eulen nach
Athen bzw. die Vogelgrippe in den Greifswalder Bodden und nach Rügen, denn
die war in der Gegend schon vorher da, und zwar in Riems. Die Vögel flogen
auf ihrem Weg in den Greifswalder Bodden und nach Rügen direkt über
die Labors von Riems, wo bereits das Vogelgrippe-Virus gedieh. Erstaunlich,
wie?
Noch
erstaunlicher ist, daß die ersten, in der zweiten Februarwoche 2006 mit
dem Verdacht auf Vogelgrippe tot auf Rügen gefundenen Schwäne zur
Untersuchung nur ein paar Kilometer weiter ausgerechnet in die Labors von Riems
transportiert wurden, wo die Vogelgrippe sozusagen schon auf sie wartete.
Prompt wurde tatsächlich das Virus bei ihnen festgestellt. Genaugenommen
können sich die Rügener und Boddener Schwäne das Virus also auf
zwei Wegen geholt haben: Bei ihrem Weg über die Virusküchen des
Friedrich-Loeffler-Instituts oder durch ihre Nachbarschaft zu denselben. Oder
erst in dem Moment, in dem sie tot dort angeliefert wurden.
Kein Mensch
hätte sich wohl träumen lassen, daß die Vogelgrippe so bald in
Deutschland ausbrechen würde, und dann auch noch bei den
Höckerschwänen. Kein Mensch - bis auf die Forscher des
Friedrich-Loeffler-Instituts. Die warnten nämlich schon seit Wochen vor
einem Ausbruch der Vogelgrippe in Deutschland und empfahlen die "Aufstallung"
von Geflügel ab 1. März 2006. Nur: wer hätte gedacht, daß
die Seuche ausgerechnet in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft ausbrechen
würde?
Hier ein
Auszug aus einem kleinen Vogelgrippe-Tagebuch der Riemser Vogelgrippe-Forscher,
zusammengestellt aus den Pressemitteilungen des Friedrich-Loeffler-Instituts
(lesen Sie unbedingt auch "Das Vogelgrippe-Tagebuch der 'Wahnsinnsinsel'" in
der Abteilung Dokumentation):
Insel Riems,
14. Februar 2006. Der Nachweis von hoch pathogenem H5N1 Geflügelpestvirus
in Nigeria und Italien veranlasste das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) zu
einer Neubewertung des Risikos der Einschleppung der Vogelgrippe nach
Deutschland. Für über die Südwest- und Zentralroute aus den
Brutgebieten im Frühjahr nach Norden ziehende Wildvögel stufte das
FLI die Einschätzung von gering auf
mäßig hoch. Weiterhin unklar bleibt die Situation in
Italien und Slowenien mit bestätigten Funden von hoch pathogenem H5N1
Virus und Verdachtsfällen. Eine Einschleppung des Virus durch
Wildvögel über kürzere Entfernung kann demnach aber ebenfalls
nicht mehr ausgeschlossen werden. Daher empfiehlt das FLI die Aufstallung des
heimischen Geflügels zum nächst möglichen Zeitpunkt.
In den
letzten Tagen meldeten einige europäische Länder, unter anderen
Bulgarien, Italien und Slowenien, Nachweise oder Verdachtsfälle des
Geflügelpestvirus H5N1 bei Wildvögeln, vor allem bei
Höckerschwänen. (...) Ein Eintrag durch andere Wasservögel kann
ebenso wenig ausgeschlossen werden wie eine Migration der Schwäne aus den
Ausbruchsgebieten in Kroatien und dem Donaudelta. 'Offenbar scheinen
Schwäne aber besonders empfindlich für das Virus zu sein und
können als Indikatortiere angesehen werden', so Mettenleiter.
Höckerschwäne sollten daher während des Wildvogel-Monitorings im
Frühjahr verstärkt beobachtet und vor allem kranke oder tot
aufgefundene Tiere in jedem Fall auf Infektionen mit Influenzaviren untersucht
werden.
Jetzt wollen
Sie sicher noch wissen, wie das Friedrich-Loeffler-Institut eigentlich
ausgerechnet auf die einsame und kleine Insel Riems kam. Nein? Ich erzähls
Ihnen trotzdem: Der Gründer Friedrich Loeffler zog 1910 aus
Sicherheitsgründen mit seinen Leuten hierher - und zwar nachdem er eine
ganze Region bei Greifswald mit der Maul- und Klauenseuche infiziert hatte.