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21.1.2006 PHI Info von:   PHI
Folter und von der Verlogenheit deutscher Politik

Protokoll einer Fernsehsendung der Sendereihe „KONTRASTE“ Einleitung des Moderators:
Aufgehängt: an den nach hinten gefesselten Händen. Elektroschock, Schläge, die Drohung, die nächsten Familienangehörigen zu finden und auch noch zu foltern. Das gehört dazu. In einem Gefängnis, zum Beispiel im Libanon. Das gehört zu den hässlichen Methoden, mit denen die CIA arbeitet: Verdächtige in einem Land ausquetschen lassen, in dem Folter üblich ist. Aber auch Deutschland hat seinen Folterskandal: Und dieser Mann ist der Kronzeuge: ein Kriminaloberkommissar des BKA. Anja Dehne und Steffen Mayer zeigen, wie unser Rechtsstaat von Foltergeständnissen profitieren wollte.

TV-Sprecher: Er war ein erfolgreicher Ermittler im Kampf gegen den Terror. Die Geschichte, die er zu erzählen hat, ist skandalös. Sie handelt von Folter und von der Verlogenheit deutscher Politik. Ralph Trede ist Mitarbeiter des Bundeskriminalamtes. Er hat Terrorverdächtige aus Deutschland bis in den Libanon verfolgt. Heute klagt er an.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Die politische Führung und die entsprechenden Behördenleiter haben gezielt weggeschaut, als unten im Libanon die Drecksarbeit gemacht wurde, und die Erkenntnisse aus Foltervernehmungen in deutschen Verfahren verwendet wurden.“

TV-Sprecher: Bundeskriminalamt, Abteilung Staatsschutz in Meckenheim. Hier hat Ralph Trede gearbeitet. Jetzt will er reden. Die Geschichte beginnt im Sommer 2002. Damals ist er gerade von einem Einsatz in Kolumbien zurück. Jetzt soll er für den Staatsschutz in Deutschland gegen islamistische Terroristen ermitteln.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Es ging ganz klar um islamistischen Terrorismus, es ging ganz klar um eine Anschlagssituation in Deutschland und es ging ganz klar um eine Anschlagssituation auf Gebäude im Rhein-Main-Gebiet, Frankfurt.“

TV-Sprecher: Frankfurt am Main, knapp ein Jahr nach dem 11. September. Terrorfahnder hören Telefonate ab. Sie befürchten: Im Bankenviertel steht ein Bombenanschlag unmittelbar bevor. Das Horrorszenario: Terroristen könnten ein Hochhaus in die Luft sprengen. Der Druck auf die Ermittler ist enorm. September 2002. Im Visier der Fahnder: ein libanesischer Autohändler aus München. Deutsche Polizisten verfolgen ihn durch ganz Europa, im Auftrag des Generalbundesanwaltes. Angeblich ist er Mitglied einer Terrorzelle. Die Verfolgung führt bis in den Libanon. Beirut. Hier soll der Verdächtige aus München angeblich ranghohe Al-Kaida Mitglieder treffen. Deutsche Polizeibeamte fliegen ein, darunter Ralph Trede. Er soll den BKA-Mann unterstützen, der ohnehin ständig im Libanon arbeitet. Sie kooperieren eng mit dem libanesischen, militärischen Geheimdienst. Die Küstenstraße von Beirut. Ein BKA-Mann gibt das Signal: Der Verdächtige wird mit seinen Begleitern festgenommen. Sie landen im Verteidigungsministerium, in den berüchtigten Verhörzellen des Militärgeheimdienstes. Schon bald kommt Ralph Trede ein schlimmer Verdacht.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Für mich waren schon konkrete Anzeichen dafür, dass dort mit harter Hand vorgegangen wurde, oder auch schon Folter im Spiel war, durch die schnellen Vernehmungsergebnisse, die Einlieferung eines des Gefangenen ins Krankenhaus, um ihn wieder vernehmungsfit zu machen, dann wurden wir nie zu den Gefangenen zugelassen, das heißt, wir durften sie nie sehen, bekamen nie Lichtbilder.“

TV-Sprecher: Aber Ralph Trede und seine Vorgesetzen sprechen darüber. Wie die Gefangenen im Libanon behandelt werden ist damals Thema. Der Kontaktmann zum libanesischen Geheimdienst namens „Joseph“ schildert die Methoden sehr genau.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Joseph äußerte ganz klar, dass Folter alltäglich ist, das wäre ein gebräuchliches Mittel, um die Festgenommenen auch reden zu lassen. Er sprach von einer Methode, den Festgenommenen Strom an die Hoden zu geben, dann würde das auch wesentlich effektiver sein.“

TV-Sprecher: Mit grausamen Folterungen hatten BKA-Beamte offenbar von vornherein gerechnet. Sie legen schon vor der Verhaftung fest: Die Informationen aus den Verhören werden nur mündlich übermittelt! Es soll nichts Schriftliches geben, keine Hinweise auf die Verhörmethoden, keine Spuren. Möglicher Grund: Informationen aus diesen Verhören dürfen in Deutschland nicht verwendet werden. Die Anweisung, nichts schriftlich festzuhalten, wird sogar in einem internen Diensttagebuch festgehalten. Dort heißt es:

Seite A16 Dokumentenanhang 21.1.2006-
Fortsetzung von Seite A15
Zitat:

„Die Erkenntnisse des Militärischen Nachrichtendienstes sollen vorerst als ‚nonpaper’ in das Ermittlungsverfahren des Generalbundesanwaltes einfließen.“

Ralph Trede ist fast zwei Monate in Beirut. In dieser Zeit ist es seine Aufgabe, den Kontakt zum Militärgeheimdienst zu halten. Aus dem Bundeskriminalamt in Deutschland kommen kontinuierlich Fragen – über Wochen. Sie sind für die Verhöre der Terrorverdächtigen bestimmt. Ralph Trede stellt in Beirut immer neue Fragen auf Listen zusammen. Sie werden ins Arabische übersetzt. KONTRASTE liegen Originale der Fragelisten vor. Sie belegen, es geht um deutsche Ermittlungen. Schon nach einem Monat gibt es über 50 davon. Fragelisten aus Deutschland, die dem militärischen Geheimdienst des Libanons übergeben werden.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Im Nachhinein betrachtet, ist es eine Riesenschweinerei. Da werden durch deutsche BKA-Beamte Fragen erstellt, durch mich diese Fragen entsprechend dem Verbindungsoffizier weitergegeben und diese dann durch Folter oder mittels Foltermaßnahmen dann zu einem Ergebnis gebracht und uns wieder zurück übergeben.“

TV-Sprecher: Foltergeständnisse für deutsche Verfahren. Anfang Dezember 2002 werden die Misshandlungen sogar aktenkundig. Beamte vom Staatsschutz dürfen jetzt selbst die Gefangenen in Beirut offiziell verhören. Ein Gefangener traut sich gegenüber den deutschen Beamten, seine Misshandlungen zu Protokoll zu geben. Das bestätigt das Bundeskriminalamt sogar schriftlich gegenüber KONTRASTE. Es heißt. Ein Gefangener hat ausgesagt, er sei unter Druck gesetzt und mit Gewalt zur Unterschrift gezwungen worden. Diese Aussage aus Beirut Zitat:

„...wurde vom BKA noch im Dezember 2002 an den Generalbundesanwalt ... übermittelt.“

Ein Interview vor der Kamera lehnt der Präsident des Bundeskriminalamtes, Jörg Ziercke, ab. Wir hätten ihn gerne gefragt, nach der Kooperation des BKA mit den libanesischen Folterern. Zuständig sei der Generalbundesanwalt, heißt es. Auch ihn hätten wir gerne gefragt: Hat er sich für die Folteropfer eingesetzt? Hat er Ermittlungen gegen die Täter angeregt? Und vor allem: Für welche Verfahren in Deutschland sind die Folteraussagen verwendet worden? Keine Antwort – Auch Generalbundesanwalt Kai Nehm verweigert ein Interview. Das Folteropfer, der Autohändler aus München ist heute ein freier Mann. Zur Zeit ist er hier im Libanon. Aus dem Gefängnis ist er längst entlassen. Zu lediglich eineinhalb Jahren verurteilte ihn ein libanesisches Militärgericht- wegen „Untergrabung der Staatsautorität“. Für seine angeblichen Terroraktivitäten gab es keine wirklichen Beweise. KONTRASTE findet den Mann im Libanon. Wir wollen mit ihm reden, aber er willigt nur in ein Telefonat mit einem Dolmetscher ein. Er hat Angst, will auf keinen Fall erkannt werden. Über Details kann er nicht reden, er fürchtet Repressionen im Libanon. Nur soviel: Ja, er ist gefoltert worden, sagt er, und es war als habe man ihn lebendig begraben. Gegen Ralph Trede wird kurz nach seiner Rückkehr aus dem Libanon ein Disziplinarverfahren eröffnet. Es geht um Kleinigkeiten, angebliche Privatgespräche mit dem Diensthandy aus dem Libanon. Die Karriere des erfolgreichen Fahnders nimmt ein jähes Ende. Das Verfahren hat ihn krank gemacht, er fühlt sich gemobbt und ausgebremst. Das BKA zeigt Trede wegen Betruges an. Drei Mal wollte der Staatsanwalt das Verfahren schon einstellen. Doch BKA-Präsident Ziercke selbst intervenierte. Ihm hatte Trede den Folterverdacht in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Ich habe den Verdacht, dass Präsident Ziercke dies so unternimmt, um hier im Bereich meiner Glaubwürdigkeit mich zu torpedieren oder sogar komplett unglaubwürdig zu machen, um in der Sache ‚Folter’ mich als Zeugen zu neutralisieren.“

TV-Sprecher: Ralph Trede informiert den damaligen Innenminister Otto Schily über die Folter. Keine Reaktion. Er sucht Hilfe bei Justizministerin Brigitte Zypries, vergeblich. Er verfasst eine Petition an den Deutschen Bundestag, die geht auch an viele Bundespolitiker – Unterstützung gibt es keine – bis heute nicht. Ralph Trede verfolgt die Debatte über Folterflüge der CIA vergangene Woche im Bundestag. Die Empörung über die Amerikaner– für ihn ist das scheinheilig.

Ralph Trede, Kriminaloberkommissar im BKA

„Man muss es als verlogene Doppelmoral bezeichnen, wir, die heute die Amerikaner kritisieren, und es vor drei Jahren selbst gemacht haben.“

TV-Sprecher: Und wie haben wir uns doch als die moralischen Sieger über die Amerikaner gefühlt. Was wurde und wird uns eigentlich noch alles verheimlicht? Wird immer noch irgendwo auf der Welt für deutsche Ermittler gefoltert? Und auf diese Antwort möchten wir nicht noch einmal drei Jahre warten.



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